Frankens grüne Oase
Im Landkeis Forchheim, am Eingang zur Fränkischen Schweiz, prägen sogenannte „Wässerwiesen“ weite Teile der Landschaft: Das ausgeklügelte Bewässerungssystem, das zur UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes zählt, hat hier jahrhundertealte Tradition. In Zeiten fortschreitenden Klimawandels ist diese alte Kulturtechnik zeitgemäßer denn je.
Text: Sabine Raithel | Fotos: Roland Lindacher (Landratsamt Forchheim)

Highnoon“ bei den Störchen. Gut fünfzig dieser großen Vögel stehen geradezu in Reih und Glied nebeneinander, staksen mit ihren langen Beinen mal da, mal dort hin und genießen dabei einen reich gedeckten Tisch. Ein bißchen wirkt das wie in einem dieser japanischen „Running Sushi“-Restaurants, bei denen die Speisen auf einem rundlaufenden Fließband angeboten werden. Nur hier schwappen zahllose Mäuse, Frösche, Fische und andere Leckerbissen direkt vor Adebars großen Schnabel. Da heißt es einfach, nur blitzschnell zugreifen. Für die Landwirte der Forchheimer Wässerwiesen sind die Reihen von Störchen ein untrüglicher Wasserstands-Indikator: Wo es für sie etwas zu futtern gibt, da rieselt das Wasser bereits gut fünf bis zehn Zentimeter hoch über das Gelände. „Die Wässerwiesen sind ein lebendiges Beispiel für ein ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch. Sie sind Quelle regionaler Identität und kultureller Erinnerung, Wegweiser für nachhaltiges Handeln, und sie bieten existentielle Grundlagen für Mensch, Tier- und Pflanzenwelt“, ist Dr. Roland Lindacher überzeugt. Der promovierte Biologe ist am Landratsamt Forchheim verantwortlich für das 2017 ins Leben gerufene Projekt „Traditionelle Bewässerung im Forchheimer Land – Strategien zum Erhalt des Nutzens für Natur und Mensch“, kurz Wässerwiesen-Projekt. Finanziert wird es im wesentlichen durch den Bayerischen Naturschutzfond, die Oberfrankenstiftung, den Landkreis Forchheim und die beteiligten Gemeinden.
Wässerwiesen gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Das Flußgebiet rund um Rednitz, Pegnitz und Wiesent sowie in deren Seitentälern ist eines der ältesten Verbreitungsgebiete im fränkischen Raum. Einen ersten schriftlichen Nachweis für das Wiesenttal gibt es aus dem Hochmittelalter: ein Wässerbrief aus dem Pfarrarchiv Pretzfeld aus dem Jahr 1437. Das Wasser der Flüsse half den Bauern, den zumeist sandigen, wasserdurchlässigen und nährstoffarmen Boden urbar zu machen. Über Jahrhunderte entwickelten sie ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, mit dem sie ihr Land fruchtbar machten und das ihnen reiche Ernten bescherte. Sie nutzten hierfür das natürliche Gefälle der Landschaft, bauten ein klug durchdachtes, geometrisches Netz an Erdgräben, größere Stauanlagen, sogenannte „Wehre“ und kleinere „Schütze“. Über dieses System wird bis heute das Wasser vom Fluß auf die Flächen geleitet – energieneutral, nur mit Hilfe von Schwer- und Fließkraft. Bei der hier gängigsten Bewässerungsmethode, der Staugraben-Rieselung, wird durch punktuelles Absperren der Gräben das Wasser angestaut und die benachbarten Flächen zeitweilig überrieselt. Inmitten eines der größten zusammenhängenden Trockengebiete Bayerns ist so ein bundesweit bedeutsames Feuchtgebiet entstanden.

