Konkursmasse sucht Märchenprinzen

Diese Burg hat alles, was eine Burg braucht: Bauphasen von der Romanik bis zum Frühklassizismus, eine phantastische Lage, einen Rittersaal, ein Jagdzimmer, eine Schloßkapelle, zwei Türme und drei Gespenster. Nur eines fehlt ihr: ein Investor oder eine öffentliche Hand, die sie in ihre Obhut nimmt. Ohne einen finanzkräftigen Prinzen wird Burg Virnsberg – im gleichnamigen Ort der Marktgemeinde Flachs­landen im Landkreis Ansbach – weiter im Dornröschenschlaf vor sich hindämmern und früher oder später wohl in Vergessenheit geraten.

Das Schlimmste zu verhindern, nämlich daß sie verfällt, hat sich der „Schloßverein Virnsberg e.V.“ auf seine Fahnen geschrieben. Er hat sich der Anlage Ende der 1970er angenommen und sorgt zum einen für die Bestandsicherung und zum anderen dafür, daß sich das große Burgtor zumindest gelegentlich der Öffentlichkeit öffnet: An vier Sonntagen im Jahr (von Mai bis August) bietet der Vorsitzende, Asmus von Eyb, Führungen an, Heiratswillige dürfen den Rittersaal zur standesamtlichen Trauung nutzen und Fotografen die verwildert-romantische Szenerie als Kulisse für entsprechende Shootings.
Vor allem verfolgt der Verein natürlich das eine große Ziel: den Prinzen zu finden. Aber seit zehn Jahren „beißt sich die Katze in den Schwanz“, so Asmus von Eyb: Potenzielle Investoren machen ihr Engagement von einer staatlichen Förderung abhängig, und der Freistaat kann erst handeln, wenn ein Investor adäquate Eigenmittel einbringt. Eine halbe Million hat der Verein bereits in eine Not-Ertüchtigung und die Bestandsaufnahme gesteckt, doch weitere Gelder kann er nicht aufbringen. Mittlerweile werden die Risse in der Wehrmauer immer größer. „Wenn sie eingebrochen ist, wird jeder fragen: warum?“ schildert von Eyb etwas verzweifelt die Lage.

Kurioser Schloßturm

Schloßbesichtigung

Der Innenhof der Burg, überhaupt die ganze Burg, verrät eine durchaus kuriose Baugeschichte.

Eine wichtige Einnahmequelle, nämlich der Erlös aus Konzerten und anderen Veranstaltungen (für die sich der Innenhof bestens eignet), ist weggebrochen, seit von behördlicher Seite jegliche Veranstaltung verboten wurde. Entsprechend einer neuen Auflage muß die vorhandene Mehrkammergrube stillgelegt und die Burg an die öffentliche Kanalisation angeschlossen werden. Für von Eyb, eine nicht nachvollziehbare Vorgabe: „Das ist eine Grube, die völlig problemlos funktioniert und immer regelmäßig geleert wurde. Der geforderte Kanalanschluß kostet uns mindestens 100 000 Euro – woher sollen die kommen?“
900 Jahre hat die Burg, oder zumindest ihr Herzstück, bereits überstanden. Kriege mußte sie nicht verkraften, dafür schon so manche wenig pflegsame Behandlung. Erbaut wurde das, was ihr heutiges Zentrum ist, im 12. Jahrhundert von den Herren von Virnsberg: eine romanische Burg mit imposantem Turm hoch auf einem Hügel, geschützt wiederum vom Berg­rücken der Frankenhöhe, auf dem die alte Handelsstraße von ­Rothenburg nach Prag verlief. Im 13. Jahrhundert fiel sie an die Burggrafen von Nürnberg, die sie wiederum dem Deutschen Orden schenkten. Der unterhielt Virnsberg fortan als eine von 21 Komtureien (Niederlassungen) in seiner Ordensprovinz Franken mit Hauptsitz in Ellingen.
Die Deutschherren bauten die Burg im 16. Jahrhundert zunächst zur Wehranlage mit Zwinger und turmbewachter Wehrmauer aus. Im 18. Jahrhundert unternahmen sie eine Barockisierung. Unterhalb der alten, romanischen Burg verwandelten nun ein Springbrunnen und andere Wasserspiele die Grünfläche in einen Flaniergarten, das Haupthaus wurde aufgestockt und im Inneren barock ausgestattet, ein neuer achteckiger Bergfried errichtet und der alte, hohe Rundturm, angepaßt daran, ebenfalls oktogonal gestaltet. Zudem entstanden am Fuße des Burghügels Wirtschaftsgebäude mit Ställen, Molkerei, Taubenhaus, Brauerei, Schankwirtschaft und – zur Außenseite hin – einem Weiher, der dem immens gewachsenen Anwesen vom Dorf her nun die Anmutung eines Wasserschlosses gab.

