Kultur ist was man daraus macht.

Plädoyer gegen Nepotismus und Kulturförderung und für eine neue städtische Kulturpolitik.

Die Choreographie war diesmal gediegener. Der Vorstand des Berufsverbandes der Bildenden Künstler (BBK) Unterfrankens hätte ja auch einfach öffentlich mehr Geld fordern können. Also richtig mehr Geld. Doch nein, die Künstler wollen etwas dafür tun, wollen Häuser anmalen, leere Plätze mit Geräten vollstellen, Stadt und Land fürs künftige Elend verzieren. Und da der Eindruck kurz vor einer Wahl nie täuscht, können sich für edles Streben inzwischen selbst Parteien erwärmen, die einst vom Gewese der Kreativen nicht sonderlich amused waren. Diesmal aber: Völlig unbeeindruckt von einer anklagend, aber nicht arg politisch gemeinten, im Raum rumstehenden Stacheldrahtzelle („Gemeinschaftsunterkunft“), die vermutlich nur gegen heftigsten Widerstand auf das Dach des Falkenhauses (Würzburger Sehenswürdigkeit /d.Red.) geschnallt werden dürfte, waberte bestes gegenseitiges Verständnis wie eine Überdosis Sedativa im mainfränkischen Chronotopos. Christian Schuchardt (CDU), da noch Kandidat von CSU, FDP und FWG für den Würzburger OB-Sessel, und den CSU-Landtagsabgeordneten Oliver Jörg hatten die BBK-Vorderen im Winkel einer Runde platziert, um ihnen zu eröffnen, was moderne Künstler so von der Politik erwarteten.

BBK

Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt (l) und der CSU MdL Oliver Jörg mit Kunst.

Das hätte man ihnen tatsächlich auch twittern können. Ging es doch schnell nur um den Wunsch nach wieder mehr Kunst-am-Bau-Projekten in der Bischofsstadt, so wie dies in den goldenen Tagen eines OB Zeitler (1968 bis 1990 OB von Würzburg; damals SPD später REP) gewesen wäre oder eben überhaupt früher. Freilich wäre im Tweet untergegangen, daß bei dieser Gelegenheit auch gleich die Schuldigen am Siechtum der Würzburger Künstlerschaft ausgepreist wurden: Ein Baureferent, der sich vor Farbe fürchtet, ein Kulturreferent, dem ein nett gestaltetes Kulturbulletin Kunstförderung satt ist, Stadtväter schließlich, denen schon von der Lüftlmalerei im Ratssaal kirre wird. Schlimmer kann es in den Augen der anwesenden Künstlerschaft vermutlich nicht mehr kommen.
Wie es gehen könnte, werde hingegen in der Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Hochbauamt (SHB) deutlich, das im Projektfall die BBK-Auguren anhalte, unter den Mitgliedern eine schmale Auswahl extrem geeigneter Künstler zu küren, die dann vom SHB zum Wettstreit geladen würden. Ein Procedere, das bei intaktem Gerechtigkeitsempfinden einen Shitstorm auslöste. Freilich nicht in dieser Kommunität, gehört es doch zum Dünkel des Verbandes, überhaupt nur als Künstler anzusehen (und insofern berechtigt, staatliche Segnungen anzunehmen), wer Mitglied ist, und darüber hinaus, den Verdacht, daß Fortuna ein Faible für Kulturkünstler habe, vorsorglich mit deren kreativer Geschmeidigkeit zu erhärten, schließlich könnte man selbst irgendwann in den magischen Kreis schlittern.

Gelder sind durchaus mal vorhanden

Einmal mehr hat man an diesem Abend also eine der wenigen Gelegenheiten vertan, gemeinsam, Künstler und offensichtlich zugängliche Politiker, genau dort, wo es wehtut, in der Kommune, eine Diskussion darüber anzustoßen, wie Kunst- und Kulturförderung, bzw. Kulturpolitik überhaupt zu verändern ist, um in der kaum mehr aufzuklärenden kulturellen Finsternis wenigstens ein paar Irrlichter zu zünden. Was mit dreien städtischen Kunstwettbewerben mehr, selbst wenn sie Matthias Engert oder Jürgen Hochmuth und nicht etwa Matthias Braun oder Dierk Berthel – allesamt namhafte Würzburger Künstler und gewichtige BBK-Mitglieder – gewännen, höchstens alphabetisch gelänge.

