Ausgabe November / Dezember 2025 | Wissenschaft

Wie fränkische Zoologen helfen, die Tierwelt zu erhalten.

Moderne Tiergärten wie der Landschaftszoo in Nürnberg sind längst viel mehr als bunte Menagerien wilder Tiere zur exotischen Freizeitbelustigung.

Text: Nikolas Pelke

Zum Schutz und Erhalt bedrohter Tierarten beteiligen sich die fränkischen Zoologen vom Nürnberger Tiergarten auch als Wissenschaftler an der Rettung der Schöpfung. Dabei umfaßt das Engagement der Forscher vom Schmausenbuck mittlerweile fast den gesamten Planeten.

Dr. Lorenzo von Fersen, Kurator für Artenschutz und Forschung im Tiergarten Nürnberg.
Dr. Lorenzo von Fersen, Kurator für Artenschutz und Forschung im Tiergarten Nürnberg. Foto: Nicola Mögel/Tiergarten Nürnberg

Dr. Lorenzo von Fersen, Kurator für Forschung und Artenschutz, trägt mit seinen spektakulären Aktionen beispielsweise entscheidend dazu bei, die Zukunft der gefährdeten Franciscana-Delfine zu bewahren. Wenn neugeborene Exemplare dieser wahrscheinlich kleinsten Delfinart der Welt vor den Küsten Argentiniens, Brasiliens oder Uruguays hilflos zwischen Wellen und Dünen am Strand entdeckt werden, ist der bekannte Verhaltensbiologe mit seinem Fachwissen zur Koordinierung der Rettungsmaßnahmen häufig als einer der Ersten zur Stelle.

Schnelligkeit ist im Notfall das oberste Gebot. Junge Franciscana-Delfine (Pontoporia blainvillei) hätten in der Regel nur dann gute Überlebenschancen, wenn die ersten Hilfemaßnahmen in den ersten 72 Stunden nach der Strandung einsetzen. Der Kampf um das Überleben der bedrohten Mini-Flipper gleicht dem sprichwörtlichen Kampf gegen die Uhr. Von Fersen kann sich noch gut an die dramatische Aktion zur Rettung von „Bita“ erinnern. Das kleine Delfinweibchen war im letzten November an der sandigen Atlantikküste beim Badeort La Coronilla rund 300 Kilometer nördlich von Montevideo entdeckt worden. „Bita war erst wenige Tage alt und befand sich in einem kritischen Zustand.“ Von Fersen hatte mit seinen Mitstreitern vom 1992 in Nürnberg gegründeten Verein „Yaqu Pacha“ zur Rettung der lateinamerikanischen Wasserwelt für die aufwendige Hilfsaktion zahlreiche Fachleute und Freiwillige aus ganz Süd- und Nordamerika zusammengetrommelt. Bei der Behandlung hätte sich das Einsatzteam an die strengen Behandlungsprotokolle für gestrandete Franciscana-Delfine gehalten, die von Fersen in den letzten Jahren gemeinsam mit seinen Mitstreitern nach wissenschaftlichen Kriterien bereits entwickelt hatte. Die Hoffnungen seien groß gewesen, daß mit der jungen „Bita“ erstmals ein Franciscana-Delfin nach einer Strandung tatsächlich erfolgreich gerettet werden kann, erinnert sich von Fersen an die traurigen Stunden zurück, als die Meeressäugerin nach 40 Tagen den Kampf ums Überleben verlor.

Die Rettung des jungen Franciscana-Delfins Francisca zeigt, wie internationale Zusammenarbeit, Forschung und lokale Gemeinschaften im Artenschutz zusammenspielen. PACHA und der Tiergarten Nürnberg bündeln dabei Expertise und Netzwerke, um bedrohten Delfinen Überlebenschancen zu geben. Francisca wurde so zum Symbol für Verantwortung und Bewusstsein im Schutz der biologischen Vielfalt
Die Rettung des jungen Franciscana-Delfins Francisca zeigt, wie internationale Zusammenarbeit, Forschung
und lokale Gemeinschaften im Artenschutz zusammenspielen. PACHA und der Tiergarten Nürnberg bündeln dabei Expertise und Netzwerke, um bedrohten Delfinen Überlebenschancen zu geben. Francisca wurde so zum Symbol für Verantwortung und Bewusstsein im Schutz der biologischen Vielfalt. Foto: R3 Animal

