Liebe Leserin, lieber Leser

umschlag07082018Man sollte sich in diesen Tagen in Gaststätten und Cafés besser nicht an Tische setzen, an denen schon jemand sitzt. Sieht man nämlich nur halbwegs intelligent aus, wird man selbst von Wildfremden unweigerlich in ein Gespräch über den Zustand der Welt verwickelt. Meist geht es darum, daß man sie einfach nicht mehr verstehe, die Welt. Als wäre das jemals der Fall gewesen. Aber jetzt ist es besonders. Schnell wird einem nun bewußt, daß es mehr vernünftige Menschen gibt, als man für möglich hielt; allerdings eben doch nicht genug, sonst hätte man an dem Tisch ja keinen Platz gefunden. Und nun? Sagt man nichts, wird man für dumm (oder zumindest für ideologisch anrüchig) gehalten. Sagt man etwas, zerstreut man (frei nach dem Ehemann der „Eisernen Lady“) jeden Zweifel?
Pro SPD ist ziemlich unverfänglich. Die haben keine Position, zumindest keine sichtbare. Oder sie haben eine, getrauen sich aber nicht, sie den Menschen zuzumuten. Etwa in punkto Asyl. Dabei müßte unbedingt jemand den Menschen sagen, daß wir Europäer aufgrund einer jahrhundertelangen Kolonialpolitik (die wir mit verfeinerten Mitteln ja immer noch betreiben), moralisch aufgerufen sind, den Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, wirklich nachhaltig und ernsthaft zu helfen. Integrieren ist übrigens auf Dauer gar keine Lösung. Gut: Wir könnten uns integrieren. Vielleicht wäre es besser, wenn wir von unserem, auf gewiß etwas zweifelhafte Weise, erworbenen Reichtum ein angemessenes Stück abgäben. Wir sollten die von uns in der sogenannten Dritten Welt zerstörten sozialen und ökologischen (um nur die wichtigsten Bereiche anzusprechen) Systeme, so gut es eben geht, wiederherstellen. Wir können natürlich auch die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen oder sie von unseren Grenzen mit Waffengewalt vertreiben. Nur könnten es bald so viele werden, daß wir …
Ach, lassen wir das! Die intelligentesten unter unseren Politikern und Staatsbeamten werden mit ihren Kollegen aus Österreich, Ungarn und Polen schon das Richtige tun. Grenze dicht, Zaun rum, Licht aus oder so. Notfalls kann man die Hälfte von denen, die rein wollen, als Wachposten engagieren, um die andere Hälfte aufzuhalten.
Nun, offensichtlich glauben wirklich viele, daß das so ginge. Noch dazu, wenn man sich auch untereinander nur darin einig ist, daß man selbst besser ist, als alle anderen. Und was ist eigentlich, wenn der Streit so heftig wird, daß Worte einfach nicht mehr reichen?
Jetzt entlassen wir Sie in die Lektüre unserer neuen Ausgabe. In einem gewissen Sinne führen wir lieber vor Augen, was eigentlich auf dem Spiel steht.

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


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