Schwarz-weißes Phantom auf dem Vormarsch

Die Waschbär-Population in Franken wächst, Hochburg ist derzeit der Landkreis Aschaffenburg. Die Kleinbären breiten sich von Hessen kommend Richtung Süden aus. Zur Plage entwickeln sich dieTiere, wenn sie sich wie in Kassel in der Stadt ansiedeln. Im Naturschutzgebiet Lange Rhön ist der Waschbär inzwischen nach dem Fuchs Hauptfeind Nummer zwei der extrem seltenen Birkhühner.

Keine Frage, putzig sehen Waschbären aus. Doch die possierlichen Tierchen mit den dunklen Knopfaugen und der markanten Gesichtszeichnung entwickeln sich in Teilen Mainfrankens zunehmend zur Plage. Zum einen sind sie sehr anpassungsfähig und siedeln sich auch in Wohngebieten an. Hier entpuppen sie sich schnell als Störenfried, denn weder Essensabfälle noch Dachböden sind vor ihnen sicher. Zum anderen blicken vor allem Jäger mit Sorge auf den Populationsanstieg in der Region, denn: Die kleinen Räuber fressen fast alles, vor allem plündern sie Vogelnester.
Bis vor wenigen Jahren war der Waschbär in Mainfranken kein Thema. Doch erobert der Kleinbär nun von Norden her den Freistaat Bayern. Waschbären-Hochburg ist dabei der Landkreis Aschaffenburg, dicht gefolgt von Bad Kissingen, Main-Spessart und Rhön-Grabfeld. Als Grundlage für die statistische Erhebung dienen die Streckenzahlen des Bayerischen Jagdverbandes. Demnach wurden allein im Landkreis Aschaffenburg im Jagdjahr 2012/2013 347 Tiere erlegt.

Waschbären sollten die heimische Tierwelt bereichern

Daß es sich jedoch um ein hellwaches Bürschchen handelt, sieht man sofort.

Daß es sich jedoch um ein hellwaches Bürschchen handelt, sieht man sofort.

Wie aber gelangte der Kleinbär ins Frankenland? Der Geo-Ökologe Kai Frobel, Artenschutzreferent beim Bund Naturschutz in Nürnberg, blickt dafür Jahrzehnte zurück. Tatsächlich stammt der Allesfresser eigentlich aus Nordamerika, dort ist er von Kanada bis Panama auf dem gesamten Kontinent anzutreffen. Möglicherweise wurden erste Paare bereits 1927 ausgebürgert, mit Sicherheit geschah dies aber im Jahr 1934 am Edersee in Hessen. Forstmeister Wilhelm Freiherr Sittich von Berlepsch wollte damals mit zwei WaschbärPaaren die heimische Tierwelt bereichern. Seinerzeit kein unübliches Unterfangen: Schon um 1900 wurden zum Beispiel auch Mufflons aus Sardinien und Korsika als zusätzliches Parkund Jagdwild in Deutschland angesiedelt.

Und noch ein zweites Ereignis sollte den Vormarsch der Waschbären hierzulande fördern: In den Kriegswirren im Jahr 1945 büxten bei Strausberg in Brandenburg etwa zwei Dutzend Tiere nach einem Bombentreffer aus einer Pelztierfarm aus. Von dort, aber eben auch von Hessen aus, begannen sich die Tiere in Deutschland auszubreiten. Im Fränkischen sind Waschbären letztendlich nicht neu. Bereits 1977 wurden laut Frobel erste Tiere in Lohr am Main erlegt – jetzt allerdings beobachten Experten eine offenkundige Ausbreitung von Hessen aus in Richtung Süden.

Daß ihnen dies so gut gelingt, liegt laut Frobel vor allem an zwei Punkten: Erstens sind die Kleinbären extrem anpassungsfähig und fühlen sich in Wald, Feld und Flur wohl. Selbst urbane Gebiete taugen als Lebensraum – im hessischen Kassel leben Schätzungen zufolge 50 bis 150 Tiere pro Quadratmeter. Zweitens bewegen sich Waschbären am Boden sehr sicher, sind aber zugleich begabte Kletterer. „Dadurch konnten sie eine eigene ökologische Nische erobern, die in der Form weder der Fuchs noch der Marder benötigt“, sagt Frobel. Hinzu kommt: Ohne Bären und Wölfe hat der Waschbär hierzulande kaum natürliche Feinde.
Die Konsequenz: „Um andere Tierarten zu schützen, müssen wir ihn bejagen“, sagt Christian Lintow, Berufsjäger im Naturschutzgebiet Lange Rhön. Er weiß wovon er spricht, denn die Wildland Stiftung Bayern des Bayerischen Jagdverbandes versucht dort, die letzte außeralpine Birkwildpopulation in Süddeutschland zu erhalten. Eigentlich eine Charakterart in der Rhön, waren die gezählten Bestände im Jahr 2007 jedoch auf neun Hähne und fünf Hennen geschrumpft. Auch um für frischen genetischen Wind zu sorgen, wurden im Jahr 2011 elf schwedische Birkhühner in die Rhön umgesiedelt. Populationen gibt es ansonsten in Deutschland lediglich noch in den Alpen und in der Lüneburger Heide.

