Wo die Flügel fliegen lernen

Zuletzt werden sie sogar geprügelt – Die Klaviermanufaktur Steingraeber aus Bayreuth geht für perfekten Klang einsame Wege

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Udo Schmidt-Steingraeber

Wer das Bild einer herkömmlichen Fabrik im Kopf hat, kann diese Firma allzuleicht übersehen: In Bayreuths prächtiger Friedrichstraße sollen sie residieren, diese weltberühmten Klavierbauer. Jedenfalls steht es so auf dem Zettel, Steingraeber & Söhne, Friedrichstraße 2. Wachsam gondelt der Wagen entlang der Nummern zehn, acht, sechs, vier, kreuzt dann ein reizendes Rokoko-Palais. Und man erwartet als nächstes die zwei. Aber sie kommt nicht. Wo ist bloß dieses Steingraeber-Fabrikgebäude? Es folgt ein konzentrierter zweiter Vorstoß, zuletzt ein leicht gereizter dritter, bis endlich die Erleuchtung entkrampfend durch des Wagenlenkers Glieder strahlt: Na klar! Das Rokoko-Palais ist die Firma!

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Weswegen, wie der Gast erfährt, der Bau schlicht Steingraeber-Haus genannt wird. Schon im Entree drängt sich, für was der Name steht: Ein unüberschaubares Arrangement mannigfaltigster Klaviere und Flügel, in konventionellem Polyesterschwarz oder in überraschenden Furnieren, in für Tasteninstrumente exotischen Farben wie Grün oder Blau, in eigenwilligsten Größen, wimmelt imVerkaufsraum, der in Wirklichkeit eine komplette Suite, eine Zimmerflucht des 1754 erbauten Palais einnimmt. Wer Klavier spielen gelernt hat, den drängelt’s an die Tasten: Ein bißchen Bach, ein schmales Schumann-Repertoire – und schon ahnt der Besucher, daß ein so sorgfältig gebautes Klavier ein Mittler zwischen den verfeinerten Regungen des menschlichen Gemüts einerseits und der ätherischen Welt der Musik andererseits sein kann – ganz gleich, wie eingerostet ein Pianist auch sein mag.

Piano073bDiskret räuspert sich mit dem letzten Ton ein Herr heran. Distinguiert und weltgewandt lädt Udo Schmidt-Steingraeber zum Rundgang durch die Stockwerke, erklärt dies und das, zeigt den letzten vorhandenen Flügel der ersten Produktionsserie der 1852 gegründeten Firma und führt gleich nebenan, in einem dämmrigen Konzertsaal, zum weißen, mit geschnitzten Blumengirlanden reich verschnörkelten Liszt-Flügel: Hier also hat der Meister selbst gespielt! Scheu streicht die Hand über den matten Deckel. Das Palais atmet Genie-Geschichte. Fast erwartungsgemäß erhebt sich direkt vis-á-vis über der Straße das Geburtshaus von Jean Paul. „Darf ich Ihnen zeigen, wie sie gebaut werden?“ fragt Schmidt-Steingraeber. Er kann Wünsche von den Augen ablesen. Zumal angesichts des magischen Klanges dieser Steingraeber-Instrumente der Laie vermutet, daß bei ihrer Fertigung sicher irgendwelche mysteriösen Pentagramme, Pülverchen, Pendel sowie sonstige okkulte Geheimlehren die unverzichtbaren Zutaten stellen. Über den Hof geht es zu einem roten Backsteinbau, an dessen Fassade eine Gußeisenplatte angedübelt ist, auf der im fertigen Flügel üblicherweise die Saiten verspannt sind, ein bescheidener Hinweis darauf, was hinter den Mauern vor sich geht.

