Editorial von Wolf-Dietrich Weißbach | Ausgabe September / Oktober 2020

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Inzwischen hat wohl jeder einen lieben Nachbarn, einen, den man bisher für halbwegs vernünftig hielt und der einen neuerdings mit Erkenntnissen verblüfft, die man auch in Zukunft noch nicht wahrhaben wollte. Man traut sich gar nicht, Beispiele anzuführen, vor lauter Angst, es könnte etwas klebenbleiben. Aber da jeder einen Nachbarn hat, sind es vermutlich mehr als die 30 000 in Berlin – nur graduell halt etwas abgestuft. Was uns an den Dramatiker Heiner Müller denken läßt; ihm wird der Ausspruch zugedacht: „Natürlich sind zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche.“ Zunächst hielt man das für ein bissiges Bonmot über ein Theaterpublikum, das sein Stück nicht verstanden hat. Jetzt stellt sich heraus, daß er wohl das ganze Volk gemeint haben könnte. Verrechnet man das nun mit den Demon­stranten von Berlin, sollten einen die … Aussagen sind es im strengen Sinne ja keine, die Lautklecksereien eigentlich nicht mehr verwundern. Hilft aber nicht! Zumal man inzwischen weiß, daß Verschwörungsphantasten für keinerlei Argumente empfänglich sind. Und jetzt ist die knifflige Frage: Kann man dagegen etwas tun?

Ideen hat niemand. Sich über sie lustig machen, verhärtet die Fronten. Und dann gibt es da soziologische Theorien, die einen noch mehr Angst machen können. Was ist, wenn Populismus und Verschwörungstheorien wirklich zuallererst Diskurseffekte sind? So wie sich an Stammtischen, in Talkshows und überhaupt in Demokratien, wenn es in den zugehörigen Diskursen keine mäßigenden Regeln gibt, immer das jeweils dümmste Argument durchsetzt. Selbst wenn die Gesprächsteilnehmer nicht unbedingt die Dümmsten sind, läuft das Gespräch Gefahr, daß vor allem das virtuelle Ergebnis sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einnordet. Jedenfalls immer dann, wenn es nicht strukturiert ist, wenn nicht Anstand, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Fairness und andere Tugenden der Gesprächsführung, sei es stillschweigend vorausgesetzt oder gar explizit, vereinbart werden können. Was bedeutet, daß unsere freiheitliche Gesellschaft der ideale Nährboden für all den Irrsinn ist. Und das wissen wir ja immer schon. Und da wir die Freiheit nicht aufgeben wollen, müssen wir eben immer damit rechnen, daß die Irren die Macht übernehmen, womöglich gewählt werden. Jetzt kann man sich‘s kaum verkneifen: Und das nur, weil etwa Medien und Politik und Wirtschaft unübersehbar aus eigensüchtigen Interessen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung oft nicht gerecht werden (wollen). Gegenwärtig wird dies besonders deutlich: Die Politik sorgt sich in der Pandemie beispielsweise mehr um Vergnügen der Masse als, was soll‘s: um anspruchsvolle Medien. Genießen Sie also, was Sie gerade in Händen halten!




Alle Artikel der Ausgabe September / Oktober 2020:

- Stadt ohne Juden- Ein Lebenstraum liegt in Asche- Das Grüne nach oben- Vom Erhalten und Bewahren!- Abgetaucht- Regionaler ­Austausch mal anders- 100 Jahre Coburg bei Bayern- Der ­Olivenflüsterer- Goodbye Mais – Hello ­Veitshöchheimer Hanfmix!

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