Paßt scho …

Franken ist eine attraktive Filmkulisse. Von Coburg über Würzburg bis Rothenburg und Nürnberg, in zahlreichen fränkischen Orten und Städten wurden national und international bedeutsame Filme gedreht.

Im Jahr 1530 hielt sich Martin Luther tatsächlich in Coburg auf. 2003 wurde hier der Film „Luther“ (Szenenfoto) gedreht. Die Veste Coburg erschien den Filmemachern geeigneter als die Wartburg. Foto: Rolf von der Heydt / neue film produktion GmbH (auf DVD und Blue-Ray im Handel)

Im Jahr 1530 hielt sich Martin Luther tatsächlich in Coburg auf. 2003 wurde hier der Film „Luther“ (Szenenfoto) gedreht. Die Veste Coburg erschien den Filmemachern geeigneter als die Wartburg. Foto: Rolf von der Heydt / neue film produktion GmbH (auf DVD und Blue-Ray im Handel)

Michael Böhm zeigt auf die neugotische Fassade von Schloß Ehrenburg in Coburg. „Das sieht doch wohl sehr britisch aus“, sagt der Koordinator des Stadtmarketing. Kein Wunder, daß die schmucke Architektur im Kino tatsächlich zur Londoner „St. Lennox High School“ mutiert. So geschehen in der Verfilmung der Fantasy-Trilogie „Liebe geht durch alle Zeiten“. Nach dem ersten Teil „Rubinrot“ wurde auch der zweite Teil „Saphirblau“ im September und Oktober vergangenen Jahres unter anderem in Coburg und Umgebung gedreht und kommt heuer im August in die Kinos. Die Besetzung ist hochkarätig. Beispielsweise ist Veronica Ferres mit von der Partie. Daß es hier in Coburg so viel britisch anmutende Neugotik gibt, macht Coburg zu einem idealen Drehort – „Location“ nennen es die Filmemacher – für alles, was irgendwie einen Hauch von viktorianischem oder nostalgischem Flair bekommen soll. Und daß es diese Art der Architektur in der kulturell aufstrebenden oberfränkischen Stadt gibt, hängt natürlich auch mit Coburgs berühmter Geschichte und seiner Glanzzeit als eine von zwei Residenzstädten des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha (1826 bis 1918) zusammen. So heiratete der Bruder von Herzog Ernst II., Albert, anno 1840 die britische Königin Victoria. Das hatte im übrigen zur Folge, daß bis heute Nachkommen des Hauses Sachsen-Coburg auf dem britischen Thron sitzen. Das Geschlecht jenseits des Ärmelkanals nannte sich im Ersten Weltkrieg, um sich von der deutschen Linie abzusetzen, in Haus Windsor um. Hier in Coburg Filme mit britischem Ambiente zu drehen, paßt also wahrlich. Teil drei der Fantasy-Trilogie – er heißt „Smaragdgrün“ – soll im April 2015 in die Kinos kommen. Gedreht werden die drei Teile unter anderem auch auf dem ebenfalls neugotischen Schloß Ketschendorf (im gleichnamigen Stadtteil Coburgs), das bis 2010 als Jugendherberge diente und derzeit leersteht: ideal für die Leute vom Film. Aber Coburg hat in Sachen Filme noch mehr zu bieten, sagt Michael Böhm vom Stadtmarketing. „Was Coburg attraktiv als Drehort macht, ist zum einen das Alter, also die Authentizität“, erklärt Böhm.

