Neue Trachten braucht das Land

Aber: Vertrachtelnde Billigprodukte aus Fernost und individuelles Ausfransen führen die Idee der Tracht ad absurdum.

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Gabriele Illius

Hirschhornknöpfe an der Jacke – in Franken ein No-Go. Es müssen Silberknöpfe sein. Auch schrille Farben sind bei Trachtenschneiderin Gabriele Ilius tabu, wenn es um fränkische Trachten geht. Der TrachtenHype, den die großen Volksfeste vor einigen Jahren ausgelöst haben, freut sie natürlich, trotz der aufgerüschten, bunten Verschnitte von Trachtenelementen zu modischen Dirndln in oft fragwürdiger Qualität. Er rechtfertigt nicht nur die neudeutsche Ausdrucksweise, er zeigt: Neue Trachten will das Land!
Kopien der Originale nach der Tracht des 19. Jahrhunderts und Karikaturen derselben in quietschbunten Farben – Kiliani und Oktoberfest versammeln sie im gleichen Zelt. Aber die Vorstellungen davon, was sich Tracht nennen darf, gehen weit auseinander. In der globalen Billigproduktion gefertigte Ware gehört nicht dazu. Tracht verlangt Wertigkeit, damit sie mit Stolz getragen werden kann. Sie braucht die Verankerung in einer Region, für die sie steht. Diesen Aspekt betont auch Ilius, wenn es darum geht, ob wir heute überhaupt noch eine Tracht brauchen. Ihr „Ja!“ ist kategorisch. „Abgesehen davon, daß sie sehr kleidsam ist“, spüre Ilius für sich „eine gewisse regionale Zugehörigkeit, ein gewisses Gefühl der Geborgenheit und des Stolzes“. Regionale, kleine Räume seien wichtig für die Verankerung in einer globalen Welt, und sie definieren sich bei der Tracht als Phänomen der Bekleidungskultur in Schnitten, Mustern, Symbolen, Farben … Der Wandel war dabei stets immanent, aber behutsam. Für die Tracht des Ochsenfurter Gaus beispielsweise, der in Ochsenfurt ein eigenes Museum gewidmet ist, ist er für die Jahrzehnte um 1900 ablesbar. Mit dem Wohlstand der Bauern wurde die Gautracht bunter, üppiger in den Ausformungen, edler in den Stoffen, je nach Vermögen, auch überaus reich geschmückt. Eine modische Veränderung und die Orientierung an den besser gestellten Gesellschaftskreisen war immer da. Individuelles Ausfransen dagegen, bis hin zur Beliebigkeit, führt die Idee der Tracht ad absurdum. Die relativ eng definierte Kleiderordnung bedeutet wiederum nicht, daß nicht jede Trachten-Trägerin darauf aus wäre, immer noch ein bißchen schicker dazustehen. Pfarrer Peter Back aus Oberelsbach hat nicht nur eine treffliche Sammlung von Zeichnungen der Rhöner Trachten um 1817 hinterlassen, sondern auch amüsante Beschreibungen ihrer Trägerinnen, der Jungfer Benkert, eines Heumädchens aus Oberelsbach beispielsweise.

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