Hier also, im Rückgebäude, dekodieren seit über 150 Jahren Steingraebers und ihre Mitarbeiter das Geheimnis des delikat-sublimen, durchgeistigt-aufgeklärten Klavierklanges. „Ein Jahr Instrumentalunterricht muß jeder Mitarbeiter genossen haben, wegen der Musikalität, und es muß nicht unbedingt Klavier sein“, erzählt der Chef beim Hineingehen. Nur das absolute Gehör, das dürfe keiner haben. „Sonst würde man hier drin verrückt, hier werden ja den ganzen Tag überTasteninstrumente wohltemperiert, also unrein, gestimmt.“ Hat er noch was vergessen? Ach ja, die drei bis fünf Jahre dauernde Lehre zum Klavierbauer müsse natürlich schon haben, wer hier arbeiten will, schmunzelt der Chef. Knarrend fällt die Holztür ins Schloß, und Schmidt-Steingraeber führt durch ein labyrinthisches, verwinkeltes System von Werkräumen, das bis hinauf in den dritten Stock reicht und das von unten links bis oben rechts den Werdegang von, salopp geschrieben, ein paar Latten Fichtenholz, Draht, einer Gußeisenplatte sowie penibler, beseelter, langwieriger, menschlicher Bemühung zum kultivierten, vornehmen und kostbaren Flügel symbolisiert.

Der Grundstoff ruht in Fächern. „Fichte ist Klangholz“, erklärt Schmidt-Steingraeber. Es duftet entsprechend, eine leise Leimausdünstung mischt sich dazu. Wer einen Rundgangs absolviert, genießt neben gewonnenen Einsichten, daß sich mit jedem Raum diesem hölzernen Grundparfum eine stets neue, orangenartige, zimtige oder terpentinähnliche Note harmonisch zumischt. Knochenleim, Harnstoffleim, Lösungsmittel und vieles mehr zählt der Chef im Gehen auf. Alles, was so im Holz enthalten sei, werde ausgeschwemmt, ausgewaschen, gelaugt, als würde das Fichtenholz ganz gründlich gurgeln, erzählt er. Und neben den verschiedenen Leimarten und sonstigen Inhaltsstoffen ziehen der Elan, die Emphase, das Temperament und emsiger Fleiß der 36 Mitarbeiter in die leeren Poren und sorgen für die schwingende Energie, die beim fertigen Instrument die Ohren so entzückt. Die Damen und Herren, die hier meist einzeln in den Räumen sitzen und beharrlich an einem ganz bestimmten Aspekt arbeiten, wirken weniger wie Meister eines filigranen Handwerks, sondern viel mehr wie eine Reihe von ernsthaften, vielleicht ein wenig schrulligen Universitätsprofessoren, die mit gründlicher Akribie an der einzig wahren Lösung des Phänomens Klavier grübeln, forschen und experimentieren.

Obwohl es in einem Zimmer der unteren Etage gerade im Moment des Hindurchflanierens recht grob zugeht: Ächzend kämpfen und ringen drei Männer mit einer langgestreckten, sehr widerspenstigen Planke verleimten Fichtenholzes, die um die Stahlform eines Konzertflügel-Modells gebogen werden muß. Während zwei damit vollauf beschäftigt sind, das Holz mit Klemmen an der Form zu justieren, wirft ihr dritter, schnauzbärtiger Kollege immer wieder sein Gewicht gegen das äußerste Ende der federnden Latte. Manche Flügel, erzählt Schmidt-Steingraeber, blieben hier zwei Wochen eingezwängt. In einem Seitenraum zieht er mühelos das Resultat dieser Metamorphose aus einem Regal: So sieht das aus, was ringsherum um ein späteres Flügel-Innenleben gespannt sein wird. Sachkundig läßt der Chef das Holz schnalzen und schaut zufrieden zu, wie es erst schaukelt, dann wippt und schließlich zart vibriert. „Und jetzt zeige ich Ihnen die Schatzkammer“, lockt er, während er einen Schlüssel aus der Tasche zieht. Im dunklen Raum ist es kühl und feucht, schemenhaft sieht man Fächer, bis das Licht angeht: Hier liegen die Furnierhölzer, alles, was es jenseits von Mahagoni noch an verschwenderischem Luxus gibt. Die auserlesenste Rarität ist ein papierdünn geschnittenes Furnier eines seltenen Baumes irgendeiner exotischen Insel. „Da kostet der Quadratmeter 400 Euro“, sagt Schmidt-Steingraeber und streichelt ein Päckchen davon andächtig. Schon auf den ersten Metern zum weiteren Rundgang stocken des Hausherren Schritte. Wirklich abgeschlossen? Schmidt-Steingraeber geht nochmal zur Tür, drückt die Klinke … und grinst ein wenig über die eigene Vorsicht.

