Nürnberg und die Fastnacht
„Nemberch Ahaaa!“ - Na ja! Der Schlachtruf der Nürnberger zur Faschingszeit nimmt sich etwas kläglich aus gegen das Helau und Alaaf am Rhein. Der Nembercher mag es halt nicht so – das bunte Faschingstreiben und bezeichnet sich gern mal als Faschingsmuffel. Aber stimmt das?
Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach


Von wegen! Schaut man auf das späte Mittelalter, dann wird man erstaunt feststellen, daß gerade die Norisstadt hier ihresgleichen suchen mußte. Da sollten die Kölner mit ihrem „Zoch“ am Rosenmontag eigentlich vor Neid erblassen, ist der doch gerade mal schlappe 200 Jahre alt. Für Nürnberg hingegen ist das ausgelassene Treiben bereits seit 1449 urkundlich belegt. Hier, in der fränkischen Hochburg der Narren, steppte dereinst der sprichwörtliche Bär. Obszöne Fastnachtsspiele, spannend-spaßige Turniere, lebendig-bunte Handwerkertänze, ja ein geradezu rauschhafter Ausnahmezustand vor der bald beginnenden grauen Fastenzeit – wer hätte den Nürnbergern von damals so viel Spaß- und Feierpotential zugetraut?
Der Legende nach wurde jenes im Laufe der Zeit immer vielfältigere bunte Treiben durch ein Politikum ausgelöst. Die Metzger sollen 1348/48 sich als einzige Zunft nicht an dem Handwerkeraufstand gegen den altehrwürdigen Rat der Stadt beteiligt haben. In den damals politisch instabilen Zeiten des Reiches wollte man die Gunst der Stunde nutzen, um mehr Einfluß in der Stadtregierung zu erlangen. Die reichen etablierten Patrizierfamilien konnten jedoch den Spuk schnell zu ihren Gunsten beenden. Für ihre Treue sollen die Metzger mit dem Privileg eines eigenen Zunfttanzes belohnt worden sein.
Ganz praktisch gedacht, sind es doch die Metzger, die während der Fastenzeit wegen des Fleisch- und somit Schlachtverbots enorme Verdienstausfälle hinnehmen mußten. Vielleicht wollte man sie eher ideell und finanziell etwas entschädigen, denn die fleischlose Fastenzeit bedeutete eben für jene Zunft totale Flaute in der Kasse. Im Laufe der Zeit gesellten sich dem Kernbrauch immer mehr andere Handwerkergruppen, ja auch Patrizier hinzu. Gemeinsam konnte man nochmal „die Sau rauslassen“, bevor der Aschermittwoch Einzug hielt.



Die Glattlarve – eine scheinbar freundliche, aber unergründliche Maske

Die Fast-Nacht, das war auch die letzte Gelegenheit vor der vierzigtägigen Osterzeit, sich den Bauch nochmal ordentlich vollzuschlagen – mit Fleisch, Käse, Eiern, Milch, Schmalz, letztere Zutaten gerne in Form von süßem Fettgebäck. Alle verderblichen Lebensmittel mußten aufgebraucht werden. Schon früh war diese Völlerei von Musizieren, Tänzen und auch ersten Auftritten Maskierter begleitet. Entstanden ist schließlich das ganz besondere Brauchtum des Nürnberger Schembartlaufs. Durch die erst im Nachhinein verfaßten Bilderhandschriften, die Schembartbücher, vor allem aber auch über amtliche Quellen sind wir recht gut über Kostüme, Festwagen und Ablauf des bunten Treibens unterrichtet. So durfte die Gruppe der Schembartläufer als einzige Masken tragen. Bevorzugt wurde der Typus der sog. Glattlarve – eine scheinbar freundliche, aber unergründliche Maske – die heute noch im Schwäbisch-Alemannischen üblich ist. Für alle anderen galt hingegen ein immer strikteres Vermummungsverbot, konnte man doch unerkannt jede Menge Unfug treiben. „Das niemand mit verpundem angesicht … weder zu Faßnacht noch zu anderen zeiten geen … soll“, heißt es in einer Nürnberger Polizeiverordnung der Zeit. Auch übermäßiger Alkoholgenuß, der gerne in Raufereien und nächtlichem Lärm endete, wurde mit empfindlichen Geldstrafen geahndet.
Außerdem gab es ein striktes „Verpot von gebrauch unzimlicher leichtvertiger wort und geperden“. Also alles in allem eine obrigkeitlich gut organisierte Tollerei, voller ausgelassener Freude und tiefgründiger Symbolik. Man hatte die Nürnberger also voll im Griff!


