Was ist fränkisch?

Wie eine Region definiert wird. Speziell zumTag der Franken 2014 wird das Heimatgefühl einmal ausführlicher untersucht.

Es handelt sich bei diesemText um die Abschrift einer Sendung, die der Bayrische Rundfunk in seinem Programm BR 2 am 27. April diesen Jahres ausgestrahlt hatte. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.
Was ist fränkisch? Das klingt fast nach einer Frage, deren Antwort allgemein bekannt zu sein scheint: Fränkisch sind jene Menschen, die in Franken leben und die der Kultur der Region und deren Tradition verbunden sind. Ein Blick in die Prospekte des fränkischen Tourismus bestätigt diese Vorstellung. Denn geworben wird mit fränkischer Lebensart und mit fränkischem Brauchtum, mit fränkischer Architektur, mit Lebkuchen, Bratwürsten, „Schäufala“ und Aischgründer Karpfen. Fränkischer Wein und fränkisches Bier fehlen ebensowenig wie die Würzburger Residenz oder die Nürnberger Burg. Romantische Dörfer und Fachwerk sind auf den Fotos zu sehen, barocke Schlösser und Altstadtfassaden aus rötlichem Sandstein. Diese Bilder stehen für Franken, sind weithin bekannter Teil der Identität der Region, verweisen auf fränkische Traditionen und fränkische Geschichte. Wenn das nicht seit jeher fränkisch ist, was dann? Doch legt man die Bilder und Broschüren Experten vor, etwa dem Volkskundler und Historiker Prof. Günter Dippold, der in Bamberg und Bayreuth lehrt und seit 1994 Bezirksheimatpfleger im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken ist, fällt das Urteil ernüchternd aus:

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Man muß sich mal anschauen: Wer hat das gebaut? Bamberger Dom? Ganz enger Zusammenhang mit der französischen Kathedralgotik. Würzburger Residenz? Balthasar Neumann aus Eger, Böhmen. Die Dientzenhofer sind Bauernbuben aus der Gegend um Bad Aibling. Dann Leute wie Antonio Petrini oder Antonio della Porta, die aus Graubünden oder aus Norditalien sind. Bauhandwerker aus Tirol. Fränkische Baustellen des Barock sind, was die Herkunft der Bauhandwerker der Künstler, angeht, dem Turmbau zu Babel wahrscheinlich vergleichbar.

Prof. Günter Dippold, Helmut Haberkamm

Prof. Günter Dippold, Helmut Haberkamm

Zugegeben, diese und andere so typisch fränkische Baudenkmäler wurden nicht von nativen Franken geschaffen, sondern von Zugereisten. Aber blättern wir weiter. Auf der sicheren Seite ist man doch bestimmt bei der fränkischen Küche. „Schäufala“, Bratwurst, Karpfen, „Küchla“, Kloß. Da glaubt man förmlich, die kulinarische Tradition von Jahrhunderten in der Nase und auf der Zunge zu spüren. Wie stuft der Volkskundler die Bedeutung der fränkischen Küche für die Region und ihre Identität ein?

Ich glaube, es ist schon wichtig. Und, wenn ich das aus oberfränkischer Sicht sage, gerade hier hat ja in den letzten Jahren die Vermarktung der Region, die Selbstvermarktung, als Genußregion, als Bierland eine ganz wichtige Rolle eingenommen. Es ist natürlich so, daß es diesen Kanon fränkischer Küche gibt, Klöß, natürlich, Schwein, so mit Schäufala als besonderer Besonderheit, aber regional natürlich auch Karpfen, wenn wir an den Aischgrund denken, Krenfleisch, bestimmte Gerichte zu bestimmten Jahreszeiten, wobei man natürlich sagen muß, im Grunde ist vieles davon jung, und vieles davon ist auch sehr jung in der Überhöhung als „typisch fränkisch“. Banales Beispiel ist der Kloß. Ja mei, wie alt isser denn? Wann hat sich die Kartoffel verbreitet? Das fängt in Ostoberfranken punktuell an Mitte des 17ten Jahrhunderts und in der Breite fängt es erst Mitte, Ende des 18ten Jahrhunderts an. Trotzdem gilt er heute als Rückgrat der fränkischen Küche.

„Watson, das ist eindeutig ein fränkisches Schäufala.“ (Der Hersbrucker Schäufele-König Waldemar Bogner im Dienst.)

„Watson, das ist eindeutig ein fränkisches Schäufala.“ (Der Hersbrucker Schäufele-König Waldemar Bogner im Dienst.)

Der Kloß nicht typisch fränkisch? Ein schwerer Schlag für die Region! Vielleicht ist es besser, einen anderen Experten zu fragen, einen waschechten Franken, einen renommierten Mundartdichter, der mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Region steht. Was ist für den promovierten Anglisten Helmut Haberkamm typisch fränkisch an der regionalen Küche? Haberkamm:

Alles, was wir in Franken als typisch fränkisch hochhalten; ob das der Silvaner ist, da sagt ja schon der Name, daß das nichts Fränkisches sein kann, ob das der Karpfen ist, ob daß das Bier ist, ob das die Bräuche sind, die Speisen sind. Wenn wir im Aischgrund immer vom Kren reden, allein das Wort ist schon slawisch. Alles, was wir hier haben, von der Tracht über die Musik bis zu den Bräuchen, den Speisen, Getränken – alles wurde irgendwann von woanders her hierher gebracht, wurde eingebürgert, eingewurzelt, und wir haben etwas Eigenes daraus gemacht. Aber wir haben nichts eigentümlich Fränkisches, was keiner in der Welt so hat. Das wäre idiotisch, so etwas zu behaupten.

Franken, ein Land ohne Eigenschaften? Eine Region ohne eine eigenständige Kultur, ohne eine eigene, unverwechselbare Identität? Folgt man Günter Dippold und Helmut Haberkamm, sind die Franken seit jeher eine Art Kulturparasiten, die sich nach Belieben in halb Europa bedient haben, um ein riesiges potemkinsches Dorf zu errichten. Eine virtuelle Region, zusammengesetzt aus unzähligen Kulturbausteinen, die aus Österreich, Italien und Osteuropa stammen.

Fränkische Volksmusik – ein unverfälschtes Kulturgut

Ist wenigstens die fränkische Volksmusik ein echtes Kulturgut? Wer könnte diese Frage besser beantworten als Franz Josef Schramm von der „Beratungsstelle für Volksmusik in Franken“, die in Uffenheim residiert. Immerhin ist es sein Beruf, sich um dieses traditionelle Kulturgut zu kümmern.

Fränkische Volksmusik, kann man sagen, hat sich in den letzten sechzig Jahren als Konstruktion entwickelt. In den 50er Jahren hat ́s angefangen, nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Volksmusikpflege begonnen hat, hat man die Musik der Großeltern (von 1850 bis 1920) genommen und hat sie als fränkische Volksmusik definiert. Der Bayerische Rundfunk hat da mitgeholfen und hat dann einen Stil „Volksmusik“ entwickelt. Man muß leider sagen, es ist a bißl konstruiert. Aber mittlerweile hat diese Konstruktion auch eine eigene Tradition und ist für die Leute sehr wichtig.

