Weitere Publikationen

In dieser Rubrik finden Sie ausgewählte Artikel aus anderen Publikationen, wie etwa unserem Museumsmagazin “Zeitenraum” oder dem Würzburger Kulturmagazin “Nummer”

 

Der amerikanische Autor Dave Eggers warnt mit seinem Roman „Der Circle“ vor einer völlig sinnentleerten Welt, die alle vernichtet, die sich ihr entziehen wollen. Nur, so leichtgängig das dystopische Werk auch scheint, leicht zu verstehen ist es nicht.Dave Eggers Foto: Michelle Quint

Weiterlesen    |    Kommentieren

Ob Mitarbeiter der Münchner Glyptothek den etwas mitgenommenen männlichen Torso von Belvedere absichtlich neben Marcia Furnilla, der Ehefrau des römischen Kaisers Titus (39 bis 81 n.Chr.), zwei Varianten der Aphrodite von Knidos, die Originale – das Bild zeigt Gipsabgüsse – sollen von dem bekannten griechischen Bildhauer Praxiteles (390 bis 320 v.Chr.) stammen, und der Venus von Milo (ganz links) stellten, um womöglich zu verdeutlichen, wie anstrengend schöne Frauen sein können, entzieht sich unserer Kenntnis. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und erst 1972 wiedereröffnete Gebäude besitzt Skulpturen, Mosaike und Reliefs von archaischer Zeit (ca. 650 v. Chr.) bis in die spätrömische Zeit (ca. 550 n. Chr.).
Die Glyptothek in München ist das einzige Museum auf der Welt, das allein der antiken Skulptur gewidmet ist – sie gilt als eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen griechischer und römischer Kunst. Der Name „Glyptothek“ ist ein modernes Kunstwort. Es ist gebildet aus den altgriechischen Wörtern „glyphein“ (meißeln) und „theke“ (Ablage), bezeichnet also einen Aufbewahrungsort für Skulpturen. Nun, selbst wenn das Arrangement zufällig entstanden sein sollte – wie gesagt, es handelt sich um Gipsabgüsse – die Ansammlung von Göttern, Göttinnen, Kaisern, Dichtern und Denkern zieht einen unweigerlich in seinen Bann.


von Wolf-Dietrich Weißbach    |    Kommentieren

Wer von der modernen Welt mal wieder die Nase voll hat, dem bieten sich in Nürnberg besonders viele Möglichkeiten, in die Geschichte zu echappieren. Beispielsweise das Fembo-Haus. Das seit dem Jahr 2000 wieder geöffnete Stadtmuseum lockt z. B. mit seiner Dauerausstellung von besonderen historischen Räumen. Das komplett renovierte Kaufmannshaus, patrizisches Wohnpalais, Landkartenverlag und Museum hat eine reiche Geschichte und viele Gesichter. Philipp van Oyrl, ein Kaufmann aus den Niederlanden, errichtete das Haus zu Füßen der Kaiserburg zwischen 1591 und 1596. Im 17. Jahrhundert ließ es der Patrizier Christoph Jakob Behaim zu einem glanzvollen Wohnpalais umgestalten. Im 18. und 19. Jahrhundert entstanden hier Millionen in Kupfer gestochene Landkarten die berühmte Homännische Landkartenoffizin hatte hier ihren Sitz. Dann erwarb Georg Christoph Franz Fembo das Haus, das 1928 in den Besitz der Stadt Nürnberg überging und seit 1953 als Museum dient. Das Hauptgebäude überdauerte selbst die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs nahezu unbeschadet, die anderen Gebäudeteile erlitten teilweise große Schäden und wurden wieder errichtet. An der Burgstraße zwischen Hauptmarkt, Rathaus und Kaiserburg ist das Fembo-Haus nicht zu übersehen. Wer schon einmal dort war, sollte gelegentlich wiederkommen, denn auch die Sonderausstellungen sind sehenswert … und anregend. Etwa für Streetphotographer (so heißt das neudeutsch), die in einer Sonderausstellung lernen konnten, wie sie unauffällig und bestens geschützt Straßenszenen einfangen können. Man braucht lediglich eine Show-Rüstung, zu der man oben herausgucken kann, während man unbemerkt aus der Hüfte schießend seine Aufnahmen macht. Warum jetzt der Fotograf selbst auf dem Bild ist, weiß er auch nicht mehr.


von Wolf-Dietrich Weißbach    |    Kommentieren
Erschienen in "Nummer" / 01.03.2014

Verdummungsetüden am Kreativstandort

Warum man Kulturpolitik heute ernster nehmen sollte als je zuvor.Reden wir nicht drum herum: Maßlose Körperfülle, selbst medizinisch verordnet, konterkariert auch die revolutionärste Geste. Die emporgestreckte Faust des österreichischen Schauspielers und Regisseurs Peter Kern als Parenthese seiner Laudatio auf die letztjährige (2013) Preisträgerin der Hofer Filmtage beeindruckt keine Diätschwester und keine Multiplex-Betreiber. Nachgerade erwies sich der entschlossene Widerstand gegen die von Letzteren geforderte Abschaffung der deutschen Filmförderung ohnehin als unnötig – Ende Januar 2014 hat das Bundesverfassungsgericht im Sinne der heimischen Filmemacher entschieden. Und Kerns Rede auf Barbara Albert, die dem Impresario Heinz Badewitz im Freudensprung auf die Bühne der Hofer Freiheitshalle die Emission „genial“ entlockte, läßt sich nicht einmal sinnlos zusammenfassen. Würden sich am Ende nicht alle umarmen und drücken, es wäre nicht zu ertragen.