BBK

Würzburgs BBK-Vorsitzender Dirk Berthel (l) bei der Diskussion mit OB und Landtagsabgeordneten.

Gilt die Sorge der Artistenzunft nun allein einer umzuleitenden Allokation – Gelder sind im Ernstfall, so Schuchardt, durchaus mal vorhanden -, was dann jedoch nicht den Künstlern allesamt zugutekommt, sondern gottlob nur die bereits begünstigten Künstler begünstigt, fällt es politischen Kulturverwesern auch kaum schwer, sich unverbindlich dafür zu verwenden. Gleich gar, wenn sie – jedenfalls hat man an diesem Abend den Eindruck – geschmäcklerisch in einer Liga spielen. Oliver Jörg (er kann sogar ungestraft von „Staatskunst“ sprechen) etwa wünscht sich Bauten, die man auch in 100 Jahren noch vorzeigen könnte, was hier synchron wie auf einem Veteranentreffen benickt wird und den MdL mit offenem Visier zu der Klage anspornt, daß er zwar an der Bewilligung von einschlägigen Projekten beteiligt, bei der konkreten Verwendung von Mitteln (z.B. hinsichtlich Gestaltung) aber nichts mitzureden habe. Den gut gemeinten Eifer in allen Ehren, aber das ist auch gut so. Halten wir es lieber mit Theodor Heuss, der einst anmerkte, daß man mit Politik nicht Kultur, aber vielleicht mit Kultur Politik machen könne. Geradezu grotesk, wenn fünf Dekaden später schöpferische Drohnen, weil sie Nektar wittern (oder ähnlich anrüchiges), die Geschmackshoheit in die Hände – möglicherweise nur anderen – von Legislative und Exekutive geben bzw. belassen möchten, wenn nur die Blüten nicht nur in Musikerhänden dahinwelken.
Sie mögen es nicht wahrhaben, aber die Misere ihrer Kunst ist keine Züchtung der Herbipolis, verdankt sich auch mitnichten der unstillbaren Sangeslust, der Vorliebe im Kulturamt für Musik; auch ob Fassaden aus Stahl und Glas schlecht zu bemalen sind, Balthasars Wannen besser geschnitzt würden, die Kunstmehle – zaghafter Ansatz eines Skulpturenweges am Mainufer, benannt nach dem ersten Künstler, der hier eine Arbeit abstellte, Herbert Mehler – ohne Sponsor irgendwann versandet oder am gegenüberliegenden Ufer eine proliferierte Gemme (zur Skulptur aufgeblasene Arbeit eines Goldschmiedes) für Flammenschein sorgt, ist in jeder nur denkbaren Hinsicht unerheblich. Und wenn man sich obendrein zu der Prätention bekennt, es ginge doch um die Wahrung letzter Möglichkeiten der Existenzsicherung von professionellen Künstlern, sollten vielleicht im selben Atemzug Lehrer, Professoren und überhaupt jene, die ohne Not ihre Haupteinnahmen aus anderer Tätigkeit beziehen (im Gegensatz zu jenen, die Taxi fahren oder Kellnern müssen), ausgeschlossen werden.

