Nietenhosen für Goldgräber, Indianerfotos für die Regierung

Die Ausstellung „Good bye Bayern – Grüß Gott America“ im Aschaffenburger Schloß Johannisburg zeichnet die Lebenswege von Auswanderern aus Franken und Bayern nach.

Fotografie von Christian Barthelmeß. „Cheyenne Indian Family“ (beim Umzug)

Fotografie von Christian Barthelmeß. „Cheyenne Indian Family“ (beim Umzug)

Es war im Jahr 1846, als der damals 18 Jahre alte Halbwaise Löb Strauss sein Heimatdorf Buttenheim am Rande des Regnitztals bei Bamberg verließ. Zusammen mit seiner Mutter und zwei Geschwistern trat er, ohne Rückticket, die Reise nach Amerika an. Gänzlich ins Unbekannte ging Löb, der sich später Levi nannte, nicht. Zwei Brüder waren bereits ausgewandert. Sie hatten im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ einen Textilhandel gegründet. Zunächst lebte Levi Strauss in New York, später, als er von Goldfunden in Kalifornien hörte, machte er sich auf den Weg an die amerikanische Westküste. In San Francisco gründete Strauss, der zu den berühmtesten fränkischen Amerika-Auswanderern des 19. Jahrhunderts zählt, ein Handelshaus für Stoffe, Zahnbürsten, Hosenträger, Knöpfe und alles, was Goldgräber und Minenarbeiter benötigten. Mit der Anmeldung eines Patents für vernietete Arbeitshosen läutete Levi Strauss 1873 die Geburtsstunde der Jeans ein.

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Christian Barthelmeß, Auswanderer aus Klingenberg am Main (1854 – 1906)

Die Strauss Biographie scheint exemplarisch – hier schaffte es einer, sich den amerikanischen Traum von Reichtum und Wohlstand zu erfüllen. Bei weitem nicht allen Auswanderern gelang jedoch eine solche Erfolgsstory. Viele Männer und Frauen, dokumentiert die auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche vom Haus der Bayerischen Geschichte konzipierte Schau „Good bye Bayern – Grüß Gott America“ im Aschaffenburger Schloß Johannisburg, hatten es schwer in der Neuen Welt klar zu kommen. Nicht wenige strandeten nach ihrer Ankunft mangels Geld in den Slums von New York. Einige von ihnen gingen im „gelobten Land Amerika“ im Elend unter. Eine Reaktion hierauf ist zum Beispiel die Veröffentlichung der „Deutschen Gesellschaft von New York“ im Bayerischen Intelligenzblatt aus dem Jahr 1841. „Im Namen seiner Majestät des Königs“ warnte die Gesellschaft bayerische Auswanderungswillige, ohne finanzielle Absicherung nach Amerika zu emigrieren. Zeugnisse von Emigranten, bei denen die Auswanderung ins finanzielle Fiasko führte, gibt es allerdings kaum.

GBGGA007Was dazu beiträgt, daß Karrieregeschichten dominieren. Die vom Haus der Bayerischen Geschichte über viele Jahre zusammengetragene, in Seekisten nachempfundenen Kojen aus Holz präsentierte Wanderausstellung, die nach Aussage der Ausstellungsmacher die „virulente Emigrationsproblematik“ reflektiert, beginnt chronologisch betrachtet am 6. Oktober 1683. An diesem Tag führte der 32jährige Jurist und Schriftsteller Franz Daniel Pastorius aus Sommerhausen bei Würzburg im Auftrag der 1682 in Frankfurt gegründeten „Teutschen Landcompagnie“ einige der ersten von – bis heute – rund sieben Millionen deutschen Auswanderern nach Nordamerika. 1683 gründete Pastorius gemeinsam mit anderen Migranten in Pennsylvania Germantown, die erste deutsche Siedlung in den Vereinigten Staaten. In der Ausstellung ist ein um 1920 geschaffenes, nie aufgestelltes Denkmal mit einer idealisierten Pastorius-Darstellung zu sehen. Es zeigt eine Gruppe Krefelder Mennoniten, die Pastorius und Gott auf Knien danken, im gelobten Land angekommen zu sein. Lebendig wird Pastorius außerdem in einem Dokument, das er als Syndikus von Germantown  signierte, sowie durch einige handgeschriebene Bücher unter anderem zur Botanik.

Indianer-Lager

Indianer-Lager

Deutscher Gesangverein des 22. Infanterie Regiments unter der Leitung von Christian Barthelmeß, dirigierend mit seiner Viola, um 1888.

Deutscher Gesangverein des 22. Infanterie Regiments unter der Leitung von Christian Barthelmeß, dirigierend mit seiner Viola, um 1888.