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Mit der fränkischen Volksmusik ist das so eine Sache.

Die fränkische Volksmusik – eine Konstruktion aus den Zeiten des Wirtschaftswunders. Wieder ist das Ursprüngliche nicht greifbar. Letztendlich, stellt der Volksmusikexperte nüchtern fest, basiert die fränkische Volksmusik auf moderner Tanzmusik, die zudem noch Massenware war:

Es speist sich ein Großteil aus den Verlagsproduktionen des späten 19ten Jahrhunderts. Es gab viele Tanzmusikverlage, in Berlin, in Leipzig, aber auch in München und in Würzburg gab es kleinere Verlage, die massenweise Tanzmusik auf den Markt gebracht haben. Und das haben die Musikanten zu Anfang des 20ten Jahrhunderts natürlich hergenommen als Material. Sie haben es sich oft nicht gekauft, sondern haben es abgeschrieben. Und nach dem Krieg hat man dann diese handschriftlichen Notenhefte gefunden und hat gesagt: Ha, handschriftlich aus Hausen oder irgendeinem Ort, die Musik, die ist da entstanden, und hat ́s gar nicht mehr weiter zurückverfolgt. Vieles, muß man sagen, ist abgeschrieben, ist eigentlich schon fast eine deutschlandweite, globale Musik.

Copy and paste, würde man heute sagen. Es wird Zeit, die Spekulationen zu beenden und gezielt nach dem zu fragen, was denn nun die Region Franken ausmacht und von anderen Regionen unterscheidet. Darauf hat Volkskundler Günter Dippold eine erstaunlichen Antwort: Also es gibt wenig, was so wirklich verbindende Klammer ist, was diese Idee „Franken“ mit Leben füllt. Damit steht zumindest eines fest: Schäufala, die Würzburger Residenz, die Fränkische Schweiz oder die fränkische Volksmusik sind weiter nichts als weithin wahrnehmbare kulinarische, architektonische, geographische und kulturelle Landmarken. Stereotype Bilder und gängige Klischees, die ebensoviel über Franken aussagen, wie der Eiffelturm, die Baskenmütze oder die Bouillabaisse über Frankreich. Sie sind der kleinste gemeinsame Nenner, gewissermaßen; die verbindende Klammer, wie Günter Dippold es genannt hat. Aber diese Klammer ist in keiner Weise ausreichend, um die Region zu definieren. Um das zu leisten, muß man nämlich einen ganz anderen Ansatz wählen. Bevor man sich mit Franken befaßt, muß zunächst eine grundlegende Frage geklärt werden:

Was ist überhaupt „eine Region“?

So häufig und selbstverständlich der Begriff Region heute auch genutzt wird, so beharrlich entzieht er sich einer klaren und allgemein verbindlichen Definition. Fragt man etwa einen Geographen, erhält man eine Antwort, die sich auf einen geographischenRaumbezieht,dervorallem durch klimatische, geologische und biologische Faktoren bestimmt wird. Das thüringisch-fränkische Mittelgebirge oder das Vogtland sind derartig definierte Regionen.

Schon die benachbarte Disziplin der Geologie orientiert sich an anderen, nämlich an petrologischen, tektonischen oder bodenphysikalischen Faktoren. Ökonomen, Politologen, Ethnologen oder Kulturhistoriker arbeiten wiederum mit anderen Faktoren und somit auch mit unterschiedlichen Regionalbegriffen. Eine allgemein verbindliche „Theorie des Regionalen“ gibt es bislang nicht, was zur Folge hat, daß jede wissenschaftliche Disziplin etwas anderes meint, sobald der Begriff Region fällt.

Zumindest für die Sozialund Geisteswissenschaften hat der Regionalhistoriker Carl-Hans Hauptmeyer von der Universität Hannover eine einfache Definition gefunden, die auch allgemein akzeptiert wird:

„Eine Region ist eine sich wandelnde sozialräumliche Einheit, die modellhaft ähnliches Handeln und Wirken einer menschlichen Gesellschaft abbildet.“

Das Kennzeichen einer Region unter gesellschaftlichen und historischen Aspekten ist demnach, daß sich die Menschen ähnlich und somit vergleichbar verhalten. Sie bilden eine Einheit, die sie von anderen Einheiten unterscheidet. Ein weiteres Kennzeichen ist der permanente Wandel dieser Einheit.

Und noch ein anderer Faktor ist für die Definition von Bedeutung, und das ist die Geschichte des Begriffs selbst. Daß Menschen überhaupt einen bestimmten Raum als Region definieren, ist ein sehr junges historisches Phänomen. Erst zu Beginn des 20ten Jahrhunderts taucht die Region im Leben und Denken der Menschen auf. Vorher gab es nur die Nation, den Staat, das Reich, die Stadt oder das Dorf. Es ist die Zeit der Hochindustrialisierung, in der Millionen Menschen ihre Dörfer und Kleinstädte verlassen müssen, um in den großen Metropolen Arbeit zu finden. Für viele ist der Ortswechsel ein Kulturschock. Ihrer vertrauten Umgebung, ihrer Lebensund Arbeitswelt beraubt, suchen die entwurzelten Menschen nach neuen Identitäten. Die Arbeiterbewegung und politische Parteien wie die SPD zählen zu den bekannten Angeboten.

Die Region bietet eine andere Möglichkeit, die verlorene Heimat zu ersetzen. An die Stelle des Dorfes, des Stadtteils oder der Straße, also eines sehr kleinen und überschaubaren Raums, tritt nun ein deutlich größerer, aber immer noch erkennbarer Raum, der eine neue Form der Identität ermöglicht. Dabei wird natürlich auf bereits vorhandene und verbindende Identitätsfaktoren zurückgegriffen. Regierungen unterschiedlicher Couleur erkennen diese Entwicklung und fördern sie, denn sie erzeugt ein neues „Wir-Gefühl“, das die vielen Binnenmigranten an ihre neue Heimat bindet. Zumindest eine der Ursachen für mögliche soziale Unruhen kann auf diese Weise beseitigt werden. Die Entwurzelten können sich wieder heimisch fühlen.

Das kann durch die Wiederbelebung oder sogar Neuentwicklung von Trachten geschehen, aber auch die Gründung von Vereinen aller Art, wobei die Sportvereine an erster Stelle stehen. Eine Vielzahl von Angeboten schafft schließlich eine neue, eine erweiterte Identität, die über Stadtteile und Dörfer hinausreicht.