Weiterlesen    |    Kommentieren
In diesem Jahr wäre der Maler Lucas Cranach d. J. 500 Jahre alt geworden. Wer sich auf Spurensuche begibt und Werke von Cranach oder dessen Werkstatt sucht, der muß glücklicherweise nicht unbedingt nach New York, London oder Maastricht reisen. Die Entdeckungstour beginnt vielmehr in der nordbayerischen Provinz, im oberfränkischen Städtchen Kronach, der „Stadt des Vaters“ Lucas Cranach des Älteren. Hier warten herausragende Cranach-Exponate auf den Besucher der Fränkischen Galerie und ein Ambiente, in dem man Cranach hautnah erleben kann.

Da hätte sich der Vorreiter in Sachen Reformations-Marketing und Personality-PR, Lucas Cranach, sicherlich vor Begeisterung auf die Schenkel geklopft: Denn der Evangelischste unter den Evangelichen, der jüngst ins Amt des Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählte Heinrich Bedford-Strohm ist kein geringerer als der Ururururenkel von… genau! Von Lucas Cranach d. Ä. (1472 – 1553), dem fleißigsten Propagandisten des Reformators Martin Luther. Ein Genie-Streich im Cranach-Jahr 2015, das innerhalb der Lutherdekade gefeiert wird. Das Kirchenoberhaupt ist damit in bester Gesellschaft: Auch Johann Wolfgang von Goethe war ein „Cranachide“, ein genetischer Nachfahre Lucas Cranachs.

Die Cranachs auf der Festung Rosenberg

Ihrem berühmtesten Sohn hat die Stadt Kronach natürlich ein Denkmal gesetzt: Auf dem Marktplatz wird der Besucher der oberfränkischen Stadt von Lucas Cranach d. Ä. begrüßt.

Ihrem berühmtesten Sohn hat die Stadt Kronach natürlich ein Denkmal gesetzt: Auf dem Marktplatz wird der Besucher der oberfränkischen Stadt von Lucas Cranach d. Ä. begrüßt.

Aus Anlaß des Cranach-Jahres hat sich die „Alte Crana“, wie Kronach auch genannt wird, aufgehübscht. Die Fränkische Galerie auf der Festung Rosenberg, eine Perle unter den Zweigmuseen des Bayerischen Nationalmuseums, wurde aufwendig modernisiert, und es kamen neue Cranach-Exponate zu der herausragenden RenaissanceSammlung aus dem Archiv des Bayerischen Nationalmuseums hinzu. Die Fränkische Galerie stellt neun Cranachs (Vater, Sohn und Werkstatt) sowie zwölf Werke aus dessen Schule aus. Dazu kommt eine beachtliche Sammlung anderer Werke, die neben dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg bedeutendste Sammlung fränkischer Renaissance-Künstler, wie Tilmann Riemenschneider oder des Dürer-Schülers Hans von Kulmbach.

Im Cranach-Jahr präsentiert die Galerie vom 1. März bis 31. Oktober 2015 eine Dauerausstellung unter dem Titel „Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst – Ein neuer Weg durch die Sammlung der Fränkischen Galerie“. „Wir zeigen hier einen Querschnitt des Werkes Cranachs mit Porträts, Genrebildern, mythologischen Szenen, erotischen Sujets, Jagdszenen und Darstellungen aus dem Alten Testament“, so Museologe Alexander Süß. Zu sehen sind u. a. Porträts von Friedrich dem Weisen, des wichtigsten Mäzens Cranachs, und von Johann dem Beständigen, eine Erstauflage des theologischen Lehrbildes „Christus und die Ehebrecherin“ sowie das einzige erhaltene, großformatige Leinwandbild „Christus und die Samariterin“, aus dem Jahr 1552, das – vermutlich – von Lucas Cranach d. J. stammt, auch wenn es offziell Lucas Cranach d. Ä. zugeschrieben wird.

Ungleiches Paar (1528) von Lucas Cranach d. Ä.

Ungleiches Paar (1528) von Lucas Cranach d. Ä.

Und spätestens hier wird klar, warum eine Unterscheidung der Werke Cranachs d. Ä., seines Sohnes und der Werkstatt selbst für ausgewiesene Spezialisten eine diffizile Aufgabe ist. „Oft ist eine Unterscheidung nur durch InfrarotReflektographie, mit einem Blick auf die Vorzeichnung möglich“, so Alexander Süß. Eine Zuordnung war von Cranach, der mit seinen Mitarbeitern Tausende von Werken nach Schablonen arbeiten ließ, auch nicht vorgesehen. „Das Berufsbild des ,Malers‘ war seinerzeit weniger romantisch und auf die Einzelperson bezogen als heute. Ein Maler war zu Cranachs Zeit in erster Linie ein Handwerker. Ebenso wichtig, wie das Können des Meisters, waren die Fertigkeiten der Gesellen in der Werkstatt. Nur sehr wichtige Aufträge führte Cranach alleine aus.Sonstskizzierteervorodergab einem Bild mit einem letzten Pinselstrich das ,gewisse Etwas‘,“ so Süß. „An einem Bild arbeiteten oft mehrere Mitarbeiter. Jeder war auf ein Gebiet spezialisiert. Der eine war gut in der Abbildung von Pflanzen, der andere gut in der Darstellung von Haut, dem sogenannten Inkarnat…“

Im Vordergrund stand die „Marke Cranach“ mit dem typischen Logo. Signiert sind alle Werke Cranachs mit einer Schlange mit Fledermausflügeln, roter Krone auf dem Haupt und einem Ring im Maul, der mit einem Rubin besetzt ist. Erst später, nachdem der erstgeborene Sohn Cranachs d. Ä., Hans, ein hochtalentierter Maler, 1537 in Bologna an Fieber verstirbt, trägt die Schlange seitwärts hängende Vogelflügel.

