Verdummungsetüden am Kreativstandort

Warum man Kulturpolitik heute ernster nehmen sollte als je zuvor.

HofReden wir nicht drum herum: Maßlose Körperfülle, selbst medizinisch verordnet, konterkariert auch die revolutionärste Geste. Die emporgestreckte Faust des österreichischen Schauspielers und Regisseurs Peter Kern als Parenthese seiner Laudatio auf die letztjährige (2013) Preisträgerin der Hofer Filmtage beeindruckt keine Diätschwester und keine Multiplex-Betreiber. Nachgerade erwies sich der entschlossene Widerstand gegen die von Letzteren geforderte Abschaffung der deutschen Filmförderung ohnehin als unnötig – Ende Januar 2014 hat das Bundesverfassungsgericht im Sinne der heimischen Filmemacher entschieden. Und Kerns Rede auf Barbara Albert, die dem Impresario Heinz Badewitz im Freudensprung auf die Bühne der Hofer Freiheitshalle die Emission „genial“ entlockte, läßt sich nicht einmal sinnlos zusammenfassen. Würden sich am Ende nicht alle umarmen und drücken, es wäre nicht zu ertragen.

Starke Gesten kennt man selbstredend auch in Würzburg; virtuell vom Plakat, ach was: von der Geburtstagstorte des diesjährigen Filmwochenendes; realiter vom Afrika-Festival, wo exotische Musiker – oft so paßgenau in Gold gefaßt, daß sie kaum laufen können – mit emporgestreckter Faust auf die Not und das Elend auf ihrem Schwarzen Heimatkontinent aufmerksam machen! Einheimische Künstler tanzen wenigstens echt betroffen das „Tagebuch der Anne Frank“, den Holocaust oder mit ähnlich ungesunden Verrenkungen den Benefiz Mitte Oktober letzten Jahres in der Würzburger Augustinerkirche an zwei Tagen höchst erfolgreich, obwohl es keinen Eintritt kostete.

Dokumente der Barbarei

Ohne sich von Nicole Zepters nur oberflächlichem Buch „Kunst hassen“ erregen zu lassen; ohne der Unterstützung der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die dem Literaturbetrieb Nepotismus vorhält, oder der Nurschriftsteller Maxim Biller und Dietmar Dath zu bedürfen, die die Uniformität und Bedeutungslosigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur der Vertreibung der jüdischen Intelligenz je nach Temperament: anlasten oder gutschreiben; ohne einmal mehr den kulturkapitalistischen Kannibalismus, wie er 2012 in „Der Kulturinfarkt“ propagiert wurde, aufleben zu lassen, muß man nicht zuletzt in der Provinz feststellen: Die gesamte Kulturszene wird immer wunderlicher. Begriffe, Sprüche und Slogans wie „Kulturstaat“ oder „-stadt“, „Kultur macht stark“, „Kultur = Lebensqualität“ entlarven hier jedoch womöglich schneller als anderswo ihre Versprecher als genaugenommen kulturferne, geistesschlaffe Zeitgenossen, gerade sofern sie sich überzeugt geben, die Kultur, die sie meinen, steuere zielstrebig – frei nach Friedrich Schiller – mittels eines irgendwie schon ästhetischen, einen gewiß moralischeren Zustand des Menschen wie des übergeordneten Ganzen an.

