Unendlich lange Fluchten, atemberaubende Tapeten

Nicht nur Kindheitserinnerungen verbindet die Fürstenfamilie von Wrede mit „ihrem“ Prachtbau Schloß Ellingen bei Weißenburg.

In einer ovalen Supraporte im einstigen
Schlafzimmer des Feldmarschalls Carl
Philipp Fürst von Wrede gähnt herzhaft
ein Putto. Der Urururenkel des berühmten
Feldmarschalls und Diplomaten, Carl Friedrich
Fürst von Wrede, und seine Frau Eva
Katharina Fürstin von Wrede machen auf
dem Himmelbett eine Sitzprobe. Ganz schön
hart. Das hatte der Fürst, der noch in der
Residenz Ellingen aufwuchs, anders in Erinnerung.
„War eines von uns Kindern krank,
durfte es zum Trost im Bett des Feldmarschalls
schlafen“, erzählt er bei einem Rundgang
durch das Schloß.
Durch seine gewaltige Baumasse beherrscht
das Schloß Ellingen Stadt und Landschaft.
Schon von weitem wird das barocke
„Felsmassiv“ sichtbar, das die Silhouette der
schmucken Kleinstadt beherrscht. Von 1216
bis 1789 war Ellingen die Residenz der Ballai
Franken des Deutschen Ordens. Als König
Max I. von Bayern im Jahr 1815 seinem
Feldmarschall Carl Philipp Fürst von Wrede
den barocken Prachtbau als Anerkennung
für seine großen Verdienste als „mannlehenbares
Thronlehen“ mit 19 Dörfern und 16
Weilern übergab, erbte dieser auch sakrale
Gegenstände und das speziell für den Deutschen
Orden angefertigte Meißner Porzellan,
das heute im Museum Schloß Ellingen ausgestellt
wird. „Nur die Möbel waren ausgeräumt
worden“, erzählt der Nachfahre des
Feldmarschalls.
Ein Bildnis im kleinen Gesellschaftszimmer
im ersten Obergeschoß des Schlosses
zeigt den Feldmarschall und Diplomaten auf
seinem Paradeschimmel. Der Hofmaler Joseph
Stieler, der für König Ludwig die berühmte
Schönheitsgalerie in Schloß Nymphenburg
schuf, malte den Feldmarschall,
der Schlachtenmaler Albrecht Adam das Pferd und den Bildhintergrund. Carl Philipp
Fürst von Wrede, der Sohn des kurpfälzischen
Beamten Ferdinand Freiherr von Wrede, begann
seine erstaunliche militärische Karriere
mit 32 Jahren. Im Dritten Koalitionskrieg
startete er seinen Werdegang als Oberst der
bayerischen Truppen. Der Heerführer, der
sich bei den Kämpfen in Tirol und dem
Marsch der Grande Armée nach Rußland
auszeichnete, wurde von Napoleon zum französischen
Reichsgrafen erhoben und mit der
Herrschaft Mondsee belohnt. Auf Betreiben
Wredes wechselte das Königreich Bayern
kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig 1813
die Fronten. Ein Jahr später wurde Carl
Philipp von Wrede, der an der endgültigen
Niederwerfung Napoleons maßgeblich beteiligt
war, von König Max I. Joseph von Bayern
zum Feldmarschall ernannt und in den Fürstenstand
erhoben. Nach der Niederlage des
napoleonischen Frankreichs stellte der verwegene
Militär sein diplomatisches Geschick
unter Beweis, indem er Bayern beim Wiener
Kongreß vertrat.
Carl Friedrich Fürst von Wrede wuchs
noch in dem Schloß auf, das sein Urahn mit
Seiden- und Papiertapeten sowie Möbeln aus
Paris ausstatten ließ. Schier unendlich lange
Fluchten von Gemächern durchziehen die
Geschosse. „Für uns Kinder waren das tolle
Dreiradstrecken“, erzählt der Fürst, der sich
auch noch sehr gut an die kalten Winter im
Schloß erinnert. Im Jahr 1939 verkaufte sein
Vater das Hauptgebäude mit Kirche, Reithalle
und Park an das Land Bayern. Die über 300
Jahre alte Brauerei, die Orangerie und die
Ökonomiegebäude befinden sich aber noch
immer im Privatbesitz des Fürstenhauses.