Wolfgang Wüst, Dr. Erich Schneider

Wolfgang Wüst, Dr. Erich Schneider

Und dennoch fruchtet das neue kulturelle Angebot, mal mehr, mal weniger. In einigen Regionen treten die alten Identitäten in den Hintergrund, in anderen konkurrieren sie mit den neuen. Wieder andere Regionen bleiben auf Grund ihrer Geschichte erkennbare Konstruktionen. Wie eben Franken. Das zeigt sich nicht zuletzt an einem Kennzeichen, daß immer wieder genannt wird, wenn es um Identität geht, nämlich der Mundart. Günter Dippold erklärt die Vielschichtigkeit des Problems:

Wobei ja in Franken das Groteske wieder das ist, daß ja nicht alles, was heute als Fränkisch verstanden wird, auch Fränkisch redet. Also das Fichtelgebirge wäre so ein Thema, dann, kleiner Zipfel, nördlicher Landkreis Kronach, um Ludwigstadt Lauenstein, das ist, von hier aus gesehen, jenseits des Rennsteigs, und damit reden die Thüringer-Sächsisch, und natürlich der Untermain, Aschaffenburg, Miltenberg, die reden Rheinfränkisch, was für uns eher Hessisch klingt. Von daher ist es schwer, Franken irgendwie zu definieren, weil es einfach verschiedene, sich überlappende Franken gibt. Sprachfranken, historisch gebildetes Franken, Verwaltungsfranken. Das Sprachfranken geht bis weit nach Thüringen, ins heutige Bundesland Thüringen rein; weit bis nach Baden-Württemberg rein. Nicht einmal räumlich ist Franken eindeutig definiert, sondern erweist sich als Flickenteppich, als eher offene Region mit Exklaven und schwer zu erfassenden Übergängen zu anderen Regionen. Wie will man da Identität erzeugen?

Die Erklärung für diesen Flickenteppich findet sich in der wechselhaften Geschichte Frankens. Wer mehr über sie erfahren will, ist bei Wolfgang Wüst bestens aufgehoben. Der Historiker bestätigt die räumliche und kulturelle Zerrissenheit Frankens: Da kann man viel gewinnen, wenn man die Kartographie zu Hilfe nimmt, dann stellt man schnell fest, daß Franken eben nicht identisch ist, oder das fränkische Siedlungsgebiet, der fränkische Sprachraum nicht identisch ist mit den heutigen drei Regierungsbezirken Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken. Wir haben beispielweise im Bundesland BadenWürttemberg nach wie vor eine große fränkische Kommunität. Das ist heute der Verwaltungsbezirk HeilbronnFranken. Der Hohenzollernraum, aber auch Hohenlohe, das waren alte fränkische Siedlungsgebiete, die haben eine politische Zugehörigkeit zum fränkischen Reichskreis gehabt. Die sind also heute in Baden-Württemberg. Und wenn wir nach Osten schauen. Da haben wir die Gebiete der Henneberger, die eben auch zum fränkischen Reichskreis zählten, die heute im südlichen Thüringen vom Raum her zu Hause sind. Also auch da stimmen die Grenzen des Bundeslandes nicht überein mit dem fränkischen Siedlungsraum. Und wenn wir nach Eichstätt hineinschauen, Eichstätt, heute ein oberbayerischer Entwicklungsund Kulturraum. Das ist ein altfränkisches Bistum. Kurzum, unsere Einteilung der Bundesländer hat wenig zu tun – historisch gesehen – mit den alten Identitäten.

Wie schwer zu fassen die Region ist und wie sehr sie mit verschiedenen Identitätsangeboten operiert, unterstreicht noch einmal Günter Dippold. Auch er verweist auf den historischen Flickenteppich, der einen einheitlichen Kulturraum nie entstehen ließ.

Ich glaube, das spielt schon eine ganz wesentliche Rolle. Zum einen die unscharfen Grenzen, zum anderen die Kleinteiligkeit im Inneren, die eben dann doch auch identitätsstiftend war. Das können wir auch feststellen, wenn wir die Sprache des 18. Jahrhunderts nehmen. Nicht primär als Franke definiert, sondern als bambergisches Landeskind oder als im Schwarzenbergischen wohnend oder im Hohenlohischen wohnend. Franken ist da allenfalls etwas, was so im Hintergrund noch da ist, aber für die eigene Identität war dann doch die territoriale Zugehörigkeit wesentlich entscheidender. Franken ist eben zerklüftet mit verschiedenen geistlichen Fürstentümern, weltlichen Fürstentümern, Grafschaften, Reitständen und einer Unzahl von reichsritterlichen Herrschaften. Diese Zerklüftetheit schlägt schon bis heute durch, so daß es schwierig ist, da eine einheitliche, fränkische Identität zu schaffen. Durch diese historische Gewordenheit ist es natürlich auch so, daß es eben wenig gibt, was eint.

Interessant wäre es jetzt natürlich, die Sicht eines Politikers zu hören, der für viele Franken selbst eine Orientierungspersönlichkeit darstellt, wenn es um die Identität der Region geht. Gemeint ist der Jurist Dr. Günter Beckstein, der von 2007 bis 2008 bayerischer Ministerpräsident war.

An Festtagen sind Fahnen besonders wichtig – das sagt uns jedenfalls dieses Bild.

An Festtagen sind Fahnen besonders wichtig – das sagt uns jedenfalls dieses Bild.

Oft und gerne hat ihn die Presse als ersten Franken in diesem Amt bezeichnet, doch diese Ehre gebührt Hans Ehard, der 1887 in Bamberg geboren wurde. Gleich zweimal, nämlich von 1946 bis 1954 und von 1960 bis 1962 war er bayerischer Ministerpräsident. Allerdings wurde der Jurist nicht als Franke wahrgenommen, da seine Sprache keine fränkische Färbung besaß. Auch hat Ehard seine fränkische Herkunft nie besonders betont und war zudem Katholik. In München fiel er so nicht weiter auf. Günter Beckstein war somit zwar nicht erster fränkischer bayerischer Ministerpräsident, jedoch erster evangelischer Ministerpräsident des Freistaats. Und im Gegensatz zu Ehard ist Beckstein dank seiner Sprachfärbung schon nach wenigen Worten klar als Franke zu erkennen. Wie sieht er die Region?

Insgesamt ist sicher die Frage der Unterschiedlichkeit etwas, was Franken sehr stark prägt. Da gibt es Weinfranken und Bierfranken in dieser Region, dann gibt es das katholische, das erzkatholische Franken, zum Beispiel Bamberg, das Hochstift. Oder es gibt das protestantische Ansbach, auch Nürnberg oder Bayreuth. Es hat die Freie Reichstadt gegeben und Fürsten. Diese Unterschiedlichkeit, die übrigens auch dazu geführt hat, daß die Franken es nicht geschafft haben, ein eigenes Königshaus hervorzubringen oder ein eigenes Herrscherhaus, sondern die Franken sehr unterschiedlich zersplittert waren. Es ist für viele in Franken nicht bekannt, daß die Einigung unter dem Begriff Franken ein Werk der bayerischen Könige war, nämlich des Grafen Montgelas, der Franken eingeteilt hat in die sieben Bezirke, und dabei Ober-, Unterund Mittelfranken als Verwaltungsbezirke geschaffen hat.