Hauptsächlich entgeht ihnen freilich, daß die „Dokumente der Kultur“, deren Echtheit sie so rührt, wie Walter Benjamin betonte: stets zugleich solche der „Barbarei“ waren; Unterdrückung war bisher Grundlage (fast) jeder Kultur. Zugegebenermaßen ist das Gros der erlesenen Kulturgüter inzwischen so steril, so schuldlos gescheuert oder marktgerecht relaunched, daß den Angehörigen der „ehrwürdigen Zunft des Phrasenmitschreibens“ (Karl Kraus), na sagen wir: selbst mittelalterliche Auftraggeber wie gottesfürchtige Mäzene aufscheinen. Gleichwohl: Es gibt großartige Literatur, Kunst, Musik, fraglich – wem sollte dies eigentlich bewußter sein als uns Deutschen – ist nur, ob ihres „affirmativen Charakters“ (Herbert Marcuse) diese wirklich jemals geeignet waren, aus schmutzendem Lehm auch nur halbwegs zivile Homunkuli zu formen, und wenn, ob dies heute noch gelingen könnte. Was in den Kulturwissenschaften, soweit sich übersehen läßt, jedenfalls mal mehr mal weniger in Abrede gestellt wird. So lassen die Propagandisten (zumeist sind es politische Halbleiter) in ihrem verzweifelten Abwehrkampf gegen die Oberflächlichkeit, wegen der Breitenwirkung es tunlichst im Nebel – gesetzt sie hätten eine Idee -, was sie unter Kultur verstehen, und die eigentlichen Kulturszenlinge, die Zauberlehrlinge, Kulturarbeiter, Schauspieler, Künstler, Musiker lackieren ihren Dünkel (glaubwürdige Stilisierung gelingt kaum noch), je geringer – ganz unabhängig ihres Marktwertes – ihr Stellenwert im alltäglichen, gesellschaftlichen Leben ist bzw. ihr tatsächlicher Beitrag zu dem, was empirisch Kultur sein könnte.

Hochkultur ist auch nur eine Subkultur

Allmählich mag sich aber herumsprechen, daß unter den rund 150 verschiedenen Definitionen des Kulturbegriffes sich beinahe zwangsläufig ein Kulturverständnis herauskristallisiert (das klingt nach Glanz, könnte aber ironisch gemeint sein), dem Hochkultur nur eine Subkultur neben anderen Subkulturen ist. Hochkultur läßt sich dem Vernehmen nach nur als Subkultur realisieren – was ihren geförderten Vorrang mindestens (politisch) legitimationsbedürftig machte, soll sie nicht gleich als Herrschaftsinstrument, Herrschaftsanspruch, Herrschaftsausweis eines bestimmten sozialen Milieus verteufelt werden. Tatsächlich tragen Kulturpolitiker, Kulturfunktionäre dem sogar „ein Stück weit“ Rechnung. Man vermeidet weiterhin, auch nur vage auszuführen, was man unter Kultur versteht, aber anhand veränderter kulturpolitischer Leitsätze läßt sich mitunter das leise Eingeständnis früheren Irrens und Wirrens ablesen.

Denn wenn es heute in Sachen Kultur nicht bündig um die Vermittlung bzw. den Erwerb eines gesegneten Wissensbestandes aus Kunst, Literatur, Wissenschaft, Religion, vielleicht noch Recht und Wirtschaft, also die Pflege des Schönen, Wahren und Guten, gehen kann, dann war das auch in den 1970er Jahren schon obsolet. (Daß das Volk der Dichter und Denker kulturell und sogar nur menschlich schon vorher katastrophal versagt hatte, wird als weidlich bekannt vorausgesetzt.) Viele bis heute für die Kulturwissenschaft bedeutsame Werke von Georg Simmel über Walter Benjamin, Horkheimer, Adorno, Marcuse oder die Studien der Forscher um Stuart Hall von der Birmingham School of Contemporary Cultural Studies, die u.a. die für Kultur konstitutive Bedeutung von Massenmedien erforschten, waren geschrieben bzw. veröffentlicht. Die damals wie heute um ihren Einfluß fürchtenden bestallten Kulturverweser hangelten sich dennoch zumeist betont betulich von der Kulturpflege über die Soziokultur zur Feststellung der volkswirtschaftlichen Bedeutung von Kultur, was spätestens über die Kulturevents in den 1990ern jedem wie Schuppen von den Augen fallen sollte.