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Vom Horrorbis zum Kinderfilm

Christoph Waltz als Kardinal Richelieu vor der Würzburger Residenz als Schloß von Versailles für den Film „Die drei Musketiere“, der 2010 zumindest in einigenTeilen in Würzburg gedreht wurde. Foto: Achim Schollenberger

Christoph Waltz als Kardinal Richelieu vor der Würzburger Residenz als Schloß von Versailles für den Film „Die drei Musketiere“, der 2010 zumindest in einigenTeilen in Würzburg gedreht wurde. Foto: Achim Schollenberger

Coburg hat nämlich wohl den größten zusammenhängenden neugotischen Straßenzug Europas. Im Zweiten Weltkrieg wurde Coburg zu weniger als fünf Prozent zerstört. „Dazu kommt noch etwas anderes“, so der Koordinator Stadtmarketing und schaut jetzt über das weite Karree des Marktplatzes mit seinen Giebeln vorwiegend aus Renaissance und Klassizismus. „Es ist seine Vielseitigkeit.“ Im Grunde lassen sich hier Filme aus jeder historischen Epoche drehen – vom Mittelalter bis zur Moderne. Gefilmt wird in Coburg schon seit vielen Jahrzehnten, erläutert Böhm, der selber mal bei einem Film mitgemacht hat. Allerdings bloß als Kabelträger bei „Tod oder Freiheit“, einem Kostümfilm von 1977 nach Schillers „Die Räuber“ mit Gert Fröbe und Mario Adorf. 100 Mark hat Böhm fürs Kabeltragen bekommen. „Das war für einen Zwölfjährigen viel Geld“, sagt er. Zu den frühen Filmen, die ganz oder größtenteils in Coburg gedreht wurden, gehört „Das kleine Hofkonzert“ von 1936 unter der Regie von Detlef Sierck alias Douglas Sirk, wie er sich nach seiner Flucht vor den Nazis in die USA 1937 nannte. Ein berühmter Film, der ebenfalls größtenteils in Coburg gedreht wurde, ist „Die Ehe der Maria Braun“ von Rainer Werner Fassbinder von 1979. Von ganz anderem Schlag ist der USFilm „Luther“ von 2003. Dieser Film wurde teilweise auf der Veste Coburg gedreht, die im Film dann als Wartburg diente, weil sich die echte Wartburg seit der Lutherzeit zu sehr verändert hat. Für den Lutherfilm von 2003 wurde außerdem in Seßlach im Landkreis Coburg gedreht, das dann 2006 bei der Neuverfilmung von „Der Räuber Hotzenplotz“ ebenfalls als Filmkulisse diente. Zinnen, Erker, Türmchen, eine Stadtmauer, malerische Flußlandschaften – das sind die Ingredienzien, durch die sich die fränkischen Städte bestens eignen für Historienstreifen, Mantel-und-DegenFilme sowie Fantasy-Produktionen, die seit Harry Potter einen enormen Aufschwung erleben. Und wohl kaum eine deutsche Stadt entspricht mehr dem pittoresken Bild von Mittelalter und früher Neuzeit wie das mittelfränkische Rothenburg ob der Tauber. Wer kennt sie nicht, die Geschichte von den Irrungen und Wirrungen der „Christel von der Post“, die am Ende doch ihren Horst findet. Kaum vorstellbar, diesen Heimatfilm mit Hardy Krüger von 1956 an einem anderen Ort spielen zu lassen als in Rothenburg ob der Tauber! Daß der Ort schon recht früh international zum Inbegriff gemütlicher deutscher Kleinstädte wurde, lag sicher auch daran, daß ein Teil des historischen Rothenburger Rathauses auf der Weltausstellung 1893 in Chicago nachgebaut wurde. Aber nicht nur Beschauliches wurde hier gedreht, sondern 1959 auch das Remake des „Blauen Engels“ mit Curd Jürgens oder aber auch 1967 der deutsche Horrorfilm „Die Schlangengrube und das Pendel“ mit Lex Barker und Christopher Lee – ein Streifen, der auf einer Shortstory von Edgar Allen Poe basiert. Ein international besetztes britisches Filmteam kam 1968 nach Rothenburg ob der Tauber, um hier den MusicalFantasy-Film „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ zu drehen. Produziert wurde die amüsant-phantasievolle Geschichte rund um ein fliegendes Auto von keinem Geringeren als Albert R. Broccoli, dem Produzenten von 17 James-Bond-Filmen. Und für den britisch-amerikanischen Mega-Streifen „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 1“ von 2010 hatte Hollywood extra zwei Tage lang eine Ausnahmegenehmigung, um mit Hubschraubern über der Stadt fliegen zu dürfen. Aber die Luftaufnahmen wurden schließlich nicht verwendet. Dagegen ist eine kurze Sequenz, in der Grindelwald den sogenannten Elderstab stiehlt, ebenfalls in Rothenburg gedreht worden, und sie ist auch im fertigen Film zu sehen. Außerdem wird der Stadt Rothenburg ob der Tauber im Abspann des Films gedankt.

