Brückenschlag nach Irland
Nicht erst seit 1989 hat Franken enge Beziehungen zu Irland. Auf einer Reise nach Mullagh und Cavan, der Heimat des Frankenapostels Kilian, hatten 120 Unterfranken entdeckt, daß es seit über 1300 Jahren, eine geradezu geistige und geistliche Verbindung zwischen der „Grünen Insel“ und Franken gibt. Inzwischen sind daraus Freundschaften zwischen Waldaschaff (Lkr. Aschaffenburg) im Bezirk Clonakilty (County Cork), Würzburg zu Bray im County Wicklow und schließlich Kürnach (Lkr. Würzburg) mit Mullagh und Cavan entstanden. Freundschaften, wovon wir in Europa noch viel mehr bräuchten. Teil 1
Text + Fotos: Wolfgang O. Hugo

Diesen europäischen Gedanken schon früh gedacht und in diesem Sinne gehandelt hat Christine Demel (1930-2025): Als Jugendliche 1946 aus dem Egerland vertrieben, rüttelte sie mit Gleichgesinnten von der „Europa-Union“ Anfang der 1950er Jahre im Elsaß an den Schlagbäumen der deutsch-französischen Grenze. In Kürnach bei Würzburg hatte die Familie eine neue Heimat gefunden. Neben vier Jahrzehnten Lehrtätigkeit verfaßte Christine Demel eine Ortschronik, inspirierte MitbürgerInnen zum Kunsthandwerk, entwarf das Bild an der Fassade und den Wandfries im Sitzungssaal des Rathauses – und das Wappen von Kürnach. Daß Kürnach im Laufe der Jahre eine Partnerschaft und zwei Freundschaften mit Orten in anderen europäischen Ländern schloß, erfüllte die Ehrenbürgerin von Kürnach an ihrem Lebensabend mit großer Freude. Heute wirkt Demels Sohn Matthias im Partnerschaftskomitee Kürnach als stellvertretender Vorsitzender.
Die Gemeinde Kürnach wurde anfangs oft belächelt. Eine Partnerschaft mit einem Ort in Portugal, noch dazu an der Algarve! Das galt in Deutschland exotisch, viele sagten aufgrund der großen Entfernung das Scheitern der Partnerschaft voraus.1987 machte sich eine Gruppe aus Kürnach auf den 2.600 km langen Weg nach Aljezur an der Algarve. Am 10.10.1987 wurde die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Diese Partnerschaft besteht nun schon seit über 30 Jahren. 2017 wurden eine große Bürgerreise und ein Jubiläumsabend organisiert.
Hinzu kommt ab dem Jahre 2014 Irland. Colette Herrmann, gebürtige Irin und seit 2007 Kürnacherin, hat schon mehrere Reisen in ihr Heimatland organisiert. So konnte die Gemeinde Kürnach bei vielen Besuchen und Gegenbesuchen Freundschaft mit dem County Cavan, dem Geburtslandkreis des Hl. Kilians, schließen. Als Colette Herrmann 2018 den Vorsitz im Partnerschaftskomitee von Kürnach übernahm, betonte sie, daß sie die Partnerschaften weiter mit Leben füllen wolle, wörtlich fügte sie hinzu: „Der Europäische Gedanke, unser Europa, lebt vom Austausch der Menschen, von Verständnis füreinander und durch Kontakte über die Grenzen hinweg.“ Die Stadt Cavan, Hauptstadt des gleichnamigen County Cavan, liegt in Nordostirland, nahe zur Grenze mit Nordirland. Cavan ist Sitz des röm.-kath. Bistums Kilmore, die Gemeinde Mullagh liegt rund 40 km südwestlich von Cavan und 80 km von Dublin entfernt.

Im Juli 2024 feiert Kürnach die Freundschaften mit Cavan (Irland) und Szendehely (Ungarn): Das Partnerschaftskomitee Kürnach empfing eine Delegation aus Cavan, sowie eine Delegation aus Szendehely. Anlaß war das 10jährige Jubiläum der Freundschaft mit Cavan und die 33jährige Freundschaft mit Szendehely. Szendehely und Tököl liegen rund 20km südlich der ungarischen Hauptstadt Budapest. Ausgezeichnet wurden die Verdienste von Kürnach um Partner- und Freundschaften durch den Partnerschaftspreis, den das Partnerschaftskomitee Kürnach im November 2024 vom Bezirk Unterfranken erhielt.