1982 erklärte die UNESCO Kultur „als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte …, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen“. Wobei nicht nur Kunst und Literatur, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen dezidiert eingeschlossen sein sollen. Das „herstellende Handeln“ unter Einbindung von künstlerischer, wissenschaftlicher Produktion in den gesellschaftlichen, politischen und sozialen Prozeß wird inzwischen als Ausgangsbasis der Kulturgesellschaft angesehen. Und auf dieser Grundlage reifte wohl auch die Erkenntnis, daß die „Kreativen in der Werbung, in den Medien und Verlagen, in den Unternehmen und im Design, in der Musikwirtschaft und im Internet“, wie Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft und Mitglied in Peer Steinbrücks einstigem Kompetenzteam, nicht ohne Bedauern schon 2006 feststellte, unsere „globalisierte und medial geprägte Kultur mehr bestimmen als Museumsdirektoren, Theaterintendanten (ob Professor oder nicht), Leiter von soziokulturellen Zentren oder gar Kulturpolitiker und –dezernenten“.

Konzeptbasierte Kulturpolitik

Häufiger als in den Vortagen wird nun die nämliche, vielleicht etwas selbstsüchtig gewordene Sau (vielleicht sind auch ihre Treiber die Selbstsüchtigen) mit immer neuen Namen durchs Dorf getrieben – geschlachtet wird sie natürlich nicht, höchstens gelegentlich zur Ader gelassen. Die Vor- und Nachteile von Projektförderung beispielsweise im Theaterbetrieb werden angedacht; die ohnehin reichlich hohle kulturpolitische Zielsetzung „Bildungsbürger“ wird im „Kulturbürger“ präzisiert. Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik: An der Maxime „Kultur für alle“ wird festgehalten, die Strategien ändern sich. Geringfügig! Eher entlarvend denn auffrischend wird heute von „konzeptbasierter Kulturpolitik“ (War sie vorher konzeptlos?) gesprochen … oder von einer „aktivierenden Kulturpolitik“. Eine solche zielt auf „Wechselwirkungen in der Kulturgesellschaft und auf Allianzen im Kulturstaat“, da die Wirkungen von Kulturpolitik pur offensichtlich gern überschätzt wurden.

F1010031WDVor allem der eben erst erfundene Kulturbürger soll aktiviert werden. Schließlich werden durch Kultur gerade junge Menschen „in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt, ihr Selbstbewußtsein wird gestärkt … sie werden dazu ermutigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“, weiß das Bundesministerium für Bildung und Forschung – also das vor der GroKo im Frühjahr 2013. Und um dies mit Oliver Scheytt aufzuhübschen: „Beim Individuum liegen die kreativen Potentiale für unsere Kulturgesellschaft.“ Schrankenlose Beliebigkeit – noch gibt es den einen oder anderen, den vor Bushido, Monika Dennerlein oder selbst-auch-malenden Premiumgattinnen graut – ist natürlich nicht gemeint: Es soll für die Kulturpolitik klare „normative Setzungen“ und eine „Auseinandersetzung mit Werthaltungen“ geben, eine Programmatik, die im Diskurs mit den vielfältigen Akteuren der kulturellen Öffentlichkeit normativ begründet wird“.