Es bleibt also dabei, Franken ist ein Konstrukt, ein Werk des Königreichs Bayern, geschaffen aus politischem Kalkül heraus. Dr. Erich Schneider ist nicht nur Leiter der Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt, sondern auch wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für Fränkische Geschichte. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage nach der fränkischen Identität und kennt die Probleme, das Fränkische zu definieren:

Franken ist eine Setzung, die irgendwann in der ersten Hälfte des 19ten Jahrhunderts geboren worden ist und durch die Gebietsreform des 20ten Jahrhunderts nochmals irgendwo verstärkt worden ist. Franken als Fränkischer Kreis, das wird ja auch gerne herangezogen, eine Erfindung des 16. Jahrhunderts. Was war das? Das war so eine Art Militärbündnis, also wie die NATO. Würden wir uns als Menschen des 20ten Jahrhunderts als NATO-Bürger fühlen?

Soli Deo Gloria – der Glaube in Franken

Befragt man die einschlägige Literatur, stößt man schnell auf einen verbindenden Faktor, der Gesellschaften und Volksgruppen zusammenhält. Der Glaube. Ganze Nationen verdanken ihrer gemeinsamen Konfession Zusammenhalt. Länder wie Irland, Italien oder Polen sind ohne ihren ausgeprägten Katholizismus gar nicht vorstellbar. Könnte also die Religion jene Klammer sein, die die Region Franken zusammenhält und somit auch definiert?

Dippold: Also konfessionell, also Protestanten, sagen wir es noch präziser: Lutheraner, Reformierte, Französisch Reformierte, Katholiken, Juden natürlich, in den letzten 30, 40 Jahren muslimische Gemeinschaften unterschiedlichster Spielarten. Natürlich auch Agnostiker und Atheisten, auch das gehört ja auch zur Lebenswirklichkeit und ist in einer pluralen Gesellschaft ja ganz normal, die Franken eben auch ist. Da haben wir so eine Unterschiedlichkeit, die historisch gewachsen ist, die eben nicht modern ist, die nicht durch die Umwälzungen der letzten 60, 70 Jahre entstanden ist, sondern die in 500 Jahren entstanden ist.

Der räumliche, politische Flickenteppich findet seine Entsprechung in einer seltenen religiösen und weltanschaulichen Vielfalt, deren Entwicklung noch keineswegs abgeschlossen ist, wie Wolfgang Wüst erläutert:

Also wir haben zwei Konfessionen, die dann noch aufgehellt werden und erweitert werden durch den Zuzug von außen. Weil wir hier in Erlangen sind, müssen wir die Hugenotten erwähnen, das sind ja Reformierte, die haben die zweite Reformation schon erlebt. Die dann als dritte Konfession hinzutreten. Und dann gibt es Glaubensflüchtlinge, die aus Österreich kommen, zum Beispiel Salzburger Emigranten. Also, wir haben eine Mischkultur, die dann im 20. Jahrhundert nochmals durchgespült und durchgewürfelt wird durch den Zuzug nach 1945 im Zuge der Migrationsströme aus der heutigen Türkei, wo wir einen sehr starken islamischen Bevölkerungsanteil auch haben. Also Multikulti ist auch fränkisch. Der Glaube scheidet also ebenfalls aus. Was bleibt jetzt noch übrig?

Was definiert also Franken? Sind es die Menschen selbst, die alteingessenen, ursprünglichen Franken? Könnten sie nicht der gemeinsame Nenner sein, über den sich die Region definiert? Könnten sie nicht für die von den Regionalforschern und Volkskundlern geforderte „sozialräumliche Einheit“ sorgen, für das „modellhaft ähnliche Handeln“? Günter Dippold hat endlich eine erhellende Antwort:

Wenn man sich mal anschaut: Woher kommen Leute. Gerade Westmittelfranken, das war ja nach dem 30jährigen Krieg eine entvölkerte Gegend, und da sind, und zwar zu Zehntausenden, Glaubensflüchtlinge aus Österreich gekommen, also der typische Westmittelfranke hat Vorfahren aus dem Waldviertel oder dem Mostviertel oder sonst irgendwo. Und dann gehen vier, fünf, sechs Generationen ins Land, und dann sind das irgendwann einmal diese österreichischen, evangelischen Glaubensflüchtlinge oder diese jüdischen Migranten, dann sind das irgendwann einmal die fränkischten Franken, die man sich nur denken kann. Ich bin auch der festen Überzeugung, daß es nicht mal mehr eine Generation braucht, und dann haben wir ausgesprochen fränkische Männer, die Cem heißen. Und das ist auch gut so.

Nicht anders hört sich die Geschichte an, die der Aischgründer Mundartautor Helmut Haberkamm zu erzählen hat.

Auch die Franken selber sind ja in sich völlig gemischt. Meine Vorfahren sind zum Teil aus Österreich, die Vorfahren meines Vaters kamen wahrscheinlich irgendwann aus Norddeutschland, aus Thüringen oder aus dem alemannischen Bereich, aus Böhmen. Wir wissen es doch gar nicht genau. Was entscheidend ist: Hier in der Region haben sie sich eine Heimat gebaut und in dieser Heimat Sprache und Kultur entwickelt.

Wie die Region ist also auch der Franke selbst eine Art historisches Konstrukt, dessen Herkunftsspuren sich in Mitteleuropa verlieren. Wer also den typischen Franken in Franken sucht, der sucht vergebens, wie Erich Schneider, wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, bestätigt. Orte läßt er dabei als Bezugsgrößen gelten, die Region nicht.

Es gibt den Würzburger, den Bamberger, den Nürnberger, den Aischgründer, aber es gibt nicht den Franken. Undenkbar. Und zwar nicht erst heute, sondern den hat es auch früher nicht gegeben. Wenn Sie im Dreißigjährigen Krieg einen getroffen hätten, dann hätte der sich aufgrund seiner Herkunft aus einem ganz bestimmten Ort definiert, aber nicht als Franke.

Tatsächlich schon der zweite Franke im Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten, Günter Beckstein, beimTag der Franken 2008 in Miltenberg in Begleitung des Bezirkstagspräsidenten von Unterfranken, Erwin Dotzel (r).

Tatsächlich schon der zweite Franke im Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten, Günter Beckstein, beimTag der Franken 2008 in Miltenberg in Begleitung des Bezirkstagspräsidenten von Unterfranken, Erwin Dotzel (r).

Seine Herkunft macht einen Franken also nicht zum Franken, dazu ist diese Herkunft viel zu weit gestreut über die Region, über Bayern, über Deutschland, über Europa. Und doch ist ausgerechnet diese gemischte Herkunft der Franken ein wichtiger Bestandteil der fränkischen Identität. Sie erweist sich im Laufe der Geschichte nicht als hinderlich oder als Nachteil gegenüber anderen Regionen, sondern als Vorteil. Immer wieder war Franken eine Nasenlänge voraus, weil die Menschen in der Lage waren, fremde Einflüsse aufzunehmen und sich anzueignen. Wolfgang Wüst hat das Stichwort genannt: Multikulti.

