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Blogbeitrag vom 11.07.2020

Ahorn oder Radweg?


Gemessen an den Wünschen der deutschen Autofahrer, war die Nürnberger Straße in Würzburg wohl schon seit Jahren eine Katastrophe. Inzwischen wird sie geglättet und verbreitert. Auf Höhe der ehemaligen Feuerwehrschule und entlang der einstigen Faulenberg-Kaserne sind die Arbeiten wohl alsbald fertig – dafür hat man bereits eine ganze Reihe schöner Bäume geopfert. Auch von der anderen Seite – zwischen Einkaufzentrum und Fitnessclub (ehemaliges Möbelhaus) ist die Einleitung in die Nürnberger nun ebenfalls prima asphaltiert. Bleibt ein kleines Stück beim einstigen Glas Keil, einer heutigen Polizeidienststelle, genau da, wo die Innere Aumühlstraße in die Nürnberger mündet. Denkt man sich nun den Verlauf der bereits planierten und markierten Straßenabschnitte konsequent weiter, kann man kaum zu einem anderen Ergebnis kommen: Die beiden prächtigen Ahornbäume (Bild) und rechts und links davon noch einige kleinere sollen vermutlich einem Radweg weichen. Es sei denn, ein Fußgängerweg würde auf die Böschung verlegt, was eigentlich möglich sein müßte. Vielleicht gäbe es sogar noch kreativere Lösungen. Auf jeden Fall wäre es wunderbar, wenn die Ahornbäume stehen blieben. Selbst wenn sie von Fahrbahn und Radweg gesäumt würden, was zudem sehr originell wäre


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 10.07.2020

Badekultur

Eine kleine Polemik zur Kulturpolitik in Würzburg

Jetzt ist Badesaison oder zumindest Waschtag. Freitags gar im Schritt und überhaupt. Man müßte jetzt mehrere solche Bottiche in der Stadt (Würzburg) aufstellen, hat man schließlich vor Jahren schon einmal gemacht, um endlich sauber (man sieht es am Wasser) über flankierende Hilfen – die also nicht das Füllhorn der Staatsregierung übertrumpfen – für die Kultur beraten zu können. Im weitesten Sinne ist das (Bild) ja auch ein runder, gut: ein abgerundeter Tisch; ein Event ist es, weil gemischtgeschlechtlich nackt, allemal; selbst einen Veranstalter, der z.B. für umsonst und draußen keinen Eintritt verlangt, sondern nur Kulturförderung, wird man wohl finden. Endlich läßt es sich irgendwie städtisch abfedern. Unter uns: Badekultur (der Waschzwang) ist, selbst in Deutschland, natürlich auch Kultur, sogar systemrelevante. Und da in Würzburg obendrein jede Kultur mit der „Ohnmacht des Willens und der Zerrüttung des Geistes“, vulgo Musik – laut Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ – zu tun hat, auf hohem Niveau, versteht sich, erklingt dazu Händels Wassermusik, oder es quietschen irgendwelche Pfeifen. Eine Delegation vom Tanzspeicher schwebt verklärt über den Marktplatz, auf der Weinbrücke entlallt sich die unstillbare Sangeslust … Wie hat sich Manfred Schweidler zerebral zusammengefaßt? „Vielleicht ist (aber) auch alles vielleichter.“


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 08.07.2020

Für Agatha

Da ich mich praktisch nie aufrege; es sind immer nur die anderen, die mich aufregen (der Spruch ist von einer Postkarte geklaut), will ich denen auch den Grund mitteilen: Deutschlandweit werden pro Jahr 16 Millionen Vögel und drei Millionen Säugetiere Verkehrsopfer – in ganz Europa sind es 190 Millionen Vögel und etwa 30 Millionen Säugetiere. Dies berichtet die SZ unter Verweis auf eine Studie von Forscherinnen und Forschern um die Biologin Carla Grilo vom Zentrum für Umweltforschung in Lissabon. Ohne ins Detail gehen zu wollen, allein diese Meldung kann einem die Laune für Tage verderben. Zumal ich als Fernfahrer (mit gewissen Fotokenntnissen) überzeugt bin, daß zwischen achtzig und neunzig Prozent dieser Verkehrsopfer nicht sein müßten, sondern sich vor allem der Fahrweise unserer Mitmenschen verdanken. Ich habe in meinem Leben bisher bestimmt schon über ein Million Kilometer gefahren: Als Fahrer im Blindeninstitut in Würzburg im Zivildienst, fünf, sechs Jahre als Taxifahrer in den Nächten, Freitag, Samstag, Sonntag jede Woche; als Schulbusfahrer für den Arbeiter-Samariter-Bund mehrere Jahre; in meiner Tätigkeit als Bildberichterstatter für die dpa mit “TÄGLICH” zwischen 300 und 500 Kilometern über 12 Jahre und schließlich in meiner Arbeit für das Franken-Magazin, das Museumsmagazin ZeitenRaum und das Magazin DorfLeben in den vergangenen fünfzehn Jahren mit durchschnittlich 300 Kilometern am Tag – hinzu käme noch über einen Zeitraum von einem halben Jahr die Beteiligung an der Pflege meines Bruders, was mit der Strecke Würzburg-München und zurück alle zwei bis drei Tage nötig war. Ich habe ein einziges Mal in meinem bisherigen Leben ein Tier überfahren. Das war ein Feldhase kurz nachdem ich den Führerschein erhalten hatte, vor rund 50 Jahren. Das ist kein Zufall! Es ist in den meisten Fällen der Fahrstil, der die Tiere tötet. Auch unsere vorwitzige Haustaube “Agatha” wurde von einem Idioten plattgemacht, der in der Inneren Aumühlstraße in Würzburg, in der 50 km/h schon entschieden zu schnell sind, mindestens 80 km/h fuhr. Mit 30 km/h hätte er sie nicht erwischt. Aber es gibt wohl Autofahrer, die haben regelrecht Spaß daran, Tiere zu überfahren.