Ganz wohl kann einem bei solchen Aussagen nicht sein. Möglicherweise sind sie aber ganz harmlos. Denn hinter den prägnant zum Ausdruck gebrachten, wesentlichen kulturpolitischen Gestaltungsfeldern – den Künsten, dem kulturellen Erbe (Geschichtskultur, Denkmalpflege), der kulturellen Bildung – wird auf jeden Fall, vielleicht etwas verhaltener, aber ungebrochen, wenn nicht gar gedankenlos weiterhin dem Schönen, Wahren und Guten gehuldigt – gern im festlichen Rahmen und aufs Nötigste alimentiert. So verdunstet ein ordentlicher Teil der 9,6 Milliarden, die gegenwärtig pro Jahr von Bund, Ländern und Gemeinden für Kultur flüssig gemacht werden, für die Parfümierung von Kulturgut, das, um mit Herbert Marcuse zu sprechen, moralische und ästhetische Ideale als universale Werte für richtiges und glückliches Leben ausgibt, dies aber so abstrakt (bzw. gleich nur vertont), daß sie nicht mehr zur praktischen Verwirklichung von Gerechtigkeit und Glück taugen, sondern lediglich ihr Fehlen im täglichen Leben kompensieren; sollte das überhaupt noch auffallen bzw. es sich nicht gar um eigens fabrizierten Unsinn handeln, der die Menschen im Zustand der Verblendung hält, wie es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gesehen haben.

Kulturpolitik und Kulturmanagement

Zweifellos wird auch der Bestand von Einrichtungen wie beispielsweise Bibliotheken und Museen gesichert, deren Beitrag zu dem, was Kultur nach heutigem Verständnis wohl ist, vermutlich aber oft so gering ist, daß man der Ehrlichkeit halber eher von Wirtschaftspolitik (Tourismus) oder Beschäftigungs-, wenn nicht Sozialpolitik sprechen sollte. Und schließlich wird ein erklecklicher Betrag von seit einiger Zeit gezüchteten Kulturmanagern bzw. engagierten Kulturagenturen im operativen Vollzug verjubelt. Das ist boshaft ausgedrückt, beschreibt aber die Willkür, die Kontingenz, die sich breitmacht, wo Kulturpolitik genau das nicht leistet, was sie laut eigenem Anspruch leisten wollte. Sie hätte, wie schon oben betont, ihre inhaltliche Ausrichtung, die normativen Ziele, vorzugeben. Das „Kulturmanagement hat lediglich Auskünfte darüber zu geben, wie die Ziele der Kulturpolitik bestmöglich umgesetzt werden, d.h. wie kulturbetriebliche Prozesse optimiert werden können“, so Armin Klein, einer der Autoren von „Der Kulturinfarkt“ und Professor für Kulturmanagement an der PH Ludwigsburg.

OBWahlSeine Fachkollegin von der Universität Hildesheim, Birgit Mandel, bemängelt, daß die Kulturpolitik eben keine verbindlichen Zielvorgaben macht und führt dazu aus: „In diesem Machtvakuum wird Kulturmanagement häufig zu einem Akteur, der das Reiseziel maßgeblich beeinflußt, oft jedoch, ohne daß dieses bewußt reflektiert und transparent kommuniziert wird. Kulturmanager sind keine Kulturpolitiker, haben aber häufig »hinter den Kulissen« mehr Einfluß auf die Gestaltung des Kulturlebens als die Kulturpolitiker in der Legislative und der Exekutive. Kulturmanager in öffentlichen, gemeinnützigen und privaten Kulturbetrieben haben de facto einen erheblichen Einfluß darauf, welche Art von Kunst und Kultur sich auf dem Markt und auch in der Konkurrenz um öffentliche Fördermittel durchsetzt, wenn sie Handlungsspielräume bei der Gestaltung des Kulturangebots anhand eigener Interessen und Ziele ausfüllen; also zum Beispiel festlegen, wie sich eine Einrichtung nach außen positioniert, welche Programme in einer Kultureinrichtung realisiert werden, welche Zielgruppen angesprochen werden.“ (Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 143 IV/2013 S. 30f)

Dekulturation und Hyperkultur

Mit anderen Worten: Die hyperventilierenden Philister schaden womöglich ebenso wie die besserwisserischen Präzeptoren. Allerdings, wo andere maßgebliche Akteure im kulturellen Leben, der Kulturkonstitution, sorglos, wenn nicht offensichtlich verantwortungslos agieren, wenn beispielsweise Medien ihren gesellschaftspolitischen Auftrag ausschließlich wirtschaftlichen Erwägungen unterordnen, läuft speziell eine staatliche „Kulturförderung“, die Kulturpolitik eines demokratischen Gemeinwesens, die doch um Akkulturation und Enkulturation oder sei es nur Kultivierung bemüht sein will, die nicht auf ihren Gegenstand reflektiert, Gefahr, sich ebenfalls kontraproduktiv oder sogar dekulturierend auszuwirken.