Unternehmergeist, Diversifikation, Massenproduktion

Lucas Cranach d. Ä. gehörte, neben dem Universalgelehrten Philipp Melanchton, zum engen Kreis rund um den Reformator Martin Luther. Dieser lernte seine spätere Ehefrau, die Nonne Katharina von Bora, im Hause der Cranachs kennen. Gegenseitig gab man sich den Paten für die Kinder.

Vor allem aber gab Lucas Cranach der Reformation ein Gesicht. So wie sich sein moderner Nachfahre, Bedford-Strohm, heute über 5 000 Facebook-„Gefällt-mir“Klicks freut, so nutzte Cranach die damals üblichen Kommunikationskanäle und produzierte Unmengen von Luther-Bildnissen. Er illustrierte und druckte Flugblätter des Reformators und finanzierte dessen berühmtes Bibelwerk. Heute geht man davon aus, daß insgesamt etwa 5000 Gemälde vom Künstler und seiner Werkstatt geschaffen wurden. Cranach war ein finanztüchtiger und cleverer Vorreiter in Sachen Unternehmergeist, Diversifikation, Massenproduktion, cross-medialer Kommunikation, Branding und Personality-PR.

Venus mit Amor als Honigdieb (1534) von Lucas Cranach d. Ä.

Venus mit Amor als Honigdieb (1534) von Lucas Cranach d. Ä.

Humanismus ist die prägende Geistesbewegung seiner Zeit. Durch die Beschäftigung mit Literatur, Geschichte und Philosophie der Antike wird das theozentrische Weltbild des Mittelalters abgelöst. Im Mittelpunkt steht jetzt der Mensch. Die wachsende Aufmerksamkeit findet sich vor allem in der Porträtmalerei wieder. Franken entwickelt seine eigene Form der Renaissancekunst jenseits von Italien und seinen Großmeistern. Die einzige indirekte Begegnung Lucas Cranachs mit italienischen Renaissancekünstlern findet drei Jahre vor seinem Tod statt, als er in Augsburg auf Tizian, den Hofmaler der Habsburger, trifft. Cranachs Porträts sind Charakterstudien; seine Landschaftsmalerei gilt heute als nahezu „fotorealistisch“. Er beliefert den Adel und den Klerus. In einer Zeit des religiösen Aufbruchs prägt er aber auch das katholische Bildprogramm, obwohl er gleichzeitig Erfinder des protestantischen Marketings ist. Er schuf unzählige fromme Altäre und Bilder – und ebenso viele Darstellungen nackter Nymphen. Er warf der Erotikmalerei den zarten Schleier der Mythologie über – und machte sie so zu seiner Spezialität.

Das Oeuvre des Sohnes, Lucas Cranach des Jüngeren (1515 – 1586) stand indes lange im Schatten des berühmten Vaters – bzw. der Marke Cranach, in der das Werk des Sohnes, weiterer Nachfahren sowie der Werkstatt einfließen.

„Wege zu Cranach“

Das Themenjahr 2015 der Lutherdekade unter dem Motto „Bild und Bibel“ erinnert an das Werk des großen Renaissance-Künstlers und an das seines Sohnes, der in diesem Jahr seinen 500. Geburtstag feiern würde. Kronach ist nicht nur die Geburtsstadt Lucas Cranach d. Ä., hier laufen auch die Fäden des länderübergreifenden kulturtouristischen Pfades „Wege zu Cranach“ zusammen. Dies ist ein Verbund der Cranach-Städte Coburg, Nürnberg, Lutherstadt Wittenberg, DessauRoßlau, Meißen, Neustadt an der Orla, Gotha, Erfurt, Schneeberg,


von Sabine Raithel    |    Kommentieren
Über Urheberrecht und Kulturförderung und viele Nullen. Ein Zettabyte (ZB) = 1.000.000.000.000.000.000.000

Weiterlesen    |    Kommentieren
Seine Objekte reisen rund um den Globus. Königshäuser, Sultane und berühmte Museen besitzen die Kunstwerke aus Gold, Silber und Edelsteinen. Mit seinen Objects d‘Art setzt Manfred Wild aus der Region Idar-Oberstein die Tradition von Carl Fabergé und René Lalique fort. Eine Welt der Farben, der phantasievoll erschaffenen Formen und edler Materialien.

Ein Höchstmaß an handwerklichem Können und ein ausgeprägter Sinn für witzige Details machen die Kollektionen Wilds zu geschätzten Kunstobjekten, die von Juwelieren in London, Paris oder New York für die Reichen dieser Welt in Auftrag gegeben werden. Unter dem Titel „Achat. Farbenspiel im Edelstein“ sind einige der Unikate des „Märchenerzählers“ vom 22. März bis 7. Juni 2015 im Knauf-Museum in Iphofen zu sehen. ZeitenRaum hat Manfred Wild in seinem Atelier in Kirschweiler besucht.

 

ZeitenRaum: Herr Wild, der Spiegel hat Sie in einem Artikel einmal den Eiermann der Reichen genannt und dabei wohl auf die Fabergé-Eier angespielt. Welche Berufsbezeichnung geben Sie sich eigentlich selbst?

