Ausgabe November / Dezember 2022 | Natur & Umwelt

Das große Krabbeln

Im Hitzejahr 2022 hat sich der Borkenkäfer in einem bisher nicht gekannten Ausmaß vermehrt. Eine tödliche Gefahr für Fichten­wälder. Forstwissenschaftler Fritz Maier hat das Phänomen über Jahrzehnte beobachtet. Er gibt die Hoffnung dennoch nicht auf.

Text + Fotos: Sabine Raithel
Ein Blick unter die Rinde zeigt das charakteristische Brutbild des Borkenkäfers. Der intensive Fraß unterbricht den Saftstrom des ­Baumes. Er stirbt ab.
Ein Blick unter die Rinde zeigt das charakteristische Brutbild des Borkenkäfers. Der intensive Fraß unterbricht den Saftstrom des ­Baumes. Er stirbt ab.

Er frißt sich durch den Frankenwald und ist der Grund dafür, warum man in der Region mehr und mehr braune Fichten oder abgeholzte, kahle Waldflächen entdeckt: ein nur fünf Millimeter großer, brauner Käfer. Der Fiesling stammt aus der Familie der Rüsselkäfer, trägt den harmlosen Namen „Buchdrucker“ (lat. Ips typographus) und ist die im Frankenwald häufigste Borkenkäferart. Wie viele andere hitzeliebende Insekten – dazu zählen auch einige Wespenarten, die Gottesanbeterin oder die Schmetterlingsart „Admiral“ – ist er ein Profiteur des Klimawandels. Die damit verbundene anhaltende Hitze und die Trockenheit sorgen dafür, daß sich der Käfer massenhaft vermehrt. Eine tödliche Gefahr für die Fichte.

Der diplomierte Forstwissenschaftler Fritz Maier, 65, hat die Entwicklung des Schädlings über Jahrzehnte kritisch beobachtet. Nach Stationen bei der Oberforstdirektion in München und beim Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, kam er 1989 nach Oberfranken und war in der Bayerischen Staatsforstverwaltung in Stadtsteinach und Bad Steben sowie in der Forstdirektion Bayreuth tätig. 2005 wurde ihm die Leitung der Bayerischen Staatsforsten, Forstbetrieb Nordhalben, übertragen. Ein veritables Forstunternehmen mit einer Fläche von 16 300 Hektar über vier Landkreise (Kronach, Kulmbach, Hof und Bayreuth), das im Durchschnitt jährlich zehn Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. 50 Mitarbeiter zählen zum Betrieb, davon neun Forstingenieure und ca. 30 Waldarbeiter. Gemeinsam hegen und pflegen sie das Ökosystem Wald, ernten und verkaufen Holz und tragen mit vorausschauenden, nachhaltigen Konzepten dafür Sorge, daß auch künftige Generationen noch in den Genuß der „grünen Lunge“ kommen.

Nicht immer braucht es den Blick unter die Rinde. Antonius Haane erkennt Borkenkäferbefall bereits am typischen Geruch.
Nicht immer braucht es den Blick unter die Rinde. Antonius Haane erkennt Borkenkäferbefall bereits am typischen Geruch.

Eine brutale Entwicklung

Fritz Maier hat die Auswirkungen der Orkane Wiebke und Vivian in den 1990er Jahren auf den Frankenwald ebenso erlebt wie die Folgen des Orkans Kyrill im Jahr 2007. „Das waren seinerzeit einmalige Ereignisse, die einen Riesenschaden verursacht haben – aber davon hat sich der Frankenwald wieder erholt“, so der Forstwissenschaftler. „Das ist jetzt komplizierter. Schon in den Trockenjahren 1976 und 2003 konnten wir einen Anstieg der Borkenkäferpopulationen beobachten. Doch die Hitze und die Trockenheit nehmen kontinuierlich zu. Den Trockenjahren 2018, 2019 und 2020 folgte ein klimatisch nahezu normales 2021. 2022 war ein extremes Hitzejahr – der Borkenkäfer vermehrt sich unter diesen für ihn idealen Bedingungen exponentiell.“