Den im permanenten gesellschaftlichen Wandel sich u.U. vollziehenden Abbau bzw. die Zerstörung von Kultur hat der Soziologe Hans-Peter Thurn bereits in den 1990er Jahren all den anderen Theorien entgegengehalten, die sich zumindest darin einig sind, Kultur als Prozeß zu verstehen, „als kaum je stagnierende Bewegung von Individuen, Gruppen, Institutionen und Sozialwelten, die sämtlich Kultur leben, indem sie sie materiell und ideell hervorbringen, sich aneignen und verteilen, ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprechend modifizieren und weiterentwickeln oder auch abwehren“. Thurn vermutet, daß – sinngemäß – fast jeder Kulturwandel, wie groß oder klein er dimensioniert sein mag und ob er von einzelnen oder von Kollektiven absolviert werde, in der einen oder anderen Weise, sei es kurz oder längerfristig, zumindest partiell auch eine Palette von Vollzugsformen kennt, die von der Leugnung und Abwehr über Ausblendung, Löschung, Tilgung bis hin zum Versuch einer endgültigen Vernichtung kultureller Bestandteile reicht.

Das ist nicht kulturpessimistisch gemeint, sondern verweist lediglich darauf, daß ein aufgeklärtes Verständnis von Kultur, also was Kultur ist, nicht reicht. Zumal man kaum einem modernen Kulturbegriff eine gewisse Plausibilität absprechen kann. Wer wollte widersprechen, wenn die Kultursemiotik feststellt, daß Kultur eine Kommunikation ermöglicht, die zu Ende wäre, wenn sich keine Interpretationsmöglichkeiten mehr stellen würden. Es wirft unsere Welt ferner nicht aus den Angeln, wenn Kultur als determinierendes und durch Tradition vererbbares Symbolsystem bezeichnet wird, das Handlungsorientierungen bietet (Talcott Parson); vielleicht doch ein wenig, insofern in der Auseinandersetzung mit Parson die normative Funktion von Kultur relativiert wurde (und die Bedeutung der Tradition ebenfalls fragwürdig geworden ist). Für Niklas Luhmann ist Kultur „kein normativer Sinngehalt, wohl aber eine Sinnfestlegung (Reduktion), die es ermöglicht, in themenbezogener Kommunikation passende oder nichtpassende Beiträge zu unterscheiden“. Er versteht „Kultur als Gedächtnis, das die Überlegung verhindert, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte“.

Offensichtlich wird hier noch von halbwegs geordneten Verhältnissen ausgegangen. Anders der südkoreanische Philosoph Byung-Chul Han: „Die Kultur verliert zunehmend jene Struktur, die der eines konventionellen Textes oder Buches gleicht. Keine Geschichte, keine Theologie, keine Teleologie läßt sie als eine sinnvolle, homogene Einheit erscheinen. Die Grenzen oder Umzäunungen, denen der Schein einer kulturellen Authentizität oder Ursprünglichkeit aufgeprägt ist, lösen sich auf. Die Kultur platzt gleichsam aus allen Nähten, ja aus allen Begrenzungen oder Fugen. Sie wird ent-grenzt, ent-schränkt, ent-näht zu einer Hyperkultur. Nicht Grenzen, sondern Links und Vernetzungen organisieren den Hyperraum der Kultur.“