Franken als süddeutscher Melting Pot

Franken hat sich nicht etwa gegen Fremdes und Fremde gewehrt, sondern Fremdes genutzt und integriert. Aus bayerischen, italienischen, böhmischen, hanseatischen und sogar arabischen Errungenschaften wurden im Laufe der Zeit fränkische, wie der Historiker Wolfgang Wüst erläutert:

Nehmen Sie zum Beispiel Nürnberg als eine europäische, große, globale Handelsstadt, sie hat Kontakt nach Venedig, Kontakt zur Frankfurter Messe, Kontakt zur Hanse oder nach Prag. Da kommen selbstverständlich böhmische Einflüsse, da kommen norddeutsche Einflüsse, da kommen oberitalienische Einflüsse. In Nürnberg läßt sich nachweisen, daß im 14. Jahrhundert schon das arabische Zahlensystem eingeführt wird; daß die doppelte Buchhaltung, die aus Italien kommt, eingeführt wird. Also wir haben immer schon Internationalisierung hier in diesem kleinen Raum, und trotzdem bleibt so etwas wie eine fränkische Identität, aber sie ist angereichert und bereichert eben durch externe Faktoren.

Nicht einmal das so dominante Bayern ist vor dieser kulturellen und sozialen Integrationsleistung sicher, in deren Zentrum immer wieder Nürnberg steht. Wüst: Nürnberg spürt das vor allem. In Nürnberg ist etwa um 1900, im Zeitalter der Hochindustrialisierung, nur noch jeder neunte Bürger auch dort geboren. Der Rest hat einen Migrationshintergrund, einen Binnenmigrationshintergrund, wenn man so will. Da vermischt sich jetzt dieses Bayern. Was politisch sozusagen zweifelhaft war und auch nicht richtig funktioniert hat, die bayerische Staatsintegration, die wird durch die Wirtschaftspolitik jetzt überholt und Franken als der Industrialisierungsmotor wird zu einer neuen, fortschrittlichen Kernlandschaft, die eine unglaubliche Attraktivität auch für den Rest von Bayern nun ausstrahlt.

Der Grund für die ethnische, kulturelle, religiöse und weltanschauliche Mischung, die für Franken so prägend ist, ist nicht zuletzt ein geographischer und ein sehr simpler noch dazu. Es ist die geographische Lage, die Franken daran hindert, Provinz zu werden. Wer durch Deutschland reist, weiß Erich Schneider, kommt an Franken nicht vorbei: Weil wir bis heute ein Durchmarschgebiet sind. Sie brauchen nur Bayern 3 zu hören. Biebelried ist immer dabei. Biebelried ist das Drehkreuz, wo sich Deutschland trifft.

Heute sind es die Autobahnen, Flugplätze und Bahntrassen, früher waren es die Landstraßen und Flüsse, die Franken mit mehr Einflüssen versorgen als andere Regionen. Wolfgang Wüst: Also wir haben ja festgestellt, daß Franken kein politisch gewachsener Raum ist, wir haben eben viele Untergruppierungen, wir haben zwar den Reichskreis und das alte Stammesherzogtum als große Klammern, wir haben aber danach eben diese territoriale Entwicklung und diese typische Kleinräumigkeit. Das würde also heißen, daß in den kleinsten, allerkleinsten Räumen eine in sich geschlossene Gesellschaft oder kleine Bevölkerungsgruppe entstehen könnte, die ähnlich wie in der Schweiz in den Gebirgstälern keinen Kontakt zur Außenwelt hat und dadurch Kleinstidentitäten aufweist. Dem ist natürlich nicht so. Wir sind hier in einem mitteleuropäischen Raum, wo Flüsse, wo Verkehrsstraßen, wo Migrationsströme von West nach Ost, von Nord nach Süd ständig die Landschaft durchkreuzen, auch historisch so gesehen. Und deshalb haben wir immer wieder als Mobilitätsfolge Störfaktoren in diesen kleinräumigen Identitäten.

Die Prüfung fränkischer Klueß darf natürlich nur von echten Fachleuten, wie sie sich im 1. Fränkischen Klueßverein in Neuses bei Kronach zusammengeschlossen haben, vorgenommen werden.

Die Prüfung fränkischer Klueß darf natürlich nur von echten Fachleuten, wie sie sich im 1. Fränkischen Klueßverein in Neuses bei Kronach zusammengeschlossen haben, vorgenommen werden.

Was ist fränkisch? Die Antwort wird langsam greifbar. Zu den typisch fränkischen Eigenschaften, die die Region ausmachen, zählt offenbar die Fähigkeit ihrer Bewohner, Fremde und Fremdes aufzunehmen und zu integrieren. Das Fremde wird nicht lange als Fremdes angesehen, sondern als Möglichkeit genutzt, die eigene Kultur und Identität zu stärken. Das ist fränkisch! Und zukunftsweisend, meint Günter Dippold: Das ist doch nichts Schlechtes. Wenn man das interpretiert, wenn man das historisch deuten will, daß es hier auch der Tradition nach … Tradition ist ja immer etwas in der Gegenwart Gestiftetes daß dies eine offene Region ist. Daß sie Einflüsse aufzunehmen vermag, und daß sie dadurch etwas ganz Eigenes formen kann und das annehmen kann, das eigentlich Fremde zum Eigenen machen kann. Und das ist eigentlich ein Zeichen, daß ine Region gut ist, wenn aus vielem Fremden etwas Eigenes wird. Eigentlich ist Franken schon aufgrund dieser Tradition eine der Zukunftsregionen.

Franken und die Globalisierung

Das Franken bisweilen als konservativ eingestuft wird, als eher vergangenheitsorientiert, ist demnach ein reines Vorurteil. Das Gegenteil ist der Fall. Franken ist sogar besonders offen für die Zukunft. Denn die Qualität, mit verschiedenen Herkünften, Einflüssen und Identitäten positiv umzugehen, hat hier eine ausgeprägte Tradition. Eine Tradition, die nicht in der Gegenwart künstlich erzeugt wurde, sondern die tatsächlich in der Geschichte weit zurück verfolgt werden kann. Franken lebt gewissermaßen vor, wie man in einer globalisierten Welt regionale Identität schafft, ohne sich abund auszugrenzen.

Mit einer kleinen Einschränkung allerdings, die nicht verschwiegen werden darf. Die Universität Leipzig hat 2004 eine der umfangreichsten Untersuchungen zur Bestimmung regionaler Identität durchgeführt und ist dabei zu eindeutigen Ergebnissen gekommen. Geburt und Kindheit in einer Region sind demnach keine nachhaltigen und bestimmenden Faktoren für die Herausbildung regionaler Identifikation. Sie spielen letztendlich nur eine untergeordnete Rolle. Mühelos, das belegt die Studie, kann regionale Identifikation „verlernt“ werden. Ohnehin werden die allgemein bekannten Faktoren überschätzt. Norbert Fischer, Professor für Kulturanthropologie an der Universität Hamburg, bringt die aktuellen Erkenntnisse auf den Punkt: Die früheren Vorstellungen von festgefügten Bindungen zwischen Raum, Sprache, Brauchtum und Kultur sind unhaltbar.

