Der Würzburger Humboldt

Zum 150. Todestag des Würzburger Arztes, Japan- und Naturforscher, Ethnologen, Botaniker und Sammler Philipp Franz von Siebold

Am Montag, 22. Oktober 1866, erschien im Münchner Tages-Anzeiger folgende Notiz: „Der durch seine Entdeckungsreisen in Japan und seine über das von ihm selbst herausgegebene wissenschaftliche Werk berühmte Dr. Philipp v. Siebold ist vorgestern dahier, 71 Jahre alt, an Thyphus gestorben. Derselbe ein Bay­er (geb. zu Würzburg) war Oberst im niederländischen Generalstab und trotz seines Alters noch immer sehr rüstig, eben mit der Ordnung seiner japanisch-ethnographischen Sammlung beschäftigt, überraschte ihn der Tod“ (Münchner Tages-Anzeiger und Fremden-Blatt, Nr. 294, unter der Rubrik „Gestorbene“).
Philipp Franz Balthasar von Siebold wurde als zweiter Sohn Georg Christoph von Siebolds, Professor für Naturheilkunde an der Universität Würzburg, am 17. Februar 1796 in Würzburg geboren. Schon während seines Studiums der Medizin, Chemie und Botanik zeigte er großes Interesse an fernen Ländern und fremden Kulturen. Und sicherlich hat er aus Erzählungen von den seit 1749 gehaltenen „Reisekollegien“ des Historikers Johann David Köhler in Göttingen und jenen des Nachfolgers August Ludwig von Schlözer ab 1772 gehört. Ob allerdings Siebolds Entscheidung, sich bei der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft über eine Reise nach Brasilien zu erkundigen, von den Ideen der beiden beeinflußt wurde, läßt sich heute nicht mehr sagen.

 

Anlässlich des 150. Todestages von Philipp Franz von Siebold zeigt das Knauf-Museum Iphofen noch bis zum 6. November 2016 japanische Miniaturschnitzereien in der Sonderausstellung „Siebold Netsuke treffen japanische Schönheiten“

Anlässlich des 150. Todestages von Philipp Franz von Siebold zeigt das Knauf-Museum Iphofen noch bis zum 6. November 2016 japanische Miniaturschnitzereien in der Sonderausstellung „Siebold Netsuke treffen japanische Schönheiten“

Den Weg nach Japan ermöglichten ihm die Empfehlung zweier Onkel sowie die Vermittlung Franz Joseph Harbarus an den niederländischen Kolonialdienst. Harbarus war ein Schüler seines Vaters in Würzburg und Generalinspektor des niederländischen Sanitätswesens. Die Vereinigte Ostindische Kompanie hatte seit ihrer Gründung viele deutsche Ärzte in ihrem Dienst, und so wurde auch Philipp Franz von Siebold als Stabsarzt eingesetzt und bald den in Ostindien – dem heutigen Indonesien – stationierten Truppen zugeteilt. Am 13. Februar 1823 erreichte Siebold Batavia, wo ihm das renommierte Amt des Arztes in der Faktorei Dejima übertragen wurde. Von dort aus sollte er Japan, die Kultur und die Geschichte des Landes sowie die natürliche Umwelt erforschen und den Handel mit Japan auf eine wirtschaftlich ertragreiche Basis stellen.

Arztpraxis in der Vorstadt von Nagasaki

schmeller-weimar
Siebold bereitete sich auf seine neue Aufgabe gründlich vor, neben seiner Bibliothek mit der damals bekannten Japanliteratur nahm er neueste technische Gerätschaften und ein Fortepiano mit. Am 11. August 1823 erreichte Siebold Nagasaki, wo ihn der Faktoreileiter Jan Cock Blomhoff empfing, der für ihn u.a. beim Gouverneur die Erlaubnis erwirkte, in der Vorstadt von Nagasaki eine Arztpraxis zu eröffnen, um dort japanische Ärzte zu unterrichten.
In der Edo-Zeit (1603–1868) befanden sich die westliche und die ostasiatische Medizin in etwa auf gleichem Niveau. Anders sah es mit den wissenschaftlichen europäischen Erkenntnissen auf dem Gebiet der Anatomie und Chirurgie aus, die seit der Übersetzung der Anatomischen Tafeln des Johann Adam Kulmus ins Japanische großes Ansehen genossen. Siebold führte in seiner Zeit in Japan das sogenannte Bruchband ein und hatte Erfolge auf dem Gebiet der Augenheilkunde. Nachhaltig bemühte er sich um die Einführung der Pockenimpfung in Japan. Vor allem sein klinischer Unterricht war wichtig für die Entwicklung der modernen japanischen Medizin.

