Wir bräuchten mehr Persönlichkeiten wie Hedy Epstein

Im Mai 1939 war es ihren Eltern noch gelungen die damals 14jährige Hedy Epstein mit einem Kindertransport, wie sie vom November 1938 bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 stattfinden konnten, aus Deutschland heraus ins sichere England zu schicken. Hedy Epstein gehörte zu den etwa 10 000 jüdischen und „nicht-arischen“ Mädchen und Jungen bis zu einem Alter von 17 Jahren, die so den nationalsozialistischen Vernichtungslagern entkamen und von denen die allermeisten ihre Eltern nie mehr wiedersahen. Auch Hedy Epsteins Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Wenige Jahre später, 1946, gehört die inzwischen 22jährige Frau zum Team der amerikanischen Anklagebehörde in einem der zwölf Nachfolgeprozesse der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Aufgrund ihrer guten Deutschkenntnisse – sie war am 15. August 1924 in Freiburg geboren – ist sie beauftragt, Beweismittel zu recherchieren und für die Untersuchungskommission bereitzustellen. Sie mußte – zumeist in Berlin – für den Prozeß gegen 19 Ärzte und einer Ärztin (NS-Ärzteprozeß) Dokumente sichten, die belegten, daß die Angeklagten in den Konzentrationslagern unmenschliche, eigentlich unbeschreibliche, „medizinische“ Experimente an Inhaftierten durchgeführt hatten. Verbrechen, von denen Hedy Epstein bis zu diesem Zeitpunkt nichts gewußt hatte und die sie nun ihr Leben lang nicht mehr vergessen sollte.

NbgerProzesse

Hedy Epstein auf einer Pressekonferenz anläßlich der Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse am 20. November 2010 in Nürnberg.

Hedy Epstein ist eine der Zeitzeuginnen, die zur Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse im späten November 2010 in die Franken-Metropole gekommen sind. Die kleine, fast zerbrechlich wirkende, fein alte Dame, zu diesem Zeitpunkt 86 Jahre alt, hält keine großen Reden, fällt in dem Trubel fast nicht auf, antwortet allerhöchstens, wenn sie von Journalisten gefragt wird. Aber Sie ist hellwach, einfach eine zutiefst beeindruckende Persönlichkeit. Sie betrachtet sichtlich angespannt die Bilder der Ausstellung. Schließlich entdeckt sie auf einem der Bilder Herta Oberheuser, die für ihre Menschenversuche im Konzentrationslager Ravensbrück angeklagte Ärztin, die Hedy Epstein noch Jahre später den Schlaf raubte. Mit nun leuchtenden, vermutlich den Tränen nahen Augen bekennt Hedy Epstein, daß es sie mit Genugtuung erfüllt, dieses Bild hier zu sehen. Damals, im Gerichtssaal, erzählt sie, sei es ihr schlecht geworden, als Herta Oberheuser sich damit zu rechtfertigen versuchte, daß „polnische Frauen ohnehin hätten sterben müssen“. Herta Oberheuser hatte für ihre Versuche in erster Linie junge Polinnen ausgesucht, die aus politischen Gründen inhaftiert waren. Den Opfern wurden Fäulniserreger, Glas und Holzsplitter in Wunden eingebracht, die ihnen Ärzte zuvor eigens zugefügt hatten und die Verletzungen durch Bombensplitter imitieren sollten. Herta Oberheuser wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, aber bereits nach fünf Jahren entlassen. Kurz danach ließ sie sich im Kreis Segebrecht als Ärztin nieder. Erst aufgrund internationaler Proteste wurde ihr 1958 die Approbation durch das Kieler Innenministerium entzogen. Soweit sich Hedy Epstein erinnert, arbeitete Oberheuser dann in der Küche eines Krankenhauses. Hedy Epstein lebte damals bereits seit zehn Jahren in den USA und arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzlei. Sie engagierte sich nun für Opfer von Diskrimierung und für die Rechte rassistisch ausgegrenzter Menschen.

In den 1970er Jahren betreute sie Vietnamkriegsdeserteure. Seit 2003 reiste sie mehrfach in die Westbank, um sich für die Rechte der Palästinenser einzusetzen. Noch Ende 2009, 85jährig, beteiligte sie sich mit etwa 1 400 Aktivisten aus aller Welt am „Gaza Freedom March“ und trat in Ägypten in den Hungerstreik, da den Aktivisten die Einreise über Rafah in den Gazastreifen verweigert wurde. Am 19. August 2014 konnte man wieder einmal von Hedy Epstein hören. Gemeinsam mit einer Gruppe weiterer Demonstranten protestierte sie in St. Louis/USA gegen die Entsendung der Nationalgarde seitens des Gouverneurs von Missouri, Jay Nixon, in die nahegelegene Kleinstadt Ferguson, wo vor kurzem der schwarze Teenager Michael Brown von einem Polizisten erschossen worden war. Die inzwischen 90jährige hielt ein Rede gegen Polizeigewalt und versperrte mit acht Mitstreitern den Eingang des Regierungsgebäudes. Auf Videoaufnahmen, so berichtet laut Spiegel-online das Wochenmagazin „The Nation“ online, sieht man wie die Demonstranten von der Polizei abgeführt werden, wobei allen, auch Hedy Epstein, mit Kabelbindern die Hände auf den Rücken gefesselt wurden. Inzwischen sind sie wieder auf freien Fuß und dennoch …!

Hedy Epstein lebt seit Jahren in St. Louis. 2001 gründete sie hier ein weltweites Frauennetzwerk, das sich gegen Kriege und Gewalt engagiert. „Ich mache das hier, seit ich ein Teenager bin“, soll Epstein bei ihrer Abführung über ihren Einsatz gesagt haben, „aber ich hätte nicht gedacht, daß das noch nötig wäre, wenn ich 90 bin“. Wenige Tage später gehört Hedy Epstein zu einer Gruppe von rund 330 Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen aus den USA und Europa, die mit einer großen Anzeige in der New York Times gegen das militärische Vorgehen Israels demonstrieren. Die Unterzeichner prangern den Militäreinsatz in Gaza als “Massaker an den Palästinensern” an.

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