Illusion und Wirklichkeit

Nach sechs Jahren aufwendiger Restaurierung geht der Vorhang im UNESCO-Weltkulturerbe Markgräfliches Opernhaus in Bayreuth wieder auf.

Wir schreiben den 26. September 1748. Die einzige Tochter der Markgräfin Wilhelmine und des Erbprinzen Friedrich von Bayreuth, Elisabeth Friederike Sophie, heiratet Herzog Karl II. Eugen von Württemberg. Ein würdiger Anlaß, um das neu erbaute Bayreuther Opernhaus mit Johann Adolph Hasses Opern Ezio und Artaserse einzuweihen. Die Festgäste erwartet ein überraschender „coup de théâtre“: Nachdem sie den schlichten, geradezu kahlen Eingangsbereich und die engen Gänge passiert haben, gelangen sie in den grandiosen Innenraum, den wohl schönsten und größten seiner Zeit. Unfaßbar prunkvoll, fast barock-sakral anmutend, ist er gerahmt von einem dreigeschossigen Logenraum. Auf allen Plätzen wird gefeiert, gegessen und getrunken.  Die Markgräfin und ihr Gatte haben auf den gepolsterten Stühlen in der Fürstenloge Platz genommen; die Gäste im Parkett und auf den Rängen sitzen auf einfachen Holzbänken. Inszenierung findet hier nicht nur auf der Bühne statt, sondern – vielleicht vor allem – im Zuschauerraum. Die Konstruktionen aus Holz und Leinwand sind über und über bemalt. Gold strahlt und funkelt aus dem Halbdunkel der Ränge auf blaß-blaugrünem Fond. Wohin das Auge blickt: Säulen, Girlanden, Masken, Putten und Figuren. Nichts ist ohne allegorische Bedeutung. Jedes Detail soll den Ruhm des Markgrafenpaares unterstreichen. Die allegorischen Figuren rechts und links des ­markgräflichen Wappens scheinen eine Trompeten­fanfare auszustoßen und auch alle anderen Allegorien scheinen ihre Bewegungen auf das Paar auszurichten. Das Deckengemälde mit Apoll und den neun Musen erweckt den Eindruck, als halte der Musenführer im Spiel inne, um einen Putto zur Begrüßung in Richtung Fürstenloge zu entsenden. Unzählige Anspielungen auf den Frieden (und damit auf die gute Herrschaft des Markgrafen) und ikonologische Hinweise bezeugen, daß sich Friedrich und Wilhelmine als Stifter des „Goldenen Zeitalters“ verstehen – bzw. so verstanden werden wollen.

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