Hafensömmer ästhetisch aufladen

Dennoch: Die BBK-interne Durchleuchtung beispielsweise jenes oft beklagten Transparenzdefizits wäre als kommunikationsfördernde Verbandshygiene sicher hilfreich, hülfe allerdings auch nicht, wo es nicht gelingt, dem vollmündigen Bürger deutlich zu machen, daß und wofür KünstlerInnen oder besser: Kunst tatsächlich noch gebraucht wird. Davon abgesehen, daß dies die allermeisten Vertreter der Zunft selbst nicht wissen, gibt es überhaupt zu viele (bundesweit sind es 62542 im Jahr 2013 laut Künstlersozialkasse), und zu viele, die auf zu viel unterschiedliche Arten keinerlei „diskursiven Mehrheit“ erzeugen und dies im besten Falle als ästhetisches Surplus „kultivieren“. Die Kunst hat aber, sofern sie nicht nur als formalistische Allmachtsphantasie, ohne befragbaren Bezug zu Mensch und Gesellschaft verstanden wird, ein Legitimationsproblem. Jenseits der Skrupellosigkeit – um wahllos einige herauszugreifen: von Damian Hirst, Jonathan Meese bis Gunther von Hagens – hat sie das schon immer. Neu ist nur: Es fehlen ihr überall dort, wo es nicht um das ganz große Geschäft geht, inzwischen Lehrer, Journalisten, Zuhälter, Anwälte, Galeristen, Adepten, Liebhaber kurz: all die, die aus unterschiedlichsten Antrieben diese Legitimationen geleistet, kanonisiert, verteidigt und geglaubt haben, die überzeugt waren, daß die Kunst (im Verein mit Literatur, Musik u.s.f.) gerade auch jenseits der Kapitalanlage wesentliche Konstituente von Kultur (für Adorno sowieso nur „der Deckel auf dem Müll“), vor allem der Hochkultur sei. Dem ist aber nicht mehr so. Etwas überspitzt ausgedrückt: In einer vergnügungssüchtigen Beutegemeinschaft fällt die Kunst gerne korrupter „Gleichberechtigung“ zum Opfer. Sinnlösungen, also das, was uns nicht aus dem Fenster springen läßt und immer als spezifische Leistung von Kunst angesehen wurde, werden inzwischen von Dschungelcamps, Gesichtsbüchern und dem Pizza-Service geliefert. Und ob solche Verhältnisse jemals im Sinne einer vertretbaren, keineswegs notwendig moralinsaueren oder reglementierten Kunst geändert werden können, sei dahin gestellt und ist vielleicht auch nur unter ohnehin nicht verwirklichbaren Bedingungen wünschenswert. Nur wenn es nicht, womöglich in konzertierter Aktion von Kreativen und überhaupt an mit Verstand und Menschlichkeit getränkter Kultur noch Interessierten (in Würzburg sind dies kaum mehr als 1500 bis 2000 Seelen, die sich die Möblierung verschiedener Kulturveranstaltung untereinander aufteilen, weshalb man da stets das gleiche, bereits etwas ergraute Personal antrifft), wenn es nicht versucht wird, dann sollten auch die noch verbliebenen Eisenbeißer, Anstreicher, Poetessen schnellstmöglich auf die Fertigung und Beschriftung gargantuesker Einkaufstüten für Lebensmittelmärkte, phantasiegetreuer Riesenechsen für Freizeitparks oder bald nachgefragter Laubbaumimitationen und Gehirnprothesen umschulen. Ein Lernprozeß, den ja schon so mancher Figurist absolviert hat und heute dadurch zumindest gut lebt. Mit „Kulturkunst“, also einer kaum Kultur bestimmenden, aber von einer am kurzlebigen Trend, am Gag orientierten, zeitgenössischen Kultur bestimmten Kunst, lassen sich inzwischen nicht nur Events und Hafensömmer ästhetisch aufladen, sondern eben auch Kunst-am-Bau-Wettbewerbe heimholen. Vielleicht verklärt dies etwas die, den meisten bildenden Künstlern nicht mehr zu nehmende Erfahrung schwindender gesellschaftlicher Bedeutung ihrer Arbeit; und verschleiert womöglich obendrein einige Merkwürdigkeiten. Etwas! Aber nicht wirklich.

Angsttriebe

Merkwürdig – zumindest auf den ersten Blick – ist, daß das Existenzrecht von Kunst über alle Zweifel erhaben ist. Merkwürdig ist ferner, daß trotz, von unzähligen KunsthistorikerInnen für Vernissagen (etwa in Würzburg) abgegriffenen Kriterien guter Kunst, in den Metropolen der Welt immer noch astronomische Summen für einzelne Werke gezahlt werden. Merkwürdig ist auch die oft synonyme Verwendung der Begriffe Kunst und Kultur; vermutlich zwecks wechselseitiger Überhöhung, freilich verlangt das heftige Gepoche auf Kultur weniger Expertise.
Kultur hat jedenfalls Konjunktur, ist das schlechthin Unwidersprechbare. Ob dies nun daran liegt, wie der Medientheoretiker Siegfried J. Schmidt (Kalte Faszination. Göttingen 2000) ausführt, daß es eine gesellschaftliche Entwicklung der „Dominanz von Materialitäten hin zu einer Dominanz von Wissen“ gebe, bei der nach der forcierten Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien „jetzt diejenigen Ressourcen entscheidend werden, die als semantische Programme die formale wie inhaltliche Nutzung und Bewertung dieser Technologien steuern, oder ob – um es bildlich auszudrücken – wie bei den Tannen, kurz bevor sie absterben, noch einmal besonders viele Zapfen austreiben, muß hier gar nicht behandelt werden. Kultur ist, daran will Kulturstaatsministerin Monika Grütters jedenfalls keine Zweifel aufkommen lassen, „zuallererst ein Wert an sich“, was immer das heißen mag. Allerdings läßt dies endlich die Frage stellen, warum man dieses hohe Gut, das so mancher gar als Staatsziel in die Verfassung sperren möchte, warum man Kultur dem Spiel – „frei“ wäre hier euphemistisch – der Kräfte bzw. einem Markt überläßt, der nicht unbedingt den besten Leumund hat?

