Der volle Durchblick
Zum 125. Jahrestag des Physik-Nobelpreises für den Entdecker der Röntgenstrahlen
Text: Wolf-Dietrich Weissbach

Etwas flapsig – schon klar, nicht ganz das richtige Wort – ausgedrückt: Der volle Durchblick wurde in Würzburg erfunden. Na, schön: Entdeckt!

Am 8. November 1895 stieß Wilhelm Conrad Röntgen, seit 1888 Professor an der Julius-Maximilians-Universität, bei der Untersuchung der Elektrizitätsleitung von Gasen – seinem vorrangigen Thema – auf die unsichtbare Strahlung, die es erlaubt, in das Innere eines (lebenden) Organismus zu blicken. Am 22. Dezember 1895 gelang ihm schließlich nach sechswöchiger Arbeit in seinem Labor eine Aufnahme von der linken Hand seiner Frau, bei der die Knochen und der Ehering deutlich zu erkennen sind. Bertha Röntgen, die auf Bitte ihres Mannes für eine halbe Stunde lang ihre Hand den neuen Strahlen aussetzte, war somit der erste Mensch, von dem eine Röntgenaufnahme angefertigt wurde.
Am 28. Dezember publizierte er seine Entdeckung unter dem Titel „Eine neue Art von Strahlen“; und im Januar darauf stellte er – in einem Vortrag vor Kaiser Wilhelm II. – seine Entdeckung der Öffentlichkeit und wenige Tage später auf einer Sitzung der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft den Würzburgern vor. Im vollbesetzten Hörsaal des Physikalischen Instituts vor begeisterten Zuhörern aus allen Kreisen der Wissenschaft und Gesellschaft. Im Anschluss an den Vortrag schlug der Anatom und Physiologe Albert Kölliker die Umbenennung der „X-Strahlen“, so hatte sie Röntgen selbst genannt, in „Röntgen-Strahlen“ vor, was von der Versammlung umgehend angenommen wurde.
Nie zuvor hatte sich dann übrigens die Nachricht von einer wissenschaftlichen Entdeckung so schnell verbreitet wie im Falle der Röntgenstrahlen. Schon am 5. Januar 1896 erscheint unter der Überschrift „Eine sensationelle Entdeckung“ ein erster Zeitungsartikel in der Morgenausgabe von Die Presse in Wien, in dem die Nützlichkeit der „X-Strahlen“ für die Medizin verständlich gemacht wurde.

Der erste Nobelpreisträger

Ein Würzburger Privatdozent führte bald danach die klinische Untersuchung mit Röntgenstrahlen in einer einige Jahre vorher gegründeten orthopädischen Privatklinik ein, wo er auch eine Röntgenstation installierte. Bereits im März 1896 wurde in einer Klinik in Hamburg-Eppendorf ein Röntgeninstitut eingerichtet. Das Würzburger Juliusspital-Krankenhaus erwarb etwa ein Jahr nach Röntgens Entdeckung einen Röntgen-Apparat, für dessen Betrieb 1898 eigens eine Dynamomaschine angeschafft wurde. Mit seinem Strahlenkabinett war das Bremer St. Joseph-Stift drei Jahre nach Röntgens Entdeckung eine der ersten deutschen Kliniken, die über ein Röntgeninstitut verfügten. Röntgens Entdeckung revolutionierte jedoch nicht nur die medizinische Diagnostik, sondern ermöglichte auch weitere bahnbrechende wissenschaftliche Leistungen des 20. Jahrhunderts. Bereits im Februar 1896 experimentierte Henri Becquerel, inspiriert von Röntgen, mit lumineszenten Materialien und stieß dabei zufällig auf die durchdringende Wirkung einer anderen, neuen Art von Strahlung. So führte die Entdeckung der Röntgenstrahlen indirekt auch zur Entdeckung der Radioaktivität, für die Becquerel zusammen mit Marie und Pierre Curie 1903 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Den Nobelpreis für Physik hatte Wilhelm Conrad Röntgen 1901 bei der ersten Vergabe der Nobelpreise bereits erhalten. Zur Preisverleihung war der „öffentlichkeitsscheue Röntgen“ allerdings nicht nach Stockholm gereist und hielt entsprechend auch keinen Nobelvortrag.

