Ausgabe November / Dezember 2025 | Wissenschaft

Burgen zwischen Forschung und Zivil­gesellschaft

Die Kulturlandschaft ist das Produkt der Wechselwirkung von naturräumlichen Gegebenheiten und deren Transformation durch die Menschen. Dieser Prozess erzeugt einen unaufhaltsamen Wandel, der die Landschaft ebenso verändert wie die dort lebenden Menschen. Burgen spielen dabei eine besondere Rolle als die weithin sichtbaren Zeichen der Macht der einstigen Landesherren.

Text: Dr. Harald Rosmanitz | Fotos: Markus Mauritz
Erst die Grabungen brachten es ans Licht: Die Burg Wahlmich bei Waldaschaff war ursprünglich in den Ecken der Umfassungsmauer mit Bossenquadern besetzt.
Erst die Grabungen brachten es ans Licht: Die Burg Wahlmich bei Waldaschaff war ursprünglich in den Ecken der Umfassungsmauer mit Bossenquadern besetzt.

Das Archäologische Spessartprojekt e. V. (ASP) möchte die ortsansässige Bevölkerung dazu ermuntern und ihnen Wege aufzeigen, ihren kulturellen Wurzeln nachzuspüren und gleichzeitig deren Charakter zumindest in Teilen zu bewahren. Unsere Ziele sind:

1. Ganzheitliche Erforschung der Kulturlandschaft im Kleinen wie im Großen,
2. Vermittlung der Ergebnisse an die Bevölkerung vor Ort,
3. Nachhaltigkeit durch Vernetzung.

Eines der Schwerpunktprojekte unserer Arbeit ist die archäologische Erforschung und Inwertsetzung von Burgen in Unterfranken. Vorbild hierfür war die aus Großbritannien kommende Idee des „Communal Dig“. Dabei werden archäologische Grabungen mit Bürgern vor Ort durchgeführt. Sie sollen so für die weit zurückreichende Historie vor Ort sensibilisiert und zu Botschaftern für die kulturellen Schätze ihres unmittelbaren Lebensumfelds gemacht werden.

Neben der Kenntlichmachung als Geschichtszeugnis und der allgemeinverständlichen Vermittlung der bei den Grabungen gewonnenen Erkenntnisse geht es darum, das Bodendenkmal sowohl in der real existierenden Landschaft als auch in den Köpfen der Einheimischen zu platzieren. Parallel dazu werden vor Ort tätige Aktive angeleitet und gefördert, um damit die nachhaltige Pflege und den Schutz zu gewährleisten.

Bei der Beschäftigung mit Burgen fällt schnell auf, dass die Bevölkerung seit der Zeit der Burgenromantik eine unterschwellige, für einen Außenstehenden schwer nachvollziehbare Verbindung mit den „magischen“ Orten ihrer näheren Umgebung eingegangen ist. Bereits in Kindheit und Jugend ist hier ein für die persönliche Entwicklung nicht zu unterschätzender Rückzugsort greifbar. Er erhält seinen zusätzlichen Reiz durch die sich um die Gemäuer rankenden Sagen. Diese werden gerne gelesen und in anderer Form bis heute fortgeschrieben. Ohne die „Faszination Burg“ im Sinne eines festen Erfahrungsbestandteils der eigenen Vita ließe sich das seit Jahrzehnten unvermindert erkennbare Interesse am Mittelalter und das bürgerschaftliche Engagement im Rahmen der Erforschung solcher Anlagen nur ungenügend erklären.

Ein kurios anmutendes Beispiel für die mentale Beziehung zu einer Burg ist der Schlüssel von der Ketzelburg. Berichten zufolge will im Jahre 1860 der Haibacher Konrad Roth auf der Ketzelburg einen hochmittelalterlichen Schlüssel gefunden haben. Heute wird dieser Fund in der Gemeinde Haibach aufbewahrt. Der vergleichsweise große, aus Eisenblech ­geschmiedete Drehschlüssel hat einen hohlen Schaft und einen zweifach eingekerbten Bart. Dieser Schlüs-seltyp gehört zu einem Schubriegelschloss, das in Unterfranken vom 11. bis ins 14. Jahrhundert verwendet wurde. Allerdings ist das Haibacher Exemplar etwa doppelt so groß wie andere zeitgleiche Schlüssel. Eine restauratorische Analyse des Schlüssels entlarvte den angeblichen Bodenfund als Fake aus dem 19. Jahrhundert.

Die Fälschung von der Ketzelburg könnte als amüsante Fußnote der Regionalgeschichte abgetan werde, wäre da nicht die offensichtliche Wertschätzung, die das gute Stück heute noch, lange nach seiner „Enttarnung“, bei der Bevölkerung genießt. Das führt uns vor Augen, wie eng die Menschen in Haibach mit ihrer Burg und damit auch mit ihrer Ortsgeschichte verbunden sind und wie sehr sie sich handfeste Beweise für die Existenz der mittelalterlichen Wehranlage herbeisehnen.

