Zu Besuch im Bleistift-Schloß

Warum Edgar Allen Poe, Salome, Ernest Hemingway und der letzte Kalif von Sevilla auf Schloß Stein wohnen.

Schloß Stein / Schloß Faber-CastellWer das erste Mal Schloß Stein bei Nürnberg, das Gräflich von Faber-Castellsche Schloß also, oder schreiben wir salopp, das Bleistift-Schloß besucht, der komme am besten an einem kalten, windig-rauhen Dezembernachmittag. Wenn es bereits dämmert, wenn im letzten Schimmer der giftig-gelb untergehenden Sonne ein Schneesturm pfeifend weiße Flokken über die Dachfirste peitscht, wenn im Schein der Autolampen die Schatten dürrer Stämme und Äste im Park spukhaft über die grauen Sandsteinmauern huschen, um von der dämonischen Schwärze eines Erkers, des Gesimses oder eines Torbogens verschluckt zu werden. Es nähme kaum Wunder, wenn einem die Phantasie an einem solchen Tag einen Streich spielte und aus eben jenem Finstern ein weißer Zeigefinger krümmend hineinlockte ins Unbekannte. Hier könnte der Untergang des Hauses Usher spielen.

anzeige

anzeige

Eine morbide Einbildungskraft, wie die von Edgar Allen Poe, würde bei diesem Anblick sprühend Funken schlagen für eine weitere grauenhafte Legende. Vielleicht aber auch  für eine Erzählung mit Geist und gutem Ausgang: Wie etwa Oscar Wildes „Gespenst von Canterville“, das ein Filmteam im Sommer 2004 für einen Sat1-Kinderfilm mit Armin Rhode in der Titelrolle im Schloß der Bleistift-Grafen gedreht hat. Irgendwie zeigt das schon, daß dieses Gemäuer, eine der wenigen Jugendstil-Schloßanlagen, mit seiner inspirativen Kraft irgendwo zwischen Historismus und Moderne steht. Ein nächster irrealer Eindruck des Schloßes würde einer schwülen Augustnacht vorbehalten sein, wenn das Musikzimmer, seine hochglanzpolierten Ahornpaneelen mit kunstvollem Perlmutt-, Metall- und Edelholz-Intarsien gewittrig aufgeladen sind und eine erste Böe den Flor der Vorhänge erzittern läßt. Dann scheint es, als ob beim ersten Blitz lasziv eine Salome aus dem Nichts entspränge, nur mit sieben Schleiern bekleidet und einer silbernen Schalemit dem Haupte des Jochanaan in den Händen. Einem Richard Strauß würde in diesem Raum des Schlosses Salomes Tanz womöglich noch leichter, noch ausschweifender, noch anstößiger ins Notenblatt geflossen sein, als es in seiner 1905 entstandenen Oper nach Oscar Wildes Schauspiel ohnehin gelungen ist.

Schloß Stein / Schloß Faber-CastellDaß diese Strauß’sche Opernpremiere und der Baubeginn des neuen Teils von Schloß Stein derart nahe beieinander liegen, ist kein Zufall: Die Musik wie das Bauwerk stehen für Historismus, Art Noveau oder schlicht: Jugendstil. Am 5. Dezember 1903 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung für das „Neue Schloß“, das schon im Jahr 1906 vollendet wurde. Alexander Graf von Rüdenhausen und Ottilie von Faber hatten mit dem sogenannten „Neuen Schloß“ ein ebenso repräsentatives wie ehrgeiziges Projekt aus der Taufe gehoben. Graf Alexander wünschte eine großzügige Anlage, die sowohl seiner eigenen geschichtsträchtigen Herkunft wie auch der hohen gesellschaftlichen Stellung der jungen, gräflichen Familie entsprechen sollte. Der Neubau entstand als Anbau an das bereits von Lothar von Faber zwischen 1843-1846 erbaute sogenannte „Alte Schloß“. Dessen Errichtung fällt in die Zeit der Hochromantik, als der Amerikaner Washington Irving das alte, sterbende Europa idealisierend entdeckte und nach einsamen Wochen als Gast auf der halbverfallenen Roten Festung über Granada seine „Erzählungen von der Alhambra“ veröffentlichte.