BBK

Würzburger Künstler – nicht alle!

Wir schicken die Raucher nach draußen, gehen zur Krebsvorsorge in den Computertomographen, filtern Feinstaub, Dieselpartikel, Spam, Asylbewerber, kreieren farbige Engel, manchmal auch welche, die wir – in guter christlicher Tradition – wieder verstossen, erfinden Umweltsiegel, Textilsiegel, Reinheits-, Qualitäts- und Freiheitssiegel aller Art, zertifizieren Produktionsbedingungen, erzwingen (na ja!) Mindestlöhne, Frauenquoten, Datenschutz, regulieren irgendwann Bankgeschäfte und bestrafen Steuersünder, und all dies, weil es praktisch keinen Lebensbereich mehr gibt, nicht einmal fiktiv, in dem wir nicht ständig Schäden für unsere Gesundheit, unser Zusammenleben oder auch bloß unserem Wohlstand verursacht durch Fahrlässigkeit, Skrupellosigkeit und in zunehmendem Maße durch kriminelle Machenschaften anderer erwarten. Leider ist auch dies Kultur und vielleicht sogar die, mit der wir uns ein für allemal abfinden sollten. Nur ist es eben nicht die Kultur, die sogar im landläufigen Sinne unsere Handlungsorientierungen bereitstellt, die auf Bildung und Werten beruht, von der wir uns zumindest wünschen, sie sei mit ihren Leuchttürmen, dem Guten, Wahren und Schönen, die für uns maßgebliche Kultur, in der wir schwimmen, uns aalen wie in einer Nährlösung. Möglicherweise verhindert solches Wunschdenken sogar, daß wir all den eher virtuellen Kulturleistungen, Umtrieben in den Medien, im Internet, die sich eigenen könnten die Nährlösung zu verderben, nicht einmal mit regulativen Ideen begegnen.