Wild: Ich bin Autodidakt, ich bin Liebhaber und ich bin Märchenerzähler.

ZeitenRaum: Wie sind Sie auf diesen nicht gerade alltäglichen Beruf der Edelsteinverarbeitung gekommen? Hat es Vorbilder für Sie gegeben?

Wild: Die Edelsteinbearbeitung, das Edelsteinschleifen und vor allem, wie man das früher hier genannt hat, Achatschleifen, verfolgen wir in beiden Familien, in der meiner Frau und in meiner Familie zurück bis 1630 nahtlos. Das haben wir also schon mit der Muttermilch aufgezogen.

ZeitenRaum: Empfinden Sie sich eher als Künstler oder als Kunsthandwerker? Oder verbinden Sie beides?

Wild: Nein, ich empfinde mich nicht als Künstler, sondern ich kreiere Sachen. Zum Kreieren muß man ein bißchen spinnen dürfen, sonst kann man nichts kreieren. Ein bißchen verrückt sein muß man also schon und Ideen haben. Ich habe ein kleines Team, mit dem ich zusammen arbeite: Schleifer, Graveure, Goldschmiede und Emailleure, die an den Sachen dann arbeiten. Das heißt, die Idee, die Komposition kommt von mir. Außerdem suche ich die Steine aus. Und studiere genau wie ein Musiker die Sachen mit dem Orchester ein, weil ich an jedem Instrument einen Meister habe, der es besser kann als ich. Aber ich kann ihm auch sagen, was er verkehrt macht, weil ich in alle Berufe hineingeschaut habe. Oder: Halte dich ein bißchen zurück, oder du mußt stärker in den Vordergrund kommen. Das ist also ungefähr so, wie wenn man ein Musikwerk schreibt.

ZeitenRaum: Ich habe es vorhin am Beispiel einer Kröte gesehen. Sie müssen in den Stein hineinsehen können.

Manfred Wild präsentiert eine Achat-Gemme.

Manfred Wild präsentiert eine Achat-Gemme.

Wild: Ja, das ist wichtig. Sie müssen mit dem Stein reden. Ich muß ihn fragen, was er werden will. Wenn ich den Stein einfach so bearbeite, wie es heute normalerweise in der Massenproduktion etwa in Asien gemacht wird, dann vergewaltige ich ihn. Wenn ich ein Objekt mache, da muß ich doch zuerst einmal die Schönheit der Edelsteine sehen, oder hier des Achates. Und ich muß dieser Schönheit zuerst mal meinen Respekt zollen. Und ihm sagen: Ich hätte dies und das mit dir vor. Eben wofür ich den Stein geeignet sehe. Mitfühlen mit dem Stein, das ist das Wichtige. Das vollenden, was sich der liebe Gott vielleicht einmal für ihn ausgedacht hat. Das ist alles.

ZeitenRaum: Sie arbeiten mit den wertvollsten und teuersten Materialien, die es auf der Erde gibt. Hat man da nicht eine gewisse Scheu, die man überwinden muß? Oder anders gefragt: Hat Ihre Hand das eine oder andere Mal gezittert?

Wild: Nein. Man darf keine Angst haben. Denn, wenn man Angst hat, zittert man. Zittern darf man aber nicht. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie Autofahren lernen und auf das entgegenkommende Fahrzeug schauen. Dann fahren Sie auf. Sie müssen eine weitere Sichtweise haben. Und wir nehmen den Stein in die Hand wie ein Baby, das man schützt. Mit einer Hand, damit die zweite frei bleibt, um notfalls abzuwehren. So trägt man ein edles Objekt.

ZeitenRaum: Bleibt in Ihrer Arbeit Platz für spontane, organische Ideen, wenn Sie während der Arbeit plötzlich merken, da ist ja noch dieses oder jenes möglich?

Wild: Ja, Sie müssen bereit sein, zu wechseln. Zu sagen, stop! Du bist viel zu schade für das, was ich mit dir eigentlich vorhatte. Du bist so schön, wenn ich dich entblättere. Du bist ein einmaliges Stück. Dieses Sehen im Stein ist sehr wichtig. Und, auch bereit zu sein, während der Arbeit am Objekt zu wechseln. Auch meine Mitarbeiter haben nicht nur stur das zu tun, was ich Ihnen sage. Ich gebe es vor, und wenn einer mich ruft und sagt, ich schneide hier weiter, dann sehen wir gemeinsam, was da kommt und überlegen, ob wir wechseln.

ZeitenRaum: Ist das oft der Fall?

Wild: Nein, es kommt nicht so oft vor, weil wir meistens schon wissen, wie es weitergeht. Aber, wie gesagt, wir sind immer zum Wechsel bereit.

ZeitenRaum: Sollen Ihre Kreationen über den ästhetischen Genuß hinaus etwas aussagen? Sie geben den Stücken ja Titel, die durchaus einen anderen Bezug herstellen.

Wild: Das ist richtig. Man denkt mit, und das Stück soll auch etwas aussagen. Es ist beispielsweise nicht nur ein Fisch, sondern diese Maserung oder dieser Ausdruck hier macht ihn zu etwas Besonderem. Da kann man ein Stück auch anders benennen.

ZeitenRaum: Wie reagieren Sie, wenn doch einmal etwas zu Bruch geht?

Wild: Bei Kleinigkeiten schrei’ ich auch schon mal Scheiße. Wenn aber große Stücke kaputtgehen, ist Trauer da. Da werde ich ganz still.

ZeitenRaum: Was ist denn von den Arbeiten, die Sie bisher in Ihrem beruflichen Leben ausgeführt haben, das Ausgefallenste gewesen?