Beobachte Beobachter

Entscheidend für unser heutiges Verständnis ist allerdings durchgehend die Feststellung, die selbstreferentiellen Verwicklungen der Wissenschaft ebenso wie des Zeitgeistes beruhen darauf, daß es schwerfällt, einen Begriff der Kultur zu bestimmen, wenn bei der Bestimmung dieses Begriffs deutlich wird, daß das eigene Unternehmen vorweg von ihm mitbestimmt wird. Wie Ruth Benedict, die Begründerin der kulturvergleichenden Anthropologie, betont, verspricht Abhilfe allein die Reflexion auf den Begriff der Kultur selbst. Und das rückt auch den Prozeß der Entstehung von Kultur in den Vordergrund, bei der die eigene Position (Beobachter) stets mitbedacht werden muß. Mit der Kulturtheorie des Soziologen Dirk Baecker führt dies in ein formalistisches Gedankengebäude, in das man zwar rein, aber nicht mehr rauskommt, und bei Ralf Konersmann, dem anderen gegenwärtigen Kulturspezialisten in Deutschland, zu einer Kulturkritik, deren Qualität darin bestehen soll, daß sie im beliebigen Vollzug nichts gelten läßt.

Ob sie wissenschaftlich haltbarer ist, soll hier – das wäre schlicht anmaßend – gar nicht behauptet werden, spannender und vermutlich auch ergiebiger für eine Diskussion über den Kulturbegriff ist die Theorie des indischen Philosophen Homi K. Bhabha zur „Kulturellen Differenz und dem Dritten Raum“. Mit und zugleich gegen den französischen Dekonstruktivisten Jacques Derrida wendet sich Bhabha gegen den „Begriff einer kultureller Diversität, in dem die einzelnen Kulturen immer als vorab gegebene, als reine, als ursprüngliche Kulturen vorausgesetzt werden“ (Roland Borgards). Beispielsweise hatte der angloamerikanische Anthropologe und Philosoph Gregory Bateson Kultur als durch eine Grenze bestimmt gedacht, die im Kulturkontakt zwischen Gruppen, deren Verhalten unterschiedlichen kulturellen Normen unterliegt, gegeben ist. Kultur entsteht bei ihm durch die Schismogenese (wachsende Differenzierung und Kontrastierung zwischen Gruppen durch gegenseitiges Anders-sein-Wollen und Sichabheben), die Veränderung des Verhaltens der am Kulturkontakt beteiligten Gruppen.

Bhabha stellt dem den Begriff der kulturellen Differenz entgegen, womit ein andauerndes Aushandeln von Kultur gemeint ist, gemäß dem Differenzprinzip, dem Dritten Raum, aus dem der unabschließbare Aushandelprozeß stattfinden muß. Kulturen sind nie etwas Gegebenes, sondern immer ein Entstehendes, und sie sind nie geschlossene Einheiten, sondern immer freilich „gemachte“ Hybridformationen, was – wie für Nietzsche oder Walter Benjamin – politisch eingreifendes Handeln ermöglicht. Ob dies wirklich funktioniert, mag bezweifelt werden, denn jede „Perfektionsidee menschlichen Lebens wird hinfällig, wenn sich dieses Leben zu Lebensstilen … formiert, die man wechselt wie es die Zeiten erfordern“. „Kultur als Konstitutionserfahrung“ (Derrida) bedeutet inzwischen nämlich auch, daß praktisch jeder aktiv und jedenfalls maßgeblicher als jemals zuvor an der Bildung, der Entstehung von Kultur teilhat. Internet, soziale Medien, Kommunikation über alle „Kulturgrenzen“ hinweg, marginalisieren im Prozeß der Kulturation Traditionen ebenso wie den klassischen Bildungskanon; bestimmend sind längst zumeist kurzlebige Trends, die ohne ersichtlichem Zusammenhang auftauchen und wieder verschwinden. „Gangnam-style“ gefolgt von Julia Engelmann oder „Shades of Grey“. Und es handelt sich bei all dem, was Kultur bestimmen kann, vornehmlich um winzige Meme, Emojis, Bits oder was immer, um Fastfood, portioniert vor allem von einer Internet- und Unterhaltungsindustrie, die die vorhandene Zeit jedes einzelnen bis ins letzte ausschöpft. Andererseits ist es keine neue Erfahrung, daß man die Wirksamkeit politischer Aktion nur erhoffen kann. Walter Benjamins „Politisierung der Ästhetik“ ist das, was Künstlern, Kulturschaffenden als Möglichkeit bleibt, wenn sie am Prozeß der Kulturation verantwortlich teilhaben wollen und ganz nebenbei ihrer zunehmenden, eigenen Bedeutungslosigkeit begegnen wollen.