Sammeln und Forschen

Standbild des jungen Philipp Franz von Siebold vor dem Siebold Memorial Museum in Nagasaki. Ein Werk von Tominaga Naoki (1913–2006)

Standbild des jungen Philipp Franz von Siebold
vor dem Siebold Memorial Museum in Nagasaki.
Ein Werk von Tominaga Naoki (1913–2006)

Schon bald nach seiner Ankunft in Dejima begann er mit seinen wissenschaftlichen Forschungen. 1824/25 widmete er sich zunächst der Tier- und Pflanzenwelt Japans. Im südlichen Teil der künstlich in Fächerform angelegten Insel Dejima legte er einen Garten neu an. Mit seiner „ethnografischen Sammlung“ begann Siebold wahrscheinlich erst 1826. Anscheinend hatte dies mit der Hofreise des Faktoreileiters Johan Willem de Sturler nach Edo zu tun, an der Siebold im Jahr 1826 teilnahm. Daß ein Arzt an dieser alle vier Jahre durchzuführenden Reise teilnahm, war seit dem 17. Jahrhundert durchaus üblich. Der Troß, bestehend aus dem Arzt, zwei bis drei weiteren Europäern sowie japanischem Begleitpersonal, zog auf dem Landweg von Nagasaki nach Kokura, setzte nach Shimonoseki über, von wo aus die Reise per Schiff bis Osaka fortgesetzt wurde. Danach ging es über die „Ostmeerstraße“ von Tokaido nach Edo. Die Reverenz-Erweisung beim Shogun Tokugawa bildete den Höhepunkt der Edo-Reise im Jahr 1826.
Das Besondere dieser Reise war, daß es für die wenigen Europäer die einzige Gelegenheit war, das Landesinnere kennenzulernen. Zu Siebolds Zeit lebte in Edo eine Reihe von gebildeten „Hollandkundlern“ mit guten Kenntnissen der niederländischen Sprache, die die Unterkunft der Delegation, die sogenannte Nagasaki-Herberge (Nagasakiya), aufsuchten. Siebold beschreibt in seinem Werk „Nippon“ auch die Besuche von hochgestellten, wißbegierigen Persönlichkeiten wie dem Landesherrn. Während seines 14tägigen Aufenthalts in Edo diskutierte Siebold mit bekannten Gelehrten, studierte in der kaiserlichen Hofbibliothek und tauschte mitgebrachte moderne Apparaturen und Bücher gegen Kartenmaterial ein. Daß dies später Folgen für ihn haben könnte, war ihm zwar bekannt, aber wie andere Japanreisende bemerkte auch Siebold rasch, dasß es zwar strenge Regelungen und Anweisungen zur Unterbindung von Kontakten und der Erforschung des Landes gab, daß diese jedoch im Alltag nur von Fall zu Fall befolgt wurden.
1828 wurde Siebold nach Batavia zurückbeordert, womit seine Dienstzeit in Japan zu Ende gehen sollte. Aber bei der Abreise mußte sein Schiff wegen eines Taifuns umkehren. Zurück im Hafen wurden die Landkarten und die anderen Dinge entdeckt, deren Ausfuhr streng verboten war. Die sogenannte „Siebold-Affäre“ hatte schwerwiegende Folgen für den Japan-Forscher und dessen japanische Bekannte. Rund fünfzig Personen, mit denen Siebold engeren Kontaktgepflegt hatten, wurden bis hin zur Verbannung hart bestraft. Der Astronom Takahashi Kageyasu, der Siebold im Tausch gegen Adam Johann Baron von Krusensterns (1770-1846) Bericht seiner Weltumsegelung die neuesten Landkarten Japans von Ino Tadataka besorgt hatte, starb in der Haft. Ino Tadataka war ein japanischer Landvermesser und Kartograph, der unter anderem die erste vollständige Karte Japans angefertigt hatte. Nach langen Verhandlungen wurde Siebold am 22. Oktober 1829 des Landes verwiesenen. Am 2. Januar 1830 verließ er schließlich Japan, wo er seine Frau Kusumoto Taki, genannt Sonogi, und die gemeinsame Tochter Ine zurücklassen mußte. Seine Sammlungen wurden ihm zurückgegeben.

