Ausgabe November / Dezember 2025 | Geschichte(n)

Lauenstein, eine Burg schreibt Geschichte

Angesichts der aktuellen Verhärtung politischer Lager schaut man im Rückblick beinahe neidisch auf all das Neue, Kreative, Experimentelle, das zur Zeit der Weimarer Republik diskutiert wurde, ja realisiert, zumindest probiert werden sollte. Wie konnten all die vielversprechenden Ansätze, die damaligen demokratischen Diskurse so verpuffen, letztlich die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges nicht verhindern? Der gute Wille schien doch gegeben.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Privat .
Ansichtskarte Burg Lauenstein, um 1910
Ansichtskarte Burg Lauenstein, um 1910

Zuweilen findet man sie noch, die terra incognita, die ein Forscherherz höherschlagen läßt. Mitten in Deutschland wurde der ehemalige Gymnasiallehrer Robert Müller-Mateen, studierter Germanist und Historiker, fündig. Mit der Burg Lauenstein, im Tal der Loquitz, einem Nebenfluß der Saale, nahe der Grenze zu Thüringen. Mag diese Burg heutzutage eher Liebhabern feiner Pralinen ein Begriff sein, so hatte Müller-Mateen einen ganz anderen Zugang zu jenem mittelalterlichen Bauwerk. Beinahe zufällig stieß der Historiker in einer Fußnote der Schrift „Politik als Beruf“ des berühmten Nationalökonomen Max Weber auf jene Burg und ihre bewegte jüngere Vergangenheit. Dort war ganz offensichtlich Großes, Bedeutendes zu Beginn des letzten Jahrhunderts passiert, wovon nicht einmal die fast schon allwissende Internet-Enzyklopädie Wikipedia etwas wußte. Fündig wurde Müller-Mateen schließlich im Marbacher Literaturarchiv. ­

Familie Dr. Ehrhard Messmer
Familie Dr. Ehrhard Messmer

Der Hinweis Max Webers nahm Gestalt an. Unermüdliche Recherche brachte ans Licht, daß dort im abgeschiedenen Lauenstein, in der Mitte Deutschlands, bedeutende „deutsche Intellektuellengeschichte“ stattgefunden hatte.

Erst einige Jahrzehnte zuvor – Ende des 19. Jahrhunderts – war die Burg aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt worden. Zugute kam ihr die Burgenbegeisterung des Hallenser Industriellensohnes Erhard Messmer. Infiziert vom „Wartburg-Fieber“, einer mittelalterverklärenden Burgenrenaissance der Gründerzeit, hatte er die nötige Moneypower, um seinen Kindheitstraum von einer eigenen Ritterburg zu verwirklichen. Das Entsetzen war allerdings zunächst groß, als er mit seiner amerikanischen Frau Polly 1892 die erstmals 1138 erwähnte Burg in Augenschein nahm. Seit 1815 in privaten Händen, war sie dem ungebremsten Verfall preisgegeben und wurde seinerzeit von rund fünfundzwanzig Familien in äußerst prekären Verhältnissen bewohnt.

Ergebnisoffene Diskussionen

Unverzagt nahm Messmer jedoch die Restaurierung in Angriff. Nicht nur die Bauschäden wurden behoben, sondern man versuchte auch mit ausgesuchten Möbeln, Kunstgegenständen und Wandmalereien die Räume stilecht auszustatten. Geldquelle für das aufwendige Hobby des neuen Burgherrn sollte neben dessen Privatschatulle der zunehmende Burgentourismus werden. Der Rennsteig-Wanderboom spülte zum Teil zahlungskräftige Hotelgäste ins Haus, aber auch das Geschäft mit den Tagestouristen florierte. Beliebt waren natürlich auch Führungen durch das mittelalterliche Gemäuer. Für den echten Gruseleffekt entlieh man sich die Spukgeschichte um die weiße Frau aus dem nahen Orlamünde, die ihre beiden Kinder umgebracht hatte und nun durch verschiedene Schlösser der Region rumgeistert.

