Der König der Rhöner Wiesen
Der Wachtelkönig ist eine der seltenen und seltsamsten Rhöner Tierarten. Tagsüber verhält sich der Vogel still und nutzt die Deckung der Wiesenvegetation. In den Frühsommernächten aber lassen es die liebestollen Männchen so richtig krachen.
Text: Sabine Haubner

Den Wachtelkönig umgibt die Aura des Außergewöhnlichen. Davon zeugt schon sein Name. Früher machte man bei der Wachteljagd die Beobachtung, daß in den auffliegenden Schwärmen bisweilen ein größeres Exemplar dabei war. Das muß ihr Anführer sein, der König der Wachteln, so die Folgerung. Ein Trugschluß. Der Wachtelkönig ist kein Verwandter der Hühnervögel, auch wenn die Ähnlichkeit groß ist, sondern zählt zu den Rallen. Wer ihn gerne mal zu Gesicht bekommen würde, hat schlechte Karten. Der Zugvogel ist bei uns extrem selten geworden. In der Rhön, Arche vieler bedrohter Arten, hat sich eine kleine Population etabliert. Aber auch hier wird man ihn kaum beobachten können, ist von Torsten Kirchner zu erfahren. „Er ist das Phantom der Rhöner Bergwiesen. Man sieht ihn nicht, man hört ihn nur.“ Der Gebietsbetreuer der Wildland-Stiftung Bayern im Naturschutzgebiet Lange Rhön hat seit 2003 die faszinierende Art im Blick und sorgt sich um ihren Schutz. Tagsüber ist der scheue Bodenbrüter sehr still und heimlich. Nachts dreht er vor allem in der Balzzeit so richtig auf. „Er macht einen beeindruckenden Lärm, der an den Automechaniker erinnert, wenn er mit der Ratsche die Räder wechselt“, beschreibt Kirchner den sonderbaren Ruf. Ein hölzern knarrendes „Crrex-Crrex“, das ihm seinen wissenschaftlichen Namen und die volkstümliche Bezeichnung Wiesenknarrer einbrachte.
Knarrender Gesang zur Schlafenszeit
Von Mitte Mai bis Mitte Juni erlebt der Biologe alljährlich das Spektakel und schlägt sich die Nacht um die Ohren. Zwischen 0 Uhr und 4 Uhr ist er in den Hochlagen der artenreichen Mähwiesen im Naturschutzgebiet Lange Rhön unterwegs, um inbrünstig rufende Hähne zu orten und zu zählen. Tricky, denn diese drehen sich um die eigene Achse und können am Waldrand ihr eigenes Echo erzeugen. Pro Saison verzeichnet er 12 bis 30 Rufer in seinem Gebiet. Deutschlandweit brüten jährlich nur 1 300 bis 2 000 Paare. Kaum vorstellbar, daß sich noch Anfang des 20. Jahrhunderts viele Menschen beklagten, das unermüdliche Rufen zahlreicher Wachtelkönige aus jeder Wiese raube ihnen den Schlaf. Nur wenn Kirchner weiß, wo die Wachtelkönige ihr Revier einrichten, kann er sie vor dem Tod durch Ausmähen bewahren. Wenn es gut läuft. Tagsüber verläßt sich der Bodenbrüter auf sein Tarngefieder und die Deckung seiner Umgebung. Er muß sich unsichtbar machen, um seine Brut zu schützen und ist außerdem ein schwerfälliger Flieger. Man traut ihm kaum zu, daß er seine Überwinterungsgebiete südlich der Sahara erreicht. Der ausladende Körper des bis 25 Zentimeter langen Vogels trägt ein unauffälliges gelbbraunes Gefieder, das oben dunkler gefleckt und an den Seiten braun gebändert ist. Eine Mustermelange, die perfekt mit der Umgebung verschmilzt.