Zurück in Europa

Zurück in Europa widmete sich Siebold der Auswertung seines mitgebrachten Materials. Seine Sammlung von dieser ersten Japanreise verkaufte Siebold an die niederländische Regierung und kümmerte sich zwischen den Jahren 1832 und 1837 um deren Aufstellung. Als Berater des niederländischen Kolonialministeriums arbeitete er auf eine friedliche Öffnung Japans für den Welthandel hin, die dann allerdings 1853 durch die USA erzwungen wurde.

Ingrid Knauf, Bruno Richtsfeld (Leiter der Ostasienabteilung des Museums der Fünf Kontinente, München) und Museumsleiter Markus Mergenthaler

Ingrid Knauf, Bruno Richtsfeld (Leiter der Ostasienabteilung des Museums
der Fünf Kontinente, München) und Museumsleiter Markus Mergenthaler

Siebold hoffte auf eine zweite erfolgreiche Tätigkeit in Japan, wohin er 1859 als Agent der holländischen „Japanischen Gesellschaft“ ging. Doch weder in dieser Stellung noch als Ratgeber des Shogunats in Edo konnte er erneut Fuß fassen. Am 24. November 1862 verließ Siebold das Land. Ein Jahr später schied er auf eigenes Ersuchen aus dem niederländischen Staatsdienst.
Auf seiner zweiten Japanreise sammelte Siebold rund 2500 Objekte, an denen die niederländische Regierung allerdings kein Interesse hatte. Vorübergehend brachte Siebold die Sammlung in Würzburg unter. Derweil hatte Moritz Wagner, seit 1862 Konservator der ersten ethnographischen Sammlung in München, von Siebolds Sammlung gehört und machte König Maximilian II. (1848–1864) darauf aufmerksam, der ein Völkerkundemuseum in München plante. Mit dem Tod des Monarchen im Jahr 1864 brachen aber die Kontakte ab. Vermutlich bot Siebold dar­aufhin Ludwig II. (1864-1886) während einer Audienz am 8. September 1864 seine Sammlung an. In einem Brief vom 1. November 1864 bekräftigte er sein Angebot. 1865 begutachtete und schätzte eine königliche Kommission die Sammlung. Gegen Ende des Jahres wurde Siebold mitgeteilt, der König habe dem Erwerb der Sammlung formell zugestimmt – dennoch kam es nicht zum endgültigen Kaufabschluß. Erst als Siebold auf den Ankauf durch den König drängte und schließlich sogar anbot, die Kosten für den Transport von Würzburg nach München und die neue Aufstellung zu übernehmen, wies ihm das Kultusministerium am 7. März 1866 die Räume in den nördlichen Hofgartenarkaden zu. Am 19. Mai 1866 wurde die Ausstellung eröffnet – allerdings war sie nicht öffentlich zugänglich, sondern konnte nur nach Voranmeldung besichtigt werden.

Thuengen_02b 2

Siebold und München

Bereits während der Aufbauarbeiten in den Hofgartenarkaden erkrankte Philipp Franz von Siebold und starb schließlich am 18. Oktober 1866. Die Sammlung verblieb in München, und als 1868 das Königliche Ethnographische Museum, das heutige Museum Fünf Kontinente, unter der Leitung von Moritz Wagner in den Räumen der nördlichen Hofgartenarkaden auch institutionell gegründet wurde, übernahm dieses die Betreuung der ausgestellten Siebold Sammlung. Auf Drängen von Sohn Alexander und Witwe Helene von Siebold bewilligte der Bayerische Landtag die finanziellen Mittel des Ankaufs der Siebold-Sammlung. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts hieß die japanische Abteilung des Völkerkundemuseums „Das Siebold’sche Museum“. Philipp Franz von Siebold fand seine letzte Ruhe in München, sein Grab befindet sich noch heute auf dem Alten Südfriedhof.