Wie einfach diese Erkenntnis nachzuvollziehen ist, erläutert Erich Schneider von der Gesellschaft für Fränkische Geschichte anhand der fränkischen Küche: Natürlich ist das etwas, was man mit der Region verbindet. Aber Sie müssen ́s ganz schnell dann lokal runterbrechen. In jedem Dorf gibt es eine andere Bratwurst, in jedem Dorf gibt es ein anderes Bier, in jedem Dorf gibt es einen anderen Karpfen, der besser schmeckt, weil das Wasser, in dem der Karpfen lebt, ist besser, ist anders. Natürlich gibt es diese Oberbegriffe, aber ganz schnell geht ́s dann in die Tiefe, ganz schnell wird ́s dann regional oder lokal oder vielleicht sogar noch innerhalb des Ortes. Es gibt zwei Bäcker, der eine macht dieses Brot, der andere macht jenes Brot.

Ein anderer, ebenfalls allgemein bekannter Faktor ist für die Identitätsforschung von großer Bedeutung, nämlich die „Diskriminierung durch andere“, vornehmlich durch benachbarte Regionen. Sie kann nach innen die Identität stärken. Und genau diese Wirkung hat sie auch in Franken, wie der Historiker Günter Dippold erläutert: Ich erlebe schon manchmal auch, in Ober-, bisweilen auch in Niederbayern, daß dann so das Bewußtsein da ist: Wir sind die Bayern, ja und da gehört halt noch irgendwas dazu und das schleppen wir halt irgendwie so mit. Umgekehrt ist Franken oft auch so, daß es sich als nicht bayerische Einwohner Bayerns definiert. Die Abgrenzung zu Altbayern als identitätsstiftendes Element scheint mir durchaus gegeben.

Auch Ministerpräsident a.D. Günter Beckstein hat seine Erfahrungen mit diesem bestimmenden Faktor machen müssen: Ich wußte, daß das eine Bedeutung hat. Ich muß gestehen, daß ich das Problem gewaltig unterschätzt habe. Was ich unterschätzt hatte, sind die emotionalen Unterschiede zwischen den Altbayern und den Franken. Wo das eskaliert ist, eine Lappalie, über die ich mich heute nur noch ärgern kann, das war die Frage, daß meine Frau zur Eröffnung des Oktoberfestes nicht ein Dirndl anziehen wollte, sondern ein Trachtenkostüm. Daß das aber ein Thema wird, daß das Münchner Boulevard über ein Woche beschäftigt hat, damit hatten weder meine Frau noch ich gerechnet. Im Nachhinein muß man sagen, es war eine Dummheit. Aber da hat man eben gesehen, welche unterschiedliche Emotionalität da ist. Bei uns wäre das völlig undenkbar. Daß es einen gesellschaftlichen Zwang gibt, in einer bestimmten Kleidung zu einer Veranstaltung zu gehen. Zumal die allermeisten Trachten dort eher Phantasietrachten und nicht Originaltrachten sind, sondern vielleicht modische Repliken sind. Trotzdem, das Selbstbewußtsein heißt, das ist unsere Art, und da kommt jetzt einer aus Franken und will sich nicht dran halten.

Ressentiments, die nicht zu übersehen sind, und die über eine Tradition verfügen, die länger währt als die der Klöße und die der fränkischen Volksmusik. An dieser Feststellung führt auch für den Historiker Wolfgang Wüst kein Weg vorbei: Wenn man es historisch sieht, Franken ist sozusagen eine seit 1806 von München aus oder durch die bayerische Zentralregierung, wenn man es mal überspitzt sagt, eine fremdverwaltete Region. Und da gibt es ein Gären, eine Unzufriedenheit gegenüber dieser Fremdbestimmung.

So offen der Franke für alles Neue ist, die historischen Erfahrungen mit Diskriminierungen und Fremdbestimmungen sind aus der fränkischen Identität nicht wegzudenken. Ihre Spuren reichen bis in die Gegenwart und sorgen dafür, daß die fränkische Identität auch von außen bestimmt wird. Franken als durchaus erfolgreicher Gegenentwurf zu Altbayern. Beckstein: Es ist einmal auch ein Stück Gegenposition, Gegenpol gegenüber München und Oberbayern. Aber das Zweite, daß man sich selber sehr bewußt ist, daß dies halt eine Region ist, die im bayerischen Königreich erst später dazugekommen ist, aber dann auch von der bayerischen Geschichte sehr profitiert hat.

Altbayern und Franken haben eben eine unterschiedliche Geschichte. Erich Schneider bringt diese Unterschiede auf den Punkt und beginnt mit Bayern.

Das ist ein aus unserer Sicht eher monolithischer Block, während wir aus vielen, vielen kleinen, großen Landschaften, politischen Regionen, Hochstift Würzburg, Markgrafen Ansbach, die Reichstadt Nürnberg, das kleine Reichsstädtle Schweinfurt, das Reichsdorf Gochsheim-Sennfeld. Jeder war sozusagen sein eigener Herr. Ich glaube, dieses Wort von den Duodez-Fürstentümern, das ist wohl in Franken geprägt worden.

Das Leben im globalen Dorf

Von der Geschichte zurück in die Gegenwart. Wir leben in der Epoche der Globalisierung, unser Blick richtet sich mehr denn je auf die Welt. Die Frage nach den Ursachen regionaler Identität ist zwar aktuell und berechtigt, läßt jedoch leicht vergessen, daß der moderne Mensch längst mit vielen Identitäten lebt. Wir haben kein Problem damit, zugleich Weltbürger, Europäer, Deutscher, Bayer, Franke und Nürnberger oder Schweinfurter zu sein.

Soziologen sprechen von „multipler Identität“, die seit Beginn des 20ten Jahrhunderts noch von einem weiteren Faktor geprägt wird, von den Medien. Auch sie sind eine Art Region, in der wir uns aufhalten können, die Identifikationsangebote liefert. Sie machen die Welt zum „globalen Dorf“ und machen Franken, Amerikaner und Chinesen zu Nachbarn.

„Was wir über unsere Gesellschaft, über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch Massenmedien.“ Sagt der bekannte Medienphilosoph Niklas Luhmann. Die Medien, allen voran Hörfunk, Fernsehen und Internet, sind längst zu einer Teilheimat geworden und somit stark identitätsstiftend. Nicht vergessen werden darf, daß private oder berufliche Reisen uns weitere Teilheimaten erschließen. Das ist heute etwas Alltägliches, wie auch Günter Dippold weiß:

Das merk’ ich bei mir schon auch, daß man dann auch Teilheimaten haben kann, an bevorzugen Urlaubszielen, an Orten, durch Freundschaften, durch Beziehungen, die einem besonders am Herzen liegen. Da wachsen dann natürlich auch solche Teilloyalitäten, Teilverbundenheiten, ohne daß man deswegen im Kern die eigene Herkunft, der eigene Identität aufgeben müßte. Oder daß ich mich dann weniger fränkisch empfände.