Im 19. Jahrhundert bedeutete Auswanderung meist einen radikalen, unumkehrbaren Bruch in der Biographie der Emigranten. Die zu Hause Zurückgebliebenen, sahen ihre auswandernden Verwandte und Freunde beim Abschiedsfest meist das letzte Mal in ihrem Leben. Heimatbesuche oder Besuche aus der Heimat waren lange finanziell unerschwinglich. Es blieb der Austausch von Briefen und Ansichtskarten – sowie von Fotografien, die im besten Fall „bewiesen“, daß man es geschafft hatte. Die Menschen, die sich im 19. Jahrhundert von Bayern nach Amerika aufmachten, flohen meist aus politischen Gründen oder finanzieller Not, so Dr. Michael Henker, Pressereferent des Hauses der Bayerischen Geschichte. „Wir würden heute Wirtschaftsflüchtlinge sagen.“ In den Abschiedsliedern, das zeigt die Ausstellung, drückte sich der aufgestaute Zorn auf die unsozialen Verhältnisse im Heimatland aus. Dem Entschluß, das Vaterland, die Familie und die Freunde zu verlassen, ging oft monatelanges Ringen voraus. Mangelnde Perspektiven in der Heimat dominierten irgendwann vor der Angst vor dem Neuanfang in der Fremde. Dies kommt auch in der aus dem Jahr 1860 stammenden Beschreibung Dr. Philipp Hindernachts von den Bewohnern des Landgerichtsbezirks Aschaffenburg zum Ausdruck. Der Autor des Aschaffenburger Physikatsberichts konstatiert: „Die Heimathliebe läßt sich nicht absprechen, ist jedoch bei weitem nicht allgemein so tief verwurzelt (…), daß sie als Charakter-Grundzug Geltung und Bedeutung haben könnte. Kömmt es auch vor, daß Manche lieber daheim bleiben, als auswärts mit Arbeit ein besseres Brod zu verdienen, so sind das mehr Ausnahmen, und die Zahl Jener ist weit größer, welche die drückenden Verhältnisse durch thätigen Widerstand zu überwinden suchen, und (…) der lockenden Honung auf gutes Unterkommen und leichteren oder reichlicheren Erwerb in Nordamerika (…) ihre Heimath aufopfern.“

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Porträt des Northern Cheyenne Dives Backword in Fort Keogh,um 1890. Fotografie von Christian Barthelmeß.

Ob dies auch auf Christian Barthelmeß zutraf, ob er überhaupt schon so richtig begriffen hatte, worauf er sich einließ, als er 1867 allein und ohne Vermögen die Reise nach Nordamerika antrat, mag dahingestellt bleiben, er war damals gerade 13 Jahre alt. Die Reisekosten waren aus Nordamerika zugeschickt worden, das jedenfalls geht aus einer Auflistung von Auswanderern im Stadtarchiv von Klingenberg am Main, seinem Geburtsort, hervor. Von wem, ist nicht bekannt. Christian Barthelmeß hielt sich vermutlich erst in New York auf, später in Irontown/Ohio. Nachweisbar wird sein Lebensweg erst ab 1876, als er in die Armee eintrat. Von da an vermerkte er alle Stationen seines Lebens in seinem „Soldier‘s Handbook“. Christian Barthelmeß gehört zweifellos zu den interessantesten Persönlichkeiten, deren Lebensgeschichte in der Ausstellung nachgezeichnet wird. Als Soldat konnte er einerseits sein musikalisches Talent ausleben – in allen Einheiten, in denen er diente, leitete er die Regimentskapellen, daneben gründete und leitete er Männergesangvereine und gab auch Konzerte. Andererseits hatte er als Kind wohl auch eine solide Schulbildung genossen. So entwickelte er vor allem an den „Western Frontiers“ ein reges Interesse nicht nur für militärische Belange, sondern speziell auch für Gebräuche, Sitten und Lebensart der Indianer. Er dokumentierte all dies aus eigenem Antrieb, aber auch im Auftrag der Regierung in Hunderten von Fotografien.

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Zwei Cheyenne Squaws (Mrs. Little Coyote, Mrs. Come out of Winter) in Fort Keogh, um 1890. Fotografie von Christian Barthelmeß.

Die meisten Bilder entstanden – damals sehr ungewöhnlich – unter freiem Himmel. Barthelmeß gilt heute als einer der bedeutendsten Bildchronisten der Menschen und des Lebens entlang der Frontiers im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Man weiß nicht, mit was für einer Kamera er fotograerte und auch nicht, wann er sich die entsprechenden Kenntnisse angeeignet hatte. Sicher ist, daß er während seiner zweiten Dienstzeit zwischen 1881 und 1886 bereits fotografierte. „Seine Fotografien bilden wichtige Bestände unter anderem in den Sammlungen des National Museum of Natural History, Smithonian Institution, der Montana Historical Society und des von seinem Sohn errichteten Range Riders Museum in Miles City in Montana, das heute sein Enkel Bob Barthelmeß leitet  (Ausstellungskatalog).“ Zahlreiche seiner Arbeiten wurden damals als sensationell bewertet, so seine Bilder von einer Grand Canyon Expedition (1887/88) oder seine Berichte über Zeremonien der Navajo-Indianer. Christian Barthelmeß, der 1886 in Silver City in New Mexiko die 1881 aus Flensburg ausgewanderte Catherina Dorothea Hansen-Ahlers geheiratet hatte, starb bei einem Unfall einen Tag vor seinem 52. Geburtstag am 10. April 1906 bei Ausschachtungsarbeiten am Lazarett von Fort Keogh wenige Meter von seinem Photostudio entfernt, das er seit seinem Ruhestand 1903 ausschließlich betrieb.

In der Ausstellung ist Christian Barthelmeß eine ganze Abteilung mit zahlreichen seiner Indianer-Fotografien gewidmet. Mit den bis 19. März gezeigten 400 deutschen und amerikanischen Leihgaben zum Thema „Good bye Bayern – Grüß Gott America“ soll die Beschäftigung mit dem Thema Emigration in Aschaffenburg allerdings nicht vorbei sein. Die Aschaffenburger Forschungsgruppe Auswanderung plant eine umfassende Dokumentation aller Auswanderungen im Untermaingebiet. Die vorhandene Datenbank mit derzeit rund 16000 Einträgen zu Personen aus Aschaffenburg und den Landkreisen Aschaffenburg, Miltenberg und Main-Spessart, die zwischen 1749 und 1930 emigrierten, soll in den kommenden Jahren vervollständigt werden.