Klassiker der Filmgeschichte: Gedreht in Coburg (Die Ehe der Maria Braun), in Rothenburg o.d.Tauber (Die Christel von der Post) und im Landkreis Würzburg (Vater sein dagegen sehr). Fotos: studiocanal, Film-Bühne, DFH – die Filme sind auf DVD erhältlich.

Klassiker der Filmgeschichte: Gedreht in Coburg (Die Ehe der Maria Braun), in Rothenburg o.d.Tauber (Die Christel von der Post) und im Landkreis Würzburg (Vater sein dagegen sehr). Fotos: studiocanal, Film-Bühne, DFH – die Filme sind auf DVD erhältlich.

Ins Paris des 17. Jahrhunderts verwandelte sich Würzburg vor vier Jahren bei den Dreharbeiten von „Die drei Musketiere“. Mit einer Mischung aus Begeisterung, Neugier und Skepsis – nicht zuletzt aufgrund der immer wieder nötigen Straßensperrungen – verfolgte die Würzburger Bevölkerung die Dreharbeiten und beteiligte sich zum Teil sogar an der Komparserie.

Der perfekte Tatort

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 12.39.11

Szenen aus dem deutschen Horrorfilm „Die Schlangengrube und das Pendel“ mit Lex Barker (Bild unten), Karin Dor, Carl Lange (M) und Christopher Lee (Bild oben), der in Rothenburg o.d. Tauber gedreht wurde.

Schließlich wirkten an dem Film unter dem britischen Regisseur und Produzenten Paul W. S. Anderson die Hollywood-Stars Orlando Bloom und Milla Jovovich mit. Und wer Glück hatte, konnte abends einen Blick auf Milla Jovovich werfen, wie sie gerade dabei war, sich zu schminken. Denn sie hatte ihre Garderobe während der Dreharbeiten seinerzeit in der Mozartschule. Freilich war dies auch für Würzburg nicht der erste Film, der hier gedreht wurde. Die Würzburger Adalberokirche war Kulisse für die Hochzeitsszenen in „Vater sein dagegen sehr“ mit Heinz Rühmann und Marianne Koch. Die hauptsächlichsten Drehorte dieses typischen Nachkriegs-Streifens von 1957 waren Ochsenfurt, das Maintal und unter anderem Sommerhausen. Überhaupt war Unterfranken immer wieder Filmkulisse. Weniger bieder als in den braven 50er Jahren ging es 1975 zu, als die Regisseure Ralf Gregan und Günter Vaessen den Actionthriller „Das Amulett des Todes“ auf Schloß Wetzhausen im Landkreis Schweinfurt drehten. Unter den Darstellern waren so bekannte Namen wie Walter Sedlmayer und Horst Frank. Kameramann war Michael Ballhaus, der in Hollywood Karriere machte und dessen Nichte Anne Maar heute die Leiterin des Fränkischen Theaters Maßbach (im Landkreis Bad Kissingen) ist. Hier im Fränkischen Theater Maßbach war Michael Ballhaus ebenfalls Kameramann bei der Gorki-Verfilmung „Sommergäste“. Regie hatte hierbei 1975 Peter Stein. Würzburg selbst machte übrigens in Sachen Film wenige Jahre vor den „Drei Musketieren“ mit einer ganz anderen Art von Film bundesweit von sich reden, nämlich 2007 mit der sozialkritischen Filmkomödie „Vorne ist verdammt weit weg“ von Frank Markus Barwasser alias Erwin Pelzig. Überhaupt gibt es natürlich in ganz Franken eine Vielzahl an größeren und kleineren Drehs für Filmund Fernproduktionen. Spektakulär war hier jüngst die Entscheidung des Bayerischen Rundfunks, jetzt auch einen „Tatort“ in Franken zu drehen. Das Drehbuch für den ersten fränkischen Beitrag zur beliebten Sonntagabend-ARD-Krimiserie schreibt allerdings der Oberbayer Max Färberböck.

