Über Metropolitaner und solche, die es werden wollen.

2005 gegründet, hat die Europäische Metropolregion Nürnberg im letzten Jahr gehörig an Fahrt gewonnen.

Geschäftsführerin Dr. Christa Standecker spricht davon, daß ein „zweites Segel“ gesetzt wurde. Was es damit auf sich hat, darüber unterhielten wir uns mit ihr und dem Wirtschaftsvorsitzenden Prof. Dr. Klaus L. Wübbenhorst. Und außerdem: wie derzeit ein wichtiges Ziel angesteuert wird, eine „beispielhafte Willkommenskultur“.

anzeige

anzeige

Frau Dr. Standecker, die „Metropolregion Nürnberg“ erscheint den meisten Menschen doch als mehr oder weniger abstraktes Gebilde. Daß sie ein Schiff ist mit einem oder jetzt gar zwei Segeln, ist vielen unbekannt. Können Sie uns hierüber aufklären?

Christa Standecker: Wir verwenden gerne dieses Bild, weil es die Organisationsstruktur unserer Metropolregion gut deutlich macht. Sieben Fachforen zu Bereichen wie Wissenschaft, Verkehr, Kultur, Tourismus oder Sport bilden den Rumpf des Schiffes. Unser erstes Segel, das wir bei der Gründung vor neun Jahren gesetzt haben, war der „Rat“, die Gemeinschaft von 55 Oberbürgermeistern, Bürgermeistern und Landräten der Region. Eine politische Allianz also. Dem hinzugefügt haben wir nun – eben als „zweites Segel“ – ein wirtschaftliches Gremium. Beide Segel sind an einem Mast befestigt, den wir „Steuerungskreis“ nennen, ein Vorstand aus je drei Politikund Wirtschaftsvertretern sowie mir als Geschäftsführerin.

Warum, Herr Prof. Wübbenhorst, gerade die Wirtschaft als zweites Segel, warum nicht etwa die Kultur oder die Wissenschaft?

Klaus L. Wübbenhorst: Die Idee, der Wirtschaft eine größere Rolle zu geben, hatten wir bereits 2010, als ich Präsident der IHK Nürnberg war. Es ging darum, sie als Ideenund Ressourcengeber stärker einzubinden. Einfach deswegen, weil aus der Wirtschaft das Geld kommt, das für Projekte in Kultur, Wissenschaft, Tourismus und so weiter gebraucht wird. Anfang 2013 haben wir dann den „Förderverein Wirtschaft für die Metropolregion“ gegründet. Als Vorsitzender bemühe ich mich seitdem um neue Mitglieder. Mittlerweile haben wir rund 120, vom Einzelunternehmer bis hin zu Konzernen wie Siemens oder Adidas. Die Mitgliedsbeiträge sind dabei entsprechend der Unternehmensgröße gestaffelt.

Heißt das nun, daß die Wirtschaft maßgeblich die Fahrtrichtung des Metropolregion-Schiffes bestimmt?

Wübbenhorst: Nein, die Fahrtziele wurden von den Politikund Wirtschaftsvertretern in der Steuerungsgruppe gemeinschaftlich definiert und von allen Ratsund Wirtschaftsvereinsmitgliedern bestätigt. Als Leitbild haben wir der Metropolregion den Titel „Heimat für Kreative“ gegeben. Wobei mit „Kreativen“ nicht nur Architekten, Maler oder Dichter gemeint sind, sondern talentierte und engagierte Menschen aller Berufssparten.

Standecker: … und wohlgemerkt „aus aller Welt“. Das wird erfreulicherweise von allen Bürgermeistern und Landräten so unterstützt. Allen Kreativen wollen wir Heimatregion sein, und dazu verfolgen wir bestimmte konkrete Ziele. Ganz wichtig ist die Polyzentralität. Das heißt, in der Metropolregion Nürnberg gibt es nicht das eine große Zentrum, das in alle Ecken der Region ausstrahlt. Vielmehr wollen wir ein Netzwerk mit vielen starken Knoten sein, weil wir das für nachhaltiger und tragfähiger halten. Das ist eine deutliche Absetzung von anderen Metropolregionen und wirklich revolutionär. Wir wollen außerdem eine der familienfreundlichsten Metropolregionen Europas werden, wir wollen eine nachhaltige Infrastruktur für Menschen, Güter und Informationen entwickeln und wir möchten eine beispielhafte Willkommenskultur pflegen.

Alles, was in der Metropolregion an Projekten angeschoben wird, muß sich also an diesen Zielen messen?

Wübbenhorst: Ganz genau. Die verschiedenen Fachforen erarbeiten Projektideen und legen sie als Anträge dem Steuerungskreis vor. Diese prüft sie auf Übereinstimmung mit den Zielen und gibt entsprechende Empfehlungen an den Rat, der dann schließlich das letzte Wort hat.

Gab es im Steuerungskreis schon einmal Streit zwischen Politikund Wirtschaftsvertretern? Mußten Sie schlichtend eingreifen, Frau Dr. Standecker?

Standecker: Nein, es gilt das Konsensprinzip, und das wurde bisher auch immer eingehalten. Ich selbst beschränke mich auf meine beratende Funktion.

Wübbenhorst: Insgesamt betrachtet ist es ja so, daß um so mehr Projekte bewilligt werden können, je mehr Mitglieder der Förderverein Wirtschaft hat. Das heißt, die allseitige Zufriedenheit wächst mit der Zunahme der Mitglieder.