Zweite Chance für exotische und heimische Tierarten

Ans Aufgeben denkt der 1957 in Argentinien geborene Delfinexperte vom Nürnberger Tiergarten nicht. „Wir sind sehr stolz auf das, was das Team erreicht hat. Von Bitas anfänglicher Rettung bis zu ihrer bemerkenswerten Rehabilitation war jeder Schritt ein Zeugnis der außerordentlichen Arbeit aller Beteiligten“, ist sich der Kurator für Forschung und Artenschutz im Nürnberger Tiergarten sicher. „Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir durch Bita gewonnen haben, werden wir für künftige Rehabilitationsmaßnahmen nutzen. Bita erinnert uns daran, daß wir uns weiter dafür einsetzen müssen, daß gestrandete Delfine und andere Meerestiere eine zweite Chance erhalten“, sagt von Fersen. Neben exotischen Tieren in fernen Ländern lassen die Forscher im Nürnberger Tiergarten auch die heimischen Arten nicht aus den Augen. Kürzlich hat sich der Zoo dazu entschlossen, der Einzigen in Bayern heimischen Giftschlange im Schatten des schwindelerregenden Klimawaldpfades ein neues Zuhause zu geben. Global gesehen sei die Kreuzotter (Vipera berus) zwar nicht bedroht. Regional gelte das an seinem markanten Zickzackmuster gut zu erkennende Reptil aber als sehr stark gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht. Da die kälteliebende Schlangenart als einzige auch jenseits des Polarkreises anzutreffen sei, zähle die Viper zu den Verliererinnen der Erderwärmung. „Amphibien und Reptilien sind vom Klimawandel besonders stark betroffen.

Wenn alles gut geht … wieder in die freie Natur entlassen werden

Neben den höheren Temperaturen machen ihnen vor allem Extremwetterereignisse wie lange Dürrperioden oder Überflutungen sowie der sinkende Grundwasserspiegel zu schaffen“, erklärt Diana Koch, die sich als Biologin um das Management des Tierbestandes im Nürnberger Tiergarten kümmert. Um auf die schwierige Lage heimischer Arten aufmerksam zu machen, sollen neben den Kreuzottern weitere Anlagen entstehen. „Derzeit entsteht ein weiteres Biotop unterhalb des Klimawaldpfads, in das Feuersalamander, Gelbbauchunken und Bergeidechsen einziehen sollen“, freut sich Koch auf die neuen Bewohner. Angesichts des anhaltenden Artensterbens und der nachhaltigen Bedrohung zahlreicher Lebensräume durch menschliche Aktivitäten gewinnen die sogenannten Reservepopulationen auch im Tiergarten Nürnberg rapide an Bedeutung. Wissenschaftlich geführte Zoos wie der in Nürnberg versuchen daher, eine zunehmende Anzahl bedrohter Arten zu halten und zu züchten. „Das Ziel besteht darin, gesunde und genetisch vielfältige Bestände in menschlicher Obhut zu bewahren, während die Bestände in der Natur wegen unterschiedlicher Bedrohungen Gefahr laufen, immer weiter zu schrumpfen oder gar ganz zu verschwinden“, bringt der Tiergarten den Hintergrund der Bemühungen auf den Punkt. Wenn alles gut geht, sollen die Tiere anschließend wieder in die freie Natur entlassen werden.

Die putzigen Erdhörnchen sind stark gefährdet

Bei den Zieseln (Spermophilus citellus) ist das jüngst hervorragend gelungen. Kurz vor den Sommerferien wurden sechs Männchen und vier Weibchen, die alle in Nürnberg geboren und aufgewachsen waren, gemeinsam mit vielen weiteren Zieseln aus europäischen Zoos in Tschechien ausgewildert. Ursprünglich war die Nagetierart in weiten Teilen Europas verbreitet – auch in Deutschland. Inzwischen kommen Ziesel nur noch in kleinen Gebieten Mittel- und Osteuropas vor. Die Weltnaturschutzunion stuft die putzigen Erdhörnchen als stark gefährdet ein. In Deutschland gelten die Ziesel sogar als ausgestorben.