Plakat der Hotel-Pension Burg Lauenstein 1949
Plakat der Hotel-Pension Burg Lauenstein 1949

In Zukunft sollte jedoch durch die Initiative des Jenaer Verlegers Eugen Diederichs aus der Burg ein hochkarätiges Tagungszentrum werden. In der Zeit von Mai 1917 bis Mai 1918 fanden noch vor Ende des Ersten Weltkrieges drei Kulturtagungen statt. Fernab der großen Städte Berlin oder München, dennoch zentral in der Mitte Deutschlands gelegen, war Lauenstein über eine Zugfahrt bis ins thüringische Probstzella gut zu erreichen. Im Zentrum dieser Tagungen stand die Frage, wie es mit Deutschland politisch und kulturell nach dem Krieg weitergehen sollte. Zu einem Brainstorming waren führende Nationalökonomen, Historiker, Industrielle, aber auch Künstler eingeladen. Den Einführungsvortrag hielt der erzkonservative leitende Redakteur der völkischen Deutschen Zeitung Max Maurenbrecher, dessen Beitrag am folgenden Tag von Max Weber gnadenlos zerpflückt wurde. Das erfrischend Neue damals waren bei allen Gegensätzlichkeiten der Teilnehmer der Austausch unterschiedlichster Positionen. Neben Deutschnationalen gaben sich nämlich auch ganz anders Denkende auf der Burg ein Stelldichein: der Nürnberger Arbeiterdichter Karl Bröger etwa oder der expressionistische Literat und Befürworter einer deutschen Räterepublik Ernst Toller, der spätere erste Präsident der jungen Bundesrepublik Theodor Heuss, der mit Fragen der Volksbildung befaßte Adolf Reichwein oder die Frauenrechtlerin Berta Lask – um nur einige wenige der hochkarätigen Tagungsbesucher zu nennen.

„Lauenstein testete bereits die Positionskämpfe des ideologisch hochfragmentierten 20. Jahrhunderts in der Spannweite von asketischem zum mystischen Erlebniskult, von völkisch-extremen Nationalismus zum anarchischen Pazifismus, vom organizistischen und geistesaristokratischen Antiparlamentarismus zum demokratischen Interessen- und Wertepluralismus.“

Sommerschule des Choreografen Rudolf von Laban 1929. Gruppenfoto im Rittersaal.
Sommerschule des Choreografen Rudolf von Laban 1929. Gruppenfoto im Rittersaal.

Von Bertrand Russell bis zur „Welteislehre“

1919 fand auf Burg Lauenstein und Umgebung das Jahr der Jugend statt. Höhepunkt war die Gründungsversammlung des Jungdeutschen Bundes mit der Verabschiedung der sog. „Lauensteinformel“. Darin bekannte man sich zur Volksgemeinschaft und dem Aufbau eines deutschen Reiches als kultureller und politischer Heimat. Aber auch hier stehen sich zwei gegensätzliche Lager gegenüber, das pazifistisch und linksrevolutionäre und das großdeutsch-völkische.

Sonderheft über die 5. Lauensteintagung des deutschen Buchhandels
Sonderheft über die 5. Lauensteintagung des deutschen Buchhandels

Eine Tagung folgt der anderen. Herausragend etwa 1922 die Sommerschule der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, an der bedeutende Frauenrechtlerinnen oder der friedensbewegte, zukünftige Nobelpreisträger für Literatur Bertrand Russell teilnahmen. Der Treffpunkt Burg sollte aber auch von eminenter Wichtigkeit für die Entwicklung des modernen Buchhandels werden. Zwischen September 1922 und April 1926 fanden dort fünf Buchhändlertagungen statt. Darüber hinaus machte sich der hier ins Leben gerufene „Lauensteiner Kreis“ stark für Volksbildungsarbeit, Volksbüchereien und emanzipatorische Bildungskonzepte.

