Franken-Magazin Januar/Februar 2012
GESCHICHTE
Auf den Spuren der Teufelsmauer
Vor 2000 Jahren errichteten die Römer den "Limes" und schützten so ihr ausgedehntes Reich gegen Übergriffe der Barbaren. Wissenschaftler entdecken erst heute das Geheimnis dieses Grenzwalls.
Von Maria Goblirsch
Im Gebiet des heutigen Deutschland zieht sich auf einer Länge von 550 Kilometern der "Obergermanisch-Raetische Limes" durch unterschiedlichste Landschaften. Der Grenzwall beginnt im Westen bei Koblenz am Rhein und reicht über den Main und Mittelfranken bis nach Regensburg an der Donau. Eine durchgehende Palisade, später auch eine Steinmauer mit 90 Wachtürmen und 120 dahinterliegenden Kastellen schützten vom ersten bis zum dritten Jahrhundert das römische Gebiet gegen Einfälle der "Barbaren". Im Jahr 9 nach Christus er¬litten die römischen Legionen unter Führung des Statthalters Pub¬lius Quinctilius Varus eine verheerende Niederlage gegen die Germanen, ein Achtel des ge¬sam¬ten römischen Heeres wurde bei dem Gemetzel im Teutoburger Wald vernichtet. "Quintilius Varus, gib die Legionen zurück", soll Kaiser Augustus gestöhnt haben, als ihn die Nachricht erreichte. Rom gab danach seine Expansionspläne auf und machte sich daran, die Grenze des Imperiums militärisch zu sichern. Damals reichte das römische Gebiet von den Wüsten Afrikas bis zum Nordatlantik. In Britannien schützte der 120 km lange Hadrianswall, in Schottland der Antoninuswall die Zivilisation vor den wilden Stämmen. In seiner gesamten Länge ist das römische Bollwerk heute das zweitlängste Bodendenkmal der Welt – übertroffen nur von der Chinesischen Mauer.
Ein Apotheker aus Weißenburg erforscht den Limes
Der Limes hatte – im historischen Rahmen betrachtet – in Mitteleuropa nur kurze Zeit Bestand. Die andrängenden Germanen und Alemannen überrannten die ausgeklügelten Festungsanlagen und Grenzwälle bald. Das wurde Mitte des dritten Jahrhunderts dadurch erleichtert, daß Rom Soldaten aus den Provinzen Obergermanien und Raetien abzog, um sie an anderen Fronten einzusetzen. Das Bollwerk selbst blieb zunächst erhalten, wurde dann aber von mehr als 2000 Jahren Geschichte überrollt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das verfallende Mauerwerk zum "Steinbruch" oder Wald. Ackerland und Wiesen überwucherten die Fragmente des heutigen Bodendenkmals. Nur wenige erhabene Teile des Limes haben die vielen Jahrhunderte überdauert, an den meisten Stellen ist die "Teufelsmauer" – wie der Grenzwall über Jahrhunderte hinweg als vermeintliches Werk des Satans genannt wurde – längst unsichtbar. Das ließ auch die Historiker des späten 19. Jahrhunderts nicht ruhen: Theodor Mommsen konnte 1892 vom Reichsinnenministerium 50 000 Mark als Kapital für eine "Reichs-Limes-Kommission" locker machen, der es von 1890 bis 1923 gelang, den Verlauf des Limes durch Ausgrabungen und Rekonstruktion so weit wie möglich sichtbar zu machen. Daran maßgeblich beteiligt war auch ein Franke: der Apotheker Wilhelm Kohl aus Weißenburg, der als "Streckenkommissar" am mittelfränkischen Abschnitt des Limes forschte. Im Jahre 1889 entdeckte Kohl ein Reihengräberfeld aus dem Frühmittelalter in Dettenheim (heute ein Stadtteil von Weißenburg), er führte auch die Ausgrabungen im Weißenburger Kastell Biriciana fort. Als sein größter Erfolg gilt die Entdeckung und Ausgrabung der Limes-Pfähle in den Wörnitz-Wiesen. Die Tradition der Reichs-Limes-Kommission wird heute fortgeführt. Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz schlossen sich Anfang dieses Jahrtausends zusammen, um die Eintragung des Obergermanisch-Raetischen Limes in die Liste des UNESCO-Welterbes zu erreichen – am 15. Juli 2005 war dieses Ziel geschafft. Wo liegt heute die Bedeutung des Limes? "Er ist ein Meisterwerk römischer Architektur und menschlicher Schaffenskraft, und daher von universellem Wert", sagt Dr. Christof Flügel von der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern. Der Archäologe nennt als Beispiel Baden-Württemberg, wo der Limes über 80 Kilometer hinweg schnurgerade verläuft – ohne Rücksicht auf die landschaftlichen Gegebenheiten. Die Grenzmauern waren etwa drei Meter hoch, die Kastelltore erreichten eine Höhe von 17 Metern, zentrale Lagergebäude sogar bis zu 20 Metern(!). "Man baute damals so hoch es ging, bis die Statik den Bau umfallen ließ – eine eindeutige Demonstration der Macht den Germanen gegenüber nach dem Motto: Ihr könnt so etwas nicht!" erklärt Dr. Flügel. In der Antike war der Main (lateinisch "moenus") mit seinen 524 km Länge ein wichtiger Transportweg. Zwischen Miltenberg in Unterfranken und Großkrotzenburg (Hessen) bildete der Fluß die Grenze des römischen Imperiums. Auf rund 50 km Länge wurde der Fluß als „nasse Grenze“ von Soldaten auf Kriegsschiffen sowie von neun Kastellen und zwei Wachttürmen aus überwacht.