Wild: Ich spiele gern, bin immer noch ein Kind und werde es hoffentlich bis zu meinem Tod bleiben. Wir haben phantastische Sachen bei den Ei-Kreationen, auch Mechanisches mit speziellen Effekten, wo sich was dreht. Derzeit erfülle ich mir einen großen Traum: Seit einem dreiviertel Jahr bin ich dabei, die kleinste und schönste Eisenbahn der Welt ganz aus Edelsteinen und Gold zu bauen.

ZeitenRaum: Wie direkt ist der Kontakt zwischen Ihnen und dem Auftraggeber? Ist das ein sehr enger, müssen Sie die Persönlichkeit kennen?

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 17.51.02Wild: Unsere Auftraggeber sind oft nicht die Endbesitzer. Wir arbeiten sehr viel über die großen Juweliere in London, Paris und in aller Welt. So fertige ich beispielsweise seit vielen Jahren zu runden Geburtstagen die Geschenke für Queen Elizabeth II., die weiß überhaupt nicht, daß es mich gibt. Da geben Staatsmänner oder ein Scheich den Auftrag, und ich arbeite das Stück dann mit einem großen Juwelier aus. Wir haben beispielsweise die Geschenke des Staates zum 30., 35. und jetzt 45. Thronjubiläum des Sultans von Oman angefertigt. Auch dieser Auftraggeber weiß nichts von mir, es geht alles über London. Ich kenne also die Endabnehmer nicht, weiß aber, wer das Werk am Ende bekommen soll. Durch das gemeinsame Ausarbeiten kenne ich die Vorlieben der Beschenkten genau. So weiß ich etwa, daß der Sultan nicht wie viele andere Araber auf Jagdfalken steht, sondern daß ich ganz andere Sachen für ihn entwerfen muß, wie sein Schiff oder ausgefallene Blumenarrangements.

ZeitenRaum: Einmal indiskret gefragt: Sie arbeiten ständig mit ungeheuren Reichtümern, was bleibt denn dabei für Sie übrig? Sind Sie zufrieden mit dem, was Ihnen bleibt?

Wild: Ich bin nicht reich geworden bei der Sache, aber zufrieden mit meinem Leben. Wie so oft verdient der Produzent, der die Dinge herstellt, am wenigsten. Das meiste Geld bleibt bei den Juwelieren hängen. Mehr möchte ich hier nicht sagen.

ZeitenRaum: Sie sind ja schon über das gesetzliche Rentenalter hinaus. Gibt es einen Nachfolger?

Wild: Nein, unser Sohn ist im Filmgeschäft tätig und das sehr erfolgreich. Aber: Ich bin erst 71 Jahre alt, das ist noch kein Alter, ich arbeite gern. Es ist ein sehr schöner Beruf, der mir Spaß macht. Und so lange ich noch gesund bin, werde ich auch weiterarbeiten. Aber wir bauen die Mannschaft langsam ab, wer geht, wird nicht mehr ersetzt. Für uns als Familienbetrieb ist es wichtig, daß wir die Mitarbeiter, die 20 Jahre und länger für uns da waren, nicht entlassen, sondern sie in ihren verdienten Ruhestand begleiten. Und dann sehen wir, wie es weitergeht. Ich bin kein Geldmensch, auch kein Besitzmensch. Ich brauche meinen Garten und einen guten Wein, das Antiquariat mit den Büchern in meinem Haus und die Kunst. Anderen Luxus brauche ich nicht. Auch nicht mehr die große, weite Welt. Ich genüge mir selbst.


von Maria Goblirsch    |    Kommentieren
Erschienen in "ZeitenRaum" / 19.04.2011

Integrieren statt ausgrenzen

Um Heimat ging es bei einem kleinen Filmfestival Mitte Januar in Nürnberg. Gezeigt wurden ganz alte, alte und neue Filme mit „Regionalbezug“, über die man sich so seine Gedanken machen konnteAnläßlich des Heimatfilmsymposions gab es auch einen Kostümwettbewerb. Gefragt waren Kostüme aus den 1950er bis 1970er Jahren. Im Bild die Ehepaare Johann und Betty Scheiderer und (im Hintergrund) Claudia und Wolfram Schmidt.

Weiterlesen    |    Kommentieren
Die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, Georg Ratzinger und den Gouverneur von Westsibirien hatte Karlheinz Sollfrank in seinem Taubenmuseum im Nürnberger Süden schon zu Gast. Die ca. 150 000 Exponate auf über 700 m2 haben mehr als 100 000 Besucher aus aller Welt gesehen. Zu seiner Sammlung gehören prachtvolle Figuren aus Meißner Porzellan, Plakate aus aller Welt, Schriften von den Anfängen der Taubenzucht im Mittelalter, aber auch so manch Kurioses.

Man weiß nicht, wohin man zuerst sehen soll: auf die teils deckenhohen Gemälde mit Schwärmen von Tauben an der Wand, in die vielen Vitrinen mit Porzellanfiguren oder in die Ecken mit Plakatständern, Ehrenurkunden, Medaillen, Postkarten oder Briefmarken. Karlheinz Sollfrank deutet auf eine Porzellantaube von der Königlichen Manufaktur aus Kopenhagen; sie gehört zur Serie „Dänischer Tümmler“, einer Taubenrasse. Er bekam sie 1968 im dänischen Roskilde geschenkt, wo er als Preisrichter bei einer Taubenschau eingeladen war. Längst hat er alle anderen, die dazu gehören: „Wenn man so eine Serie hat, ist man irgendwie perfekt“, sagt er. Wie viele Exponate er genau hat, kann er gar nicht sagen. Aber alles ist penibel im Computer erfaßt. Ständig kommen neue Objekte herein; Überflüssiges wird aussortiert. Denn Karlheinz Sollfrank versucht, „alles auf einen hohen Qualitätsstandard zu bringen“.