Röntgen erwies sich aber mit noblen Gesten der Auszeichnung würdig. So verzichtete er beispielsweise auf eine Patentanmeldung, was die Verfügbarkeit seiner Entdeckung für zahlreiche Anwendungen, nicht nur im medizinischen Bereich bedeutete.
Prof. Matthias Bode, Vizepräsident für Innovation und Wissenstransfer an der Universität Würzburg, erwähnte in seiner Ansprache auf einer Veranstaltung zum Jahrestag freilich auch die andere Seite: „Doch – wie bei vielen großen Durchbrüchen – blieb die gesellschaftliche Reaktion nicht frei von Ambivalenz. Auf der einen Seite stand grenzenlose Faszination: Zeitungen berichteten begeistert über die ‘magischen Strahlen‚, Ausstellungen zeigten Handknochen oder Alltagsgegenstände unter dem Röntgenschirm. Auf der anderen Seite keimte eine bis dahin unbekannte Angst – die Sorge, die Intimsphäre des Menschen könne durch die neuen Strahlen verletzt werden. Satirische Karikaturen zeigten Menschen, deren Kleidung scheinbar nutzlos geworden war; man fürchtete den ‘Blick auf den unverhüllten Körper‚. Die Röntgenstrahlen wurden zum Sinnbild nicht nur des medizinischen Fortschritts, sondern auch einer neuen, beunruhigenden Transparenz.“ Nichtsdestotrotz sollte seine Arbeit der gesamten Menschheit zugutekommen. Das bedeutete, so Prof. Paul Pauli, Präsident der Universität Würzburg, „nicht nur einen Verzicht auf persönlichen Reichtum, sondern war zugleich Ausdruck tiefster wissenschaftlicher Integrität“.
Verantwortung und Demut

Muss noch erwähnt werden, daß Wilhelm Conrad Röntgen die Prämie von 50 000 schwedischen Kronen der Universität Würzburg spendete? Obwohl er bereits seit 1900 an der Universität München lehrte. Wie er auch etwas später die Annahme eines Adelstitels ablehnte. Aus Überzeugung! Prof. Paul Pauli: „Für Röntgen war wissenschaftliche Leistung gleich gar kein Instrument zur persönlichen Erhöhung“, sondern, wie gesagt, „ein Beitrag für das Gemeinwohl. Seine Haltung erinnert uns daran, dass echter Fortschritt nur dann seinen Wert behält, wenn er mit Verantwortung und Demut einhergeht.“
Prof. Matthias Bode ergänzt: „Heute, 130 Jahre später, hat die Entdeckung der Röntgenstrahlen nichts von ihrer STRAHLkraft verloren. Ob Unfallchirurgie, Onkologie oder Materialforschung – Röntgens Erbe ist allgegenwärtig. Moderne Bildgebungsverfahren wie Computertomographie oder auch die Synchrotronstrahlung – ein in der modernen Physik unverzichtbares Werkzeug – wären ohne ihn undenkbar. All diese Methoden helfen uns, Krankheiten früher zu erkennen, Therapien präziser einzusetzen und die Welt im großen wie im kleinen besser zu verstehen. Und der Weg führt weiter. Neue Ansätze – von ultrahochauflösender Diagnostik über strahlenärmere Verfahren bis hin zur Verbindung mit Künstlicher Intelligenz – versprechen präzisere Diagnosen, schonendere Behandlungsmethoden und tiefere Einblicke in die Funktionsweise des Lebens.“
Apropos Leben: Führt man sich (anhand seines selbstverfassten Lebenslaufes oder mit Hilfe von wikipedia) die zahlreichen Lebensabschnitte von Wilhelm Conrad Röntgen zu Gemüte, die, wie man erahnen kann bisweilen von größeren Enttäuschungen geprägt waren, sei es, dass er wegen falscher Anschuldigung ohne Abitur von der Schule verwiesen und ihm deshalb Jahre später in Würzburg die Habilitation verweigert wurde oder andererseits seine schnelle Karriere (hätte er sich 30 Jahre mehr Zeit gelassen, hätte er an der ETH Zürich Albert Einstein treffen können) von einer Professur zu anderen, drängt sich der Eindruck auf, dass er beinahe zielstrebig, wild entschlossen auf großen wissenschaftlichen Erfolg hingearbeitet hatte.