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 05.07.2020

Inakzeptabel

Angesichts der Erfolge der AfD müßten wir mehr denn je unsere „Erinnerungskultur“ nach Versäumnissen und Fehlleistungen befragen. Ein DenkOrt nach Art einer Eventästhetik, groß und schwer, wird – selbst wenn noch einige Koffer hinzukommen – sicher schwerer, aber keinesfalls gewichtiger. Für die Opfer bzw. die Nachfahren der Opfer kann ein derartiges Heterotop den persönlichen Erinnerungen vielleicht mehr oder weniger gerecht werden (auf längere Sicht ist auch dies zu bezweifeln); den Nachfahren der Täter jedoch banalisiert diese, man möge mir verzeihen: Puppenstube den Anlaß des Mahnmals. Das glatte Nachbauen einer Fotografie (ein Medium, das selbst nur Oberfläche ist) verdeckt, was offenbart werden muß. Jeder Versuch emphatischen Nacherlebens kann, gemessen am eben unvorstellbaren Ausmaß des Schreckens, der Verbrechen, der Gewalt, der kollektiven Geisteskrankheit, wie sie von der historischen Wissenschaft erforscht wurde und noch immer wird, nur als Lüge, als verharmlosende Deckerinnerung angesehen werden. Um es ganz nüchtern auszudrücken: Bei dem DenkOrt am Würzburger Hauptbahnhof stimmen Form und Inhalt (im Gegensatz etwa zum Holocaust-Mahnmal in Berlin) nicht überein. (In der Würzburger Kulturzeitschrift nummer, Ausgabe 153 – erscheint im August – wird dieses Urteil ausführlich begründet werden.)


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Blogbeitrag vom 04.07.2020

Verhältnismäßig

Elefantensterben in Botswana, Fischsterben in der Nordsee, Blaumeisensterben in unseren Vorgärten … man könnte beinahe endlos weitermachen. Von Corona ganz zu schweigen. Gelegentlich gibt es erfreuliche Szenen, gab es immer schon, wird es vermutlich auch weiterhin geben. Die Frage ist nur, in welchem Verhältnis das Erschreckende und das Erfreuliche zueinander steht.


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Blogbeitrag vom 28.06.2020

Digitalsamba

Coburger Samba-Fest abgesagt!

Endlich findet in diesem Jahr das Samba-Festival in Coburg nicht statt. Mann muß nicht wieder von diesen gefederten Schönheiten verschüchtert absehen, muß sich nicht stundenlang die Ohren mittels headset verstopfen, um die mitreißenden, das Blut in Wallung versetzenden Rhythmen doch nicht überhören zu können; muß als verhinderter Alkoholiker nicht verstohlen all jene bewundern, die sich mit Cuba libre, Rum-Cocktails oder alkoholfreiem Coburger Bier die Welt erträglich trinken. Vom 9. bis 11. Juli kann man allerdings täglich eine Stunde Samba-Festival auf youtube gestreamed verpassen. Könnte man auf den Digitalsamba nicht coronabedingt einmal verzichten und sich auf das nächste Mal in echt „nicht“ freuen?


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Blogbeitrag vom 26.06.2020

Ziesel und Wassermaus

Irgendwie könnten die Europäische Sumpfschildkröte und der Ziesel fast miteinander verwandt sein. Natürlich ist das wissenschaftlich nicht haltbar, sondern nur Ausgeburt abstruser Phantasie, angeregt von Aristoteles (Wikipedia), der die Schildkröten als “Wassermäuse” bezeichnet hat, neben dem Ziesel, der ja, unschwer zu sehen, etwas Mausiges hat. Egal, jedenfalls gehören die beiden Kerlchen auf unserem Bild beide zu den gefährdeten Arten. Ihre feigen Feinde sind zumeist viel größer und stärker als sie. Allen voran: der Mensch. Der Mensch hat – jedenfalls früher – die Schildkröte als Fastenspeise geschätzt, während dem Ziesel das Fell abgezogen wurde (wieviele da wohl für einen Pelzmantel nötig waren?), und er dann als Snack gebraten wurde. Auch Wildschweine, Füchse und Raubvögel machen sich über beide her. Unter Wasser hat es die Schildkröte (sie kann, wenn sie nicht gefressen wird, es bis zu einem halben Jahr aushalten, ohne an der Oberfläche Luft zu holen) zudem noch mit Hechten und Welsen zu tun. Bei so vielen Feinden sagen sich die beiden, die sich privat übrigens (wie man sieht) gut verstehen, vermutlich: lieber gleich aussterben.


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Blogbeitrag vom 26.06.2020

Brotgemeinschaft

Im wahren Leben scheinen Brotgemeinschaften zu funktionieren, so wie hier im Nürnberger Tiergarten aus griechischen Landschildkröten, den von vielen Zeitgenossen heißgeliebten Spatzen und den europäischen Zieseln. Letztere sind die auf dem Bild, bei denen sich manche Tiergartenbesucher (weil sie die Info-Tafeln nicht lesen) unsicher sind, ob es sich um Mäuse, Hamster, Eichhörnchen, Ratten oder fake-animals handelt. Auf jeden Fall lohnt es sich, die Ziesel zu beobachten. Sie fegen so herzerfrischend übers Gelände … Lateinisch heißen sie übrigens „Spermophilus citellus“, was wörtlich übersetzt „Samenfreund“ bedeutet – ein Schelm, wer etwa angesichts der reichen Nachkommenschaft, Böses dabei denkt – und nur darauf hinweist, daß der Ziesel sich gern von Pflanzensamen ernährt.Und noch ein Vorurteil muß beseitigt werden: Der Ziesel an sich hat mit Golf gar nichts am Hut. Seine Pfötchen sind zu kurz für einen guten Schwung, von seinem Handicap ganz zu schweigen. Die Nagetiere sind lediglich Teilnehmer eines Artenschutzprojektes im Nürnberger Tiergarten und werden demnächst in Tschechien ausgewildert. Dort buddeln sie ihre Löcher auch auf einem Golfplatz. Fällt ein Golfball in ein Zieselloch, darf der Spieler mit einem neuen Ball weiterspielen oder aufhören den kleinen Tierchen auf die Nerven zu gehen. Wie wäre es mit Minigolf oder Bowling?                                             jp/wdw

                                                                                 


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Blogbeitrag vom 19.06.2020

Gespenster im Hintergrund

Das Bild gehört für mich auch nicht in die Serie der Bilder, die die Welt nicht braucht. Dazu ist es mir zu wichtig. Es ist rund 35 Jahre alt. Ich habe es nie veröffentlicht, obwohl ich die Dame, die sich hoffentlich bester Gesundheit erfreut (was bei den Gespenstern im Hintergrund ja nicht selbstverständlich ist), mit Verweis auf die wunderbare Szenerie sogar um Erlaubnis gefragt hatte. Gut, sie hat nur mit einem Schulterzucken geantwortet, folgte aber dennoch meiner Bitte, sich etwas weiter rechts zu stellen. Ich interpretierte dies als Einverständnis. Ich war damals bestimmt eine Woche in Höchststimmung über dieses wunderbare Bild und es beglückt mich noch heute.