Nur das Hauptgebäude wird heute von der
Bayerischen Schlösserverwaltung unterhalten.
Allerdings hat die fürstliche Familie nach wie vor im gesamten Schloß ein Nutzungs-und
im Ostflügel ein Wohnrecht. Das Inventar
aus der Zeit des Feldmarschalls stellte Fürst
von Wrede der Schlösserverwaltung als Dauerleihgabe
zur Verfügung. Zusammen mit
den Tapeten vermittelt es einen wunderbaren
Eindruck von der ursprünglichen klassizistischen
Raumausstattung. Ein besonders gut
erhaltener Raum, in dem seit beinahe 200
Jahren überhaupt nichts verändert wurde,
liegt im ersten Obergeschoß des Schlosses.
Eine rote Wandbespannung mit einem Muster
aus Granatäpfeln und Weinlaub überzieht
die Wände des sogenannten Empfangssaals.
Die Bezüge der Möbel wurden auf die Tapete
abgestimmt. Der Raum ist ein Gesamtkunstwerk.
Der Feldmarschall ließ sein Schloß in
den Jahren 1815-18 von dem Pariser Tapicier
und Decorateur Jean Jacques Werner komplett
möblieren und mit neuen Wandbespannungen
versehen.
Kunstvolle Tapeten zieren die Wände.
Im sogenannten Psychezimmer im zweiten
Obergeschoß ließ der Feldmarschall eine
Papiertapete anbringen, die zu den Hauptwerken
des frühen Tapetendrucks in Frankreich
zählt. Figurale Darstellungen in Grisailledruck,
die auf eine ungemusterte Tapete
geklebt wurden, erwecken den Eindruck von
Gemälden. Im gleichen Stockwerk befindet
sich auch das im Wohnrechtsteil der fürstlichen
Familie gelegene Schlafzimmer des
Feldmarschalls. Der Vollständigkeit halber
öffnete Fürst von Wrede diesen Raum für
die Schloßbesucher: „So sehen die Leute
wenigstens, daß der Feldmarschall auch ein
Bett hatte“, scherzt er. Der Fürst scheint die
Bemühungen der Bayerischen Schlösserverwaltung
nach Leibeskräften zu unterstützen.
Er wünsche sich, daß das Schloß noch bekannter
werde, meint er. Man kann sich in dem gigantischen
Prachtbau leicht verlieren. „Das Schloß ist
als Museum wunderschön, aber um darin
zu leben, ist es einfach zu groß“, sagt Fürstin
von Wrede. Die Familie macht von ihrem
Wohnrecht im Schloß keinen Gebrauch,
sondern lebt zurückgezogen auf der nahe
Pleinfeld gelegenen Rundfestung Schloß
Sandsee. Nachdem der Feldmarschall Fürst
von Wrede vom König die Gemarkung Ellingen
geschenkt bekommen hatte, kaufte
er dem Bischof von Eichstätt die Hochburg
ab. Ursprünglich habe der heute am Fuß
des 455 Meter hohen, bewaldeten Berges
gelegene Ort Mischelbach auf gleicher Ebene
wie Sandsee gelegen, erzählt Fürstin von
Wrede. Da sich aber der Feldmarschall in
seiner Sommerresidenz beobachtet gefühlt
habe, habe er den Einwohnern des Ortes
unten neue Häuser errichten lassen.