Erfahrungen, die vielen Menschen so vertraut sind, daß sie sie kaum bemerken. Andererseits laufen wir auch Gefahr, uns in dieser globalisierten, vielgestaltigen Welt und ihren medialen Konstruktionen zu verlieren. Welchen Stellenwert hat da noch eine Region wie Franken? Verschwindet sie, wird sie nivelliert – oder kann sie sogar noch gewinnen? Dippold: Ich habe schon den Eindruck, mehr als Eindruck ist es nicht, daß die Region so was wie eine Renaissance erlebt. Weil sie, glaube ich, sehr stark dient als Ort, an dem man Zusammenhänge versteht. Solche Orte, an denen man Zusammenhänge versteht, die braucht man in einer immer mehr als unüberschaubar wahrgenommenen Welt. Oder: Wie wird Europa wahrgenommen? Als bürokratischer Moloch in Brüssel, Straßburg, Den Haag und sonst wo. Weit weg, man kennt kaum die Leute, die dort wirken, hat zu denen auch keine direkte Beziehung mehr und beschäftigt sich sehr intensiv damit, was im eigenen Ort stattfindet. Wer Bürgermeister wird, interessiert die Leute hundertmal mehr als wer Europaabgeordneter wird. Das finde ich bezeichnend. Im öffentlichen Diskurs, spielt die Frage „Bürgermeister“ eine viel größere Rolle, weil es eben das ist, was man versteht, was man fassen und greifen kann, was naheliegend ist. Das halte ich nicht etwa für provinziell, weil es ja nicht ausschließt, daß man überregional denkt oder global denkt. Sondern ich denke, das ist die andere Seite der Medaille, es ist für eine lebendige Demokratie wichtig ich engagiere mich zuerst da, wo ich den Zusammenhang zwischen meinem Engagement und dem Geschehen spüre.

Regionen bleiben also unverzichtbar und können mit ihrem „Identitätsangebot“ sogar noch an Bedeutung zulegen. Ihre Übersichtlichkeit, ihre kleinen Strukturen, ihre Persönlichkeiten und Idole bieten Orientierungen gerade in einer globalisierten Welt. Dieser Ansicht ist auch Günter Beckstein: Da bin ich sehr überzeugt davon, daß zwei geistige Bewegungen, die gegenläufig sind, sich gegenseitig auch bedingen. Der eine Weg heißt: Internationalisierung, Globalisierung, Europäisierung, das immer alles einheitlicher wird, zunächst durch die Rechtssetzung der Europäischen Union, daß alles unter Globalisierung fällt, daß junge Menschen immer mobiler werden müssen. Aber nur wer feste Wurzeln hat, kann dann auch auf internationalem Boden stehen. Darum ist das Gegenstück davon, daß man seine Heimat, seine Region besonders betont, etwas, das für mich durchaus verständlich ist. Und zwar nicht in dem Sinne, daß man Provinz wird, sich abschottet von anderen. Und drum widerspricht sich das überhaupt nicht, wenn junge Menschen irgendwo in Europa studieren, aber gleichzeitig ganz stolz auf den 1. FC Nürnberg oder die Brose Baskets sind.

Die moderne Identitätsbildung geht noch weiter und reicht in Bereiche hinein, die kaum noch Gemeinsamkeiten mit einer Region aufweisen. Für die Forschung aber spielen sie eine tragende Rolle. Auch sie dürfen nicht vergessen werden, wie Wolfgang Wüst erklärt: Da kommt die Milieu-Forschung, die von den Sozialwissenschaften her geprägt ist, auf uns zu, die eben sagt, daß die Frage nach Räumlichkeiten eigentlich keine adäquate mehr ist, sondern wir müssen einzelne Gruppierungen, Gesellschaftsgruppierungen untersuchen. Fußballanhänger, Facebook-Gemeinden, Schulgemeinden, Universitätsgemeinden, Eßkulturen und solche Dinge. Daß wir hier eben die neuen Identitäten finden, und daß der Raum nur noch eine lockere Angelegenheit ist. Das sagen im übrigen auch die Geographen, die weggehen von dieser physischen Einteilung, die sehen, daß die politischen und geographischen Räume in unserer Zeit an Wert verlieren. Daß die Kulturidentitäten, die Mobilitätsidentitäten viel wichtiger werden.

Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist

Mehrfache Verortung und multiple Identität spiegeln sich auch in der Verwendung der Mundart wider. Sie ist nicht mehr allein bestimmend, sondern wird ebenfalls zum Bestandteil einer immensen Vielfalt. Dippold: Für mich ist Sprache etwas, das für Beheimatung ganz wichtig ist. Also ich kann mich natürlich in Englisch verständigen, aber wohl fühle ich mich, wenn ich mich in Deutsch verständigen kann. Es ist bisweilen bequem, die sprachlichen Hausschlappen anzuziehen, die Straßenschuhe des Hochdeutschen abzulegen und in breitesten, fränkischen Hausschlappen sozusagen daherzureden. Ich habe sicherlich auch verschiedene Sprachebenen, die ich teils bewußt, teils unbewußt auch einsetze. Für mich ist aber das Deutsche im Sinne des Hochdeutschen, gerade auch im schriftlichen Ausdruck, ein wesentliches Stück Heimat.

Das Bild spricht für sich, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Das Bild spricht für sich, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Andererseits läuft Mundart Gefahr, zu einem kulturellen Auslaufmodell zu werden. Denn schon das Hochdeutsche wird von Neologismen und Anglizismen derart bedrängt, daß manche Germanisten und Philologen nachts kaum Schlaf finden. Übersehen wird jedoch gerne, daß Sprache kein statisches Gebilde ist, sondern sich permanent weiterentwickelt. Sprache ist ein Prozeß, und somit ist auch Mundart immer in Bewegung. Verliert sie aber ihre Anpassungsfähigkeit oder werden Vokabular und Aussprache wie die Exponate eines Museums aufbewahrt und konserviert, ist ihr Verschwinden vorprogrammiert.

Dippold: Grundsätzlich denke ich, der Trend wird schon dahin gehen, daß es sich abschleift, daß es eher ein regional gefärbtes Hochdeutsch wird. Ich glaube, es wird eine Zukunft von Mundart geben, aber nicht im Sinne von Käseglocke einer unveränderten Mundart, sondern einer sich wandelnden Mundart. Und so wie die Mundart ja im 18ten Jahrhundert französische Termini aufgenommen hat – meine Großmutter hätte nie Gehsteig gesagt, sondern „Trottewar“. So wie die Trottoir aufgenommen hat, so werden heute halt englische Termini aufgenommen. Das ist kein Zeichen davon, daß Mundart verfälscht wird, sondern daß Mundart lebendig ist. Erst wenn sie aufhört, neue Wörter aufzunehmen, Fremdwörter zu vermundarten, dann ist sie tot. Wer versucht, sozusagen, Wörter als nichtfränkisch auszuschließen, der ist nicht ein Förderer der Mundart, sondern der ist, überspitzt gesagt, ein Totengräber.