FC410An das idealisierte, maurische Spanien denkt der Besucher denn auch, wenn er an einem hellen Sonnentag zuletzt das betritt, was stets das Glanzstück eines Schlosses zu sein pflegt: Das Treppenhaus. In Katarakten strahlenden Marmors stürzen sich die Kaskaden der weiten Bögen von einer teilvergoldeten, krönenden Stuckdecke in die Tiefe, geäderte Flanken polierten Alabasters rahmen die im Sonnenlicht, das durch große, mit raffiniert schlichten Kreuzen durchbrochene Fenster fällt, hell leuchtenden Stiegen. Dünne, schwarze Linien an den Bögen, durchgehend oder tröpfelnd, bestätigen den Schwung der Arkaden, greifen ihn auf und führen ihn wieder nach oben. Man hört dieses Treppenhaus förmlich sprudeln, plätschern und wäre kaum erstaunt, wenn unvermittelt der letzte Kalif von Granada über die Stufen schwebte: Dieser Gebäudeteil des Schlosses wäre der Alhambra wahrhaft würdig. Natürlich muß der Besucher nicht so weit gehen, um Verwandtschaft zur mittelalterlich anmutenden Fassade, zu den romanisierenden Bögen, Säulen, Kapitellen, Fachwerkelementen, den Rund- und Ecktürmen zu finden. Denn näher als das Canterville-Schloß, tiefer als orientalischmaurische Zitadellen ist die Analogie zu Schloß Neuschwanstein, wo sich eine ähnliche romantische Vision von ritterlicher Vergangenheit spiegelt.

Schloß Stein (Faber-Castell) TreppenhausAnders, aber in ähnlich spielerisch-leichtem Wechsel, zeigen sich die Innenräume, die neben dem erwähnten Jugendstil auch mit Elementen von Romanik, Gotik, Renaissance, Empire und Klassizismus aufwarten. Von besonders festlicher Eleganz ist das zweite Obergeschoß, das ausschließlich gesellschaftlichen Anlässen vorbehalten war. Hier feierten die Vornehmsten der Gesellschaft, auch Prinzregent Luitpold zählte zu den Gästen des gräflichen Paares. Zu den Kostbarkeiten gehören die Badezimmer im Jugendstil. Sie weisen die damals modernste Sanitärtechnik auf: freistehende Heizungsgestänge zum Wärmen von Bademänteln und -tüchern, Rückenstrahldüsen und die rundum angebrachten Seitenstrahlbrausen im Herrenbad. Irgendwie vermißt man in einem solchen Bad nur noch eines, um den Luxus auf die Spitze zu treiben: ein Deckenfresko von Raffael (1483-1520) oder doch mindestens von Jacopo da Pontormo (1494-1557).

Die gibt es zwar nicht, dafür aber mehr als tausend Planzeichnungen für das Schloß, die Mehrzahl davon zur Innenausstattung. Sie zeugen von der hohen, künstlerischen Qualität und Sorgfalt, mit der die Gestaltung von Schloß Faber-Castell bis ins letzte Detail durchdacht und ausgeführt wurde. Nur Künstler und Werkstätten höchsten Ranges waren mit dieser Aufgabe betraut, die neben dem eigentlichen Bau auch die Gestaltung des etwa 30 Hektar großen Schloßparks umfaßte, der neben einem großen Weiher mit Bootshaus auch Brücken, eine Kegelbahn, ein spiralförmiges Baumlabyrinth, Brunnenanlagen und ein „Schweizer Chalet“ zum Billardspiel barg. Als die gräfliche Familie kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, am 1. Mai 1939, wie üblich in ihren Sommersitz außerhalb Nürnbergs zog, ahnte wohl noch niemand, daß sie nie wieder hier wohnen würden: Wenig später wurde das Schloß von der Deutschen Wehrmacht beschlagnahmt. Ohne größere Schäden überstand es die Kriegsjahre und wurde ab 1945 zunächst Quartier für Alliierte Truppen. Danach, während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, diente es als Unterkunft für internationale Anwälte und Prozeßberichterstatter, zu denen auch Ernest Hemingway und John Steinbeck zählten.