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Blogbeitrag vom 14.06.2020

Subjektiv kochen

Es braucht für die sozialen Medien unbedingt Metaebenen, auf denen man die Likes, die ge-liked wurden, liken kann, weil ge-liked wurde, daß ge-liked wurde, daß ge-liked wurde, daß ge-liked wurde usw..
In meiner Serie habe ich das halbwegs passende Bild: Bilder, die die Welt nicht braucht (und eigentlich nie gebraucht hat). 5

Wobei mir allerdings deutlich wird, daß mich niemand versteht. Die eine traut mir zu, daß ich eine Verirrung abgenagt zurücksende, obwohl das Skelett doch ich bin (nach meiner Diät), der andere fordert, es auszukochen, weil er wohl nicht wahrhaben will, daß ich (das Skelett – also sinnbildlich) zum Frühstück getragen werde. Gut, lasse ich gelten! Gemahnt es doch immerhin an Heinrich Heine, der in seiner Polemik zur Philosophie Johann Gottlieb Fichtes, den Affen ins Spiel brachte, der am Küchenherd seinen Schwanz kocht, weil er der Ansicht ist, daß es nicht reicht objektiv zu kochen, sondern man sich auch subjektiv das Kochen bewußt machen müsse. Wahrscheinlich versteht mich wieder niemand.


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Blogbeitrag vom 13.06.2020

Retour

Sch ... Internethandel

Retour! Ich hatte eine Lena bestellt mit selbstreinigender Oberfläche, ohne KI, aber programmierbar auf einfachste Arbeitsabläufe wie etwa SW-Filmentwicklung, Putzen oder Telefonieren mit Politikern, zudem mit der Fähigkeit zu glaubhaften Begeisterungsausrufen, jedoch unfähig zu jeglichen Mißfallensbekundungen und so Sachen halt.

Geliefert wurde ein Auslaufmodell, wenn nicht überhaupt echt, so doch fast lebensecht, mit abgeschlossenem Studium in Kulturmanagement und Museologie, blond, ständig schlecht gelaunt, stets eigener Meinung, oberbayerischem Dialekt und zu allem Übel noch einer riesigen Verwandtschaft. Und: Sie wollte ständig Gex oder Mex oder Lex oder irgendsowas, wovon ich noch nie gehört hatte.

(Den Kaufpreis bekomme ich übrigens zurück, nur das Paketporto und die Transportversicherung muß ich zahlen.)


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Ich werde gerade zum Frühstück geholt.

 

… und nach dem Frühstück? Das! In der Ornitologie (das müßte man in den sozialen Medien verdeutschen) spräche man von einem “überoptimierten Auslöser” – in Bezug auf altmännerliches Begehren könnte das durchgehen. Ansonsten hielt sich schon 1999 die Begeisterung in Grenzen, obwohl es sich doch um die Schönsten aus deutschen Landen handelte, die sich da in einem Whirlpool in Großwallstadt drängten. Wenige Tage später wurde eine von ihnen Miss Germany. Die bundesdeutschen Zeitungen jedenfalls wollten dieses Bild unbedingt.


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Blogbeitrag vom 10.06.2020

Matter of concern

Aus meiner Serie: Bilder, die die Welt nicht braucht (und möglicherweise nie gebraucht hat). 3

Kulturell Schaffende, die auf die Bewilligung von Corona-Hilfe gewartet haben? Wenigstens satirisch wäre dieses Bild (aus der Uni Würzburg) durchaus noch zu gebrauchen. Ich illustrierte damit auch einmal einen Artikel über Prüfungen im Medizinstudium. Andererseits, etwa auf der Grundlage der Soziologie von Bruno Latour, sollte man darüber nachdenken, ob ein solches Bild (wie auch die Sache selbst) eigentlich noch zulässig sein dürfte. Die natürlich schon sehr alten Gerippe sind nämlich echt, die Menschen hatten einen (vermutlich) afrikanisch klingenden Namen, was eigentlich von Belang (matter of concern) sein sollte. Etwas weiter rechts hängen Skelette von Gorillas – die sind allerdings sowieso schon fast ausgestorben.


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Blogbeitrag vom 08.06.2020

Image-Pflege

Nicht ganz standesgemäß, aber neben Spiegel, stern, stern View und arte Magazin läßt es sich aushalten. Cicero und Tichys Einblick rutschen zwar mitunter sehr ins Lager der Rechtspopulisten, aber wenn das Grundgesetz ernstgenommen wird, kann man auch das ertragen. Und TV-Movie … ja, wozu soll die gut sein? Egal! Uns wäre es zwar lieber, man würde das Franken-Magazin neben dem New Yorker, National Geographic und Time präsentieren. Wir zögen dann zwar wohl oft den kürzeren, aber: das Image, das Image! Nicht auszumalen!

(Das Foto von Fabian Pause entstand übrigens in der Buchhandlung Osiander in Bamberg, Grüner Markt 16. Da kann man das Franken-Magazin so lange beziehen, bis man es endlich aus freien Stücke abonniert. Was übrigens auch hier auf unserer Seite geht – fragen Sie mich nur nicht wie.)