Das Wappen mit Halbmond und Stern

Schließlich öffnete der Deutsche Orden sogar noch ein frühklassizistisches Kapitel. Denn die Stuckdecke in einem der repräsentativen Räume wurde im späten 18. Jahrhundert im Sinne dieser Stilepoche gestaltet.
Zudem ließen die Deutschritter zu dieser Zeit im Nachbarort Sondernohe eine stattliche Kirche erbauen, ebenfalls im spätbarock-frühklassizi­stischen Stil. Sie sollte zugleich Grabesstätte für die Virnsberger Komture werden. Die Gruft befindet sich noch heute im Sockelgeschoß.
Dann war es vorbei mit der guten Betreuung durch den Orden. Mit Gründung des Königreichs Bayern 1806 wurde die Burg verstaatlicht. Und für die Bayern war sie offenbar nicht mehr als ein unliebsames Stiefkind. Man ließ die prachtvolle Anlage völlig herunterkommen und verkaufte sie 1815 „zum Abbruch“. Glücklicherweise riß der Käufer sie nicht ein, und auch keiner der nachfolgenden Eigentümer. Das gesamte Inventar jedoch wurde nach und nach veräußert, verschenkt oder sonst wie verbracht.
Im Jahr 1908 fuhr ein Freiherr von Friesen mit seiner Gattin die Höhenstraße entlang. Als der Blick der Dame auf die Virnsberger Burganlage fiel, verliebte sich diese auf der Stelle in das Anwesen. So sehr, daß ihr treusorgender Ehemann nicht anders konnte, als die Burg für sie zu erwerben. Zur Freude nicht nur der Baronin, sondern auch der Burg. Denn der Mann war offenbar wohlhabend und unterzog sie über 30 Jahre hinweg einer umfassenden Sanierung. Das Wappen mit Halbmond und Stern, an mehreren Stellen angebracht, zeugt noch heute von dieser guten Zeit. Zu einer anderen Wohltat mußte Baron von Friesen allerdings gezwungen werden. Da er nicht wollte, daß die Schloßkapelle von der Pfarrei des Ortes weiter als Dorfkirche genutzt wird, verlangte ein Gericht von ihm die Finanzierung einer neuen Pfarrkirche. So entstand 1915 die Kirche St. Dionysius. In den Neubau transferierte man die gesamte historische Ausstattung der Schloßkirche (Orgel, Kanzel, Hochaltar, Bänke).

Schloßbesichtigung

Außergewöhnlich ist auch, daß es sich bei der Anlage regelrecht um ein Wasserschloß zu handeln scheint.

Ein heiliges Grab und …

Rettungsversuche

Rettungsversuche

Auch das „Heilige Grab“ kann man noch bewundern. Es handelt sich dabei um eine gestaffelte Kulisse, die Ende des 18. Jahrhunderts noch unter den Deutschrittern für die Schloßkapelle geschaffen wurde. Man stellte damit in der Karwoche den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu dar. Ministranten bewegten dazu mit mechanischen Apparaturen die Figuren der Szenerie. Da eine solch lebhafte Bildlichkeit im 19. Jahrhundert aus der Mode kam, sind die meisten Schauwände dieser Art verschwunden. Das Virnsberger „Heilige Grab“ ist eines der wenigen noch erhaltenen und dazu eines der schönsten und kunsthistorisch bedeutendsten. Heute befindet es sich in einem eigens dafür errichteten kleinen Museum im sogenannten Schafhof.
Mit NS- und Nachkriegszeit brachen für die Burg wechselhafte Zeiten an. Sie wurde erst als Ausbildungssitz für Landfrauen genutzt, dann als Flüchtlingslager, als US-Quartier und als Rot-Kreuz-Station. 1954 kaufte sie ein Pfarrer und ließ ein Altenheim einrichten. Man zog dazu – historisch wenig informiert und daher zum Schaden des Gebäudes – an beliebigen Stellen jede Menge neue Leitungen ein. Es folgten Jugendheim und Schullandheim, eine gastronomische Nutzung und angeblich sogar eine rotlichtige …
Wie auch immer, 1977 war die gesamte Anlage nur noch Teil einer Konkursmasse und dazu mit erheb­lichen baulichen Mängeln behaftet. So übernahm sie der Nürnberger Rechtsanwalt Friedrich von Herford für den neu gegründeten „Schloßverein Virnsberg“, der seitdem um den Bestand und die Zukunft der einst ehrwürdigen Anlage kämpft.

… rührige Schloßgeister

Stolze Mitkämpfer sind dabei die drei Schloßgeister. Da ist zum einen die Weiße Dame. Sie war die Geliebte eines jungen Komturs und wollte diesen heiraten. Der junge Mann jedoch zog die Treue zum Orden vor, woraufhin sich die Frau von der Burgbrüstung stürzte. Das Flackern ihres nervösen Herzens macht sich noch heute bemerkbar, wenn plötzlich der Strom aus- oder angeht.
Zum zweiten ist da ein späterer Komtur, der im Auftrag eines Unbekannten von seinem Kammerdiener ermordet wurde. Wenn heute nach einer Feier halbleere Gläser herumstehen, so trinkt er sie trotzig aus, und macht auch gerne mal seltsame Geräusche.
Der dritte schließlich, ein Kaplan, wurde beim Entlangschreiten an der Brüstung von einem Jäger wegen seines schwarzen Gewandes für eine Katze gehalten – und erschossen. Was bleibt dem Armen anderes übrig, als Türen auf- und zuzusperren und so auf sein Elend aufmerksam zu machen? Ob eine Sanierung der Burg die unruhigen Geister besänftigt, weiß man nicht. Vielleicht lechzen sie einfach nach mehr Beachtung.
Wie eben überhaupt das gesamte Höhenburg-Wasserschloß-Juwel in Virnsberg.

Schloßbesichtigung

Das „Heilige Grab“ ist nicht im Schloß, sondern außerhalb in einem eigenen Gebäude.

Schloßbesichtigung

Eine Burganlage mit vielen Gesichtern

Schloßbesichtigung