Neuanfang am Kaulberg
Still, ruhig, unverändert – so kann man das Leben der Karmeliten in Bamberg in den letzten Jahren keinesfalls beschreiben. Der Abschied vom alten Kloster, der Einzug in ein neues Zuhause und die gleichzeitige Sanierung der Klosterkirche haben die Gemeinschaft vor viele Veränderungen gestellt.
Text: Auri Tusa | Fotos: Privat

Ein leises Summen, dann öffnet sich die Glastür: Ich trete in die neuen Räumlichkeiten des Bamberger Karmelitenklosters. Helles Licht fällt in das moderne Besprechungszimmer – nicht unbedingt das Bild, das man sich von einem Kloster vorstellt, und schon gar nicht von einem Orden, der zu den ältesten in Bamberg gehört.
Hinter der traditionsreichen Klosterkirche auf dem Kaulberg liegt nun der neue Sitz der Karmelitenbrüder. Dort empfängt mich der neu gewählte Prior der Bamberger Gemeinschaft, P. Klaus Rudolf Schenkelberger O.Carm. Mit ruhiger Stimme erzählt er von den bewegten Jahren, die hinter den Brüdern liegen.


Turbulente Jahre
In diesem Jahr wurden die letzten Wohnungen im ehemaligen Klostergebäude fertiggestellt, das nun komplett zu Wohnraum umgebaut wurde. Damit ging für die Karmeliten eine Ära zu Ende: Seit 1589 war das Kloster auf dem Kaulberg ihre Heimat gewesen.
Die Entscheidung zum Verkauf wurde bereits 2017 im Provinzkapitel getroffen. Ausschlaggebend waren vor allem finanzielle Gründe und eine Anpassung an die heutigen Verhältnisse. Wo früher um die 40 Karmeliten lebten, zählt die Bamberger Gemeinschaft heute noch 14 Brüder. Für eine kleinere Gemeinschaft war das große, sanierungsbedürftige Gebäude schlicht nicht mehr tragbar. Stattdessen entschied man sich für einen Neubeginn: ein kleineres, modern renoviertes Klostergebäude in unmittelbarer Nähe zur Kirche, die nach der derzeit laufenden Sanierung weiterhin von den Karmeliten genutzt wird.
Die letzten Jahre bedeuteten für die Brüder viele Umzüge und Übergangslösungen, als der neue Standort vor ihrem Einzug noch aufwendig saniert wurde. Heute leben elf Karmeliten vor Ort; ein Mitbruder wirkt in Hallstadt, zwei hochbetagte Brüder haben im Seniorenheim ihren Platz gefunden. Mit insgesamt 14 Mitgliedern ist die Bamberger Gemeinschaft die größte in der Deutschen Provinz.
„Unsere Lebensweise geht weiter, nur angepaßt an moderne Lebensverhältnisse“, sagt der Prior. Doch etwas fehlt auch ihm: vor allem der Kreuzgang – ein Ort der Stille und Meditation, der einen Platz für Kontemplation selbst an regnerischen Tagen geboten hat.

Flexibel aus Tradition

Für die Karmeliten sind Standortwechsel nichts Ungewöhnliches. Ihre Zugehörigkeit gilt nicht einem einzelnen Kloster, sondern immer der ganzen Provinz. Das bedeutet: Brüder wechseln regelmäßig den Standort, übernehmen neue Aufgaben und fügen sich in neue Gemeinschaften ein. Auch Prior Klaus Rudolf kennt diese Dynamik: Erst seit drei Jahren lebt er in Bamberg, zuvor war er über 30 Jahre in Frankreich tätig. „Es ist gut, immer wieder mit etwas Neuem konfrontiert zu werden“, sagt er. Standortwechsel sind zwar innerhalb einer Provinz üblich, doch auch internationale Einsätze kommen vor.
Die Bamberger Gemeinschaft gehört zur Deutschen Provinz, die 2012 aus der Zusammenlegung der Ober- und Niederdeutschen Provinz entstanden ist. Der Sitz der Provinzleitung und Verwaltung liegt in Bamberg. Und so modern das neue Gebäude wirkt, so klar bleibt die Grundhaltung der Karmeliten: flexibel, offen für Veränderung, aber zugleich verwurzelt in einer jahrhundertealten Spiritualität.
Notkirche im Kartoffelkeller
Auch wenn das neue Kloster inzwischen bezogen ist, die Zeit der Bauarbeiten ist für die Bamberger Karmeliten noch nicht vorbei. Die Sanierung der Klosterkirche wird voraussichtlich erst Ende nächsten Jahres abgeschlossen sein. Die Außenarbeiten stehen kurz vor dem Abschluß, die Gerüste sollen bald verschwinden. Notwendig geworden war die Restaurierung durch statische Schäden: Risse im Mauerwerk und im Gewölbe hatten eine dringende Sicherung erfordert. Als Nächstes steht die Innenrenovierung an – Reinigungs- und Sanierungsarbeiten, die unter anderem durch die jahrzehntelange Beheizung notwendig wurden.
Ganz ohne Kirche bleiben die Brüder in dieser Zeit jedoch nicht: Am Karmelitenplatz, gleich gegenüber der Eingang der Klosterkirche, befindet sich die Notkirche. In dem Raum des ehemaligen Klosterladens – der früher auch als Kartoffelkeller gedient hat – feiern sie nun ihre Gottesdienste. Der niedrige, tonnengewölbte Raum mit warmem Licht und Ziegelwänden wirkt gemütlich und einladend. Für Gottesdienste ist es kein schlechter Ort, erzählt der Prior. Viele schätzen die Nähe und das Miteinander. In dem kleineren Raum komme man leichter ins Gespräch, was das Gemeinschaftsgefühl fördert.