Hier wird alles, außer dem Gußeisenrahmen, selbst und von Hand gemacht.Was auch zu skurrilen Spezialaufträgen von etwas spleenigen Schöngeistern führt. Eine vermögende Anthroposophin habe der Firma einst den Auftrag erteilt, ein Klavier ohne Ecken, mit gewaltigen Füßen, das Ganze aus Erlenholz zu bauen. „Das Resultat nannten wir den Omnibus – es war recht klobig und hatte jede Menge Extras“, erinnert sich der Chef mit einem nachsichtigen Lächeln. Daneben fabrizieren Steingraeber & Söhne natürlich auch ungleich Zweckdienlicheres: Klaviere für Rollstuhlfahrer etwa oder Instrumente, deren Werkstoffe individuell auf allergieauslösende Inhaltsstoffe untersucht werden. In weiteren, unzähligen Zimmern, in denen in vornehmer Zurückgezogenheit Klavierbauer an einzelnen Hämmerchen, Tasten oder Saiten arbeiten, wird an Details gefeilt, bis alles so sitzt, wie es sein soll. Trotzdem: „Jedes unserer Instrumente ist ein Einzelstück“, sagt der Chef und zeigt auf die unregelmäßige Reihe der Hämmerchen an einem Klavier. „Wenn die hier alle stramm stehen wie Soldaten, ist da nicht wirklich Arbeit reingesteckt worden.“ Jedes dieser Stäbchen, an dem ein einzelnes, befilztes Hämmerchen sitzt, werde gesondert eingerichtet. 88 Stück. Weswegen eins dann mal mehr, das nächste dann wieder weniger vorstehe.

Ganz oben im letzten Raum ist das Reich von Alexander Kerstan. Mit einer Art Gabel stößt er immer wieder kleine Löcher in einen der 88 Filze, langsam und nachdrücklich. Das ist, sozusagen, der letzte Schliff für den warmen, delikaten, nuancenreichen und vornehmen Steingraeber-Klang. Jeden einzelnen Stich für jede Lage, Baß bis Diskant, wird auf einem orangefarbenen Kärtchen vermerkt. Kann sein, daß mal 15 Nadelstiche reichen, um den Filz elastisch genug für die hohen Ansprüche zu machen. Kann sein, daß es mal 40 bis 60 sind. Teuer sei so ein Flügel natürlich schon, sagt der Klavierbauer, der sich erst kürzlich sein eigenes Steingraeber-Klavier geleistet hat. Die, die sich einen großen Konzertflügel kauften, seien oft professionelle Pianisten. „Manchmal auch Leute, die sich einen Steingraeber zulegen, weil sie ihn sich leisten können. Und dann gibt es die, die sich ihn vom Mund absparen, weil sie für sich und ihre Nachkommen ein erstklassiges Instrument haben wollen, das sie in der Musik weiterbringt und das über mehrere Generationen in der Familie bleibt.“