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 06.06.2020

Corona-Denkmal für Österreich

In der Antike wäre Österreich gar nicht erst erfunden (oder “erschaffen” – wie man will) worden. Die Götter hätten gefürchtet, von den Griechen wegen Allmachtsmißbrauch verklagt zu werden. (Zebaoth läßt sowas natürlich nicht zu. Das ist der Nachteil des Monotheismus!) Wir wollen die kulturellen Leistungen (vom Personal ganz zu schweigen) dieser, zumindest unter Europäern irgendwie schon lästigen Alpenrepublik, die uns erspart geblieben wären, gar nicht groß aufzählen, allenfalls die Richtung andeuten: Sacher-Torte, Kaiserschmarren, Hundertwasser … und es läßt sich immer noch toppen. Das Kulturressort des Landes Steiermark (bekanntlich finsterstes Österreich) schreibt jetzt einen Wettbewerb zur Errichtung einer Corona-Skulptur im öffentlich Raum aus, denn “Der Schwarze Tod schwappte in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals in bedrohlichen Wellen über Österreich”. 1680 erst erwischte es sogar Graz und gerne da soll die Corona-Skulptur auch hin. “Damit die Erinnerung (an die Pandemie) nicht nach zwei oder drei Generationen verblaßt oder gänzlich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet, soll ein imposantes Denkmal noch in Jahrhunderten davon künden, daß 2020 “Schulen, Kindergärten, Gasthäuser, Baumärkte, Frisörsalons, Spielplätze und Parks geschlossen waren”. (Ich bin kurz davor Desinfektionsmittel zu trinken.)

Was soll’s: Eine bessere Arbeit zum Thema als den “Alien” (Bild) von Angelika Summa gibt es ohnehin nicht und die ist bereits 2017 in Australien am Bondi-Beach in Sydney  präsentiert worden.


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Blogbeitrag vom 05.06.2020

Maquetten des Weltuntergangs I

Warum die Digitalisierung uns nicht gut tut.

Sollte unsere Welt wirklich demnächst untergehen – und zwar nicht einmal, weil ein gekränkter Präsident seinen Erstschlag getwittert hat, sondern gewissermaßen systemimmanent an sich selbst –, dann wird auch dies vermutlich niemand mehr richtig merken. Zugedröhnt mit glücklich machenden Drogen werden dehydrierte Smartphoniker einfach beim Party-Machen offline gehen; das Licht erlischt und die Musik geht aus. Italo Calvinos Qfwfq (Cosmicomics. München Wien 1989 / 2015) hat sich längst in die Galaxie M22 verzogen; Jeff Bezos, Bowen Zhoun, Eric Schmidt, Mark Zuckerberg, Ray Kurzweil, Peter Thiel und andere betuchte Transhumanisten verprassen restlos von Sinnen ihr Geld in einer Mondlounge. Auf der Erde herrschen ungesunde Aerosole über Müllhalden, Betonwüsten, Kloakentümpel.
Die digitalen Clouds jagen sich gegenseitig die Accounts von ohnehin längst Verstorbenen ab.
Haben die sich so die Singularität vorgestellt? Immerhin: Peter Thiel (PayPal-Mitbegründer) hatte in einer Schrift aus dem Jahre 2009 „The Education of Libertarian“ verkündet: „Zwischen Politik und Technologie wird ein Kampf auf Leben und Tod ausgetragen … Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen (vermutlich meinte er sich), der den Mechanismus erschafft oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen.“ Und er ist bestimmt nach wie vor überzeugt, daß im bald – voraussichtlich ab 2050 – ausbrechenden postbiologischen Weltzeitalter alles – zumindest für seinesgleichen – paradiesisch wird. Rendite ohne Ende, Allmacht, Unsterblichkeit und die Toten werden auferstehen (Frank Tipler: Die Physik der Unsterblichkeit. München 2007). Ray Kurzweil (Google Chefingenieur) ergänzt: „Im Verlauf des Jahrhunderts werde es gelingen, das Sonnensystem mit selbstreplizierender, nicht biologischer Intelligenz zu erfüllen … Wenn wir die gesamte Materie und Energie des Weltalls mit unserer Intelligenz gesättigt haben, wird das Universum erwachen, bewußt werden – und über phantastischen Intelligenz verfügen. Das kommt, denke ich, Gott schon ziemlich nahe.“ (Kurzweil: Menschheit 2.0 Die Singularität naht. Berlin 2013)

Je klüger die Software, desto dümmer der Nutzer

Singularität meint also – nach Ansicht der Transhumanisten – den historischen Moment, in dem die Entwicklung künstlicher Intelligenz so weit fortgeschritten ist, daß ultraintelligente Maschinen die menschliche Intelligenz ins Unvorstellbare übertreffen und schließlich sogar über Selbstbewußtsein verfügen. Jenseits von dem kann die Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht mehr fortbestehen. Damit wäre das Ende menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde als Kollateralschaden der Intelligenzexplosion billigend in Kauf genommen. Wobei natürlich klar ist, daß diese Gestalten vorher ihr Gehirn in die virtuelle Realtität uploaden, schließlich kann nicht gewährleistet werden, daß die superintelligenten Maschinen es mit der Biomasse auf der Erde gut meinen werden.
Transhumanisten wie etwa der Oxforder Professor Nick Bostrom zeigen sich diesbezüglich echt besorgt. Allerdings sollte sich „die KI … ihrer Unbesiegbarkeit sicher“ sein, „dann würde sie uns vielleicht nicht direkt angreifen“. In diesem Fall, so Bostrom, „erwartet uns eine wunderbare Zukunft, die unsere wildesten Träume übertrifft“.
Der Weg dorthin – versteht sich – ist jedoch nicht einfach und dürfte uns noch so manche Überraschung bescheren. Mehr und mehr ergreifen schon jetzt Cyborgs oder sogar einfacher gestrickte Mischwesen aus Mensch und Maschine die Macht, schaffen beispielsweise die letzten verbliebenen Demokratien ab. Entlang der menschlichen Geschichte hat es in verschiedenen Gradationen Hybriden zwar schon immer gegeben, sobald Werkzeuge benutzt wurden oder Prothesen zum Einsatz kamen.
Nur die jungen Soldaten, die 1916 mit abgerissenen Gliedmaßen aus den Schützengräben gezogen wurden und denen im König-Ludwig-Haus eine hölzerne Gehhilfe angepaßt wurde, konnten damit tatsächlich gewisse Defizite ausgleichen.
Die Prothesen, die gegenwärtig in Form von Smartphones unters Volk kommen, sind von anderer Qualität. Betrachten wir sie als Werkzeuge, dann erweitern sie tatsächlich unsere Fähigkeiten; wir finden selbst in Großbardorf auf Anhieb die Pizzeria, die geöffnet hat, können an jedem Ort „King of Dead“ spielen, wo immer wir gerade sind, das Wetter abfragen, haben stets unsere Lieblingssongs dabei; wissen punktgenau, wo sich unser Ehepartner gerade befindet. Zugleich werden wir jedoch auch zu einer Erweiterung unseres Smartphones, werden – manchmal nur in einem winzigen Umfang, manchmal geradezu umfassend durch regelmäßige Updates z.B. von Microsoft – programmgerecht formatiert. Der Philosoph Marshall McLuhan hatte bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts behauptet (Die magischen Kanäle), daß unsere Werkzeuge jedes Körperteil am Ende betäubten, das sie verstärkten.
Im Zusammenhang mit Smartphones und ähnlichen Gadgets ist dies inzwischen vielfach bewiesen. Durch Taschenrechner verlernen wir das Rechnen, durchs Navi verlieren wir die Orientierungsfähigkeit, Schreiben, Denken, Erinnern usw.. Bei manchem mag das alles nicht weiter tragisch sein, solange die entsprechenden Prothesen funktionieren. Dramatisch wird es erst, wenn es zutreffen sollte, daß das Smartphone eben nicht nur ein Werkzeug ist, die Digitalisierung eben keine Technik, die wir einfach als Mittel nutzen können, das uns in der Bemächtigung der Welt voran bringt, sondern eine Weltanschauung, die uns selbst verändert. Bewußt wird einem das jedoch nur, wenn „die Technik“ nicht funktioniert und uns plötzlich damit konfrontiert, daß wir eine Fähigkeit nicht mehr haben, die wir einmal hatten und meinten nicht mehr zu brauchen. Es ist dieses Mißverständnis, das uns glauben macht, es gebe eine digitale Kompetenz im Sinne von Selbstbehauptung gegenüber den Programmen, die wir benutzen. Die Programme benutzen vor allem uns und seien wir noch so schlau.