Auch die Filmförderung ist für die Wahl eines Drehortes wichtig

Im Landkreis Schweinfurt, vor allem auf Schloß Wetzhausen, wurde der deutsche Action-Thriller „Das Amulett desTodes“ gedreht. Hier ein Szene mit (von links) Walter Richter, Walter Sedlmayr, Vera Tschechowa und Rutger Hauer.

Im Landkreis Schweinfurt, vor allem auf Schloß Wetzhausen, wurde der deutsche Action-Thriller „Das Amulett desTodes“ gedreht. Hier ein Szene mit (von links) Walter Richter, Walter Sedlmayr, Vera Tschechowa und Rutger Hauer.

Die Entscheidung, an welchem Ort ein Kinofilm gedreht wird, ist in Deutschland kein Zufall, erklärt Michael Böhm vom Stadtmarketing Coburg. Ein recht bedeutender Faktor ist – neben der immer wichtigeren Finanzierung durch Plazierung von Firmenprodukten im Film – die öffentliche Filmförderung. Kultur ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Und je nachdem, wieviel Geld ein Bundesland in die Filmförderung steckt, um so beliebter ist das Bundesland bei den Filmschaffenden. Nach Böhms Worten wird Filmförderung unter anderem insbesondere in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen groß geschrieben. In Sachsen hat sich hier vor allem Görlitz zu einem national wie international beliebten Drehort entwickelt. Hierzulande wird die Filmförderung vom FilmFernsehFonds (FFF) Bayern getragen. Mit Blick auf die Filmförderung in Franken betont Anja Metzger, Film Commissionerin Bayern beim FFF, daß die Filmförderung in Bayern – wie der Name schon sagt – gehalten ist, alle Regionen gleichermaßen zu fördern und keine einzelnen Städte, Gemeinden und Regierungsbezirke zu bevorzugen. Nach ihren Worten beeinflußt die Förderung eines Projekts nicht, in welcher Region es gedreht wird, außer wenn die Geschichte einen konkreten Bezug hat. Entscheidend für die Wahl des Drehortes sind laut Metzger die Motive sowie die Infrastruktur vor Ort. „Daß Franken eine immer größere Rolle spielt, hat vornehmlich mit Menschen in den Regionen zu tun, die das Potential von Filmproduktionen im Marketingsektor, aber eben auch in wirtschaftlicher Hinsicht erkannt haben“, so die Film Commissionerin Bayern. Besonders hervorgetan hat sich nach ihrer Schilderung in jüngster Zeit die Stadt Nürnberg mit einem Web-Angebot für Filmproduzenten, mit dem Verzicht auf eigene Drehgebühren für FFF-geförderte Produktionen sowie einer professionellen Struktur von Ansprechpartnern und einem hervorragenden Netzwerk von Dienstleistern.

Und hier haben sich Vera Tschechowa und Rutger Hauer ganz arg lieb.

Und hier haben sich Vera Tschechowa und Rutger Hauer ganz arg lieb.

„Allen voran hat aber auch die Stadt Coburg Zeichen und Maßstäbe gesetzt sowie Bamberg, Bayreuth, Würzburg“, sagt Metzger. „Sie stehen Nürnberg in nichts nach und haben sich durch das Handling bereits vieler, auch internationaler Produktionen hervorgetan.“ Franken zeichnet sich, so Metzger, nicht nur durch unbekannte – und somit unverbrauchte Motive –, sondern auch durch besonders reizvolle Architektur aus. „Darüber hinaus hat Franken einen ganz eigenen Charme, der gerade auf dem asiatischen Werbefilmmarkt eine große Faszination ausübt“, erläutert Anja Metzger. „Somit bedient Franken neben dem klassischen Spielfilmsegment noch einen weiteren, finanziell sehr attraktiven Markt.“

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