Es gab aber auch kuriose Tagungen in der an differenten Weltanschauungen reichen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. So versammelte Hanns Hörbiger, Vater der gleichnamigen Schauspielerdynastie, einen illustren Kreis um sich, der sich der sog. „Welteislehre“ verschrieben hatte, einer geradezu apokalyptischen Endformel über Entstehen, Werden und Vergehen unseres Kosmos. Nach dieser Theo­rie bestehen die Himmelskörper mit Ausnahme der Erde aus Eis und Metall. Es ist der Dualismus zwischen Sonne und Eis, der dem Universum den ewigen Zyklus von Werden und Vergehen beschert. Eine gewisse Bedeutung sollte dieser kruden Theorie noch von Heinrich Himmler zugebilligt werden, der sie als Gegenentwurf zur „jüdischen Physik“ eines Albert Einstein begrüßte.

Die Zukunft der Burg ungewiß

Idyllisch im Frankenwald gelegen war die Burg aber auch ein idea­les Refugium für verletzte Seelen. So für die Malerin Gabriele Münter, die hier im Sommer 1926 Erholung von ihrem Rosenkrieg mit Wassily Kandinsky suchte. Sie beginnt wieder zu arbeiten und schafft während ihres mehrwöchigen Aufenthaltes fünfundzwanzig Gemälde und Skizzen von Burg und Umland.

Eine Weile schien es so, als habe man dort auf der malerischen Burg in jenen „Goldenen Zwanziger Jahren“, den Faden der „Welt von ge­stern“ wieder aufgegriffen, die Stefan Zweig 1934 in einem wehmütigen Rückblick auf die geistige Fülle der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg heraufbeschworen hatte.

Mitglieder der Deutschen Musik-Bühne im Probengespräch 1933
Mitglieder der Deutschen Musik-Bühne im Probengespräch 1933

Es kommt anders. Die zukünftigen Ereignisse werfen auch auf Burg Lauenstein ihre dunklen, leider braunen Schatten voraus. 1930 markiert das Ende der glücklosen Weimarer Republik. Es brodelt im Lande. Seltsame „linke Leute von rechts“ im Dunstkreis des Nationalbolschewisten Ernst Niekisch treffen sich, und bald wehen auch schwarze Fahnen von den Türmen der Burg. Sie künden von der Reichstagung der revolutionären Nationalsozialisten unter Führung der Brüder Otto und Gregor Straßer; letzterer Opfer von Hitlers Mordaktion um den sog. Röhm-Putsch im Sommer 1934.

Nach der totalen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges liegt Lauenstein nicht mehr im Herzen Deutschlands, sondern weit ab im „Zonen-Randgebiet“. Die Hoch-Zeiten des Tourismus sind somit vorbei. Die Zukunft der Burg ungewiß. Entscheidenden Einfluß auf das Schicksal der Burg haben aber nicht nur die vielfältigen Zeitläufte, die Robert Müller-Mateen in seinem Buch in all ihrer Fülle nachzeichnet. Es waren vor allem auch finanzielle Verwerfungen, die bereits 1929 mit dem Börsenkrach die Besitzerfamilie empfindlich trafen. Das Einbrechen der Besucherzahlen, auf privater Ebene vor allem die drei bzw. zwei Ehen der Herren Erhard Messmer senior und junior mit den im Nachgang fast unvermeidlichen Erbstreitigkeiten bescherten finanzielle Turbulenzen und damit letztendlich Schulden. Im Privatbesitz war die Burg jedenfalls nicht mehr zu halten.

Nach langem Hin und Her, seit 1962 im Besitz des Freistaates, untersteht die Burg heute der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung. Aber auch hier bedarf es stimmiger, erfolgversprechender Konzepte, um diese wunderbare, alte Ritterburg zu neuem Leben zu erwecken – und zwar kostendeckend.

Literaturtipp:
Robert Müller-Mateen: Eine Bühne für Weimar. – Burg Lauenstein und die Familie Messmer.
2024 Neue Cranach Presse Kronach,
ISBN 978-3-00-075400-5

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