Liebe Leserin, lieber Leser

coverDie Sonne lacht. (Das Weiße am Himmel sind ihre Zähne, keine Kondenzstreifen.) Alles sprießt und blüht und grünt. Es gibt Nachwuchs bei den Royals, den Kardashians und selbst bei uns im Haus. Das Mehr an Licht in Frühjahr und Sommer sorgt dafür, daß mehr Serotonin, Noradrenalin und andere Wohlfühlhormone im Gehirn produziert werden. Das fördert den Antrieb, gibt uns mehr Lebensfreude. Behauptet jedenfalls eine Gesundheitspostille. Und – wir wollen sie nicht vergessen – mitunter lindert es sogar das Leid jener, denen es nicht gut geht.
Wir müssen uns vielleicht damit abfinden, daß – wie Franz Kafka einst feststellte – die Welt nur die schlechte Laune Gottes ist. Deshalb bleibt den meisten Menschen in ihrem Leben, drücken wir es etwas pathetisch aus: das Licht versagt, anderen zu helfen. Doch seien wir nicht zu kleinlich: Es gibt auch Menschen, denen geht es so gut, daß es uns sogar leid tut, daß sie uns leid tun müssen, und wir, also wir alle, der Staat, die Gesellschaft, können ihnen auch noch helfen. Die Wohlstandsverwahrlosung, im Fachjargon Affluenza, wird nämlich bald als Erkrankung anerkannt und wird etwa jugendlichen Straftätern aus den entsprechenden Kreisen (oder auch großen Steuersündern?) bei Gericht strafmindernd zugute gehalten. Schon gut! Bisher vor allem in Amerika; aber das kommt.
Womöglich sollten wir das sogar begrüßen. Was ist denn, wenn die durch den Wohlstand beförderte, moralische Verderbtheit, gut: graduell unterschiedlich, uns längst alle erfaßt hat? Reden wir mal gar nicht von den gegenseitigen Beschimpfungen im Straßen- und im Datenverkehr, lassen wir auch den am religiösen Symbol entbrannten Bürgerkrieg beiseite. Mein Gott, er braucht halt mindestens 50 Prozent, andere haben die doch auch! Wobei freilich noch nicht klar ist, ob das Kruzifix nicht über die Flugeigenschaften eines Bumerangs verfügt.
Quälen wir uns nicht länger! Das Bestechende an der Affluenza ist ja gerade, daß wir selbst unsere moralische Verderbtheit nicht bemerken. Darauf weisen uns die anderen hin. Nicht die Eiferer, eher vernünftige Therapeuten, untadelige Geistliche, bedächtige Philosophen, weise Männer und Frauen. Im schlimmsten Falle aber erfahren wir es erst aus der Geschichte. Sie müssen sich jedoch nicht unbedingt mit solchen schrägen Gedanken herumschlagen, Sie können sich auch einfach zurücklehnen und unsere neue Ausgabe genießen.

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


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