Soweit ist es allerdings noch nicht, denn die Zukunft ist bekanntlich offen, das gilt auch für das Fränkische. Der fränkische Autor Helmut Haberkamm kann sich durchaus vorstellen, daß eine Renaissance der Region mit einer Renaissance der Mundart einhergeht. Haberkamm: Na ja, Sprache ist immer etwas, was in Veränderung begriffen ist. Wenn man sich mal das Deutsche zum Vergleich hernimmt, das war im 17ten Jahrhundert extrem gefährdet, damals vom Französischen vor allem, von den Höfen her. Und auch damals haben sich im 17ten Jahrhundert Schottel und wie sie alle hießen immens aufgeregt über die Überfremdung des Deutschen, daß das ausstirbt gegenüber dem Französischen. Was ich sagen will, ist, daß Sprache immer sich verändert. Es kann mal gefährdet sein, es kann mal sehr dominant sein, es kann beides passieren. Und jetzt im Moment ist der Dialekt sicherlich oder alle regionalen Sprachen der Welt auf dem Rückzug gegenüber den großen Sprachen, vor allem auch den globalen Sprachen. Das heißt nicht, daß das so bleiben muß. Das kann in hundert oder zweihundert Jahren wieder anders sein, das wissen wir gar nicht.

Aber eines steht für Wissenschaftler wie den Hamburger Kulturanthropologen Norbert Fischer fest: „Identitäten sind sozial konstruiert.“ Die Leipziger Studie zu den Ursachen regionaler Identität kommt zu folgenden Ergebnissen. Die Identifikation mit einer Region wird nicht bestimmt durch die wahrgenommene Lebensqualität oder die Zufriedenheit mit den örtlichen Lebensund Arbeitsbedingungen. Sie wird vielmehr bestimmt durch das Verhalten und die Urteile des unmittelbaren sozialen Umfelds. Es sind die Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn, die die regionale Identität maßgeblich bestimmen. Persönliche, soziale Netzwerke, wenn man so will. In ihnen leben wir, sie prägen unser Verständnis von Heimat. Die im unmittelbaren sozialen Umfeld gemachten Erfahrungen übertragen wir dann auf den Wohnort und schließlich auf die gesamte Region. Auf diese Weise erzeugen wir Identität.

Wou die Hasen Hoosn und die Hosen Huusn haaßn

Doch wer definiert nun, was fränkisch ist? Die Antwort ist so einleuchtend wie eindeutig: Die Menschen, in unserem Fall: die Franken. Durch ihr Verhalten, durch ihr Handeln, durch ihren Umgang mit Freunden und Nachbarn definieren sie, was fränkisch ist. Oder wissenschaftlich formuliert: Sie konstruieren Franken. Die Pflege der Mundart hat daran ebenso ihren Anteil wie die Pflege der Volksmusik, die Bratwurst oder die Treue zum Club. Franke kann man auch sein, wenn man Fan des FC Bayern ist, Sushi und Technomusik liebt und hessisch oder schwäbisch spricht. Franke kann man auch sein, wenn man italienische oder türkische Wurzeln hat. Erst recht, wenn man weiß, daß die alteingesessenen Franken höchstwahrscheinlich Vorfahren haben, die ebenfalls nicht aus Franken stammen. Wie prophezeite Günter Dippold so schön? Schon bald wird es echte Franken geben, die Cem (sprich: Dschämm) heißen.

Die Leipziger Studie belegt auch, daß die Identifikation ein lebenslanger Lernprozeß ist. Das erklärt, warum Zugereiste und Fremde zu Franken werden und nun ihrerseits dazu beitragen, mittels ihrer sozialen Kontakte die fränkische Identität zu definieren. Volkskundler, Heimatpfleger und Historiker hingegen haben nur einen winzigen Anteil an der Definition von Identität. Sie ist nämlich ihr Forschungsgegenstand, ihr Objekt und nicht ihr primäres gesellschaftliches Anliegen. Sie können archivieren und registrieren, Ursachen aufspüren und Zusammenhänge verdeutlichen. Sie können Trachten tragen und Instrumente spielen. Die Identität einer ganzen Region aber wird von allen Menschen geschaffen.

Und im Falle der Franken besteht diese Konstruktion aus einer beachtlichen und zukunftsweisenden Vielfalt. Aus der kollektiven und historisch entstandenen Fähigkeit, fremde Einflüsse und Kulturen aufzunehmen und in eine eigene, fränkische zu verwandeln. Fränkisch sein bedeutet, viele Eigenschaften zu verkörpern. Fränkisch sein ist gelebte Pluralität, ist gelebte Toleranz, die keineswegs Heimatgefühle ausschließt. Das Dorf, die Straße, der Stadtteil – sie können ein wichtiger Orientierungsanker sein. Der Respekt vor dem Nachbarn gehört dazu und ist selbstverständlich.

Kein Mensch mehr kann – oder fast keiner – allein in dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, ein Leben lang sein, und er wird vielfältig andere Prägungen haben. Aber wenn jeder nur ein internationaler Durchschnittsbürger wäre, das wäre ein unglaublicher Verlust an eigenen Identitäten. Das wäre ja furchtbar, wenn neun Milliarden Menschen alle gleich wären, vielleicht noch ein bißchen unterschiedliches Aussehen, aber im Wesen alle angepaßt wären. Es ist gut, wenn man seine Prägung hat, und wenn man das nicht mehr als ein hartes Gegeneinander eines Chauvinismus oder Nationalismus erfährt, sondern daß man das als einen selbstbewußten Stolz auf seine Heimat ausdrückt und natürlich viel Verständnis dafür hat, wenn der Nachbar seine Heimat ganz genauso achtet. Das ist durchaus ein Fortschritt, daß daraus nicht Feindschaft oder Überheblichkeit wird, sondern daß man sagt: Jawohl, ich bin stolz auf meine Herkunft, aber ich habe jedes Verständnis, daß derjenige, der aus einem ganz anderen Bereich der Welt kommt, genau denselben Stolz auf seine Herkunft hat. Der Franke bringt also vieles unter einen Hut. Und genau diese Vielfalt, dieser Facettenreichtum, macht ihn so schwer faßbar. Erich Schneider über Freunde und Fremde:

Auf der einen Seite weltläufig sein, auf der einen Seite bereit sein, einen anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren, aber dann gibt ́s halt den Bereich, da laß ́ ich niemanden rein. Wir sind vielleicht auch nicht die glänzendsten Gastgeber, wir sind freundlich, konziliant, aber wir haben halt nur einen kleinen Kreis von Leuten, die wir dann wirklich als Freunde ansehen – den Spezl, den gibt’s – glaube ich – bei uns net.

Was ist fränkisch? Leben und leben lassen! Günther Beckstein: Es ist, glaube ich, ein Menschenschlag, der durchaus auf Kultur Wert legt, der darauf Wert legt, für andere da zu sein, der andere mitkommen läßt und nicht etwa große Gegensätze und soziale Spannungen zuläßt. Das ist eine der positiven Seiten der Franken.