Wo heute noch ein „wilder Mann“ blankzieht

Zwischen wirtschaftlichen Hochphasen und der nahezu völligen Ver- nichtung durch Brände sowie Wirtschaftskrisen behauptet sich Naila als eine kleine Stadt an der Selbitz in Oberfranken wie das sprichwörtliche „Stehauf-Männchen“.

Ortsansicht von Naila

Ortsansicht von Naila

Es ist die Nacht vom 15. auf den 16. September 1979. Bibbernd vor Kälte und Aufregung drängen sich auf einer knapp zwei Quadratme- ter großen Plattform vier Erwachsene und vier Kinder. Sie klammern sich an Propangasflaschen fest, die sich in der Mitte des 27 Meter hohen Luft- schiffes befinden. Mit ihrem aus Re- genmantelstoff und Bettlaken in wo- chenlanger Arbeit selbstfabrizierten Heißluftballon wollen die acht Men- schen die innerdeutsche Grenze über- queren. Nachts um 2:40 Uhr heben sie in der Nähe des thüringischen Ortes Oberlemnitz ab. Es ist bereits der zweite Versuch, den die Familien Strelzyk und Wetzel unternehmen, um aus der DDR zu fliehen. Die erste Fahrt endete 200 Meter vor der To- desgrenze. Doch heute steht der Wind günstig. Bayern 3-Moderator Günther Jauch hatte im morgendlichen Wet- terbericht von starkem Ostwind ge- sprochen. Die Eltern singen mit ihren Kindern. Sie singen in das Schwarze der Nacht, gegen die Angst, die Kälte, die Ungewißheit. Und dann der Schock: In 2540 Metern Höhe brennt sich ein Loch in die Hülle des 750 Kilo schweren Ballons. Das Gas geht nach exakt 28 Minuten Flugzeit zu Ende. Sie streifen die Bäume, landen irgendwie – und irgendwo. Die Frauen und Kinder verstecken sich im Ge- büsch. Die Männer gehen los, halten ein Auto an. Es ist ein Polizeiwagen, und sie fragen: „Sind wir hier im Westen?“ Und die Polizisten antworten verwundert: „Ja, wo denn sonst…? Sie sind in Naila. In Bayern.“ Wenige Minuten später ist der Nailaer Fotograf Reinhard Feldrapp am Ortsteil „Finkenflug“ eingetrof- fen. Mit seiner Kamera hält er die Momente fest, die später um die Welt gingen. „Mir war sofort klar, daß dies eines der größten und bewegendsten Ereignisse an der deutsch-deutschen Grenze war. Die Situation war er- schütternd und ergreifend. Wenn man dieses selbstgebaute Luftgefährt gesehen hatte, konnte man kaum glauben, daß damit eine Flucht möglich gewesen war.“

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