Den Löwenanteil der Exponate des Kilian’s Heritage Centre in Mullagh (eingeweiht 1995) steuerte die Diözese Würzburg bei – als sichtbaren Ausdruck für über 1300 Jahre Beziehungen zwischen Franken und Irland.
Im September 1989 waren insgesamt 120 Unterfranken nach Mullagh gereist, man erinnerte an 1300 Jahre Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan: eine Gruppe des Diözesanpilgerbüros mit Weihbischof Helmut Bauer, eine Gruppe aus Estenfeld und Kürnach mit MdL Christian Will und eine Gruppe des Ökumenischen Zentrums (ÖZ) Würzburg-Lengfeld mit Jürgen Gottschalk, Vorsitzender der Deutsch-Irischen Gesellschaft Würzburg. Unvergeßlich ist, wie nach dem Festgottesdienst der damalige Weihbischof Bauer im Festzelt mit dem Lied vom Reibekuchen Deutsche und Iren zum Singen brachte, einschließlich des Bischofs und des Primas von Irland.
Mullagh, eine 1.600 Einwohner-Gemeinde, liegt im County Cavan, nur acht Meilen von Kells mit seinem bekannten Hochkreuz und Rund-Tower entfernt. Mullagh, 80 km nordwestlich der Hauptstadt Dublin, erlebte zwischen 2006 und 2022 einen großen Bevölkerungszuwachs, v.a. durch die neue M3 nach Dublin.

„Aras Chillian“ ist der Name des St. Kilian’s Heritage Centre in Mullagh in gälischer Sprache, eingeweiht am 7. Mai 1995 von der damaligen Staatspräsidentin Mary Robinson. Das Kilianszentrum ist sichtbarer Ausdruck für über 1300 Jahre Beziehungen zwischen Franken und Irland. Es erinnert an das gemeinsame christliche und europäische Erbe. Es ist ein einzigartiges Zentrum, das umfassend Leben und Einfluß des Frankenapostels Kilian darstellt.
Kilian, wie überliefert, 640 in Mullaghs Vorort Cloughbally geboren, brach in der Tradition der Wandermönche mit seinen Gefährten Kolonat und Totnan um 686 zum Kontinent auf und missionierte in Franken. Zu den ersten Bekehrten gehörte Graf Gosbert. Kilian verurteilte dessen Ehe mit Gailana, der Witwe seines Bruders. Aus Rache ließ Gailana 689 Kilian, Kolonat und Totnan ermorden. Seither gelten die drei Mönche aus Irland als Frankenapostel, zu deren Ehren alljährlich am 8. Juli das Kilianifest zu Würzburg gefeiert wird. Unter anderem wird dabei ein Schrein mit den Häuptern der Mönche von St. Burkard in feierlicher Prozession über die Alte Mainbrücke zum Dom getragen.
Die Ausstellung im St. Kilian‘s Heritage Centre in Mullagh beginnt mit einem Film, der St. Kilian und sein Wirken, das Martyrium und die darauffolgende Verehrung zeigt. Zu den Exponaten gehören Fotos und Karten sowie Repliken von Kunstwerken aus Franken, voran die Kopie des Elfenbeinreliefs des Kilians-Evangeliars, entstanden um 600. Dazu der Abguß eines einfachen frühen irischen Radkreuzes aus der Rhön, eine Nachbildung der Kiliansfahne der Schlacht bei Bergtheim (13. Jh.), Figuren von Kilian, dargestellt als Bischof und Szenen des Reliquienschreins der Krypta unter Neumünster. Vor dem Zentrum steht die Nachbildung des Kiliansreliefs aus dem Kreuzgang von Neumünster in Würzburg. 2014 wurde das Zentrum um einen Local History Room erweitert.

Volle Unterstützung für das Kilians-Projekt in Irland aus der Diözese Würzburg

Das Heritage-Zentrum in Mullagh errichtete das St. Kilian’s Committee in Mullagh mit Unterstützung des International Fund for Ireland, bedeutende Hilfe kam aus der Diözese Würzburg, organisiert vom damaligen Finanzdirektor Dr. Adolf Bauer, der Dombaumeister Jürgen Schädel (für die Bauplanung) und den Kunstreferenten des Bistums Dr. Jürgen Lenssen ins Boot holte, so daß im Frühjahr 1993 der erste Spatenstich erfolgen konnte.
Werner Häußner, damals Leiter der Pressestelle des Bischöflichen Ordinariats (POW) und seit 1975 Irland-Freund und Kenner, hat entscheidende Etappen des Projekts miterlebt. Anläßlich des 30jährigen Jubiläums des St. Kilian’s Heritage Centre in Mullagh 2025 blickt Werner Häußner zurück: „Adolf Bauer hat damals sofort erkannt, welches Potential in der Idee eines Kilianszentrums in Irland steckt. Ihm ist es zu verdanken, daß die Diözese Würzburg mit 200000 D-Mark rund 40 Prozent der Gesamtkosten beisteuerte und mit 42 teils hochrangigen Exponaten den Löwenanteil der Ausstellung zur Verfügung stellte.“

