Vom Wunderbaren

Kunstmärchen verzaubern das mittelalterliche Städtchen an der Tauber – vom 3. bis 12. November 2017 lockt der 6. Rothenburger Märchenzauber.

Weit draußen im Meer ist das Wasser so blau wie Kornblumen und so klar wie das reinste Glas, aber auch so tief, daß viele Kirchtürme aufeinandergestellt werden müßten, um vom Grund bis über das Wasser zu reichen.“ So beginnt Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ aus dem Jahr 1837, inspiriert von der alten Sage der Undine. Wer heute zwischen dreißig und vierzig Jahre alt ist, mag darüber staunen, daß die „Kleine Meerjungfrau“ tatsächlich ein klassisches Märchen sein soll. Menschen aus dieser Generation kennen die Geschichte wohl eher aus dem Zeichentrickfilm „Arielle, die Meerjungfau“, den die Walt-Disney-Studios 1990 ins deutsche Kino brachten – und der dort Abertausende Mädchen und vielleicht auch Jungs verzauberte. Natürlich bot es sich bestens an, aus dem Märchenstoff einen Musicalfilm zu machen, denn Andersens Meerjungfrau bezirzt alle mit ihrer wundervollen Stimme. Dem kindlichen Publikum erspart der Film jene blutrünstigen Details, mit denen Andersen den Handel zwischen Meerjungfrau und Meerhexe dramatisch unterpolstert hat: „Strecke deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie ab zur Bezahlung, und du sollst den Trunk erhalten … Dann schrumpft dein Schwanz in das zusammen, was Menschen nied­liche Beine nennen. Aber das tut weh, das ist, wie wenn ein Messer durch dich ginge.“ Literaturwissenschaftler vermuten, daß Andersen hier auf ­seine ungelebte Homosexualität und die damit verbundenen see­lischen Schmerzen anspielt. „Sprechen konnte sie ja nicht“, heißt es im Märchen.

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