Erst 1953 verließen die letzten US-Besatzer das Schloß, das bis zuletzt als Pressecamp diente. Daran erinnert seit November 2005 eine ständige Ausstellung im Schloß. Die gräfliche Familie zog nach diesen Ereignissen nicht wieder ein. Über 30 Jahre verbrachte das einzigartige, imposante Gebäude in einer Art „Dornröschenschlaf“. Bis Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell für das Stammschloß seiner Vorfahren nach einer umfassenden Inventarisierung eine Renaissance inszenierte und es anläßlich des 225jährigen Firmenjubiläums im Jahre 1986 erstmals der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machte. Im selben Jahr wurde Schloß Stein im damals national wie international Aufsehen erregenden Mehrteiler „Väter und Söhne“ mit Burt Lancaster in der Hauptrolle als Außenkulisse genutzt. Um das historische Fluidum erspürbar zu machen, werden seit Anfang 2000 mit einem eigens angestellten Restauratorenteam peu á peu das Schloßäußere und die Innenräume im Sinne der Denkmalpflege und des Objekts restauriert. Seither wird es immer wieder für Ausstellungen und zunehmend auch für unternehmensbezogene Veranstaltungen verwendet.

Schloß Stein (Faber-Castell) TreppenhausSo war das Schloß bereits dreimal (1981, 1992 und 1995) Kulisse für die Ausstellung „Positionen + Tendenzen – Junge Kunst in Franken“, in diesem Juli (2006) wird es Außenspielort für das Kino des Kulturzentrums Komm, wo in einem SommerNacht-Filmfestival vor der historischen Kulisse u.a. die Rocky Horror Picture Show zu sehen sein wird. Die schöngeistige Veranlagung des Hausherren bestätigt auch eine Ausstellung des Literaturnobelpreisträgers und Zeichners Günter Grass, der im vergangenen Herbst 35 eigene Zeichnungen, Aquarelle sowie Skulpturen in zwei kompletten Räumen zeigte. Eine anschließende Lesung durfte natürlich nicht fehlen. In der verwies Grass übrigens ausdrücklich auf die „heilende Wirkung“ der Faber-Castell-Stifte. Denn seine kranke Romanfigur Fonti in „Ein weites Feld“ spürt augenblicklich Genesung, als sie den Castell 9000, eines der traditionsreichsten Produkte der Bleistift-Grafen, geschenkt bekommt.

Schloß Faber-Castell, von 1903 bis 1906 erbaut, birgt ein beeindruckend kultiviert arrangiertes Kaleidoskop von Stilepochen. Von Romanik, Gotik, Renaissance, Empire und Klassizismus reicht die Spanne. Schloß Stein gilt als herausragendes Zeugnis des Jugendstils. Neben der Restaurierung der Jugendstilbäder und des Louis-Seize-Zimmers im ersten Stock, liegt der Schwerpunkt auf dem Ball- und Gobelinsaal. Anläßlich des 100jährigen Schloßjubiläums im Jahr 2006 werden die wichtigsten Restaurierungsarbeiten im Obergeschoß abgeschlossen sein. Bis 2011 wird zudem eine Erlebnismeile fertiggestellt, die das gegenüber dem Schloß liegende Firmengebäude mit dem Jugendstilbau verbinden wird. Die historischen Vorläufer der industriellen Fertigung des Bleistifts, das Schloß als historischen Stammsitz der „Bleistift-Dynastie“ und den Ausstellungsraum sowie den Schloßpark als Freizeitanlage können Gäste schon heute bei einem Tagesausflug besuchen. Im neuen Schloß sind die Akademie Faber-Castell und Dauerausstellungen zur Firmen- und Familienhistorie untergebracht, etwa das Archiv mit dem ältesten, bekannten Bleistift der Welt sowie die Ausstellung „Schloß Faber-Castell als Pressecamp“.