Karlheinz Sollfrank vor seinem Lieblingsgemälde. Ein Werk des verstorbenen Malers Max Holdenried.

Karlheinz Sollfrank vor seinem Lieblingsgemälde. Ein Werk des verstorbenen Malers Max Holdenried.

Der Herr der Tauben

„Ich weiß“, sagt Sollfrank, „daß ich 20000 Briefmarken, 10000 Postkarten, 6000 Porzellanfiguren, 5000 Gemälde und 3500 Medaillen habe.“ Darüber hinaus gehören zur Sammlung vor allem eine umfangreiche Bibliothek, darunter auch Kinderbücher, Uhren, Pfeifen, Löffel, Schleifen und noch viel, viel mehr.EgalobmitRasse-oderBrieftauben. „Hauptsache Tauben“, lächelt er. Von Tauben war Karlheinz Sollfrank schon als Kind in Nürnberg-Wolkersdorf umgeben. Im Nachkriegsdeutschland hielten fast alle Familien im Dorf Kaninchen oder Geflügel, um sich selbst zu versorgen. Kino gab es nicht. Also spielten die Jungs Fußball oder züchteten Tauben. „Da hat man mitgemacht, sonst hätte man kein Gesprächsthema gehabt“, erläutert Sollfrank. Als er als junger Mann seine Frau kennenlernte, war erst mal Schluß mit den Tauben. Etwa zehn Jahre lang war er Sportler in der Leichtathletik, gemeinsam mit seiner Frau. Sie heirateten, bekamen Kinder. Dann begann es von neuem, das Selberanbauen von Salat und das Geflügelzüchten. Bald stellte er fest, daß es in Nürnberg kein Zoogeschäft gab, das Bedarf für Tauben anbot. Also gründete er selbst einen Versandhandel für Geflügelzucht, der seit über fünfzig Jahren in alle Welt liefert. 1968 begann Karlheinz Sollfrank, Fachliteratur zur Taubenzucht zu erwerben. Der Grundstein für seine Sammlung war gelegt.

Karlheinz Sollfrank vor seinem Lieblingsgemälde. Ein Werk des verstorbenen Malers Max Holdenried.

Karlheinz Sollfrank vor seinem Lieblingsgemälde. Ein Werk des verstorbenen Malers Max Holdenried.

Der Herr der Tauben wühlt in leise klappernden Medaillen und Pins, zeigt Siegerschleifen und Albenbilder mit Tauben, Milchrahmdeckel, Telefonkarten, deutet auf Etiketten von Weinund Schnapsflaschen, die das Wort „Taube“ enthalten. Schließlich blättert er in den großen Plakatständern, die Plakate verschiedener Nationen mit Tauben enthalten. Auch zu Kriegszeiten.

Warum die Taube als Friedenssymbol gilt, weiß er nicht so genau. „Aber eines weiß ich“, sagt er entschieden, „alle die Krieg führen, haben die Taube als Symbol, das ist eine Ablenkung, sage ich Ihnen.“ Zigarrenbinden mit Tauben erzählen davon, daß sich reiche Holländer und Belgier Zigarren mit entsprechenden Binden anfertigen ließen. Schmuckringe für Tauben, teilweise aus Gold, sind zu sehen. Im Orient legen die Taubenzüchter Wert darauf, daß jede ihrer Tauben einen schönen Schmuckring erhält. Mehr über die Taubenwelt der Asiaten erfahren wir bei den zahlreichen Taubenpfeifen. Die Taube sei lernfähig, erklärt Züchter Sollfrank. In Thailand, Japan und China trainieren die Züchter ihre geflügelten Lieblinge im Formationsflug und binden ihnen schließlich Pfeifen an den Schwanz, die beim gemeinsamen Fliegen wie eine Harfe klingen. Die teils faustgroßen Pfeifen wirken fast zu groß für das zarte Tier, wiegen jedoch nur wenige Gramm.
Verpaaren sich Tauben, bleiben sie tatsächlich ein Leben lang einander treu.

Der Gouverneur von Westsibirien ist ein Taubenzüchter

„Sammeln ist schlimmer als Saufen“, hätte seine Mutter immer gesagt, erzählt er lachend. Karlheinz Sollfrank ist viel herumgekommen. Allein in Amerika war er schon an die fünfzig Mal, dort sei die Taubenzucht so populär wie in Deutschland. Der Schwerpunkt der deutschen Taubenzucht sei jetzt im Süden Deutschlands. Niederbayern bei den Brieftauben, für die Zucht von Rassetauben sei der fränkische Raum federführend. So gibt es sieben Taubenrassen, die die Stadt Nürnberg im Namen tragen, z. B. die Nürnberger Lerche oder die Nürnberger Bagdette. Überall, wo die Leute aus Europa ausgewandert sind, war er schon, erzählt er. So auch in Australien und Südafrika. Ab und an frage ihn seine Frau, ob er das alles haben müsse, gibt er zu. Aber sie trägt sein Hobby nicht nur mit, sie ist es auch, die „fürs Schönaussehen im Museum sorgt“. Jeder Gegenstand ist würdig ausgestellt, die Objekte sinnvoll gruppiert, alles ist sauber. Dennoch:
Sollfrank öffnet die Schranktür eines alten, braunen Schranks, zeigt wie nebenbei auf die Kinderbücher, in denen Tauben vorkommen und winkt ab: „Wenn ich Ihnen alle meine Schränke auftun würde, dann könnte ich mindestens noch einmal so ein Museum eröffnen.“

Nürnberger und fränkische Taubenrassen. Gemälde von Max Holdenried.

