Spezialität mit Kultstatus: Kronacher Seelenspitzen

In der Kronacher Bäckerei Oesterlein entstehen nach jahrhundertealten Rezepten einmalige Leckereien.

Möglich, daß hier schon der „große Sohn“ der Stadt, Lucas Cranach d. Ä. (1472 – 1533), seine „Semmala“ gekauft hat. Jedenfalls wurde die Backstube in der Krona­cher Klosterstraße im Jahr 1533 erstmals urkundlich erwähnt und dürfte damit wohl die älteste der Drei-Flüsse-Stadt sein. Seit dem Jahr 1762 war sie im Besitz der Familie Oesterlein. Über Jahrhunderte wurden die gut gehüteten Rezepte entwickelt, verfeinert und ausschließlich von Generation zu Generation weitergegeben. Sebastian Zeis hat als erstes „Nicht-Familienmitglied“ in der Firmengeschichte den Betrieb von Georg ­Oesterlein übernommen. Er führt die Backtradition fort und hat hierfür auch die alten Rezeptbücher der Familie erhalten. Zu den besonderen Spezialitäten aus dem Rezeptschatz gehören die „Seelenspitzen“. Dieses Brauchtumsgebäck wird seit dem Mittelalter nicht nur in Kronach sowie in anderen Frankenwald-Gemeinden, die zum Bistum Bamberg gehören, zubereitet, sondern auch in Bamberg selbst und im Bamberger Land. Der ungewöhnliche Name hat keine anatomische Bedeutung. Die Seelenspitzen werden auch nicht nur zu „Allerseelen“ gebacken. Überliefert ist, daß man das Hefegebäck früher an die sogenannten „Seelenleute“, also Bedürftige und Kranke in den Spitälern, für ein „Vergelt’s Gott“ oder ein Fürbitten-Gebet verschenkte, auch um die Seelen der Verstorbenen aus dem Fegefeuer zu erlösen. Urkundlich belegt ist, daß der Bamberger Weihbischof Friedrich Lichtenau im Jahr 1575 Geld für Seelenspitzen gab, die an arme Kinder verteilt werden sollten.
Eine andere Variante erklärt das Aussehen der geflochtenen Hefezöpfe mit dem vorchristlichen Haaropfer. Das Abschneiden der Haare bzw. der Zöpfe der Frauen war ein Zeichen der Trauer – oder auch eines bedeutsamen Ereignisses: Jüdische Frauen ließen sich beispielsweise am Tag ihrer Hochzeit die Haare schneiden oder opferten, sinnbildlich, einen aus Brot gebackenen Haarzopf.
Heutzutage darf man die Seelenspitzen zu jeder Gelegenheit genießen. In der Bäckerei Oesterlein wird die herrlich duftende und zart-buttrige Köstlichkeit fast das ganze Jahr über angeboten. Wer mag (und etwas Geduld mitbringt), kann die Seelenspitzen auch selbst backen.

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