Er flieht selbst vor lauten Ungetümen wie einer Mähmaschine nicht. Die fatalen Folgen hat der Lyriker Eugen Roth humorvoll in Versform gebracht. „Die Kinderliebe läßt zu fest / Sie (die Wiesenralle) manchmal sitzen auf dem Nest: / Den Bauern merkt sie erst zu spät, / Drum wird sie oft mit abgemäht.“
Problematisches Timing
Stefan Stübing findet den Wachtelkönig seit ihrer ersten Begegnung unwiderstehlich. Als 7-Jähriger beobachtete er ein Exemplar in seiner nordhessischen Heimat beim Sonnenbad auf einem Feldweg. Seit 2016 ist der freiberufliche Biologe vom Regierungspräsidium Kassel und der staatlichen Vogelschutzwarte mit dem Monitoring der vom Aussterben bedrohten Art beauftragt. Als 2017 in ganz Hessen nur noch drei Rufer gezählt wurden, war schnell klar: Die Lage ist prekär, der Handlungsbedarf dringend. In den 50er- und 60er-Jahren waren es noch Hunderte gewesen, weiß Stübing. Hauptursache für den dramatischen Rückgang der Vögel ist der Verlust ihres Lebensraumes und ihr besonderes, etwas anspruchsvolles Brutverhalten. Der Wachtelkönig bevorzugt Niedermoore und feuchte Wiesensenken mit hohen Gräsern und Stauden. Sie müssen von oben Deckung geben, aber in der unteren Etage so locker stehen, daß er sich gut darin fortbewegen kann. Die Entwässerung, Düngung und intensivere Bewirtschaftung von Wiesen haben ihn dieser Lebensgrundlagen beraubt. Dazu kommt ein problematisches Timing. In der ersten Maihälfte kehren die männlichen Wachtelkönige aus ihren Winterquartieren in Ost- und Südafrika zur Brutzeit nach Deutschland zurück. Haben sie geeignete Reviere gefunden, schließen sie sich zu Gruppen zusammen, um den Schallpegel ihres Balzkonzerts zu erhöhen. Schließlich wollen sie von den Weibchen erhört werden, die zwei Wochen später eintreffen. „Diese fliegen mit offenen Ohren über unsere Landschaft und lassen sich dort nieder, wo die Männchen rufen“, so Stübing. Erst Ende Mai geht es mit Paarung, Nestbau und Brut los, dann, wenn schon die ersten Wiesen gemäht werden. Die Aufzucht der Küken zieht sich bis in den August hin. Den Naturschützern bleibt also so gut wie keine Zeit, um die Reviere ausfindig zu machen und den unteren Naturschutzbehörden zu melden. Für die genauere Lokalisierung der Nester könnte in Zukunft innovative Technik helfen. Seit 2022 wird in einem Schutzgebiet bei Bremen mit Drohen gearbeitet, die mit Wärmebildkameras arbeiten. Stefan Stübing hat schon eine bestellt.
Refugium Rhön
Die Naturschutzbehörden nehmen, sobald sie einen Wachtelkönig geortet haben, Kontakt mit den betreffenden Landwirten auf. Viele lassen sich begeistern und verschieben die Mahd zugunsten der Vögel bis Ende August. Ihre Ertragsausfälle, das späte Heu eignet sich kaum als Futter, bekommen sie aus Naturschutzmitteln ersetzt. Die Verträge mit den Behörden laufen fünf Jahre. Die betreffenden Schutzzonen sind aber nicht einfach zu definieren. „Wir wissen nicht auf den Quadratmeter genau, wo der Vogel brütet und in welchem Jahr er wo sitzt“, erklärt Dieter Weisenburger, Fachreferent für Naturschutz am Landratsamt Rhön-Grabfeld. Schließlich könne man nicht die ganze Lange Rhön spät mähen lassen. Denn das würde einer invasiven Art, der Lupine, in die Karten spielen. Kirchner nennt sie eine „ökologische Falle“ für den Wachtelkönig. Der würde gerne die wunderschön blühenden Stauden als Deckung nehmen. Doch die Wiesen, die sie schmücken, werden früher gemäht, um ihre Verbreitung einzudämmen. Für den Wachtelkönig das Todesurteil.
In der Rhön geht das Schutzkonzept für den Wiesenknarrer jedenfalls auf. Sie ist inzwischen Rückzugsgebiet einer stabilen Population auf hohem Niveau. Die durchschnittlich gezählten Rufer der drei beteiligten Länder Bayern (rund 20), Hessen (20), Thüringen (8) summieren sich auf circa 50 Reviere, die vermutlich von je einem Paar besetzt sind. Wie viele Jungvögel noch dazu kommen, bleibt das Geheimnis der Vögel: Sie halten tunlichst ihre Schnäbel und sich versteckt.
Unwiderstehlich
Für den Wachtelkönig trägt das Biosphärenreservat Rhön bundesweit besondere Verantwortung. Bayern, Thüringen und Hessen haben darüber hinaus im Rahmen der Umsetzung der EU-Vogelschutzrichtlinie Schutzgebiete ausgewiesen, von denen auch andere seltene Bodenbrüter wie der Wiesenpieper oder die Bekassine profitieren. Auch andernorts braucht es schützende Hände, um das Überleben des Wachtelkönigs zu sichern. Auf den Britischen Inseln ist er nur noch vereinzelt zu finden, etwa auf den Orkney-Inseln. Als ein Exemplar vor einer dort ansässigen Brauerei landete, waren die Besitzer hin und weg und beschlossen, dem ikonischen Vogel ein Bier zu widmen. Ein Teil des Erlöses jeder verkauften Flasche „Corncrake“ fließt seitdem in ein Projekt zugunsten des Wachtelkönigs. Beworben wird das fruchtige Ale als: unwiderstehlich.

