Wacholder – Juniperus communis

Unsere Serie: Heilpflanzen vom Magerrasen Brennende Mädchenwaden und aromatische Beeren

wacholderWas eine „gepfefferte Rechnung“ ist, weiß jeder, und allein die Erwähnung wird kleine Seufzer freisetzen. Mit einem „gepfefferten Mädchen“ hingegen werden wohl die wenigsten bislang Bekanntschaft gemacht haben. Es sei denn, sie leben auf den reizvollen Höhenlagen des Frankenwaldes. Dort wimmelt es in Neufang (Landkreis Kronach) am richtigen Datum nur so von gepfefferten Mädchen. Am 28. Dezember zieht ein seltsam kostümierter Trupp durch das Bergdorf. Scherenschleifer, Jäger, Sackträger und Schornsteinfeger – bevor man sie in Aktion erlebt, vermutet man hinter der rätselhaften Bezeichnung vielleicht eine junge Frau, die Pfeffer im Hintern hat, ergo über prickelndes Temperament verfügt. Doch dann erkennt der Begleiter der wilden Horde, daß den besagten Mädchen die Waden wie Pfeffer brennen müssen. Nachdem die weiblichen Bewohnerinnen eines jeden Hauses zu einem Schneewalzer hingerissen wurden, verpassen ihnen die Burschen mit Fichtenoder anderen immergrünen Zweigen kräftige Schläge auf die Waden. Dieses Fitzeln soll die bösen Geister fürs kommende Jahr vertreiben und verheißt der Gepfefferten Gesundheit und Kindersegen, denn der Brauch geht auf ein altes heidnisches Fruchtbarkeitsritual zurück. Besonders gut brennt das Frauenbein, wenn es mit einer traditionellen Rute aus spitznadeligen Wacholderzweigen bearbeitet wird. Diese sind heute nicht mehr so leicht zu bekommen, denn der Baum steht unter Naturschutz, aber ihr Einsatz trifft den Kern des Brauches. Den Germanen galt Juniperus communis als heiliger Baum des Lebens, was in seinen Namen eingeflossen ist. Wacholder kommt vom althochdeutschen „wecholter“ und bedeutet „lebendiger Strauch“, da er das ganze Jahr über grünt. Unsere Vorfahren nutzten sämtliche Teile des Zypressengewächses rituell. Aus seinem Holz geschnitzte Amulette und die stacheligen Zweige wurden zur Abwehr böser Geister eingesetzt. Holz und Beeren wurden aber auch zum Räuchern gegen ansteckende Krankheiten verbrannt. Ihren Verstorbenen legten sie Wacholderzweige ins Grab, denn das Gehölz markierte die Schnittstelle zwischen Leben und Tod. Das war schon vor 3 500 Jahren in einem ganz anderen Kulturkreis so. In Ägypten gaben Priester den mumifizierten Toten Wacholderbeeren in die Hände, als duftender Geleitschutz für deren Übergang in die jenseitige Welt. Dazu paßt, daß der Baum bei uns bis heute bevorzugt auf Friedhöfen gepflanzt wird. Der Wacholder erscheint schon immer in einem mystischen Licht, weil er sich von anderen Gehölzen abhebt. Seine augenfälligste Besonderheit ist sein säulenförmiger, zylindrischer Wuchs, der an die Zypressen entlang toskanischer Landstraßen erinnert. Doch finden sich auch Exemplare, die flach wachsen und deren Krone auseinanderstrebt, auch wieder typisch für den eigenwilligen Charakter des Gehölzes. Eine andere beeindruckende Eigenart: Er behält im Winter nicht nur sein Grün, sondern wächst sogar noch weiter – und das bis ins hohe Alter. Einzelexemplare erreichen 1000 Jahre und mehr. Schließlich erwarb sich der Wacholder durch seine außergewöhnlich positiven Wirkungen auf die Gesundheit der Menschen hohes Ansehen. Schon die berühmtesten Ärzte der Antike wußten um die Heilkraft des Wacholders. Hippokrates von Kos (460–370 v. Chr.) verwendete die Beeren, die in Wirklichkeit Zapfen sind, äußerlich bei Wunden und Fisteln und innerlich zur Entwässerung. Der berühmteste Pharmakologe der Antike, Pedanios Dioskurides (1.Jh.), empfahl Wacholder außerdem bei Magenproblemen, Husten und Leibschmerzen. Das erste wichtige Werk der Klostermedizin, das Lorscher Arzneibuch (um 795), nennt ein Rezept für ein Wacholderheilmittel, einzusetzen bei Leberkrankheiten, Nierenleiden, Schwindsucht und „Übelkeit, die vom Magen herrührt“. Im späten Mittelalter wurden die antiseptisch wirkenden Beeren sogar als pflanzliches Abwehrschild gegen den Schwarzen Tod eingesetzt, der seit dem 14. Jahrhundert auch Franken mehrfach heimsuchte. Als Ursache vermuteten die medizinischen Gelehrten der Zeit vergiftete Luft und empfahlen, diese mit Räuchern durch Wacholderholz zu vertreiben. Auch auf das Zerkauen der aromatischen Wacholderbeeren warf man seine Hoffnung. „Eßt Kranawitt (Wacholderbeeren) und Bibernell, so sterbt’s net so schnell“, lautet ein gereimter Ratschlag der Zeit. Ob’s geholfen hat, kann nicht bewiesen werden. Wissenschaftlich anerkannt ist die positive Wirkung der Beerenzapfen bei Verdauungsbeschwerden und ihr Einsatz zur Durchspülungstherapie der Harnwege. Allerdings sollte eine Wacholderkur nicht länger andauern, da das wirksame ätherische Öl die Nieren reizen kann. Heute findet man die blauen Zapfen, die übrigens nur an weiblichen Exemplaren des zweihäusigen Gehölzes binnen zweier Jahre reifen, vor allem als aromatischen Akzent in schweren Wintergemüsen und Wildgerichten mit einem angenehmen Nebeneffekt: Das Gewürz regt die Verdauung an. Dieser Wirkung verdanken wir einen hochprozentigen Stoff. Gin ist ein Folgeprodukt eines heilkräftigen, alkoholischen Wacholderwundermittels. Wie so viele der besten Genüsse wurde es im Kloster entwickelt. Die ersten nachweislichen Destillate dieses würzigen und bittersüßen Tonikums gewannen 1055 Mönche des Benediktinerklosters von Salerno.

anzeige

anzeige
Sie möchten den Artikel gerne zu Ende lesen?

Das Franken Magazin steht unseren Abonnenten als Online-Archiv kostenlos zur Verfügung. Wenn Sie unseren Service also in vollem Umfang nutzen möchten, abonnieren Sie am besten noch heute unsere Print-Ausgabe und erhalten den Online-Zugang gratis.

Abonnement abschließen
Ich bin bereits Abonnent

Sie können sich noch nicht entscheiden? Einige Artikel sind auch für Nicht-Abonnenten kostenlos. Hier finden Sie eine Übersicht aller kostenlosen Artikel: Zur Kategorie 'kostenlos'