Die im Wald gelegene Rundfestung
dient der Familie als Wohnsitz und beherbergt
seit 1946 eine Kunstwerkstatt, in der
in Handarbeit aus Messing, Kupfer und Zinn
exklusive Wandleuchten, Kronleuchter, Blumenübertöpfe,
Bilderrahmen und andere
Einzelstücke hergestellt werden. „Meine
Schwiegermutter“, erzählt Fürstin von Wrede,
„stammt ursprünglich aus Schlesien und hat
noch vor Kriegsende hierher geheiratet.“
Nach der Vertreibung floh ihre ganze Familie
nach Sandsee. Ihre Schwestern, die Gräfinnen
Mia und Gabriele Schaffgotsch, bauten in
einer ehemaligen Küche des Schlosses eine
kleine Gürtler-Werkstatt auf. Vor der Werkstatt
hängt im Flur eine Schwarz-Weiß-
Aufnahme aus dem Jahr 1955. Sie zeigt die
Geschwister und den ersten Gürtler bei der
Arbeit. Die Werkstatt sieht heute noch genauso
aus wie auf dem Bild. Die alten, selbst
zusammengebastelten Maschinen, die alte Drückbank, die uralten, rauhen Fußbodendielen,
die Holzregale, das alte Werkzeug
und sogar die Wanduhr aus den 50er Jahren
gibt es noch. Dieses Kleinod liegt Fürstin
von Wrede sehr am Herzen. Als Gräfin Mia
Schaffgotsch 1998 verstarb, kaufte sie es den
Erben ab und nannte es in Erinnerung an
die aus Schlesien geflohene Familie ihres
Mannes „Kunstwerkstatt Nova Silesia“.
Vor acht Jahren, als der alte Meister
nach über 50 Jahren in den Ruhestand ging,
stand die kleine Werkstatt fast vor dem Aus.
Der Beruf des Gürtlers ist ein aussterbender
Beruf. Es war ein großes Glück, daß Fürstin
von Wrede noch jemanden der „alten Schule“
fand. Ihr heutiger Meister Joachim Giese
wuchs in Aue in Sachsen auf, wo Christian
Wellner 1840 einen eigenen Betrieb gründete,
aus dem später die Auer Besteckfabrik hervorging.
Vor dem Krieg, erzählt der Gürtlermeister,
sei Wellner der größte Besteckhersteller
Deutschlands gewesen. „Seinerzeit
arbeiteten dort noch 120 Gürtler, die für
gute Hotels Hohlwaren wie Teekannen herstellten.“
Er war dort einer der letzten Lehrlinge
des Gürtler-Handwerks. Fürstin von
Wrede, die die Werkstatt leitet und auch
neue Modelle entwirft, liefert bis nach Australien
und Amerika. „Ich glaube, es gibt
nicht ein Schloß in Deutschland, in dem
nicht meine Leuchten hängen.“ Die kleine,
improvisierte Kunstwerkstatt aus den 50er
Jahren hat zum Beispiel das zukünftige Gästehaus
der Bundesregierung, Schloß Meseberg
bei Berlin, und die Kavaliershäuser von
Schloß Königswusterhausen ausgestattet.
Dennoch macht der Betrieb, der ausschließlich
exklusive Gegenstände in Handarbeit
herstellt, nur wenig Umsatz. So hilft Fürstin
von Wrede, wenn Not am Mann ist, selbst in der Werkstatt aus. Die Werkstatt sei ein
wunderschönes Hobby als Ausgleich zum
vollen Terminkalender. Fürstin von Wrede
ist Schirmherrin des Vereins „Kinderschikksale
Mittelfranken e.V.“, der sich um körperlich
und geistig schwerstbehinderte Kinder
der Region kümmert. Sie ist Vorsitzende des
Fördervereins Kulturzentrum Ostpreußen,
engagiert sich für den Wiederaufbau einer
durch den Tsunami zerstörten Vorschule in
Sri Lanka, züchtet Gallowayrinder und arbeitet
im Vorstand des Interessenverbandes
bayerischer Gallowayzüchter mit. Fürstin
von Wrede, die kürzlich auch die „Ellinger
TrakehnerTage“ ins Leben rief, veranstaltet
gemeinsam mit einem engagierten, jungen
Buchhändler aus dem nahen Weißenburg,
im Sudhaus des dem Ellinger Schloß gegenüberliegenden
Fürstlichen Brauhauses regelmäßig
Literaturabende. Vor allem aber, betont
sie, habe soziales Engagement in ihrer Familie
einen hohen Stellenwert. ■

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