Ein Wissenschaftskrimi
Neues Lügensteinmuseum in Würzburg
Text: Renate Freyeisen | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Ein neues Museum in Würzburg? Worüber? Und warum? Die Antwort darauf gibt das Museum Beringers Lügensteine in der Korngasse hinter der Reuererkirche. Denn vor 300 Jahren, seit dem Fronleichnamstag 1725, fanden drei Jungen aus Eibelstadt, die Brüder Nikolaus und Valentin Hehn sowie Christian Zänger, auf einem Berg über Eibelstadt zuerst drei und immer mehr Steine mit plastischen figürlichen Darstellungen von Würmern, Krebsen, Fröschen, Käfern, Kräutern und Fischen und brachten ihre Funde dem damaligen Medizin-Professor an der Würzburger Universität, Johannes Bartholomäus Adam Beringer (1670-1738). Denn die Untersuchung von Steinen fiel in seine Zuständigkeit, weil sein Fach damals auch Geologie, Mineralogie und Paläontologie umfasste. Im Verlauf von 1725 wurden an der geheim gehaltenen Stelle über 2000 solcher „Figurensteine“ ausgegraben; Beringer sammelte sie und reichte einige davon weiter an Wissenschaftler-Kollegen zur Begutachtung. Er erörterte, ob die Figurensteine Produkte der göttlichen „Natur“ seien oder ehemals von Menschenhand gemacht, also nach damaligen Begriffen „Kunst“. Doch – wann und warum sind solche Unmassen von bearbeiteten Steinen entstanden?

Ein Wissenschaftskrimi, 97070 Würzburg, Korngasse 12, Öffnungszeiten täglich: 10.00 Uhr – 19.00 Uhr, luegensteinmuseum-wuerzburg.com
„Blut geleckt!“

Über Jahrzehnte hinweg gab es darüber Spekulationen, bis Ende des 19. Jahrhunderts der abwertende Begriff „Lügensteine“ auftauchte, wohl auch, weil 1726 ein skandalöser Betrugsversuch damit verbunden war. Mit all dem befasste sich Frau Dr. Petra Hubmann in ihrer Dissertation über das Berufsbild eines universitären Mediziners in der Barockzeit in Würzburg am Beispiel von Doktor Beringer; die rätselhaften „Lügensteine“ ließen sie seither nicht mehr los. Sie hatte sozusagen Blut geleckt. So nahm die Idee in mehreren Stationen Gestalt an, den Hintergründen der „Lügensteine“ und ihrer Geschichte ein eigenes Museum zu widmen. Unterstützt wurde sie ein wenig von einem eigens gegründeten Verein. Nun ist rechtzeitig zum Jubiläum der Entdeckung der Steine in der Würzburger Innenstadt ein großzügiges Museum mit gemütlichem Café und einem gut bestückten Souvenirshop, angeordnet vor dem eigentlichen Museumsbereich, entstanden. Dieser wurde gestaltet von den Berliner Fachleuten von „museeon“. Im Eingangsbereich werden Besucher und Besucherinnen gleich eingeführt in die Thematik durch einen kleinen Animationsfilm und so auf den Geschmack gebracht, sich selbst mittels Lupe und Forschungsspiel auf die Suche nach der Wahrheit, auf die Spuren dieser angeblichen Betrugsgeschichte zu begeben.