Fritz Maier belegt das mit Zahlen: In den Jahren 2019 und 2020 mußte sein Betrieb 90 000 Festmeter Holz schlagen, das dem Buchdrucker zum Opfer gefallen war – in etwa die gleiche Menge, die der Betrieb üblicherweise gezielt fällt. Im moderaten Jahr 2021 verzeichneten die Forstwirte einen etwa halb so großen Verlust durch den Schädling. 2022 sieht die Situation dramatisch anders aus: Alleine in den Monaten Juli, August und September liegt die Menge der vom Borkenkäfer tödlich ruinierten Bäume bei gut 80 000 Festmetern. „Eine brutale Entwicklung“, resümiert Fritz Maier.

Der Käfer besiedelt ausschließlich Fichten. Ihr Anteil liegt im Forstbetrieb Nordhalben bei 58 Prozent; im gesamten Frankenwald jedoch noch bei über 90 Prozent. Das hat seinen Grund. Denn über Generationen wurde der einstige Tannen-Buchenwald um- und Fichten-Monokulturen angebaut. Der schnell wachsende Baum war über Jahrhunderte eine wesentliche Einnahmequelle. Als Säge- und Brennholz wurde er noch bis ins 20. Jahrhundert mit Floßen vom Frankenwald bis in die Niederlande exportiert. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten Fichten aus dem Frankenwald dafür, daß die Menschen im Raum Nürnberg nicht erfroren. Doch mittlerweile ist aus dem einstigen Brotbaum ein Notbaum geworden. Normalerweise kann eine vitale Fichte die Käfer abwehren. Das Bohrloch wird durch Harztropfen eingekapselt. „Aber wenn es zu trocken wird, hat der Baum kein Wasser und kann entsprechend kein Harz mehr produzieren“, erläutert Antonius Haane. Der 28jährige Forstwissenschaftler ist seit Juni dieses Jahres stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Nordhalben.

Borkenkäfer Ips typographus
Borkenkäfer Ips typographus

Explosionsartige Ausbreitung

Die Entwicklung einer neuen Borkenkäfer-Generation dauert ca. sieben bis zwölf Wochen. Pioniermännchen werden von Duftstoffen der Bäume und von Lockstoffen (Pheromonen) der Artgenossen angelockt. Nach dem Einbohren in die Rinde findet die Paarung statt. Anschließend legen die Weibchen entlang eines Mutterganges ihre Eier ab. Jeder Muttergang kann bis zu 30 Zentimeter lang werden und 20 bis 80 Eier enthalten. In aller Regel legen die Elterntiere nach der ersten Brut „Geschwisterbruten“ an neuen Orten ab. Der nachfolgende Larvenfraß führt zusammen mit den Muttergängen zu dem charakteristischen Brutbild, das mit etwas Phantasie an ein aufgeschlagenes Buch erinnert – und dem fiesen Nager zu seinem trügerisch niedlichen Namen verholfen hat. 

Nach der Verpuppung bleiben die Jungkäfer für ihren Reifungsfraß noch eine Weile unter der Rinde, bevor sie ausfliegen und neue Brutmöglichkeiten suchen. Der intensive Fraß der Larven und Jungkäfer unter der Rinde unterbricht den Saftstrom im Baum. Dadurch sterben die befallenen Bäume schnell ab. Bevorzugt befallen werden in dieser Phase Fichten im Alter zwischen 70 und 150 Jahren. Die Forstwirte müssen innerhalb eines kleinen Zeitfensters von ca. vier Wochen reagieren und die betroffenen Bäume aus dem Wald entfernen – bevor sich die Käfer z. B. zum Überwintern in die Erde bohren oder davonfliegen und sich weiter verbreiten können.

