Die vielleicht kleinste Fußgängerzone der Welt
Im oberfränkischen Küps liegt das Porzellan im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße. Ein pittoresker Fußweg aus „weißem Gold“ führt Besucher direkt zur Porzellanmanufaktur Lindner.
Text: Sabine Raithel | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Man hat es nicht leicht“, erzählt Werner Gossel, Senior-Chef der Küpser Porzellanmanufaktur Lindner augenzwinkernd. „Bei mir beschwerte sich ein Kunde über arglistige Täuschung. Da werde behauptet, Küps läge an der Porzellanstraße. Dabei seien die Straßen auch hier nur geteert, wie überall.“ Er schmunzelt. „Das Problem ist nun gelöst.“
Der 88jährige Künstler und Inhaber des traditionsreichen Porzellanunternehmens hat eine zwölf Meter lange Gasse geschaffen. Nicht irgendeine Gasse, sondern eine aus „weißem Gold“. Es ist ein kleiner Fußweg, der direkt von der großen touristischen Porzellanstraße abzweigt und zu Lindner Porzellan führt. Dafür hat Werner Gossel 190 Fliesen aus edlem Bisquitporzellan aneinander gefügt. Jede einzelne dieser Fliesen hat der kreative Firmenchef mit fein und lebensnah modellierten Tierfiguren versehen; in andere hat er Pflanzen- oder Tiermotive sowie kurze Gedichte eingraviert. Mehr als 900 Arbeitsstunden sind in das Projekt geflossen. Auf Farbgebung hat der Künstler – bis auf wenige Akzente sowie eine kobaltblaue Einfassung – verzichtet. Abgebildet hat er, wie er selbst sagt, „Krafttiere“: Eidechsen, Blindschleichen, Spinnen, Insekten und hübsch anzusehendes „Unkraut“. „Eidechsenweg“ hat Werner Gossel die Gasse genannt.
Der Weg sei als „begehbare Porzellankunst am Bau“ gedacht, erläutert der Sohn des Unternehmers, Walter Gossel. „Porzellan ist als Baustoff gut geeignet, weil seine Wasseraufnahme weit unter einem Prozent liegt. Daher ist es unwahrscheinlich, dass es im Winter durch Eisbildung zerstört wird. Um die Rutschgefahr zu vermeiden, haben wir nicht glasiertes, sondern an der Oberfläche raues Bisquitprozellan eingesetzt.“ Einige Stellen laden Moose und Sedimente ein, sich anzusiedeln. „Der Weg darf sich mit der Zeit verändern und Patina ansetzen. Er lebt“, so Walter Gossel.

Die Freude über den neuen Porzellanweg ist auch beim Küpser Bürgermeister Bernd Rebhan groß: „Ein ungewöhnliches Kunstwerk wie der Eidechsenweg aus Porzellan bereichert nicht nur die Porzellanstraße. Dieses Kunstprojekt kann ein Anziehungspunkt für Gäste und Porzellanliebhaber aus ganz Deutschland und darüber hinaus werden. Er hat das Zeug, ein neues Wahrzeichen unseres Ortes zu werden und ist ein Gewinn für unsere Küpser Porzellanwelt. Darüber hinaus ergänzt er unsere erfolgreichen Initiativen wie die Küpser Porzellanbörse und die Küpser Porzellanmeile.“
Die Bayerische Porzellanstraße führt über eine Strecke von 550 Kilometern von der Wiege der nordbayerischen Porzellanproduktion im Fichtelgebirge durch das Stiftland und den Oberpfälzer Wald, die Fränkische Schweiz und den Steigerwald über das Obere Maintal-Coburger Land in den Frankenwald und das Bayerische Vogtland bis in den Kaiserwald im benachbarten Tschechien. Wie Perlen an einer Kette reihen sich klangvolle Namen, große Weltmarktführer und kleine Manufakturen, an diesem Weg. Lindner Porzellan gehört dazu.
Seit 1932 entstehen bei Lindner in Manufakturarbeit edle Service, Vasen, Figuren – aber auch Praktisches für Küche, Büro und Bad. Aufwändige Formen mit historischen Dekoren ebenso wie moderne Klassik im klaren Bauhaus-Stil. Im Fabrikverkauf des Unternehmens sieht man einen Ausschnitt aus dem reichen Programm: filigranes Zwiebelmuster sowie rote, blaue oder grüne Ranken auf einer Biedermeier-Form; handgemalte Rosen oder pures Gold auf barocken Servicen und Geschenkartikeln, aber auch Puristisches in Weiß. Stilprägend für Lindner Porzellan ist der hohe Anteil an echter Handarbeit, die hier noch meisterlich beherrscht wird: handgemalte Dekore und Goldverzierungen oder präzise bearbeitetes Durchbruchporzellan. Nur noch wenige Hersteller auf der Welt beherrschen die Kunst der manufakturhaften Porzellanherstellung. In dieser Nische hat Werner Gossel seine Firma seit 1990 mit sicherer Hand durch Höhen und Tiefen navigiert. Mittlerweile führt sein Sohn Walter das Unternehmen. Doch Werner Gossel läßt es sich nicht nehmen, nach wie vor ab fünf Uhr morgens vor Ort zu sein und dort anzupacken, wo es nötig ist. Der Eidechsenweg, den er nun in Küps geschaffen hat, ist ein weiteres Glanzlicht der Porzellanstraße, ein neues Mosaiksteinchen im Reigen der Kunst im öffentlichen Raum im Landkreis Kronach – und er dürfte künftig die Rangliste der kleinsten und gleichzeitig schönsten „Fußgängerzonen“ der Welt als ein Spitzenreiter anführen.

