„Blitzstrahl vom Himmel“ – Jean Pauls Lichtblicke
Am 21.3.1763 erblickte Johann Paul Friedrich Richter das Licht dieser Welt. In seinem zweiten Lebensjahr wurde sein Vater von Wunsiedel nach Joditz auf eine neue Pfarrstelle berufen. Als 13-jähriger kam er nach Schwarzenbach und bald nach Hof an der Saale. Nach langen Jahren in Leipzig, wieder Hof, Weimar, Berlin und Meiningen ließ er sich erst in Coburg und schließlich in Bayreuth nieder, wo er am 14.11.1825 verstarb. Anläßlich seines ersten großen Erfolgs mit dem Roman „Die unsichtbare Loge“ nahm er den Künstlernamen Jean Paul an.
Text: Reinhard Heinritz | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Schreiben war alles für diesen Autor. „Keiner“, erklärt Helmut Pfotenhauer in seiner umfangreichen Biografie, „hat so wenig gelebt, um so viel schreiben zu können“: 11000 gedruckte Seiten, 4000 Seiten Briefe und ein Nachlaß von 40000 Seiten. Bereits der Schwarzenbacher Schüler hat Exzerpthefte angelegt, um seine Lesefrüchte zu sammeln, und er führte sie sein ganzes Leben fort. Die Gelehrsamkeit seiner Zeit wollte er stets zur Verfügung haben. Aus diesem Fundus konnte er schöpfen, wenn er seine erzählenden Werke mit Begriffen und Ideen versah. Entscheidend war für ihn der Impuls, sich ein Leben zu erschreiben, da es ihm in Schriftform am ehesten faßbar erschien. So konnte die Phantasie den Ereignissen vorauslaufen. Aber auch das Vergangene muß erst verschriftlicht werden, um sinnhafte Gestalt anzunehmen. So schreibt Jean Paul über seine Zeit in Joditz in seiner Selberlebensbeschreibung über sich in der Er-Form: „Ein gewöhnliches Schloß und Pfarrhaus möchten das Bedeutendste von Gebäuden da sein. (…) Und doch ist das Dörfchen für einen Professor der eigenen Geschichte noch wichtiger als die Stadt der Geburt, weil er in ihm das Wichtigste, nämlich die Knabenolympiaden verlebte.“ (1772) Zur Dorfidylle gehören Knabenspiele, und sie schienen, wenn man dem Autor folgt, recht unbeschwert gewesen zu sein.
Der erste Kuß
In den Joditzer Jahren klingt jedoch ein ernstes Thema an, das den Schriftsteller zeitlebens begleitet. Es ist die Frage nach dem „Ich“ im Angesicht des Todes. In der Selberlebensbeschreibung wird die „Geburt meines Selbstbewußtseins“ mit Nachdruck vergegenwärtigt: „An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Hausthüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht ich bin ein Ich wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich vor und seitdem leuchtend stehen blieb: da hatte mein Ich zum ersten male sich selber gesehen und auf ewig.“ Um diese Erfahrung der Nichtigkeit kreisen viele Werke Jean Pauls. Es ist das Nervenzentrum seines Schreibens. Am 15. November 1790 hält Jean Paul fest: „Wichtigster Abend meines Lebens: denn ich empfand den Gedanken des Todes, daß es schlechterdings kein Unterschied ist ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe, daß alle Pläne und alles mir davonschwindet und daß ich die armen Menschen lieben soll, die sobald mit ihrem bißchen Leben niedersinken – der Gedanke ging bis zur Gleichgültigkeit an allen Geschäften.“ Daß diese Nichtigkeit eines Gegenpols bedarf, versteht sich von selbst. Es ist die Menschenliebe in ihren diversen Formen, die das Ich in höhere Regionen hinaufhebt. Man denke an den ersten Kuß, den der Schwarzenbacher Schüler einem „himmlischen Wesen“ namens Katharina gibt.

Satirische Attacken auf die Weimarer Klassik

In den „hohen“ Gestalten der großen Romane wird das Thema literarisch entfaltet. Die erhabene Liebe verbindet sich oft mit dem Gedanken der Unsterblichkeit, mit dem sich Jean Paul bis in die Spätzeit beschäftigt.
Ein anderes Lebensthema kommt ins Spiel: die Ständegesellschaft mit ihren Barrieren zwischen Bürgertum und Aristokratie. Jean Paul, mit einer Frau bürgerlicher Herkunft verheiratet, hat soziale Gegensätze immer wieder bearbeitet und poetisch überhöht. So ist es in seiner Erzählwelt ohne weiteres vorstellbar, daß sich Personen standesübergreifend lieben und am Ende glücklich verbinden – so im Roman „Hesperus oder 45 Hundposttage“. Als Autor wollte Jean Paul freilich selbst in der höheren Gesellschaft bestehen und anerkannt sein. In Weimar bewegte er sich auf großem literarischem Parkett, war mit Herder befreundet, spielte kraftvoll auf dem Piano der Frau von Stein und besuchte Goethe, den er als „kalt“ empfand. Er legte sich literarisch mit ihm an, worauf er in dessen „Xenien“ prompt als provinziell abqualifiziert wurde. Später revanchierte er sich mit satirischen Attacken auf die Weimarer Klassik, gestand sich aber auch seine Bewunderung, ja sogar Ehrfurcht vor dem Dichterfürsten ein. So erfüllte es ihn mit Stolz, als Goethe in späteren Jahren eines seiner Bücher („Levana“) mit größtem Lob bedachte. Dieses Lob habe ihn an den „Himmel voriger alter Weimars-Zeit“ erinnert und die Düsternis seines mittlerweile „ausgestorbenen Dichterhimmels“ aufgehellt (an Karl Ludwig Knebel aus Bayreuth, 17.5.1814).