Entscheidend war ein Besuch in Mullagh am 10. November 1990, wie Häußner berichtet: „Der damalige Pfarrer von Mullagh, Patrick Morris, lud Bauer und Häußner ins Pfarrhaus ein. Die unvergessene Haushälterin Cissy Tighe servierte Tee, Sandwiches und selbstgebackene Scones. Und dann rückte nach einer Zeit freundlichen small talks Pfarrer Morris mit seiner Idee heraus: In Mullagh sollte die Erinnerung an Kilian besser als bisher gepflegt werden. Ein ‚Heritage Centre‘ sollte dieses geistig-geistliche Erbe dokumentieren und der Bevölkerung bewußt machen. Und es sollte ein Ankerpunkt sein für die Besucher, die aus Würzburg nach Irland kommen, um die Spuren der Frankenapostel zu suchen.
Schon auf der Rückreise war Adolf Bauer von dieser Idee infiziert. Obwohl es in Mullagh weder Geld noch irgendwelche Dokumente oder Erinnerungsstücke an Kilian gab. Nur ein Glasfenster in der Filialkirche St. Mary‘s in Cross erinnerte damals an den irischen Missionar. Und auf dem Friedhof stand ein Ogham-Stein aus dem frühen Mittelalter.“

Statue des jungen Kilian vor der Pfarrkirche
Die Kirche von Mullagh, erbaut 1858 im viktorianisch neo-gotischen Stil, ist St. Kilian geweiht, liegt leicht abseits an der Straße nach Virginia. Vor der Kirche eine Statue des Hl. Kilian aus Kalkstein, geschaffen von Bildhauer Pater Henry Flanagan (Juni 1989). Sie zeigt den jungen Kilian, gekleidet als irischer Missionsmönch, mit langem Umhang und Kapuze. Das Haar bis auf die keltische Tonsur rasiert, den traditionellen Bücherranzen trägt er über der Schulter, in der Hand hat er den kurzen Hirtenstab eines Abtes.
Belegt ist, daß Kilian Schutzpatron der Gemeinde Mullagh war, in der Zeit vor der Unterdrückung des irischen Katholizismus (penal days). Kilians Name blieb durch das Brauchtum erhalten: Alljährlich am 8. Juli wird mit Gebet, Tanz und Musik ein Festtag an seiner heiligen Quelle in Cloughballybeg gefeiert. Der Festtag hat die offizielle Abschaffung im frühen 19. Jahrhundert überlebt, der Brauch, an der Quelle zu beten, hat sich bis heute erhalten.
Wie lebendig das Erbe der drei Iren ist, die vor über 1300 Jahren nach Franken gekommen sind, konnte man Anfang Oktober 2024 in ihrer Heimat erleben. Über 100 Unterfranken, darunter Bischof Dr. Franz Jung und Generalvikar Dr. Jürgen Vorndran, waren dabei. Die Häupter der Frankenapostel kehrten für drei Tage nach Irland zurück, mit Stationen in Maynooth, Mullagh, Cross und Cavan. Über zehn Jahre hatten die Iren das Domkapitel in Würzburg gebeten, den Schrein mit den Reliquien der drei Iren in einer Art Wallfahrt zurück in ihre Heimat zu bringen. Lange Vorbereitungen waren nötig, um es möglich zu machen. Einer der treibenden Kräfte in Mullagh war der Bestatter Shane Paul O’Reilly, für den Transfer des Schreins trug sein Fahrzeug das Kennzeichen „Kilian 2024“. Viele der 1 600 Einwohner von Mullagh säumten den zwei Kilometer langen Weg von der Kiliansquelle bis zur Kirche. Deutsche und Iren trugen abwechselnd den Schrein mit den Häuptern der Frankenapostel. Father Paul Prior, Pfarrer von Mullagh, freute sich über die Heimkehr eines „Sohnes der Gemeinde“, Schüler der St. Kilian’s School hatten sich lange mit dem Thema beschäftigt und stellten den Weg der drei Iren nach Franken im Schattenspiel nach. Zwei Tage strömten Gläubige in die Pfarrkirche von Mullagh, um die Reliquien, das Erbe der Missionare zu verehren, wie ein Film des Medienhauses der Diözese Würzburg anschaulich belegt.