Kulturparlament und Kulturdatenbank

Natürlich können und sollen die Freiheit der Kunst oder gar die Meinungsfreiheit nicht bzw. möglichst wenig eingeschränkt werden und zwar selbst dann, wenn aus blankem Profitinteresse „Kulturgüter“ geschaffen werden, die zumindest in Summe Kultur offensichtlich überhaupt infrage stellen. Das meint journalistische Meisterleistungen, sogar in den sogenannten anspruchsvollen Medien (seitenweise Mitleidsfeature über einen kriminellen Wurstfabrikanten gehören hierzu ebenso wie eine ausufernde Berichterstattung über das Ende von „Wetten, daß …, um nur relativ frischen und sogar noch relativ harmlosen Schwachsinn zu bemühen), die uns wegen des großen Leserinteresses als vorbildlich, notwendig, berichtenswert verkauft werden, geht über Medienformate, die sich ganz bewußt und offen an niedrigste Bedürfnisse von Zuschauern wenden und reicht bis zur Feststellung eines Scheiterns von Kulturpolitik überhaupt. Letzteres soll gar nicht mit einer Bildungsmisere, einer sowieso nur schwer nachzuweisenden, zunehmenden Verdummung der Bevölkerung unseres Landes belegt werden; es reicht vermutlich, darauf hinzuweisen, daß seit Jahr und Tag ein ständiger Rückgang von Besuchern und Zuschauern in Museen und Theatern (abgesehen von wenigen, spektakulären Ausstellungen und Inszenierungen) beklagt wird, daß Theater schließen müssen, Museen nicht ausreichend finanziert werden können, oder – um auf die Verhältnisse vor Ort hinzuweisen – daß freie Theater, Kleinkunstbühnen einen ständig steigenden Förderbedarf anzeigen, und auch hier weder die Besucherzahlen noch die künstlerische Qualität feststellbar steigen. Kurzum: Es gäbe ausreichend Grund für eine andere Kulturpolitik, und strenggenommen sogar für ein Moratorium in Sachen Kulturförderung, und sei es nur, um zu erreichen, daß alle direkt und indirekt Betroffenen über neue Formen von Kulturförderung, von Kulturpolitik überhaupt nachdächten.
Auf kommunaler Ebene ließe sich dies jedenfalls umsetzen und um dies nicht bloß als leeres Gerede stehen zu lassen, sollen hier auch einige Vorschläge unterbreitet werden, die freilich keineswegs ausgereift sein wollen und nicht als ohne weiteres verwirklichbar angesehen werden. Sie sollen lediglich zeigen, daß man andere Möglichkeiten, andere Wege auch und gerade in der kommunalen Kulturpolitik beschreiten könnte. Man könnte z.B. ein kommunales Kulturparlament installieren, das sowohl den Städtischen Kulturausschuß als auch den Kulturbeirat und den Dachverband freier Kulturträger überflüssig machte. Statt ein Afrika-Festival unnötigerweise zu unterstützen, könnte man jedem interessierten Bürger, der sich mit einer bestimmten Anzahl von Unterstützerstimmen für eine Mitgliedschaft im Kulturparlament bewirbt, einen Betrag X für einen kleinen Wahlkampf zur Verfügung stellen. Dieses – das jüngst gefällte ZDF-Urteil des Verfassungsgerichts vor Augen – zumindest nicht direkt mit Parteien und Verbänden verbundene Kulturparlament sollte dann über kulturelle Bedürfnisse, Anliegen, Einrichtungen und Förderungen (sofern diese dezidiert legitimiert werden können) befinden und z.B. auch die Vergabe von Kunst-am-Bau demokratisch, fair, fern ab von Vetterleswirtschaft regeln.
Grundlage einer sinnvollen Arbeit einer solchen Einrichtung müßte eine städtische Kulturdatenbank sein, in der sich alle nach eigener Zuschreibung als Kulturschaffende verstehende Bürger eintragen können. Also natürlich Künstler, Dichter, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Regisseure, Wissenschaftler ebenso wie Privatgelehrte, Kulturjournalisten, Graphiker, Photographen, Kunsthandwerker, Sammler, bis hin zu nicht wegzudenkenden Besuchern von Kulturveranstaltungen, wie beispielsweise Willi Dürrnagel oder Regine Samtleben. Eine solche Datenbank, die dank moderner Computertechnik kein Problem mehr sein sollte, würde nicht zuletzt den Stadtvätern bis hin zu den Leitern von Museen und anderen einschlägigen Einrichtungen, überhaupt erst einmal einen Eindruck davon verschaffen, wovon sie reden, wenn sie von Kultur in der Stadt sprechen. Darüber hinaus hätte eine Datenbank, vor allem wenn sie von den Nutznießern in vernünftigen Abständen aktualisiert würde, also Abbildungen neuer Arbeiten, Anführung neuer Werke, Verzeichnis von Aufführungen, Neuerwerbungen usw., auch einen Informationswert (lebt Tilmann Riemenschreiber noch?) für Interessenten außerhalb von Würzburg. Man müßte auch Kulturpreise nicht an jemanden vergeben, weil einem gerade niemand anderes einfällt. Diese Datenbank sollte natürlich von der Stadt eingerichtet werden und könnte mit den Geldern finanziert werden, die mit der Privatisierung der Zeitschrift „Kulturgut“ (eine presserechtlich, kommunal- und wettbewerbsrechtlich fragwürdige Publikation eines privatwirtschaftlichen Unternehmens, die von der Stadt Würzburg nahezu vollständig finanziert wird) frei werden.