Repliken über Universitäten in ganz Europa verteilt

Betritt man das ganz in Weiß gehaltene Museum durch eine Pforte, gelangt man in vier großzügig bemessene Räume mit grafischen Darstellungen, mit schwarzweiß kopierten Bildern von Regenten und Wissenschaftlern der Barockzeit an den Wänden, mit Beschriftungen, Übersichtsplänen des damaligen Würzburg und einigen wenigen originalen Objekten auf den Mitteltischen sowie am Schluss, damit man sich die Steine auch vorstellen kann, zu zahlreichen Repliken der einst gesammelten, heute nahezu über ganz Europa an Orten wie Universitäten verteilten Steine. Ob man, wenn man alles genau betrachtet und studiert hat, eine schlüssige Antwort auf das Rätsel der Lügensteine herausbekommt? Das ist nicht die Absicht. Denn das Spannende ist, dass jeder Interessierte hierbei in die uns eigentlich wenig bekannte Welt der Wissenschaft in der Barockzeit eintaucht und somit auch in die damalige fränkische Geschichte und sich Gedanken darüber macht. Dazu tragen auch die unter abnehmbaren Klappen versteckten Fragen zur damaligen Zeitgeschichte und zu der Problematik der Steine bei.
Steine-Sammeln war damals offensichtlich in Mode
Der erste Raum zeigt die Situation in Würzburg vor dem Fund der Steine, die Orte von Beringers Leben und Wirken. Er war hochangesehen, Leibarzt der jeweiligen Fürstbischöfe, wohnte im besten Würzburger Viertel, war Dekan der medizinischen Fakultät an der Universität, die anderen Fachbereiche waren Philosophie/Theologie und Jura, erfolgreicher Wissenschaftler, erwarb sich durch seine Forschungen am menschlichen Körper, die Sektionen im Anatomischen Theater, dem heutigen Juliusspital-Pavillon, große Verdienste auch bei der Ausbildung der Chirurgen, war europaweit bekannt durch den von ihm angelegten Botanischen Garten im Juliusspital, in dem er praktizierte. Der zweite Raum widmet sich dem Fund der Steine 1725. Beringer untersuchte den Fundort der Steine oberhalb Eibelstadt, sortierte sie nach Motiven, wobei ihm auch solche mit hebräischen Schriftzeichen auffielen. Um die These über den Ursprung der Figurensteine, ob sie Natur oder Kunst seien, zu diskutieren, tauschte er sich mit zeitgenössischen Gelehrten aus – offensichtlich war das Steine-Sammeln damals in Mode -. Er hinterfragte, ob die Steine „Altertümer“ seien, also nicht in seiner Gegenwart gemacht, verwarf auch die Vermutung, sie seien wegen der Sintflut entstanden, lehnte auch die Annahme seines Würzburger Universitätskollegen, des ehemaligen Leibniz-Schülers Johann Georg von Eckhart ab, sie seien heidnische Relikte. Beringer, der bisher selbst 11 medizinische Werke publiziert hatte, fasste den Beschluss, ein Buch über die Steine zu veröffentlichen, ließ den 1. Band der prächtig mit Kupferstichen des Nürnberger Meisters Puschner ausgestatteten „Lithographia Wirceburgensis“ mit dem Titelblatt einer metaphorischen Widmung an Franken drucken; abgebildet sind darin 204 „Figurensteine“ vorwiegend von Insekten, Pflanzen und Formen wie Sonne und Mond. Dies sollte die Grundlage für eine philosophische Dissertation des Beringer-Schülers Georg Hueber sein. Das originale Werk ist in der Mitte des dritten Raums zu bewundern.


Die Diskussion über den Ursprung der Steine

Dieser Raum schildert die Ereignisse des Jahres 1726 bis zu Beringers Tod. 1726 tauchten plötzlich einige durch den Exjesuiten Johann Ignaz Roderique, einem neuen Kollegen an der Würzburger Universität, nachweislich gefälschte und dem ursprünglichen Fund untergeschobene Bildsteine mit exotischen Tieren und auch Buchstaben auf. Beringer misstraute diesen neuartigen Figurensteinen, und beantragte beim Domkapitel ein Verhör der Eibelstädter Jugendlichen, was einen Betrugsversuch durch Roderique bestätigte. Das Motiv dafür könnte in Missgunst und Neid liegen. Beringer hielt seine Steine, für die er 300 Reichstaler bezahlt hatte, für echt, ließ aber den vorgesehenen 2. Band nicht mehr erscheinen. Doch die Diskussion über den Ursprung der Steine ging europaweit unter den Gelehrten weiter. Der Fälschungsskandal schadete dem Ansehen Beringers nicht, er betrieb seine Forschungen, publizierte weiter, etwa über die Kissinger Heilquellen oder über die Würzburger Botanik. Der 4. und letzte Raum zeigt, dass das Interesse am Eibelstädter Fund und den Figurensteinen nie erlahmte. So rankten sich um die Person Beringer viele erfundene „Episoden“, so um seine Frau oder einen Studentenstreich, bis dann, erst 1899 Alfred von Zittel den Begriff „Lügensteine“ aufbrachte. Der bürgerte sich leider ein. Gesichert aber ist bis heute, dass sich durch das Netzwerk der Wissenschaftler und ihren Austausch Figurensteine aus Eibelstadt überall in der Welt verbreiteten, über 500 davon lagern in deutschen, österreichischen, britischen, holländischen Universitäten, Museen und Sammlungen, sogar in den USA sind Repliken zu finden. Einen überwältigenden Eindruck von ihrer Verbreitung und von der Vielgestaltigkeit der Abbildungen auf den Steinen vermittelt die Wand, auf der eine Vielzahl von Repliken und Original-Leihgaben angebracht ist. Wer dann den Museumsbereich verlässt, kann noch den Schluss des kleinen Films genießen und wird mit den Fragen konfrontiert, von wem diese von Menschenhand gefertigten Steine wohl stammen und ob sie absichtliche Fälschungen seien. Doch darüber lohnt es sich noch zu grübeln. Fest steht aber: Zweifel gehören zur Wissenschaft! Danach schmeckt zur Entspannung ein Kaffee.
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