Nur noch Nullen

So banal es nun klingt, so mathematisch kompliziert die Algorithmen der digitalen Welt auch immer sein mögen, es sind nichts als formale Regeln. Es ist jeweils eine Syntax aus Nullen und Einsen. Und die zugrundeliegende Behauptung ist, daß alles irgendwie materiell ist bzw. auf Materielles reduziert, zurückgeführt werden kann oder eben muß, sonst ließe es sich ja nicht digitalisieren, in Nullen und Einsen umschreiben. Und schließlich muß das einmal Digitalisierte, will es seinen Auftritt in der analogen Welt haben, wieder auf die materielle Welt angewendet werden. Letztlich als elektrische Impulse für Maschinen, die etwas erstellen, produzieren, in Gang setzen, stoppen, zeigen, verschwinden lassen. Auch das mag auf den ersten Blick nicht sonderlich bedenklich sein. Natürlich insofern als es Arbeitplätze für Menschen beseitigt, vielleicht auch die Menschen selbst. Dramatisch (und politisch kaum einholbar) ist jedoch, daß alles, was, überspitzt könnte man sogar sagen: jemals, digitalisiert wurde bzw. wird unwiderbringlich seine Bedeutung verliert. Die Reduktion, die absolute Formalisierung auf Nullen und Einsen macht den Verweis auf einen Wissenszusammenhang völlig beliebig. D.h. nicht, daß man dem, das mittels Digitalisierung erstellt, dargestellt oder sonstwie wieder in der analogen Welt auftritt, nicht Bedeutung (wieder) zuschreiben könnte. In vielen Zusammenhängen mag das auch völlig unerheblich sein ( genaugenommen ist es das doch nicht, sei’s drum). Klarmachen kann man sich so aber, daß der 3D-Druck des Fabelwesens „Le Stryge“ (halb Frau, halb Hündin), aus dem pulverisierten Stein, was beim Brand von Notre Dame davon übrigblieb, mit dem Original nichts gemein hat. Nur gilt das Entsprechende auch von jedem Selfie, das über Whatsapp in die Welt gejagt wird.
Was immer wir digitalisieren und damit der Beliebigkeit anheimgeben, berauben wir genau dessen, wofür wir es wertschätzen – und wenn nicht wir, dann unser Nächster. Wie gesagt: Wir können dem Digitalisierten womöglich wieder Bedeutung verleihen, allerdings funktionierte dies allenfalls, wenn wir es alle, sagen wir: demokratisch vereinbart, täten. Anderenfalls produzierten wir lediglich alternative Wahrheiten. Es mag religiös klingen und vielleicht ist es das auch, moralisch ist es allemal – allerdings im Sinne einer universalistischen Moral. Dementsprechend kann man behaupten, daß wir in dem Maße, in dem wir unsere Welt digitalisieren, dazu beitragen, sie unwiederbringlich zu zerstören. Insofern wir letztendlich kein Argument, keine Möglichkeit haben, das, dem wir selbst seine Bedeutung genommen haben, verbindlich vor dem Zugriff anderer zu schützen, selbst wenn wir dem wieder Bedeutung zuerkannt haben.
Es fehlt die verbindliche, moralische Instanz, die von allen bzw. wenigsten fast allen anerkannt wird. Die ist mit Notre Dame verbrannt, die ertrinkt beinahe täglich im Mittelmeer, die zerstören wir unseren Kindern, indem wir ihnen digitale Kompetenz vermitteln, die zerstören letztlich sogar die Kirchen, wenn sie ihre Gottesdienste als 360-Grad-Video auf Youtube stellen.
Dabei ist sicher richtig, daß es ein Wahrheitskriterium, eine verbindliche Instanz, sieht man von Gott ab, an dem man eben glauben muß, nicht gibt und vermutlich noch nie gab. Vielleicht war da nur die Zuversicht in eine, von menschlicher Willkür weitgehend unabhängige Instanz – rund 150 Jahre schien das die analoge Fotografie zu sein. Mit der Digitalisierung wird alles beliebig. Vor allem das Denken der Menschen. ¶


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 31.05.2020

Redaktionssitzung

(wie unsere Mitarbeiterinnen diskutieren, wollen Sie gar nicht sehen)