Ein Weibchen produziert über mehrere Generationen bis zu 200 000 Nachfahren pro Jahr. Dies führt zu einer explosionsartigen Ausbreitung. „Wenn unsere Mitarbeiter an so einem Holzpolder arbeiten, dann kann es passieren, daß die Käfer geradezu auf sie niederprasseln“, berichtet Fritz Maier. „Bislang haben wir pro Jahr ein bis zwei Generationen von Buchdruckern registriert. Wir gehen aber davon aus, daß in diesem Jahr bereits die dritte Generation angelegt ist“, so Fritz Maier. „Übrigens, auch weil die Käfer die Hitze lieben – Kälte macht ihnen auch wenig aus.“ Und natürliche Feinde? „So viele hungrige Spechte gibt es nicht, um den Wald vor dem Borkenkäfer zu schützen.“

Die Jungkäfer bleiben zum Reifungsfraß noch eine Zeit unter der Rinde, bis sie ausfliegen und sich weiter verbreiten.

Die Jungkäfer bleiben zum Reifungsfraß noch eine Zeit unter der Rinde, bis sie ausfliegen und sich weiter verbreiten.

Die Vier-Baum-Strategie

Was also tun, gegen die tödliche Plage? Fritz Maier und Antonius Haane sind sich einig, daß der einzige Hebel gegen den Schädling eine „saubere Waldwirtschaft“ ist. Was das heißt? Befallene Bäume müssen möglichst frühzeitig erkannt werden. „Kollegen aus ganz Bayern kommen zu uns und laufen den Wald ab. Manch erfahrener Waldarbeiter kann befallene Bäume schon am Geruch erkennen.“ In manchen Regionen bewährt haben sich auch speziell ausgebildete Hunde, die den Befall mit ihrem feinen Geruchssinn aufspüren. Doch der Kampf gegen den Käfer gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Die nachhaltige Lösung liegt im Waldumbau. Bereits seit gut 50 Jahren, seit dem großen „Waldsterben“ in den 1980er Jahren, haben die Forstbetriebe begonnen, diesen Umbau weg von der Monokultur mit dem schnell wachsenden „Brotbaum“ Fichte hin zu einem gemischten Dauerwald strategisch umzusetzen. Fritz Maier hat diesen Umbau in seinem Forstbetrieb über Jahrzehnte entscheidend vorangetrieben. Die Erfolge werden bei einem Waldspaziergang sichtbar. Dort, wo der Umbau Wurzeln getrieben hat, sieht man lebendige und üppige Mischwaldflächen, ein gesundes Öko-System. Antonius Haane dazu: „Wir verfolgen im Frankenwald die sogenannte ‚Vier-Baum-Strategie‘. D. h. daß auf einer Fläche mindestens vier verschiedene Baumarten angesiedelt werden. Je nach Standort können dies beispielsweise Buchen, Tannen, Eichen und Douglasien sein. Im Idealfall findet man dann auf einer Fläche nicht nur unterschiedliche Baumarten, sondern auch Bäume unterschiedlichen Alters. Diese Mischung macht den Wald widerstandsfähig.“ Fritz Maier ergänzt: „Was man nicht außer acht lassen sollte: Bäume reagieren sensibel auf sich verändernde Situationen. Ich gehe davon aus, daß die Fichte in einer Art evolutionärem Prozeß lernt, sich an das Klima anzupassen.“

Maier: „Wir sollten die Hoffnung keinesfalls aufgeben. Noch können wir einiges gegen den Klimawandel und auch gegen den Borkenkäfer tun. Wichtig ist, daß überall da, wo jetzt kahle Flächen sind, möglichst schnell wieder Wald entsteht.“ Fritz Maier geht jetzt in Ruhestand. Wie im Wald setzt er auch in den Bayerischen Staatsforsten auf Verjüngung. Der Wald ist eine Generationenaufgabe.

So sieht gesunder Mischwald aus: Forstwissenschaftler Fritz Maier in einer erfolgreich umgebauten Fläche im Frankenwald
So sieht gesunder Mischwald aus: Forstwissenschaftler Fritz Maier in einer erfolgreich umgebauten Fläche im Frankenwald

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