Die Zeichnungen der Schembartbücher geben vor allem Auskunft über die Kostüme, die nicht erhalten sind, da sie am Ende der Faschingszeit, quasi als reuige Absage an die vorangegangenen Regelverstöße, verbrannt wurden. Von den Stoffmustern, den Schnitten der Hosen bis zur Form der Schuhe war man hier der gängigen Mode verpflichtet. Beliebt war auch das Mi-parti, das zweigeteilte Kostüm: eine Seite etwa gestaltet mit Würsten, die andere mit Fischen oder Sterne contra Sichel-Monde. Die Ambivalenz der Welt symbolisch veranschaulicht. Schellen an Ärmeln, Beinen und Hüften untermalten jede Bewegung ihrer Träger akustisch. Und es durfte auch „geballert“ werden. In immergrünen Sträußen trugen die Kostümierten ein ziemlich ausgeklügeltes Handfeuerwerk mit sich, das die Schaulustigen zwischendurch mit Knalleffekten unterhielt. Nach dem sensationellen Erfolg des Bestsellers „Das Narrenschiff“ (1494) von Sebastian Brant gewann die Figur des Narren für das Schembarttreiben immer mehr an Bedeutung. Ausgestattet mit Marotte, einem Narrenzepter, Eselsohrenkappe, Hahnenkamm und Schellen wurde er zu einer Schlüsselfigur der durch die gravierenden Veränderungen der Neuzeit ins Wanken geratenen Sicht auf die Welt. Er, die wandelnde Unvernunft, wurde zum Sinnbild der Gotteslästerung und -leugnung. Die närrische Gottesferne, das bedeutet letztendlich den Verlust des „ewigen Lebens“; somit werden Narr und Tod motivgeschichtlich bald zu einem Paar. Unverkennbar das „memento mori“ als Begleitmelodie aller Narretei.Das Bild des Narrenschiffes, ruder- und steuerlos auf dem Meer dem Untergang entgegentreibend, sollte 1506 auch eine Vorlage für den ab 1475 durch die engen Gassen der Stadt fahrenden Motivwagen „die Hell“, „die Hölle“, werden. Immer wieder ließ man sich neue Schreckensszenarien für diesen Wagen einfallen: Das mag zumindest der Kirche etwas entgegengekommen sein, der das ausgelassene Treiben nicht ganz geheuer war. Das Purgatorio – das reinigende Feuer für alle Sünder -, den Höllenschlund, all das sollten die „frommen Schäfchen“ in ihrer Zügellosigkeit dann doch nicht ganz aus den Augen verlieren.
Im Laufe der Jahre gab es immer mehr Zusatzveranstaltungen rund um den Schembartlauf. Der Hauptmarkt, der größte freie Platz nördlich der Alpen, bot die Gelegenheit für das sog. Gesellenstechen. Den ritterlichen Turnieren nachempfunden war das zunächst eine kleine Rebellion gegen adlige Privilegien. Ab 1387 hatten die selbstbewußten Nürnberger Patrizier mit diesen Reiterwettkämpfen ihre eigene Nobilität demonstriert. Der Schembartlauf, ein guter Rahmen, um diese „verkehrte Welt“, die sich sowieso schon in Auflösung befand, zu attackieren. Hinter der Maske des lustigen Treibens verbarg sich also durchaus auch der Drang nach Macht und Prestige.
Der Schembartlauf als immaterielles Kulturerbe?

1525 hatte in Nürnberg flächendeckend die Reformation Einzug gehalten. Die zutiefst katholisch geprägte Fastenzeit – wenn auch heidnisch durchwirkt – hatte ihren Stachel verloren. 1539 war dann im wahrsten Sinne Schluß mit lustig, hatte man doch „die Hölle“ politisch mißbraucht. Der damalige Motivwagen arbeitete sich an dem Prediger von St. Lorenz, Andreas Osiander, ab. Der hatte für die Nürnberger ein etwas eigenartiges Verständnis von der lutherischen „Freiheit eines Christenmenschen“, wollte er doch u. a. die Ohrenbeichte beibehalten. Das mußte aufs Korn genommen werden, kam bei den Stadtoberen aber nicht gut an. Schwache Versuche in der Zukunft konnten letztendlich die alte Fastnacht-Tradition nicht am Leben erhalten, wenn auch gerade die Metzger das noch bis Mitte des 17. Jahrhundert versuchten. Selbst 1658 am Aschermittwoch eine 514 Kilogramm schwere und 658 Ellen lange durch die Gassen getragene Wurst konnte hier das Rad nicht zurückdrehen.

Geblieben sind einzig die Schembartbücher, die quasi im Nachgang detailgetreu über die glanzvolle Nürnberger Narrenzeit berichten. Heutzutage teuer gehandelt, gibt es weltweit noch rund hundert der kostbaren Exemplare, dreißig davon im Besitz des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Bis zum 15. Februar wird hier unter dem Titel „Fastnacht. Tanz und Spiele in Nürnberg“ in einer Sonderausstellung an diese fast 600-jährige Tradition erinnert.
Und heute? Seit rund hundert Jahren kämpfen Nürnberger Narren dagegen an, daß die „Faschings-Muffelei“ von den Nürnbergern vollends Besitz ergreift. Immerhin gibt es ein Prinzenpaar und einen „Förderverein Fastnachtszug e. V.“ Beim Gaudiwurm am Faschingssonntag und beim Kinderfasching am Rosenmontag erklingt dann das „Nürnberg Ahaaa“, immerhin wie in Mainz und Köln von reichlich Kamellen begleitet. Wenn es denn hilft?! Aber auch der Schembartlauf scheint revitalisiert zu werden. Engagierte Nürnberger besinnen sich auf die alte städtische Tradition, halten die Blütezeit der damaligen Narretei hoch, indem sie Tänze, Sackpfeifer, Musik auf alten Instrumenten aus jener Zeit pflegen. Und vielleicht schafft es die Nürnberger Schembart-Gesellschaft diese außergewöhnliche Tradition als immaterielles Kulturerbe zu etablieren.