Redaktionssitzung beim Franken-Magazin – Diskussion der Mitarbeiter


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 29.05.2020

Die Verwandlung

Aus meiner früheren Zeit

Ich war damals gerade sehr klein. Bin ich eigentlich immer, wenn ich schlecht drauf bin. Oh ho, das war ich! Schließlich hatte ich mich als Harpyie beworben, ersatzweise höchstens noch als argentinischer Rosttöpfer (Furnarius rufus), genommen haben sie mich als mickrige Froschkröte. Und dann wurde ich auch noch unentwegt von diesen Botoxbacken touchiert. Aus meiner Zeit als Kaulquappe war mir natürlich bekannt, daß sich Frösche durch Körperkontakt verwandeln können, in Rundfunkmechaniker, Maurer, Faschingsprinzen. Ich wollte aber nicht und sah nun das Ende meiner Stunden hienieden gekommen. Schließlich wußte ich nicht einmal, um was für ein Monster es sich hier handelt. Ein Tigerhai – fände ich zwar angemessen – konnte es nicht sein. So etwas gibt es im Rimbacher Dorfweiher nicht. Andererseits, ich wurde ja nicht gefressen. Möglicherweise bin ich giftig. Irgendwann war ich es leid, und ich ergab mich meinem Schicksal. Soll man mich eben verwandeln. Wer hätte auch gedacht, daß aus mir ein wahnsinnig intelligenter, toll aussehender Journalist werden würde?


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 25.05.2020

Kopf auf Distanz

Es kommt sowieso alles anders, als man denkt.

Kinderwitz beantwortet die Frage, warum Giraffen einen so langen Hals haben: … weil der Kopf so weit oben ist? Darüber hatte sich schon das italienische Teilzeitgenie Alberto Savinio (1891-1952) in seinem „privaten Lexikon“ (Ffm 2005) Gedanken gemacht. Selbst Maler (kaum weniger beeindruckend als sein Bruder Giorgio de Chirico), erfolgloser Musiker und furchterregend gebildeter Schriftsteller, gemahnte ihn vermutlich der Anblick liebenswerter und ziemlich stummer Giraffen (wie die auf unserem Bild aus dem Nürnberger Tiergarten) an einen Agrippianer aus der Gesta Romanorum (Kap. 175): Die „Agrippianer“ sind ein Volk bezaubernder Therianthropen (Mischwesen aus Mensch und Tier) aus menschlichem Körper, langem Kranichhals, Kranichkopf und Kranichschnabel. Ein Autor aus dem 12. Jahrhundert beschreibt die Bewohner der Insel Grippia als sehr weise und vollkommen, weil sie aufgrund ihres langen Halses ihre Worte sorgfältig abwägen, bevor sie etwas sagen. Auf Deutsch: Es dauert manchmal etwas, bis sie auf den Punkt kommen. Mitunter sagen sie nichts. Wie auch immer!

Anzunehmen ist jedenfalls, daß Savinio in den 1940ern noch nichts von Cyborgs oder synthetischer Biologie wußte, aber mit seinem mythologisch unterfütterten Gespür für den Tanz der Gene, imaginierte er schon mal eine Daseinsform für den schmerzsüchtigen Geistesmenschen, die gewähr-leisten könnte, umringt vom kopflosen Durchschnitt, sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Der Kopf auf Distanz ermögliche immer am sicheren Schreibtisch und nahe bedeutender Folianten im Regal zu bleiben und wenigstens Intelligentes nachzudenken, während der oft leicht übergewichtige Rest des Kritters, der im wahrsten Sinne: Acephale, zum Einkaufen in den Supermarkt, zum Jubeln auf den Fußballplatz, Chillen auf die Alte Mainbrücke (Würzburg) oder zum Abtanzen in die Posthalle (ebd.), also ins echte Leben geschickt werden könne, dorthin, wo der Kopf nicht dringend benötigt würde.

Wäre da nun nicht 2020 im „Schlafzimmer der Sonne“ dieses Siechtum aufgestanden: die Pandemie als Zeitenbruch und womöglich letzte Chance für eine Zeitenwende!? Da war sie also wieder, die fixe Idee, das Klima und den Regenwald zu retten, den 60 Millionen Menschen in Afrika, die von einer Hungersnot bedroht sind, zu helfen, vielleicht im selben Atemzug den Krieg in Syrien beenden, die Flüchtlingskrise weltgemeinschaftlich angehen zu können … und wenn es schon nicht gleich die ganze Welt sein kann, dann halt solidarisch dem ärmeren Europa oder vor allem moralisch vertretbar in Deutschland …! Natürlich ist der einzelne nicht für alles Leid auf der Welt zuständig, das wissen dank Hartmut Rosa selbst die Gutmenschen. Dennoch: Würden nicht Verschwörungsirre, Rechtsradikale, Spökenkieker, Veganköche alle Aufmerksamkeit auf sich lenken und zugleich die Wirtschaftselite unsere Prioritäten ganz in ihrem Sinne wieder ein-norden, stünde vielleicht tatsächlich zu befürchten, daß sich etwas verändern könnte. Gemach, gemach! So weit soll es nicht kommen. Mehrwöchiger Hausarrest, selbst leidlich bewirtschaftet, vermag wohl nicht, über Jahrzehnte eingeübte Wertvorstellungen, mögen sie noch so straight auf Profit gepolt sein, zu erschüttern. Zumal die digital-induzierte Dekapitation des Wahlvolkes in den vergangenen Wochen, wenn auch nahezu apokalyptisch (was sich noch erweisen wird), gesteigert wurde.

Um nun den Anflug von Sarkasmus allmählich etwas runterzufahren: Suboptimal ist im Moment allenfalls, daß sich die staatstragenden Organe nicht besser abstimmen. Wurde in der Vergangenheit, Jahren und Wochen, wie die Münchner Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino monieren, schon nicht „auf Vorrat gedacht“, geschieht es jetzt mangels Lagerraum natürlich auch nicht. Die anvisierte Rückkehr zum status quo ante erfolgt unkoordiniert, chaotisch, unlogisch, ungerecht – keiner weiß mehr Bescheid; vermutlich wissen ohnehin immer wenigere, wie es vorher, jenseits des Oberflächlichen, wirklich war. Was bei einigen Bedenkenträgern vor allem die Ängste vor dem berühmten Präventionsparadox schürt, das zu einer neuen Infektionswelle führen könnte.

