Frankens Galilei

Verkannter Revolutionär – der Ansbacher Astronom Simon Mayr war Entdecker ersten Ranges.

Er war einer der ersten, die das eben erfundene Teleskop nutzten; einer der ersten, deren revolutionäre Himmelsbeobachtungen entscheidend zu unserem heutigen Weltbild beitrugen. Seine Übersetzung der „Ersten Sechs Bücher Elementorum Euclidis“ zeigen ihn als Koryphäe der Mathematik. Selbst mit bloßem Auge konnte er die Position einer Supernova präzise bestimmen. Neben meteorologischen Aufzeichnungen gab er 28 astrologische Jahreskalender heraus.

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Er gilt als erster Europäer, der 1612 den Andromedanebel beobachtete. Sein Schicksalstag aber war der 29. Dezember 1609 nach altem Julianischem Kalender: An diesem Tag entdeckte er mittels eines belgischen Fernrohrs, das ihm ein adeliger Förderer zur Verfügung gestellt hatte, die großen Jupitermonde – einen Tag vor Galileo Galilei! Pech für den Gunzenhausener Mathematiker, Arzt, Astronom und Kalendermacher Simon Mayr, genannt „Marius“ (1573 – 1624), daß er seine Entdeckung erst fünf Jahre später und damit vor exakt 400 Jahren in seinem Werk Mundus Iovialis (Jupiterwelt) veröffentlichte. Denn der große Florentiner (1564–1642) war mit seiner Veröffentlichung schneller gewesen – er publizierte seine Beobachtungen bereits im März 1610 in „Siderius Nuncius“. Galilei bezichtigte den Ansbacher Kollegen später deswegen schlicht des Plagiats. Wohl deswegen ziert das Antlitz des markgräflichansbachischen Hofastronomen keine Briefmarke. Und wohl auch nur aufgrund dieses Vorwurfs ist bis heute noch kein Stern nach ihm benannt. Neue Forschungen ergaben: zu Unrecht – Marius hat seine bahnbrechende Entdeckung höchstwahrscheinlich doch zuerst gemacht. Nachforschungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts zeigten, daß Marius exaktere Beobachtungen als Galilei gemacht hatte, etwa hinsichtlich der Neigung der Ellipsenbahn der Jupitermonde und ihrer unterschiedlichen Helligkeit. Außerdem berechnete er für die Jahre 1608 bis 1630 die einschlägigen Tabellen. Exakt 400 Jahre nach Marius’ Publikation, haben die Nürnberger Astronomische Gesellschaft, das Cauchy-Forum-Nürnberg und Partner in Ansbach, Bamberg, Erlangen, Gunzenhausen, Ingolstadt und Nürnberg das „Simon-Marius-Jubiläum 2014“ ausgerufen. Ziel der vielen Vorträge, Publikationen und Ausstellungen ist, die astronomische Forschung des großen Franken populärer zu machen. Eine zentrale, mehrsprachige Internetpräsentation unter der Adresse www.simon-marius.net bietet neben dem aktuellen Veranstaltungskalender des Jubiläumsjahres alle Dokumente von und zu Simon Marius oder zumindest deren Nachweis.

Schematische Darstellung der Sonnenfinsternis von 1691

Schematische Darstellung der Sonnenfinsternis von 1691

Entscheidend für die Entdeckungen des am 10. Januar 1573 in Gunzenhausen geborenen Wissenschaftlers war natürlich seine Ausbildung. Nur, merkwürdigerweise war der Anlaß für die fürstliche Förderung etwas von Naturwissenschaften weit Entferntes. Markgraf Georg Friedrich hörte den Knaben singen und schickte ihn daraufhin 1586 an die Heilsbronner Fürstenschule, deren bekanntester Schüler Marius wurde. Der „Hofmathematicus“ studierte daneben in Padua Medizin, wo er seinem späteren Kontrahenten Galilei begegnet sein dürfte. Und er bekam in Prag Einblick in die Forschung des legendären dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546–1601). Obwohl Marius die wichtigsten astronomischen Entdeckungen des frühen 17. Jahrhunderts vorlagen, bezog er gegen die heliozentrische Lehre Position und favorisierte das Tychonische Weltbild, das als Kompromiß zwischen dem ptolemäisch-geozentrischen und der Auffassung, daß sich die Sonne im Mittelpunkt des Universums befinde, angesehen werden konnte. Auf dieses sei er unabhängig von Brahe gestoßen, als er im Winter zwischen den Jahren 1595 und 1596 zum ersten Mal Werke von Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) las. Venusbeobachtungen erwähnte Marius in einem Brief vom Sommer 1611, Sonnenflecken beobachtete er seit August 1611 und fand im November, daß die Bewegung der Sonnenflecken und damit die Rotationsachse der Sonne zur Ekliptik geneigt ist – im Jahr 1619 vermutete er erstmals deren Periodizität. Im Dezember 1612 sah Marius als erster Europäer den Andromedanebel und 1618 verfolgte er von Ende November bis Dezember den dritten und großen der drei Kometen dieses Jahres.

Immerhin – die im 20. Jahrhundert eingeführte Bezeichnung der Jupitertrabanten mit den Namen der Geliebten von Göttervater Zeus geht auf Marius zurück, der dazu 1613 in Regensburg von Johannes Kepler angeregt wurde. Die IAU(InternationaleAstronomischeUnion) ehrte Marius durch die Benennung eines Mondkraters. In Gunzenhausen trägt ein Gymnasium seinen Namen, auf Ansbachs kleinem Schloßplatz wurde inzwischen ein Denkmal für ihn errichtet.

Stets aktuell ist das Programm zum Simon-Marius-Jubiläum 2014 auf dem Marius-Portal
www.simon-marius.net (siehe unter Veranstaltungen).

Finanzielle Förderung erhält das Projekt von der Staedtler Stiftung, den Städten Ansbach, Gunzenhausen und Nürnberg sowie dem Bezirk Mittelfranken und dem Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, weiterhin den Vereinigten Sparkassen Gunzenhausen, Leoni, N-Ergie, der Nürnberg Loge, Kaller & Kaller
und NOSCC.