Ausgabe März / April 2021 | Geschichte(n)

Amazonen auf Rennmaschinen

Nürnberg und das Radfahren – im Laufe der Jahre eine ­ Geschichte mit vielen Facetten. Hier besonders zu erwähnen: der Profi-Radsport sollte sich vor Ort zu Beginn unseres ­Jahrhunderts zur Weltelite aufschwingen. Mit der Damen-Equipe Nürnberger Versicherung. Leider aber fand dieser Höhenflug nach rund siebzehn Jahren ein jähes, unverschuldetes Ende.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann

In den letzten Jahrzehnten des ­19. Jahrhunderts hatte der sprichwörtliche „Nürnberger Witz“, der hiesige Erfindungsreichtum der metallverarbeitenden Handwerker, ein neues Betätigungsfeld gefunden. Man tüftelte nun nicht mehr an Produkten wie der „Eisernen Hand“ jenes Haudegens aus Berlichingen. Auch die Mechanik von Taschenuhren war nicht länger Thema. Mobilität war angesagt. Eisenbahnen und bald Automobile sollten die Fortbewegung des biologischen Zweibeiners revolutionieren. Und Fahrräder! In Nürnberg baute man diese bald in höchster Perfektion, wenn auch zunächst noch drei- oder hochrädrig. Mit den Firmen Mars, Victoria, Triumph und ­Hercules sollte die Stadt an der Pegnitz zum Zentrum der Fahrradindustrie schlechthin werden. Daß damit direkt vor der Tür auch der Radsport einen Aufschwung erleben sollte, war eigentlich zu erwarten. So eröffnete der Nürnberger Velociped-Club (gegründet 1881) schon bald eine erste Radrennbahn in der Fürther Straße. Damit war die Jagd nach top speed – bald allerdings nurmehr auf zwei Rädern – eröffnet.

Weltmeisterin Regina Schleicher
Regina Schleicher (Equipe) im Zielsprint gegen Ina-Yoko Teutenberg vom deutschen Team Telekom beim Weltcup­rennen in Nürnberg 2007

Die Idee eines Frauenteams

Oenone Wood, Weltcup Gesamtsiegerin
Oenone Wood, Weltcup Gesamtsiegerin

In Nürnberg wie andernorts haben lange Zeit erstmal nur Männer mit ihren strammen Waden wettkampfmäßig in die Pedale getreten. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis man auch dem sog. schwachen Geschlecht in diesem Sport Leistung zutraute. Jene Damen allerdings sollten sich zu wahren Amazonen des Radsports mausern. Wie in vielen großen Geschichten waren auch hier die Anfänge zunächst beinahe zufällig und eher bescheiden. Dreh- und Angelpunkt war dabei ein echtes Nürnberger Urgestein: Herbert Oppelt. Eigentlich war die große Leidenschaft des eingefleischten Glubberers immer der Fuß- und Faustball. Aber wieso dann das mit dem Radsport? Oppelt, auf den ersten Blick Modell gemütlicher Franke, ist alles andere als ein Freund von halben Sachen. „Entweder ganz oder gor net!“ ist sein Lebensmotto. Irgendwann ist Oppelts Sohn Alexander auf den RV (Radsportverein)-Tourenclub gestoßen. Und weil der „Vadde‘ schaua woll’d, was da Bou do so dreibd“, wurde der ziemlich schnell Vorstand des Vereins. Aber Oppelt wollte mehr. Zunächst wollte er sich auf eine Männer-Profi-Truppe konzentrieren. Die aber mit Zukäufen etc. zu „pflegen“, kostet richtig viel Geld. Zusammen mit Dieter Burkhardt, dem Marketingleiter des Fahrrad-Herstellers Hercules, und mit tatkräftiger Unterstützung durch Hans-Peter Schmidt, den Vorstandsvorsitzenden der Nürnberger Versicherung, wurde letztlich die Idee eines Frauenteams geboren. Ilse Lehner, die langjährige Frauenwartin des Bayerischen Radsportverbandes, sollte wenig später als Mitstreiterin hinzustoßen. So startete 1994 in Nürnberg eine bald schon recht erfolgreiche Bundesliga-Mannschaft, die Rennsportgemeinschaft TCN (Tourenclub Nürnberg). Aber da war doch noch mehr drin, oder? Eine echte Profi­truppe – das mußte doch machbar sein! Hans-Peter Schmidt war dafür Visionär genug, dem Sponsoring des Frauen-Radsports mehr Potential und somit mehr Benefit auch für das eigene Unternehmen zuzutrauen als der bislang unterstützten Männerriege. Außerdem waren die mit dem millionenschweren Engagement durch die Telekom zwischenzeitlich mehr als gut bedient.