Jenseits davon gibt es Stimmen, die grundsätzlich bezweifeln, daß das Potpourri aus staatlichem Urlaubsgeld, Geisterspielen, Milliarden für die Lufthansa, wochenlanger Wartezeit für die Bearbeitung von Anträgen auf Soforthilfe, Finanzierung von Besucherschleusen in Kultureinrichtungen – irgendwann wird herauskommen, daß auch kriminelle Vereinigungen im großen Stil Corona-Hilfe erhielten – und dergleichen mehr sich wie eine vertrauensbildende Maßnahme anhört. All das verunsichert inzwischen auch jene, die die Corona-Maßnahmen, vom Lockdown bis zum Social distancing, grundsätzlich als Gebote der Vernunft ansehen, die womöglich, obwohl sie vielleicht sogar massiv unter einigen aberwitzigen Regelungen zu leiden hatten, sich nicht auf die Seite der Wutbürger begeben haben.  All das verunsichert auch jene, die sich einfach nur „anständig“, im Sinne von Gemeinwohl und Mitmenschlichkeit (Ivanhoe, Lassie, Flipper, Fury bis hin zu Pater Brown und vor allem Hercule Poirot) verhalten haben. Deren Vertrauen in die Politik wird gegenwärtig auf eine harte Probe gestellt. Das aber wäre nun vorrangig zu festigen bzw. wiederherzustellen.

Das gelänge jedoch nur, wenn staatliche Maßnahmen, politische Forderungen sich an, in der breiten Öffentlichkeit einsichtigen moralischen, sozialen Wertmaßstäben – durchaus auch an vernünftigen volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten – orientierten. Hilfen für Unternehmen, die dann Dividenden ausschütten, selbst wenn es dafür rationale Gründe geben sollte, gehören – das wurde schon wiederholt gesagt – nicht dazu. Sowenig wie die vorrangige, sei es finanzielle oder öffentlichkeitswirksam ideelle Unterstützung von Veranstaltungsformen, die hauptsächlich einer Unterhaltungskultur  angehören. Natürlich soll es wieder Konzerte von Klassik bis Rock geben. Theatervorstellungen, Lesungen, Kino, auch die Gastronomie, all das soll und muß es geben. Und doch fällt es schwer, nicht zuletzt, wenn die Gelder langsam knapp werden, Hilfen für eine Unterhaltungskultur mit fließendem Übergang zur Spaßkultur, so sehr sie das gesellschaftliche Leben bunt gestaltet, dem sog. gesunden Menschenverstand einsichtig zu machen. Alternativlos wäre das nur, wenn ein Nach-Corona wirklich wünschenswert sein sollte, das sich vom Vorher nicht sehr unterschiede. Und genau das wird es nach ziemlich einhelliger Meinung aller Fachleute nicht geben. Nur dann aber wäre das kleinkarierte Aufrechnen, der darf, was ich nicht darf, der bekommt, was ich nicht bekomme, noch irgendwie verständlich. Und verrückterweise befinden wir uns bereits auf bestem Wege zu diesem Hauen und Stechen.

Für den – wie gesagt – wahrscheinlichen Fall, daß die Pandemie noch lange nicht vorbei sein wird, daß die Folgen für das gesellschaftliche und soziale Leben sehr einschneidend und für viele katastrophal sein werden, wäre es nun doch ratsam, auf der Grundlage jeweils zu diskutierender Wertmaßstäbe darüber nachzudenken, was wo wie geändert werden könnte und müßte. Brisante Fragen drängen sich im Moment genug auf: Sollen aus wirtschaftlichen Erwägungen Klimaziele etwa in der Autoindustrie aufgeschoben/aufgegeben werden? Was können wir tun, um die vollständige Zerstörung des südamerikanischen Regenwaldes noch abzuwenden? Wie lassen sich die Zustände in Schlachtbetrieben verändern? Wie läßt sich das Konsumverhalten, wie lassen sich die Ernährungsgewohnheiten der Bürger verändern? Wie können wir (als Gemeinschaft) die schlimmsten Auswirkungen von Arbeitslosigkeit, wie existenzieller Not bis hin zur Kinderarmut in den Griff bekommen? Oder: Was sollen wir tun, wenn die Infektionszahlen wieder deutlich ansteigen? Etwa dem Philosophen Nida-Rümelin folgen und Gesundheit und Leben weitgehend der Selbstverantwortung des einzelnen überlassen? Auch wenn es etwas verkürzt sein mag, aber das unterschiede sich nur geringfügig von der Politik eines Trump oder Bolsonaro. Es ist einfach zynisch, der Selbstverantwortung des einzelnen eine derart prominente Position zuzuschreiben, wenn auf der anderen Seite eine ganze Industrie permanent daran arbeitet, dem einzelnen die Verantwortung für sich selbst algorithmisch und vor allem möglichst gewinnträchtig abzunehmen oder der einzelne in eine Situation gezwungen ist, in der er diese Selbst-verantwortung gar nicht übernehmen kann. (Im extremsten Fall als ausländischer Arbeitnehmer auf dem Bau oder in Schlachtereien.)