Kulturpfleger, Kultursalon und solche Sachen

Unverzichtbar wäre eine solche Datenbank auch für einen in Analogie zu Alten-, Jugend- und Heimatpfleger zu installierenden Kulturpfleger. Ein solcher Kulturpfleger, der zugleich eine Art Geschäftsführer des Kulturparlamentes sein könnte, hätte die Aufgabe sich über die Aktivitäten der in der Datenbank aufgeführten Kulturschaffenden regelmäßig zu informieren, was Besuche von Ateliers, Aufführungen, Lesungen, Ausstellungen usw. bedeuten sollte. Sinnvoll wäre in diesem Zusammenhang gelegentlich das Erstellen von kurzen Physikatsberichten über Lebensverhältnisse der Besuchten. So könnten z.B. auch ältere, für das kulturelle Leben der Stadt über viele Jahre bedeutsame Persönlichkeiten (Rita Kuhn, Schlotterbeck, Lenz) begleitet werden, rechtzeitig, wenn es keine Angehörigen gibt, deren Nachlaß zum Wohle der Kultur der Stadt und der Reputation der Betreffenden geregelt werden. Ein Kulturpfleger hätte auch dem Kulturparlament regelmäßig Bericht zu erstatten über vornehmlich freie kulturelle Einrichtungen, ihre Erfolge, ihre Defizite. Er könnte Patenschaften zwischen Kulturschaffenden und Firmen oder die Zusammenarbeit von Kulturschaffenden untereinander anregen, die sich gar nicht kennen und folglich auch keine möglichen Synergien sehen.
Eine weitere, die Kultur einer Stadt befruchtende Idee könnte die Einrichtung eines Kultursalons sein, beispielsweise in Würzburg in der Mozartschule. Analog zum Presseclub könnten in einem solchen Debattierclub regelmäßig z.B. städtisch angestellte Kulturarbeiter, von Museumsleitung über Theaterintendant, Kulturreferent, aber durchaus auch KünstlerInnen, Autoren, Musiker oder selbst Architekten, die in einer Stadt mit Bauten oder Bauvorhaben von sich reden machen, geladen werden, um über deren Arbeit zu diskutieren. Natürlich sollten in einem solchen Kultursalon grundsätzliche, kulturpolitische Themen mit kompetenten Gesprächspartnern behandelt werden.
So ein Thema könnte sein, ob es noch sinnvoll ist, die Finanzierung von Museen oder Theater mehr oder weniger direkt an das Publikumsinteresse zu binden. Schließlich könnte es heute sinnvoller sein, mit einem wohlweislich größeren Betrag als bisher die Finanzierung solcher Einrichtungen sicherzustellen (das entspräche wohl auch der bisher mehr wie bloßes Lippenbekenntnis wirkenden „großen Bedeutung von Kultur“), sie dafür eine anspruchsvollere Arbeit leisten lassen (z.B. mehr Orestie, weniger Zar und Zimmermann), dem Museum auch außergewöhnliche Ankäufe ermöglichen, und gleichzeitig die Eintrittspreise drastisch zu erhöhen – allerdings mit diskreter, sozialer Ermäßigung. Über kurz oder lang wird man nämlich nicht umhinkommen, zwischen dieser Möglichkeit oder der gänzlichen Schließung solcher Institutionen zu wählen. Aus Theater und Museen wieder in einem inhaltlichen Sinne „elitäre Einrichtungen“ zu machen, hätte zumindest gewisse Aussicht auf Erfolg, und wäre zweifellos ein Beitrag, ein neues Wertbewußtsein für künstlerische, kulturelle Leistungen zu schaffen.
Man könnte, sei es im Kultursalon, sei es im Kulturparlament ein Kulturmanifest oder sogar eine Kulturcharta erarbeiten, worin als Selbstverpflichtung kulturelle Wertvorstellungen formuliert wären, die obendrein mit einschlägigen Kulturvereinigungen in den Partnerstädten Würzburgs gemeinsam publiziert werden könnten.
Man könnte jeweils für ein Jahr einen unabhängigen Stadtschreiber anstellen, allerdings keinen Dichter, sondern einen Kulturjournalisten (natürlich auch Journalistin), der im Vollzeitjob das kulturelle Leben in der Stadt kritisch vermittelnd (also dezidiert keine PR) begleitet und seine Arbeit allen denkbaren Medien zur Verfügung stellt. Auch ein guter Photograph, ein Flaneur wäre denkbar. Man könnte, man könnte …
Kurzum: Man könnte und müßte eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um sich mit Recht Kulturstadt nennen zu dürfen. Ein paar Denkmäler und ein paar auf Zweitrangigkeit gestutzte Festivals (wir denken hier an Würzburg) reichen dafür nicht. Eine Kulturförderung, die ihre Gaben nach Gewohnheitsrechten vergibt, schadet der Kultur so, als würde sie konkret vorschreiben, was sie als Gegenleistungen haben will, was nicht. Neue Wege lassen sich aber durchaus beschreiten.

(Aus: Nummer 92 Zeitschrift für Kultur in Würzburg / 04/2014)

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