Der relativ harmlose Allesfresser jagt nicht aktiv, sondern frißt, was ihm vor die Schnauze kommt

Was aber hat das Birkhuhn mit den Waschbären zu tun? Im Naturschutzgebiet Lange Rhön werden Füchse, Waschbären, Marder & Co. mittels Lebendfallen gefangen, um die Vögel, ihre Gelege und den Nachwuchs vor Räubern zu schützen. Und hier bereitet Berufsjäger Lintow der Waschbär zunehmend Sorge. Als der 29jährige seine Arbeit bei der Wildland Stiftung im Jahr 2011 antrat, tappten pro Jahr zwei oder drei Waschbären in die Fallen. Im aktuellen Jagdjahr sind es seit 1. April 2014 bereits 33. Damit nimmt der Waschbär nach dem Fuchs inzwischen Platz zwei unter den LangeRhön-Räubern ein. Ein Problem laut Lintow vor allem auch, weil der Waschbär am Boden jagt und klettert – damit sind vor ihm weder Gelege in den Bäumen noch auf dem Boden sicher.

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Im Tierpark in Hof an der Saale kann man Waschbären gut beobachten.

In dem Zusammenhang ein Blick auf das Freßverhalten des Kleinbären: Kai Frobel beschreibt ihn als einen relativ harmlosen Allesfresser, der nicht aktiv jagt, sondern frißt, was ihm vor die Schnauze kommt. 33 Prozent der Waschbär-Nahrung bestehen laut dem Geo-Ökologen im Schnitt aus Vegetarischem wie Getreide, Gemüse und Obst. Zu 40 Prozent ernährt er sich von Würmern, Käfern und anderen Insekten. Zu 27 Prozent frißt er Wirbeltiere wie Frösche, Mäuse, Ratten oder auch einmal Küken. „Dem Waschbär wird gelegentlich angedichtet, er jage Niederwild wie Fasanen oder Rebhühner. Das ist so nicht belegt“, sagt Frobel. Die dramatischen Rückgänge der Rebhühner seien vielmehr menschengemacht und lägen an der intensiven Landschaftsnutzung. Der Ökologe beschreibt die Tiere als Anpassungskünstler und aus biologischer Sicht weitgehend harmlose Gesellen.

Aus Sicht des Tierschutzes für sehr fraglich hält der Ökologe, daß Waschbären theoretisch ganzjährig bejagt werden dürfen. Der Grund: Es handelt sich um keine heimische Tierart. Das heißt unterm Strich: Selbst, wenn Waschbären den eigenen Nachwuchs aufziehen, herrscht keine Schonzeit. Wer verantwortungsvoll handelt, jage in dieser Zeit trotzdem nicht, betont Christian Lintow. Die Fallen im Naturschutzgebiet Lange Rhön würden in dieser Zeit abgebaut. Tatsächlich ist sogar fraglich, ob Abschüsse die Tierbestände wirklich minimieren. In der deutschen Waschbären-Hochburg Kassel hatte man die Kleinbären drastisch bejagt, in der Nachbarstadt Bad Karlshafen mit ähnlichen Beständen indes nicht. Die Dichte an Tieren blieb jedoch in den beiden Kommunen nahezu identisch. Experten gehen inzwischen davon aus, daß die Weibchen – abhängig von den Populationsbeständen – häufiger, bzw. seltener trächtig werden.

Die Kleinbären sind schlau und verhalten sich unauffällig

Übrigens werden Waschbären inzwischen auch in fränkischen Siedlungsgebieten vermehrt gesichtet. Zehn, zwölf Mal sei er im vergangenen Jahr wegen besorgter Anrufe ausgerückt, sagt Lintow, und fügt hinzu: „Waschbären sehen putzig aus, aber nur solange sie sich nicht auf dem eigenen Dachboden einnisten.“ Die Schwierigkeit in der Stadt ist: Diese gilt als befriedeter Bezirk, das heißt, es darf nicht gejagt werden. Im Ernstfall hält der Jäger Absprache mit der Kommune oder dem Landkreis und holt die Erlaubnis ein, Fallen aufzustellen.

Auch Kai Frobel warnt: Ganz egal, wie putzig die Tiere aussehen, sollte man sie auf keinen Fall anfüttern und zum Haustier machen. Zum einen handelt sich’s nun einmal um ein Wildtier – und das soll so bleiben. Zum anderen verlieren Waschbären rasch jede Scheu und können recht aufdringlich werden. Hinzu kommt: Die Kleinbären sind schlau und schaffen’s auch, Mülltonnen zu öffnen. Mancher Hesse verschließt deshalb seinen Abfallbehälter laut Frobel inzwischen mit einem Spanngurt. Gewarnt seien zudem Katzenbesitzer: Waschbär klettern wohl auch durch Katzenklappen.
Das Erstaunliche ist: Obwohl die Population wächst, sind auch im Raum Aschaffenburg die wenigsten Einwohner bis dato tatsächlich einem Waschbären begegnet – schlichtweg, weil der Allesfresser zum einen nachtaktiv ist, und sich zum anderen extrem unauffällig verhält. Kai Frobel spricht von „einem kleinen, schwarzweißen Phantom in unseren Wäldern“. Einem Phantom, das in Franken weiter auf dem Vormarsch ist und auch vor Siedlungen nicht Halt macht.

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