Stolz auf das Geleistete – die Grabungsmannschaft vor der Burg Hausenstein im Kahlgrund.
Stolz auf das Geleistete – die Grabungsmannschaft vor der Burg Hausenstein im Kahlgrund.

Vielschichtiges Forschungsprojekt

Vor dem Hintergrund dieser emotionalen Bindung erfolgt die Einbeziehung der ortsansässigen Bevölkerung von Anfang an. Gemeinsam mit dem Archäologisches Spessartprojekt als Mediator zwischen Eigentümer-, Kommunal- und Denk­malpflegeinteressen kommt es zu einem oft mehrjährigen Findungsprozess. Das bereits zu diesem Zeitpunkt in den Medien kommunizierte Verfahren führt in den meisten Fällen zur Bildung einer Arbeitsgemeinschaft, von der alle weiteren Schritte in Angriff genommen werden. Zivilgesellschaftliche Maßnahmen mit möglichst viel Eigenverantwortung und -engagement sind dabei fester Bestandteil.

Der Einsatz von freiwilligen Helfern auf allen unseren Grabungen hat sich zu keinem Zeitpunkt negativ auf die Qualität der Freilegungsarbeiten und der Dokumentation ausgewirkt. Neben der Präsenz von drei Archäologen ist dieser Umstand der Tatsache zu verdanken, dass archäologisch ungeschulte „Neulinge“ von Beginn der Grabung mit Helfern im Einsatz sind, die bereits anderenorts bei Ausgrabungen mitgearbeitet haben.

Wiederverwendung anno dazumal – das steinzeitliches Steingerät war auf der Burg Wahlmich als Blitzschutz, als „Donnerkeil“, im Dachgebälk eingebaut.
Wiederverwendung anno dazumal – das steinzeitliches Steingerät war auf der Burg Wahlmich als Blitzschutz, als „Donnerkeil“, im Dachgebälk eingebaut.

Ein zukunftsfähiges Modell

Das ehrenamtliche Engagement endet nicht mit dem Abschluss der Grabungen. Es findet seine Fortsetzung in der Aufbereitung der Funde, der Sichtbarmachung und -haltung der Befunde vor Ort, einem Besucherleitsystem und der „Bespielung“ des Bodendenkmals. Idealerweise steht am Ende eines solchen Prozesses die Einrichtung eines archäologischen Parks.

So wurde beispielsweise in Kleinwallstadt das gesamte Areal des hochmittelalterlichen „Alten Schlosses“ aus der forstlichen Bewirtschaftung genommen und damit dem Fortschreiten der Erosion und der Zerstörung der Erdwälle durch Holzerntemaschinen Einhalt geboten. In Kleinwallstadt sorgen die 2012 rekonstruierten Fundamente der Ringmauer dafür, dass die Anlage nun als wichtiger Teil der Corporate Identity der ortsansässigen Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes permanent begriffen werden kann. Eine parkartige Gestaltung lädt nicht nur individuelle Besucher zum Verweilen ein. Längst wird der Charme der Burganlage als Austragungsort für regionale Kulturveranstaltungen rege in Anspruch genommen.

Um ein Optimum an Sorgfalt beim Umgang mit der Ruine und der inhaltlichen Korrektheit der Darstellung zu gewährleisten, steht das Archäologische Spessartprojekt auch in der Folge den nun fest etablierten Arbeitsgemeinschaften beratend zur Seite. So etwas braucht viel Zeit und greift weit über die meist kurzfristigen Fördermaßnahmen hinaus. Basis bildet eine nicht objektgebundene Unterstützung im Falle des Archäologischen Spessartprojekts durch die Förderung durch die Kulturstiftung des Bezirk Unterfranken.

Durch die intensive Arbeit vieler unterschiedlicher Menschen bei den Grabungen und bei den Folgemaßnahmen hat sich auch unser Bild von der Landschaft, unsere Idee von Landschaftsforschung und von den Zielen eines guten Landschaftsmanagements verändert. Für uns ist Landschaft nur im Dialog mit den Menschen in der Landschaft zu erforschen, zu erfahren und zu verstehen.

Engagierte Freiwillige bilden das Rückgrat eines solchen Unterfangens. Sie haben im Einklang mit den denkmalpflegerischen Vorgaben bislang jedes unserer Grabungsprojekte auf Spessartburgen von Anfang an mitgestaltet und entscheidend geprägt.

Vom Waldstück zum Monument: Das „Alte Schloss“ bei Kleinwallstadt nach Freilegung und Sanierung der Reste der Umfassungsmauer.
Vom Waldstück zum Monument: Das „Alte Schloss“ bei Kleinwallstadt nach Freilegung und Sanierung der Reste der Umfassungsmauer.

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