Bei den Forschungsprojekten im Tiergarten geht es aber nicht „nur“ um konkrete Artenschutzmaßnahmen. Die Fachleute aus Franken betreiben auch Grundlagenforschung, um mit Hilfe eines vertieften Verständnisses der Lebensweisen und Fähigkeiten von Tieren langfristig noch wirksamere Schutzstrategien entwickeln zu können. Gemeinsam mit den Bewohnern der Delfinlagune konnte in Nürnberg kürzlich zum ersten Mal nachgewiesen werden, dass auch Große Tümmler über einen Elektrosinn verfügen. Diese neu entdeckte Fähigkeit, schwache elektrische Signale wahrzunehmen, könne eine Erklärung dafür liefern, warum Delfine und Zahnwale häufig in Gegenden mit Störungen im Erdmagnetfeld stranden. Außerdem haben die Forscher in Nürnberg herausgefunden, wie man das Stressniveau bei Vögeln durch die Analyse von entsprechenden Hormonen in den Federn zweifelsfrei herausfinden kann. Diese innovative Methode bietet nun die einzigartige Möglichkeit, einen neuen Einblick in die Stresserfahrung zu gewinnen und damit ein tiefergehendes Verständnis über das Wohlergehen mit dem Ziel einer umfassenden Bewertung der Auswirkungen von Umweltveränderungen auf das Wohlbefinden von Vögeln zu gewinnen.

Delfine spüren elektrische Felder im Wasser
Delfine spüren elektrische Felder im Wasser: Zu diesem zentralen Ergebnis ist Dr. Tim Hüttner, Biologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Verein der Tiergartenfreunde Nürnberg e.V., in seiner Doktorarbeit gekommen. Hüttner hat die sogenannte Elektrorezeption bei Großen Tümmlern mit insgesamt vier Delfinen aus Nürnberg erforscht. Der elektrische Sinn könnte ihnen nicht nur dabei helfen, ihre Beute im Sand aufzuspüren, sondern auch dabei, sich im Meer zurechtzufinden. Die Ergebnisse seiner langjährigen Studie, die er in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Guido Dehnhardt, Lehrstuhl für Sensorische und kognitive Ökologie an der Universität Rostock, durchgeführt hat, wurde in der Zeitschrift „Journal of Experimental Biology“ veröffentlicht und sorgt seither weltweit für Aufsehen. Foto: Dr. Tim Hüttner

Symbol für engagierten Artenschutz

Dr. Dag Encke, Direktor des Tiergarten Nürnberg.
Dr. Dag Encke, Direktor des Tiergarten Nürnberg. Foto: Thomas Hahn

Wie sehr die Nürnberger auf der Höhe der Zeit sind, beweist auch die Tatsache, daß Zoodirektor Dr. Dag Encke kürzlich zum Präsidenten des Verbandes der Zoologischen Gärten in Deutschland gewählt worden ist. Encke begreift den Tiergarten seit seinem Amtsantritt vor genau 20 Jahren als wissenschaftlichen Ort des gesellschaftlichen Austausches. Dabei geht der Leiter des Nürnberger Tiergartens auch kontroversen Themen nicht aus dem Weg. Zuletzt hatte Encke der aufgebrachten Zivilgesellschaft im ganzen Land erfolgreich verständlich gemacht, warum die Tötung von Pavianen im überfüllten Affengehege im Sinne des Artenschutzes als Ultima Ratio unumgänglich sein kann. Warum es lohnt zu kämpfen, haben auch die fränkischen Delfin-Retter kürzlich erlebt. Anfang des Jahres konnte tatsächlich ein stark geschwächtes Franciscana-Delfin-Kalb nach der Strandung gerettet werden. Ohne sofortige Hilfe hätte „Francisca“ keine Überlebenschance gehabt. Die kleine Delfin-Dame ist heute längst zur Botschafterin für ihre bedrohte Delfinart geworden und gilt als Symbol dafür, was engagierter Artenschutz des Tiergartens in aller Welt bewegen kann.

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