Die Equipe Nürnberger-Versicherung

Zusammen mit dem Schweizer Joghurt-Hersteller Emmi, der 1996 hinzustieß, finanzierte man von nun an jene Amazonen des Radsports als Team Nürnberger-Emmi. Schon bald kam die amtierende Weltmeisterin Barbara Heeb aus der Schweiz zur Mannschaft. Zu ihrer ersten Pressekonferenz erschien die mit zwei Riesenrädern Appenzeller als Mitbringsel aus ihrer Heimat. Diese eher leider stinkende Käsespezialität, so Oppelt, wurde für alle Anwesenden im Laufe der Sitzung zur wachsenden olfaktorischen Zumutung. Somit wurde die Presse über alles äußerst kurz und bündig informiert – und dann nichts wie raus an die frische Luft.

Im Jahr 2000 verabschiedete man sich wieder von Emmi, denn von nun an übernahm die Nürnberger Versicherung das Leadersponsoring und die örtlichen Rad- Amazonen waren jetzt als Equipe Nürnberger Versicherung in ihrem Erfolg kaum mehr zu bremsen. Es begann ein wahrhaft kometenhafter Aufstieg: 2000/01 reichte es zwar erst zum 2. Platz der Deutschen Meisterschaft. 2002/03 dann  „Deutscher Meister“. 2004 wurde Judith Arndt in Verona Straßen-Weltmeisterin; 2005 Regina Schleicher in Madrid. Weitere Deutsche Meistertitel und Bundesliga-Siege folgten in Serie – die Equipe Nürnberger Versicherung radelte von Erfolg zu Erfolg. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen „nur“ die Silbermedaille; allerdings war es da Judith Arndt wichtiger, dem deutschen Radsportverband wegen einer seiner Entscheidungen kurz vor dem „goldenen Ziel“ den Stinkefinger zu zeigen. Aber der Siegeszug des Nürnberger Dream-Teams setzte sich fort: 2005 holte man den bis damals einzigen Weltcup-Gesamtsieg für die Equipe. Auch bei den Europa- und Weltmeisterschaften mischten die Nürnberger Rad-Amazonen immer kräftig mit. Zuvor, 1999, hatten die Damen als einziges deutsches Frauen-Profi-Team die Lizenz der UCI, der Union Cycliste Internationale, auf Deutsch: des Internationalen Radsportverbands, bekommen. 2005 sollte Regina Schleicher als Weltmeisterin sogar das Regenbogentrikot erkämpfen. Titel und Siege – so renommiert und zahlreich, wie die riesige Sammlung von Pokalen und Awards in den häuslichen Regalen der Familie Oppelt beweist.

Von links: Judith Arndt Weltmeisterin 2004, Mannschaftskapitänin Petra Roßner, Oenone Wood Weltcup-Gesamtsiegerin 2006 und Australische Meisterin, Jens Zemke Sportlicher Leiter, Trixi Worrack Deutsche Meisterin.
Von links: Judith Arndt Weltmeisterin 2004, Mannschaftskapitänin Petra Roßner, Oenone Wood Weltcup-Gesamtsiegerin 2006 und Australische Meisterin, Jens Zemke Sportlicher Leiter, Trixi Worrack Deutsche Meisterin.

Nicht nur eitel Sonnenschein

Was sich damals abspielte, war die schier un­glaubliche Erfolgsgeschichte der Nürnberger Profi-Radlerinnen. In nur wenigen Jahren hatte man es zur Weltelite geschafft. Unvergessen dabei die Namen von Barbara Heeb, Judith Arndt, Petra Roßner, Kerstin Scheitle, Oenone Wood, Regina Schleicher, eine der weltbesten Sprinterinnen, Trixi Worrack – um nur ­einige zu nennen.

Auch auf Herbert Oppelt und seinen Sohn Alexander, der zusammen mit seinem Vater das Erfolgs-Team aufgebaut hatte und für das operative Management zuständig war, sollte noch ein ganz persönlicher Erfolg warten. Ihre zähen Verhandlungen mit der UCI bescherten dem Nürnberger Altstadt-Rennen Weltcupstatus. Als einziges Weltcuprennen wurde es mit dem Award der besten Veranstaltung ausgezeichnet und brachte der Stadt Nürnberg damit eine internationale Ehrung.

Eigentlich hätte alles so weiter gehen können. Natürlich herrschte auch in den besten Zeiten des Dream-Teams nicht nur eitel Sonnenschein. Da war der sportliche Alltag, der den Damen tagtäglich mindestens sechs Stunden hartes Training abverlangte: von der „Mucki-Bude“ rauf auf den Sattel und das Ganze wieder von vorne. Tagein, tagaus. Winter wie Sommer. Bei Wind und Wetter. Von einem Trainingslager ins nächste.