Ein Generationenpakt
Das Wissen rund um das Wässern, rund um den Bau, die Pflege und die korrekte Handhabung der Anlagen, das wird in den Familien von Generation zu Generation weitergegeben. Damit es bei der Verteilung des Wassers gerecht zugeht, haben sich in den 1930er Jahren Wassergenossenschaften gegründet. Auf dem Projektgebiet mit insgesamt 2 000 Hektar Fläche gibt es heute zehn aktive Genossenschaften mit 383 Mitgliedern, die eine Fläche von ca. 360 Hektar bewirtschaften. An der Spitze jeder Genossenschaft steht ein sogenannter Erster Bauherr und ein Wässerer. Die Mitgliedschaft in einer dieser Genossenschaften wird vererbt.
Wässersaison ist vom 1. Mai bis 15. September. Der Wässerer – der eine hoheitliche Aufgabe erfüllt und u.a. dafür verantwortlich ist, daß alle Landwirte gleichermaßen gerecht mit Wasser versorgt werden – hat dann die meiste Arbeit. Es ist in vielerlei Hinsicht ein Ehrenamt. Ein anspruchsvolles dazu.
Aber nicht nur das Wissen rund um die Bewirtschaftung der Wässerwiesen ist wichtig. „Grundvoraussetzung für das Wässern ist das erteilte Wasserrecht – es ist ein ebenso kostbares Gut wie das Wasser selbst. Und dieses Wasserrecht wird nur erteilt, solange die Landwirte noch aktiv wässern“, weiß Dr. Lindacher. „Einer von vielen Gründen, warum diese Kulturtechnik erhalten werden muß.“
Die positiven Effekte des Wässerns sind vielfältig: So steigert es die Erträge: Statt wie üblich ein- bis zweimal, können die Landwirte in den Wässerwiesen ihre Flächen vier- bis fünfmal im Jahr mähen und haben so jede Menge frisches Futter für ihre Tiere. Das Wasser mit seinen Schwebstoffen düngt die Wiesen auf natürliche Art. Dr. Roland Lindacher: „Die Ableitung des Wassers aus Bächen und Flüssen auf die Wiesen puffert zudem Hochwasser-Ereignisse im Frühjahr oder nach Starkregen. Die Versickerung auf großer Fläche fördert die Neubildung von Grundwasser. Während der Passage durch die Bodenschichten wird das Oberflächenwasser gefiltert und sorgt dafür, daß mehr sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht. Das zeigt sich u.a. darin, daß kurz nach Beginn der Wässerung der Trinkwasserpegel der Stadt Forchheim, in der ‚Zweng‘, ansteigt.“

Faszinierende Artenvielfalt
Mit der Bewässerung entstand ein faszinierender und besonders vielfältiger Lebensraum. An den Rändern der Gräben finden sich Mädesüß, Blutweiderich und andere Sumpfpflanzen. Die Gräben sind zudem Kinderstuben für Molche, Frösche und Kröten sowie für Sumpfschnecken. Hier tummeln sich Libellen und seltene Schmetterlingsarten wie der Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Die Wässerwiesen sind ein Dorado für Wiesenvögel – auch für seltene Arten. Insbesondere die auf wechselfeuchte Wiesen spezialisierten Arten finden hier einen reich gedeckten Tisch. Noch häufig anzutreffen sind hier der Wachtelkönig und das Braunkehlchen. Dr. Lindacher hofft, daß das so bleibt – oder sich sogar verschwundene Arten wieder ansiedeln. Doch dafür muß die traditionelle Bewässerungstechnik und das Grünland mit seinen Gräben und feuchten Mulden erhalten bleiben.
Dr. Roland Lindacher: „Von dieser einzigartigen Landschaft profitieren wir alle. Das Wässern verwandelt die nährstoffarmen Böden des mittelfränkischen Beckens in eine grüne, artenreiche und ökologisch wertvolle Wiesenlandschaft. Landwirte, die die Mühen dieser alten Kulturtechnik auf sich nehmen, brauchen unsere Unterstützung.“
Die Wässerwiesen sind ein kostbares Naherholungsgebiet im Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen, ein Anziehungspunkt für Naturliebhaber und -entdecker. Darauf einzahlen soll eine App, die spannende Informationen rund um die Wässerwiesen liefert. „Mit dieser App wird die ‚WunderWelt WässerWiesen’ zum Erlebnis“, so Dr. Roland Lindacher. So lassen sich Tagestouren planen und viel Wissenswertes rund um Natur, Geschichte und Technik abrufen. Mittels „Augmented Reality“ können interessierte Entdecker des „Lehrpfads Wässerwiesen“ demnächst sogar die Arbeit der Wässerer an den Wehren zumindest virtuell miterleben.