Nürnberger und fränkische Taubenrassen. Gemälde von Max Holdenried.

Den Schritt von der Sammlung zum Museum vollzog Karlheinz Sollfrank 1989. Zu seinen Lieblingsexponaten weiß er launig zu erzählen: Da wäre z. B. die Geschichte mit dem riesengroßen Wandgemälde, das seinerzeit als Reisegepäck durchging. Das etwa vier Mal zwei Meter große Gemälde des amerikanischen Malers Frank Cook ist ein Hingucker. Es hing in einer Wohnung im 55. Stock eines Hauses in New York. Ein Freund Sollfranks, der in Kalifornien lebt, kaufte es in seinem Auftrag. Etwa 1980 haben es beide aus Los Angeles als Reisegepäck mitgenommen. Ein weiteres Lieblingsstück ist der kniehohe Taubenkobel aus Meißner Porzellan. Sollfrank kannte die Verkaufsleiterin der Vorführwerkstatt in Meißen. Kurz nach der Wende 1989 rief sie ihn an: Ein Kunde aus Frankreich hätte vor dreißig Jahren einen wertvollen Kobel bestellt, er sei aber verstorben, ob Sollfrank das Stück haben wolle. Er wollte. Überhaupt beflügelte die Wende seine Sammlung enorm. Schon vorher hatte er Kontakte zu den sehr aktiven Geflügelzüchtern in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Er sicherte sich den kompletten Bestand des ostdeutschen Geflügelzüchter-Verbandes.

Lockentaube aus Keramik von Dieter Fliedner (Thüringen)

Lockentaube aus Keramik von Dieter Fliedner (Thüringen)

„Da habe ich schnell geschaltet.“ Sollfrank und sein Museum waren bekannt. An einem Samstag kamen einmal an die achtzehn Busse voller Besucher zu ihm. Sein Museum ist so bekannt, daß in der Nähe befindlichen PolitikerInnen der Besuch der ungewöhnlichen Schau dringend empfohlen wird. Eines Tages stand die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht vor seiner Tür. Auch Georg Ratzinger, Bruder des ehemaligen Papstes, sah eine Ausstellung von ihm. Der Gouverneur von Westsibirien sei ein Taubenzüchter und „noch verrückter als ich“, sagt Sollfrank. Jahrelang kam der mit seinem Privatflugzeug nach Nürnberg. So „habe ich auch den Putin kennenlernen dürfen“.

Der Fortbestand der Sammlung ist gesichert

Wie sogar Weltgeschichte auf dem Rücken des Friedenssymbols ausgetragen wurde, zeigt eines der ungewöhnlichsten Exponate: Eine kleine Spionagekamera, die Soldaten im Ersten Weltkrieg einer Taube auf die Brust geschnallt haben, sollte Objekte hinter feindlicher Linie ausspionieren. Das damals geschossene Foto ist von erstaunlicher Qualität. Wir gehen vorbei an einem Raum mit einer kleinen Sammlung von Hühnern. Fünfzehn Regalreihen voller Ordner stehen im nächsten Raum. Weiter geht es mit Spielkarten, Streichholzschachteln und vier Reihen Postkarten, darunter viele ostdeutsche. Die Wände voller Gemälde, „alles Originale“, sagt Sollfrank beiläufig und verweist gleich darauf auf einen kompletten Bestand der amerikanischen Geflügelzüchterzeitschrift „Pigeon“, den er gekauft hat. Schließlich zeigt er, selbst erstaunt, auf eine graue Porzellantaube, die die Aufschrift trägt „gefertigt im Zellengefängnis in Fürth“.

Der erste Stock empfängt uns mit einem klassisch anmutenden Karree weißer Vitrinenschränke und Bücherregale. Hier ist das Herzstück der Taubensammlung, die Bibliothek mit über 12000 Exemplaren. Darunter Schriften mit ersten Aufzeichnungen zur Taubenzucht von 1400 bis 1500. Geordnet von der deutschen über englische bis internationale Taubenzucht. Außerdem besitzt Karlheinz Sollfrank eines von weltweit sechs Originalen des englischen Rassetaubenbuches Columbarium von 1730. Er hat es bei einem kleinen Antiquitätenhändler entdeckt.

Mehrere Kisten voller Bücher stehen vor den Regalen. Gerade hat er aus Griechenland eine Lieferung von 6000 Büchern erhalten. „Wenn man so etwas im Leben bekommt, muß man zugreifen oder es bleiben lassen“, sagt der leidenschaftliche Sammler. Der Fortbestand der Sammlung ist gesichert. Es gibt einen Förderverein, er ist Mitglied im Museumsverein des Germanischen Nationalmuseums, eine Stiftung soll gegründet werden. Er wünscht sich vor allem, daß die Sammlung später zusammenbleibt. Er könne sich nun gut vorstellen, nach Amerika auszuwandern und dort auch zu sammeln. Keine Tauben mehr. Vielleicht was mit Hunden. Oder Katzen.