Der 28jährige mit dem verschmitzten Grinsen ist, er weiß selbst nicht so ganz genau, wie man das nennen soll, eine Art Chef-Konzert-Techniker der Firma. Praktisch gesehen, ist er eine Art preziöses Mädchen-für-alles für weltberühmte Konzertpianisten wie Cyprien Katsaris, Hartmut Höll, Justus Frantz und viele andere. Bei deren Auftritten in den Weltstädten rund um den Globus ist Kerstan regelmäßig dabei. Denn der mitgeführte Flügel muß wieder zusammenmontiert, neu eingestellt, gestimmt, gewartet, auf die kleinste Kleinigkeit überprüft werden. „Ich bin genauso nervös wie der Pianist“, sagt er. Denn wenn der Virtuose versagt, heißt es schnell, es läge am Flügel oder am Techniker. Oder an beiden. Was durchaus auch sein könne. „Bei einem Konzert von Katsaris bekam ich einmal einen Schweißausbruch, weil irgend etwas am Flügel während des Spiels plötzlich anfing zu klappern – wie sich später herausstellte, waren es Cypriens Fingernägel“, schmunzelt er. Wenn sonst nichts stört, wenn alles stimmt am Flügel, dann ist auch der Chef-Konzert-Techniker nach dem letzten Ton auf euphorische Art erleichtert. Was gerne dazu führe, daß Musiker und Techniker nach solch gemeinsam durchlebter Anspannung hinterher noch einen heben gingen.

Was Kerstan dagegen gar nicht leiden kann, sind Pianisten, die die Tastatur vorm Konzert mit Haarspray behandeln, was als erster der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli mit der Absicht, die Griffigkeit seines Anschlags zu erhöhen, etabliert haben soll. Kerstan schüttelt es bei dem Gedanken an einen Flügel, den er in einem bekannten fränkischen Konzertsaal kürzlich nach einer Darbietung von dem klebrigen Frisier-Kunstharz reinigen mußte. Ob es auch Anekdoten im Geschäft gäbe? Etwa Stimmhebel, die Techniker genauso versehentlich im Flügel liegen lassen wie Chirurgen die OP-Schere im Bauch des Patienten? Kerstan überlegt. Und erzählt zögernd eine kleine Episode mit dem bewunderten Justus Frantz, der ihn nach einem Konzert in Bayreuth bat, ihn doch bitte dringend zum Nürnberger Flughafen zu fahren. Kerstan rollte mit einem schnittigen Sechszylinder vor, worauf Frantz in den Fond steigend bat, Kerstan möge auf der Autobahn doch bitte möglichst nicht unter 200 Stundenkilometer fahren. „Sagen wir es so: Ich hab mich beeilt, damit er seinen Flieger kriegt. Und als wir mit quietschenden Reifen am Flughafen ankommen, sagt Frantz, er für seinen Teil werde jetzt erst nochmal einen Piccolo in der Lounge trinken und auf den Start warten.“

Keine Anekdote, sondern prosaische Realität ist die Gestaltung des allerletzten Arbeitsganges: Der Flügel wird tagelang von Musikstudenten gegen ein paar Euro Stundenlohn traktiert. „Möglichst hart“, sagt Kerstan. Er meint das ernst: Der Flügel muß ordentlich ‘rangenommen werden, die ersten Jahre des Spielens wird er dann immer besser. „In meiner Anfangszeit hab’ ich das selbst gemacht, hab’ mir Ohrenschützer aufgesetzt, mit beiden Fäusten auf die Tastatur getrommelt, bis ich nach Stunden völlig fertig war: reines Krafttraining“, sagt Kerstan. Die Musikstudenten dagegen seien da deutlich zimperlicher und huschten allzu zahm über die Klaviatur. „Na ja, die Jugend verweichlicht eben zunehmend“, grinst der 28jährige am Ende der Führung. 1852 ließ sich Eduard Steingraeber in Bayreuth nieder und baute die Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne innerhalb von drei Jahrzehnten zur größten und bedeutendsten Klavier- und Flügelfabrik Bayerns aus.

Immer wieder wurden die Instrumente mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Heute zählt Steingraeber & Söhne zu den bekanntesten Herstellern hochwertiger Klaviere. Das Familienunternehmen hat seinen Sitz im historischen Steingraeber-Haus, einem Rokokobau von 1754, wo auch noch ein Flügel von Franz Liszt steht. In Konkurrenz zur Massenfabrikation fertigt Steingraeber überwiegend handwerklich und ist auf allerhöchste Ansprüche spezialisiert. Die Materialien sind ausgesucht, die Verarbeitung bietet reichliche Gestaltungsmöglichkeiten und Alternativen.