Das Lachen ist himmelwärts gerichtet
Doch zurück zu Jean Pauls Lebenswegen, die keineswegs geradlinig verliefen. Nach Aufenthalten in Berlin und Meiningen gelangte er, im Alter von 40 Jahren und längst ein hochangesehener und erfolgreicher Dichter, in eine kleine Stadt an der Itz, wo er „von Hof und Welt mehr gelernt als sonst in 10 Jahren“: Für keinen anderen Ort würde er „das an Büchern, Paradiesen, Menschen, Verhältnisse reiche Coburg“ hingeben, schreibt er an seinen engen Freund Emanuel Osmund. Jean Paul wandert täglich zu einem Gartenhäuschen auf den Adamiberg, wo er an den „Flegeljahren“ sowie an der „Vorschule der Ästhetik“ arbeitete. Dort findet sich u.a. eine Theorie des Humors, die mit dem heutigen Begriffsinhalt allerdings wenig zu tun hat. Es ist eine philosophische Haltung, wonach das Endliche und Alltägliche in den Blick genommen wird, um es im Kontrast mit dem Unendlichen als gering und unbedeutend zu erachten. Sie löst eine Art von sanftmütiger, versöhnlicher Komik aus. Das Lachen ist sozusagen himmelwärts gerichtet – so wie der „Vogel Merops, welcher zwar dem Himmel den Schwanz zukehrt, aber doch in dieser Richtung in den Himmel auffliegt“. Das Komische ist zweitrangig gegenüber dem Erhabenen. Dieser Humor hat eine idyllische und eine satirische Seite, und beides ist nicht voneinander zu trennen.

Kuriose Romanwelt
Idyllen finden sich bei Jean Paul immer wieder. „Flachsenfingen“ und „Hukelum“ im „Quintus Fixlein“ wären zu nennen oder auch „Auenthal“ im „Schulmeisterlein Wuz“. Hier mag die eigene Kindheitsidylle eine Rolle gespielt haben. Und so werden gelegentlich oberfränkische Lokalitäten erwähnt, aber nur als Versatzstücke in einem weiten Erzählkosmos. Die Erzählung „Des Rektors Florian Fälbels“ und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg ist in einer Kopfwelt angesiedelt, und wenn eine Romanfigur namens „Jean Paul“ in „Bindlach“ und nach „Hof“ unterwegs ist, so handelt es sich allemal um ein ironisches Fiktionsspiel. Die Ortsnamen bezeichnen nur jene beengende Realität, die es durch den Aufstieg in höhere Gefilde zu überwinden gilt. Diese haben ihre eigenen, klangvollen Bezeichnungen. In dem Romankoloß „Titan“ stößt man auf die gewöhnlichen Fürstentümer „Hohenfließ“ und „Haarhaar“. Ein Gegengewicht ist die idealische Insel Isola Bella im Lago Maggiore, die der Autor nach poetischem Gutdünken romantisiert hat. Dem gegenüber gibt es im „Siebenkäs“ das „Schloß Fantaisie“, diesem „ersten Himmel um Bayreuth“, so die überschwengliche Formulierung. Das Schloß mit seinem Park hat Jean Pauls Imagination zu zwei berühmten Szenen im „Siebenkäs“ beflügelt, zu einem Zeitpunkt, als er die Anlage selbst noch gar nicht gesehen hatte. Der vollständige Romantitel bezeichnet die Gegensätzlichkeit dieser kuriosen Romanwelt: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken „Kuhschnappel“.

Metaphysische Betrachtungen
Am Ende finden wir Jean Paul in Bayreuth wieder. Dort sollte Jean Paul die letzten vierzehn Jahre seines Lebens verbringen. Wieder sucht er sich ein Schreib-Refugium, denn die Gegenwart seiner inzwischen fünfköpfigen Familie muß ihn beim Arbeiten gestört haben. Es ist die berühmte „Rollwenzelei“ vor den Toren der Stadt – ein Gasthaus an der Straße zur Eremitage, wo er eine Stube im Obergeschoß nutzen konnte. Zahlreiche Schriften unterschiedlicher Art sind in dieser Schreibidylle entstanden, unterstützt durch den reichlichen Genuß von Wein und Bier, der jedoch arbeitstechnisch bewußt dosiert wurde.
Jean Pauls letztes Werk trägt den Titel „Selina oder über die Unsterblichkeit“. Es sind fiktive „Reisegespräche“ und metaphysische Betrachtungen, die sich an den wechselnden Szenerien der Landschaft entzünden. Täler und Höhen gleiten vorüber und erwecken die Vorstellung, daß die „blumige Erde sich an den gestirnten Himmel“ anschließt. So berühren sich Philosophie und Poesie auch in diesem Spätwerk. Die letzten Jahre des Dichters waren leidvoll.
Der Tod des Sohnes Max verdüsterte sein Gemüt. Und es machen sich schwere Krankheiten bemerkbar. Grauer Star und „Brustwassersucht“, beides damals unheilbar, sollten dem Lesen, Schreiben und Leben ein Ende bereiten.