von Susanne Berg    |    Kommentieren
Erschienen in "ZeitenRaum" / 13.03.2011

Am Ort der Täter

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg / In "Zeitenraum" 1/2011So richtig gut gelaufen war das lange Zeit überhaupt nicht. Fast fünf Jahrzehnte brauchte die Stadt Nürnberg nach dem Zusammenbruch des NS-Staats, um sich vollends darüber im Klaren zu sein, daß das bauliche Erbe des Dritten Reichs sich nicht mehr weiter an den Rand anderer vermeintlich vordringlicher Dinge schieben lasse; neben dem Wiederaufbau der Stadt und der wirtschaftlichen Konsolidierung, der Verkehrswegegestaltung und so weiter und so weiter. Die Stadt hatte sich ja keineswegs kollektiv besonders unwohl dabei gefühlt, als sie seinerzeit nicht nur des Führers persönliches Schatzkästlein sein durfte, sondern dazu noch in dem schauerlichen Glanz erstrahlte, den alljährlich der größte Auftrieb uniformierter Massen bei den Reichsparteitagen der NSDAP verbreitete.

Weiterlesen    |    Kommentieren
Erschienen in "ZeitenRaum" / 15.01.2011

Das Vermächtnis von Nürnberg

Im November 2010 wurde in Anwesenheit einiger Zeitzeugen das Memorium Nürnberger Prozesse im Justizpalast der Frankenmetropole eröffnet. Die Dokumentationsausstellung ergänzt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, wo es um die Schuld, den Wahn des NS-Staates geht, um den Aspekt der Sühne, und es zeigt, daß die Nazi-Verbrecher zur Rechenschaft gezogen wurden. / In "Zeitenraum" 1/2011

Weiterlesen    |    Kommentieren
Erschienen in "Nummer" / 30.10.2014

Wider das Zerpixeln des geronnenen Lichts

Ein Beitrag zum Untergang der analogen Photographie … und ein Plädoyer für eine öffentlich-rechtliche Bildagentur / in Kulturzeitschrift Nummer 16 und 17 / 2005Analoge vs digitale Photographie – Die Industrie. Der Markt.

Weiterlesen    |    Kommentieren
Erschienen in "Nummer" / 14.09.2014

Was ist “faschistische” Kunst?

Ein Gedankenexperiment in Thesen – Nachtrag zur Ausstellung „Tradition und Propaganda“ im Museum im Kulturspeicher in Würzburg (28.2. bis 12.5.2013)0.0. (Vorbemerkung)

Weiterlesen    |    Kommentieren
Erschienen in "Nummer" / 17.07.2014

Kultur und Kulturgut

Unsachliche Gedanken zur Kulturpolitik in mehreren Teilen - angefangen bei Adam und Eva.Die Kultur ist im Suff entstanden. Man könnte dies charmant paraphrasieren, nur: Wozu? Es ist ja nicht in Franken passiert, unter komunalrechtlichen Aspekten längst verjährt, und es kann sich ohnehin kaum jemand daran erinnern. Damals, vor 9000 Jahren, haben gewiefte Steinzeitmenschen in Jiahu (heutiges China) eine Tinktur aus Früchten, Honig und vorher gut durchgekauten Wildreisklumpen (den leckeren Reisbällchen), die sie in die Maische spuckten, angerührt und gären lassen. Mit richtigen Strohhalmen züllten sie dann das köstliche Elexir mit seinem zehnprozentigen Alkoholgehalt aus dünnhalsigen Tongefäßen. Ernsthafte Trinker wissen, was dann passiert. Vielleicht hatten die Präsapiens in den Jahrtausenden vorher bisweilen matschige Feigen in den Mund gesteckt und torkelten als Homo heidelbeergensis oder Homo ergaster durch den Saisonwald, allerdings noch ohne rechten Sinn und Verstand. Doch um 10 000 vor unserer Zeitrechnung war plötzlich die neolithische Revolution angesagt, und die sollte alles verändern.

Weiterlesen    |    Kommentieren
Erschienen in "Nummer" / 18.05.2014

Kultur ist was man daraus macht.

Plädoyer gegen Nepotismus und Kulturförderung und für eine neue städtische Kulturpolitik.Die Choreographie war diesmal gediegener. Der Vorstand des Berufsverbandes der Bildenden Künstler (BBK) Unterfrankens hätte ja auch einfach öffentlich mehr Geld fordern können. Also richtig mehr Geld. Doch nein, die Künstler wollen etwas dafür tun, wollen Häuser anmalen, leere Plätze mit Geräten vollstellen, Stadt und Land fürs künftige Elend verzieren. Und da der Eindruck kurz vor einer Wahl nie täuscht, können sich für edles Streben inzwischen selbst Parteien erwärmen, die einst vom Gewese der Kreativen nicht sonderlich amused waren. Diesmal aber: Völlig unbeeindruckt von einer anklagend, aber nicht arg politisch gemeinten, im Raum rumstehenden Stacheldrahtzelle („Gemeinschaftsunterkunft“), die vermutlich nur gegen heftigsten Widerstand auf das Dach des Falkenhauses (Würzburger Sehenswürdigkeit /d.Red.) geschnallt werden dürfte, waberte bestes gegenseitiges Verständnis wie eine Überdosis Sedativa im mainfränkischen Chronotopos. Christian Schuchardt (CDU), da noch Kandidat von CSU, FDP und FWG für den Würzburger OB-Sessel, und den CSU-Landtagsabgeordneten Oliver Jörg hatten die BBK-Vorderen im Winkel einer Runde platziert, um ihnen zu eröffnen, was moderne Künstler so von der Politik erwarteten.

Weiterlesen    |    Kommentieren

anzeige

anzeige