Selbst im Homeoffice gelangt man schnell von den großen, überregionalen Themen zu den lokalen, ganz konkreten Fragen und Problemen an den örtlichen Schulen, in der städtischen Verkehrspolitik, den lokalen Medien, zu Kunst und Kultur vor Ort. Und es geht dabei nicht darum (sollte es jedenfalls nicht), etwas zu verbieten oder den Spaß zu verderben, sondern es geht um neue gesellschaftliche Vereinbarungen. Also: Wer unbedingt in den Süden fliegen will, soll dies tun können – nur gibt es eben keine Billigflieger mehr. Wer unbedingt täglich Fleisch essen will, kann dies tun – nur ist das Fleisch eben fünf- oder zehnmal so teuer, wie noch gegenwärtig. Wer unbedingt mit dem Auto in die Stadt fahren will, muß eben gute Gründe haben. Usw.! Allerdings muß man all das so regeln, daß es nicht unbotmäßig die soziale Frage verschärft. Jedenfalls erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß ein bis vor kurzem die Massen halbwegs zufriedenstellender Konsum und die sich ständig vergrößernde Kluft zwischen arm und reich nichts miteinander zu tun haben sollen. Man muß vielleicht etwas um die Ecke denken: Es sollte eigentlich möglich sein. Jetzt müßte diskutiert werden, was für den Erhalt einer demokratischen Gesellschaft unbedingt erforderlich ist, was nicht bzw. nicht unbedingt, was für den sozialen Zusammenhalt, für Leben und Gesundheit und Glück der Menschen, der Bürger unverzichtbare Voraussetzungen sind, statt sich um die Zukunft der Bundesliga und die Millionengehälter der Topspieler zu sorgen. Wir wissen es alle! Es geht um Konsum, Frieden, Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Kultur. Und es geht immer um unsere Demokratie, den besten Staat, den es auf deutschen Boden je gab. Es müssen für all diese Fragen Lösungen gefunden werden. Wir könnten natürlich auch schon mal alle unser Testament machen und uns als Alleinerben einsetzen.

Obwohl, in puncto Kultur könnte man den Eindruck gewinnen, die Politik habe ihre Bedeutung erkannt. Freilich auch hier wäre zu diskutieren, ob wirklich Unterhaltung die vornehmste Aufgabe von Kultur sein muß. Ob nicht Museen, Theater, Bibliotheken, Ausstellungen, Lesungen, und vor allem all jene kulturellen Aktivitäten, die zumindest zunächst nicht direkt im Licht der Öffentlichkeit stehen und nicht entstehen können und die sich oft auch kaum über Eintrittsgelder finanzieren können, nicht größere Wertschätzung verdienten. Wer sich in einer Situation, in der viele Menschen um ihre Existenz kämpfen, denen mitunter das ganz Leben zusammenbricht, vergnügen will und kann, der sollte dafür auch selbst aufkommen. Wie umgekehrt Kulturschaffende ihre Bedeutung, ihre kulturelle Bedeutung für die Gemeinschaft zumindest insoweit ausweisen sollten, ob sie nicht nur Unterhaltungswert haben. Anderenfalls können nämlich auch Spielhallen und Bordelle als kulturelle Einrichtungen durchgehen. Nichts dagegen, daß es sie gibt, nur sollten die Politiker unseres Vertrauens nachvollziehbare Kriterien haben, was sie unterstützen.

Die jetzt eingeführte Regelung, alle „Kulturschaffenden“ (aufgrund der Begriffsgeschichte sollte man wohl besser von „kulturell Schaffenden“ sprechen, nur wäre das auch nicht richtig) und nicht nur diejenigen, die über die Künstlersozialkasse (KSK) versichert sind, für drei Monate mit je 1000 € zu unterstützen, ist grundsätzlich nicht abzulehnen. Allerdings hat dies, so wie es jetzt vollzogen wird, nur wenig mit Unterstützung der Kultur zu tun. Es wird dies nämlich in hohem Maße denjenigen zugute kommen, die etwa im Veranstaltungsbusiness die ja durchaus wichtigen Hilfstätigkeiten ausführen, im Endeffekt der Spaßkultur. Natürlich kann man diese Menschen nicht verhungern lassen. Insofern ist alles in Ordnung. Nur das Etikett ist falsch. Und das ist keineswegs Haarspalterei. Von der jetzigen Regelung profitieren direkt und indirekt vor allem die Veranstalter von Events, wenn man boshaft ist: Krämer und Manager. Hätten die jedoch ihre Mitarbeiter (vor der Pandemie) ordnungsgemäß angestellt und nicht immer nur zu bestimmten Anlässen angeheuert, könnten die nun z.B. Kurzarbeitergeld beziehen. Vielleicht wären die Gagen für die Stars etwas magerer ausgefallen. Die „Künstlerhilfe Corona“ wirft nun alle in einen Topf und macht keinen Unterschied, ob jemand Eintrittskarten kontrolliert, Stühle aufstellt oder monatelang an einer Skulptur, einer Partitur oder einem Roman feilt.

Das mag sich sehr demokratisch (ja schon beinahe sozialistisch) anhören, ist es aber nicht. Vor allem aber wäre die ursprüngliche Lösung auch ehrlicher gewesen. Diejenigen nämlich, die tatsächlich kulturelle Leistungen vollbringen, sind zum größten Teil (es gibt ein paar Ausnahmen, etwa anderweitig abgesicherte oder überhaupt begüterte kulturell Schaffende) wirklich in der KSK versichert – gegenwärtig wohl etwas über 60 000. Nun sollte man jedoch wissen, daß sich von dieser Personengruppe schon vor der Pandemie nur ein geringer Teil von der eigenen, künstlerischen Tätigkeit ernähren konnte; pessimistische Zahlen bewegen sich bei zehn bis zwanzig Prozent. Der größte Teil lebte und lebt von Ehepartnern oder zusätzlichen Jobs oder Bezügen als Lehrkraft oder …. Vermutlich „erwirtschaften“ nun viele tatsächlich kulturell Schaffenden erstmals 1000 € im Monat „mit“ ihrer künstlerischen Tätigkeit. Man kann das mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten. Man wird die Beschränkungen – ob vernünftig oder nicht – in Kürze aufheben, die Veranstaltungen (ein bißchen Spaß muß sein) werden mit kaum eingehaltenen Abstandsreglungen wieder stattfinden; die Corona-Hilfe wird auslaufen, die meisten Künstler und Künstlerinnen werden wieder von ihren Ehepartnern oder vom Kellnern oder Taxifahren oder Stadtführungen leben, und die Politik wird sich ans Revers heften, die Kultur vor dem Absturz in Werweißwas gerettet zu haben. Eine weitere Gelegenheit, nachhaltiger über Kultur und Kulturförderung nachzudenken, vertan! ■

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


von Wolf-Dietrich Weißbach    |   
Blogbeitrag vom 24.05.2020

Fünfsterneschwan

Kulturpreisträger des Bezirks Unterfranken 2019

Schöner werde ich nicht mehr.

 


von Wolf-Dietrich Weißbach    |