Was könnte Kulturpolitik sein?

Die Politisierung der Ästhetik ist auch das, was eine verantwortungsbewußte Kulturpolitik (auch und gerade ganz konkret auf kommunaler Ebene) zum Kriterium ihrer Förderpolitik machen sollte. Etwa in der Form, daß eine Förderung von einer Legitimierung, einer politisch und/oder moralischen Legitimierung des zu fördernden Schaffens abhängig gemacht wird. Natürlich nicht in der Weise, daß irgendein Kulturdiktator den Daumen hebt oder senkt, sondern beispielsweise dergestalt, daß eine Kleinkunstbühne erklärt, warum sie für die Inszenierung eines Stücks Förderung beantragt, und die fördernde Behörde erklärt, warum sie dem Wunsch stattgibt oder nicht, und zwar öffentlich, von jedem einsehbar. Dies ist allein schon erforderlich, weil dem Bürger offensiv erklärt werden muß, warum für bestimmte Kulturleistungen beträchtliche Summen ausgegeben werden, obwohl sich nur ein knappes Prozent (in manchen konkreten Fällen noch weit weniger) der Gesamtbevölkerung dafür interessiert. Ferner: Förderung, weil auch schon im vergangenen Jahr gefördert wurde, mag die prekäre Lebenssituation von Betroffenen versüßen, hat aber nichts mit Kultur zu tun (abgesehen von Miete und Betriebskosten). Man könnte die Kooperation mit anderen Bühnen, Künstlern, Musikern zur wünschenswerten Voraussetzung von Förderung machen, und zwar nicht um Geld zu sparen. Kommerzielle Events könnten nach einer Anschubfinanzierung von jeder weiteren Förderung ausgeschlossen werden.

Grundsätzlich sollten andere Formen von Kulturförderung gesucht werden, die dazu helfen, den Wert künstlerischer, kultureller Arbeit zu erhöhen. Kulturelle Leistungen dem Bürger regelrecht hinterherzuwerfen, ist gewiß keine vernünftige Option. Es ist nicht akzeptabel, daß für eine Theaterkarte nur ein Bruchteil dessen zu bezahlen ist, was anschließend beim „Italiener“ für Saltimbocca alla Romana und Barolo ausgegeben wird. Wenn es stimmt, was Spiegel Online Kolumnistin Sibylle Berg schreibt, daß der Mensch Kunst braucht, damit er nicht aus dem Fenster springt, dann ist es Aufgabe von Kulturpolitik dies allen klarzumachen. Es ist aber auch nicht akzeptabel, daß für die Sanierung eines Theaters Millionen ausgegeben werden sollen, weil eine Stadt mit über 100 000 Einwohnern einfach ein modernes Theater haben sollte. Ein Theater sollte solche Investitionen schon vorher mit außergewöhnlichen Inszenierungen rechtfertigen. Entsprechendes gilt übrigens für alle kulturellen Einrichtungen. Und es ist nicht akzeptabel, daß der Nutzung eines von vielen als wertvoll und brauchbar angesehenen Gebäudes als Kulturzentrum als praktisch einziges Argument die Kosten seiner Sanierung entgegengehalten wird.¶

(Erschienen in Nummer 91 / März 2014)

anzeige

anzeige

Diesen Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>