Raum für Versöhnung
Neben den Gottesdiensten bleibt die wichtigste Aufgabe der Karmeliten bestehen: die Seelsorge. Als Beichtkirche stehen sie allen Menschen in Bamberg und Umgebung offen. „Es kommen weniger Leute als früher“, sagt P. Klaus Rudolf, „aber sie kommen. Auch neue Leute, junge Leute.“ Daß dieses Angebot in der heutigen Zeit besonders wichtig ist, darüber besteht kein Zweifel.
Die Wurzeln des Ordens reichen über 800 Jahre zurück: Gegründet am Berg Karmel im heutigen Israel, siedelten die Karmeliten bald nach Europa über und schlossen sich den Bettelorden an. Seitdem leben sie von den Verdiensten der eigenen Arbeit und von Spenden. In Bamberg sind sie der älteste Orden der Stadt: Schon 1273 ließen sich die ersten Karmeliten hier nieder, damals in der Au nahe der heutigen Martinskirche.
Das geistliche Leben der Karmeliten ist geprägt von einer intensiven, persönlichen Beziehung zu Gott, mit Prophet Elija und die Muttergottes Maria als ihre Leitbilder. Gebet und Arbeit bilden den Mittelpunkt ihres Alltags. Diese zwei Dimensionen – das marianisch-kontemplative und das eremitische Element – sind bis heute Grundlage der karmelitischen Spiritualität. Zum Abschluß führt mich der Prior über das Klostergelände. Der neue Klostergarten nimmt bereits Gestalt an: ein schlängelnder Pfad, frisch angelegte Beete, dazu der Ausblick zur Altenburg. Zwar wirkt er moderner als ein klassischer Klostergarten, doch seine Funktion bleibt die gleiche – Gemüse und Blumen für den Alltag der Gemeinschaft. „Es gibt schon was zu essen“, sagt der Prior.

Liegestühle und Kinderwagen
Am ehemaligen Kloster zeigt sich der Wandel noch deutlicher. Neue Balkone am Barockflügel machen sofort klar: Das Gebäude hat eine völlig andere Verwendung gefunden. Der einst geliebte Kreuzgang – jahrhundertelang das Zentrum des klösterlichen Lebens – ist heute der Innenhof der Wohnanlage. Gartentische und Stühle stehen im Kreuzgang vor den Wohnungen, in einer Ecke lehnt ein Kinderwagen, daneben liegt ein Liegestuhl. Viele Zeichen des alltäglichen Lebens lassen nur noch erahnen, daß hier einst ein Ort der Stille war. Beim Rundgang erzählt der Prior von der früheren Nutzung der Räume: Hier befand sich das Gästezimmer, dort die Bibliothek, weiter hinten das Refektorium – heute alles Wohnungen. Auch wenn er vom Wandel pragmatisch erzählt, klingt mit, daß es für die Brüder ungewohnt bleibt, diesen traditionsreichen Ort in neuer Funktion zu erleben.
Ein kleiner Trost: Nach Abschluß der Sanierung werden die Karmeliten wieder zusätzliche Räume in der Klosterkirche nutzen können. So soll der ehemalige Meditationsraum im Hochchor künftig die Bibliothek beherbergen – ein Ort, der im neuen Gebäude keinen Platz gefunden hat, für ein Kloster aber unverzichtbar ist.