Was wurde bisher verwirklicht? Können Sie uns ein paar Beispiele nennen?

Standecker: Ein Leuchtturmprojekt sind die Wissenschaftstage, die jährlich wechselnd an einer der 20 Hochschulen der Metropolregion stattfinden. Wichtig ist weiterhin der Entdeckerpaß, mit dem für knapp 40 Euro ein Jahr lang 130 Kulturund Freizeiteinrichtungen kostenfrei oder stark vergünstigt besucht werden können. Wir steigern laufend unsere Präsenz auf deutschlandweit wichtigen Messen. Im Bereich Kultur haben wir uns als Festivalregion positioniert, sprich wir werben bei Printund Webauftritten mit derzeit 32 überregional bedeutenden Festivals. Und gerade läuft eine Imagestudie, die ermitteln soll, wie die Metropolregion de facto gesehen wird, in der Region selbst, in Berlin und auch in Brüssel. Entsprechend der Ergebnisse wollen wir dann in den kommenden Jahren unser Markenprofil nachschärfen.

Das heißt, es soll europaweit noch mehr Bewußtsein dafür entstehen, daß es in Deutschland eine „Heimat für Kreative“ gibt …

Wübbenhorst: Ja, wir haben in vielen Landkreisen faktisch keine Arbeitslosigkeit, sondern einen Fachkräftemangel, und daher ist es wichtig, daß wir in Bezug auf Fachkräfte unsere Anziehungskraft erhöhen. Aber auch für Unternehmen wollen wir noch attraktiver werden, wir möchten noch mehr Mitglieder für den Wirtschaftsverein gewinnen, und wir wollen erreichen, daß junge Leute nach der Ausbildung nicht anderswohin gehen, sondern in der Region bleiben.

Hier spielt nun ja wahrscheinlich die „Willkommenskultur“ eine Rolle. Durch wen und wie entsteht sie?

Standecker: Entscheidende Stichwörter sind in diesem Zusammenhang „Zukunftscoaches“ und „Welcome-Service-Center“. Vor einem Jahr haben wir ein Netzwerk von bis jetzt 17 Zukunftscoaches etabliert. Diese Berater arbeiten im Bereich der Wirtschaftsförderung an den Rathäusern und Landratsämtern und versuchen das in der Region bereits vorhandene Potential an Fachkräften fruchtbar zu machen. Gerade in den Reihen der Schulabgänger, der Frauen mit Familien oder älteren Berufsrückkehrer gibt es etliche gute Leute, die jedoch aus verschiedenen Gründen auf dem Arbeitsmarkt nicht sichtbar werden. Diese stillen Reserven wollen wir heben. Die Welcome-ServiceCenter kümmern sich demgegenüber um Neuhinzuziehende. Sie arbeiten eng mit den Unternehmen in den jeweiligen Landkreisen oder Städten zusammen. Wenn irgendwo ein neuer Mitarbeiter von auswärts anfängt, helfen sie ihm bei zu regelnden Dingen, von der Wohnungssuche bis hin zur Schuloder Kindergartenanmeldung seiner Kinder. Möglichst in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt soll es künftig ein solches Center geben. Derzeit führen wir zum Thema „Willkommenskultur“ außerdem eine Bestandsaufnahme bei den Kommunen durch. Es gibt Gemeinden, die sind hier total pfiffig. Solch gute Beispiele können wir dann gegebenenfalls nachahmen. Wobei wir nie zentralistisch vorgehen wollen.

Die Sache mit der Polyzentralität klingt sehr gut, allerdings entsteht oftmals gerade an den Rändern der Metropolregion der Eindruck, daß eine zu große Fokussierung auf Nürnberg stattfindet. Da reichen manchmal schon symbolische Dinge, etwa wenn der Consumenta-Stand der Metropolregion direkt neben dem der „Nürnberger Nachrichten“ ist.

Standecker: Da haben Sie durchaus recht. Natürlich ist es wünschenswert, weitere Medienvertreter auf die Consumenta einzuladen. Auf so etwas müssen wir noch mehr achten. Unsere Sitzungen z. B. halten wir konsequent in allen Teilen der Metropolregion ab.

Wübbenhorst: Unser Bestreben ist es auf jeden Fall, alle, die zur Region passen, zu Metropolitanern zu machen, da meinen wir beispielsweise auch Würzburg. Aber der Impuls muß letztlich von den entsprechenden Städten oder Landkreisen kommen. Die IHK Würzburg-Schweinfurt ist dem Förderverein Wirtschaft erfreulicherweise bereits beigetreten, weil sie sieht, daß es wichtig ist, in der Metropolregion mitzuspielen. Das Interesse geht jetzt neuerdings ja sogar über Ländergrenzen hinweg, wie wir jüngst mit Sonneberg in Thüringen gesehen haben. Dieser Landkreis liegt diesseits des Rennsteigs und ist deswegen seit jeher nach Oberfranken orientiert. Von daher war es fast selbstverständlich, ihn aufzunehmen.

Käme somit das hohenlohische, zu Franken gehörende Gebiet im Nordosten Baden-Württembergs ebenfalls für die Metropolregion in Frage?

Standecker: Wir werben nicht, aber wir sind offen für alle. Mit anderen Worten: Auch bezüglich neuer Landkreise und Städte pflegen wir eine Willkommenskultur.