Herbert Oppelt, Regina Schleicher, Straßen-Weltmeisterin 2005, Hans-Peter Schmidt
Herbert Oppelt, Regina Schleicher, Straßen-Weltmeisterin 2005, Hans-Peter Schmidt

Auch zwischendurch mal der eine oder andere Zickenkrieg. Herbert Oppelt, gerade tiefenentspannt beim Schafkopfen, erinnert sich an den Anruf des völlig entnervten und ratlosen Sportdirektors Jens Zemke, der das Damen-Team zum Weltcuprennen nach San Remo begleitet hatte. „Herbert, du mußt unbedingt nach Mailand kommen. Jetzt sofort! Es braucht dein Machtwort! Die Hütte brennt!“ Worum es eigentlich damals ging, das weiß Herbert Oppelt heute nicht mehr. „Frauen halt!“ Eins war aber klar, unmittelbar vor dem Rennen brauchte es wieder Ruhe im Team. Nur sich sofort ins Auto setzen, das ging beim besten Willen nicht. Mit zwa Seidla Bier im Bauch war an eine solche Fahrt überhaupt nicht zu denken. Was tun? Oppelt rief bei Pressemann Jochen König an, der gerade über einem Artikel brütete. „Den schreibst fertig, dann dringst an Kaffee und dann fahrst mich aff Mailand!“ 22 Uhr Abfahrt. Morgens um 4 Uhr Ankunft. Als alle Damen wach waren, das reinigende Donnerwetter. Die Teilnahme am Wettkampf war gerettet. „Deä san zwar mit aner Läddschen an Start ganga. Aber am End‘ ham se’s doch widde affs Dreppla g’schafft!“

Romy Kasper, Physio Natascha Hann, Madeleine Sandig Deutsche Meisterin, Trixi Worrack Deutsche Meisterin und Siegerin Rund um Nürnberg 2010, Herbert Oppelt
Romy Kasper, Physio Natascha Hann, Madeleine Sandig Deutsche Meisterin, Trixi Worrack Deutsche Meisterin und Siegerin Rund um Nürnberg 2010, Herbert Oppelt

Das Schicksalsjahr

2009 sollte zum Schicksalsjahr der Nürnberger Damen-Equipe werden. Es hatte sich schon angekündigt. Ein Doping-Skandal nach dem anderen – allerdings nur im Radsport der Männer – hatte den Ruf des Radrennsports zwischenzeitlich völlig ruiniert. Das unrühmliche Ende von Rennfahrer-Legende Jan Ullrich aus dem Team Telekom bereits 2007 war hierfür stellvertretend. Bei den Nürnberger Frauen wurde nie gedopt und dennoch standen sie von nun an mit unter Generalverdacht. Tägliche Testungen von zwei bis drei Frauen. Selbst Grenzübertritte auf den Fahrten zu den Wettkämpfen wurden zu logistischen Herausforderungen. So konnte Alexander Oppelt es gerade noch durch anwaltlichen Einspruch verhindern, daß der LKW der Nürnberger Equipe bei der Suche nach Amphetaminen und ähnlichem an der französischen Grenze nicht noch in alle Einzelteile zerlegt wurde.

Damit hätte man in Zukunft eben leben müssen. Daß sich aber die Nürnberger Versicherung als Familienversicherer das Sponsoring eines „Drogen-Sportes“ imagemäßig nicht mehr leisten konnte, sollte zum Todesstoß werden. Herbert Oppelt ahnte nichts Gutes, als ihn Hans-Peter Schmidt zum Mittagessen einlud und ihm schweren Herzens die zwingende Entscheidung seines Unternehmens mitteilte. Klar hatte die Nürnberger Damen-Equipe auch andere Geldgeber, die für ihr Firmenlogos auf den Trikots einen Obolus leisteten. Auch die Hightech-Rennmaschinen, von denen pro Jahr rund vier je Fahrerin verschlissen wurden, lieferte lange Zeit der Fahrradhersteller Hercules, später dann das amerikanische Unternehmen Fuji. Aber wovon sollte man in Zukunft all die Gehälter zahlen? Nicht nur die der Profi-Fahrerinnen, auch die der Mechaniker, der Physiotherapeuten …?

Heiße Luft

Eine fieberhafte Suche nach einem Ersatz für den Großsponsor sollte Vater und Sohn Oppelt durch halb Europa reisen lassen. Endlich! Mit dem Fürther Unternehmer Michael Lindemann, der mit seinem Vertrieb „Skyter“ für Luxusyachten zumindest so tat, als hätte er die nötige Moneypower, hoffte man an den richtigen geraten zu sein. Schicke repräsentative Geschäftsräume in der Fürther Hornschuchpromenade, dazu eine Dependance auf Mallorca. Allerdings smart und gegelt wie der Herr auftrat, war er Alexander Oppelt von Anfang an suspekt. Das Bauchgefühl sollte nicht trügen. Nichts als heiße Luft, ja, mehr sogar. Man war einem Betrüger aufgesessen. Als endlich nach viel Hin und Her der Vertrag im Nürnberger Hotel Maritim unterzeichnet werden sollte, stand auch die Mobile Einsatztruppe der Polizei observierend vor der Tür. Nur wenige Tage später wurde der Herr im feinen Zwirn in Handschellen aus dem Verkehr gezogen.

Das sollte das endgültige Aus für die so erfolgreiche Nürnberger Frauen-Equipe sein. Eine große Enttäuschung für alle. Zum Glück konnte man wenigstens einige der Top-Radfahrerinnen an andere Mannschaften vermitteln. Aber für Nürnberg sind jene Zeiten der Welterfolge wohl für immer tempi passati.

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