Die Römer machen am Main mobil
"Die Kastelle sind heute von Städten und Siedlungen überbaut, nur das Kastell Wörth, das Kastell in Klingenberg-Trennfurt und das Altstadtkastell in Miltenberg bilden hier Ausnahmen", berichtet Archäologe Christof Flügel. Dennoch läßt sich die antike Bebauung in den einzelnen Orten noch an Grundrissen nachvollziehen, die heutigen Straßen gehen oftmals auf römische Lagerstraßen zurück. Von den zahlreichen Fundstücken, die dort geborgen werden konnten, sind die schönsten längst in Museen ausgestellt. Erstmals ist es nun gelungen, auch die unter der Erde verborgenen Spuren der Römer für Besucher offenzulegen. Was bisher allerdings fehlt, ist ein zentrales Museum am Mainlimes. Bis es damit so weit ist, kann der Besucher bereits virtuell alle Informationen zu archäologischen Denkmälern und Funden entlang des Grenzwalls abrufen. Auf dem Schirm seines Mobiltelefons werden die Römer mit der Applikation "Mainlimes mobil" per Fingertip im Netz lebendig. Längst verschwundene Kastelle, Häfen oder Tore entstehen auf dem Bildschirm von neuem. Mit der Anwendung werden archäologische Fundstücke vor Ort ins Gelände transportiert, der reale Bezug wieder hergestellt. Hinter der Idee steckt ein Netzwerk von engagierten Experten, die die Applikation "Mainlimes" entwickelten und umsetzten, unter ihnen auch Oberkonservator Dr. Christof Flügel, der in Dr. Ingo Krüger von der Bayerischen Sparkassenstiftung einen kongenialen Partner gefunden hat. Die Stiftung, die eine Vielzahl gemeinnütziger Projekte fördert, wirkte auch bei "Mainlimes mobil" als Impulsgeber, Multiplikator und großzügiger Förderer. Erstmals arbeiteten die beiden Partner eng zusammen, als es darum ging, die Museen entlang der "nassen Grenze" zu vernetzen (im Internet unter www.museen-mainlimes.de). Auf diesem Projekt baut die neue Applikation "Mainlimes mobil" auf. Derzeit arbeitet das Team an einer solchen virtuellen Darstellung für den Limes in Mittelfranken.
Ein Reiterkastell für 500 Mann
Viele der jüngsten Erkenntnisse verdanken die Wissenschaftler dem technischen Fortschritt. Wer auf einer ge-wissen Anhöhe im mittelfränkischen Ruffenhofen (zwischen Dinkelsbühl und Wassertrüdingen im Landkreis Ansbach) steht, sieht von den Römern erst einmal – nichts, außer grünen Wiesen und weitläufigem Ackerland. Die Bearbeitung des Bodens mit immer tiefergreifenden Pflügen hat über Jahrhunderte die Limesreste verschwinden lassen. Ein Glücksfall war es jedoch, daß das Areal unbebaut blieb. Geophysiker untersuchten das Gelände und rekonstruierten aus den erfaßten Daten den exakten Grundriß des Militärlagers: Vier Verteidigungsgräben umgaben die Anlage im zweiten Jahrhundert. Sie beherbergte ein Reiterkastell für 500 Mann, die regelmäßig am Limes patrouillierten oder zum schnellen Einsatz mit ihren Pferden alarmiert wurden. Bis 2003 war das Gelände des Römerparks Ruffenhofen Acker. Um das darunterliegende Römerkastell und das dazugehörende zivile Lagerdorf zu schützen, wurden vor neun Jahren 40 Hektar Fläche angekauft und in Wiesen umgewandelt. Seither wird der Römerpark Ruffenhofen ausgebaut. Von einem Aussichtshügel hat man den freien Blick auf die einstige Limeslinie. Am Fuß des Hügels befindet sich ein Kastellnachbau im Maßstab 1:10, der die Größe des Truppenstützpunktes anschaulich macht. Schilder, großformatige Bild¬szenen und Abgüsse römischer Steindenkmäler geben Informationen zu den Gebäuden und zum römischen Leben vor Ort. Zwischen dem begehbaren Labyrinth und dem Aussichtshügel entsteht derzeit ein zentrales Informationszentrum für den Römerpark Ruffenhofen und den Limes im Landkreis Ansbach. Das LIMESEUM, ein markanter Rundbau aus Holz und Glas, schmiegt sich an den Hang und steigt schneckenförmig langsam an. "Die Besucher der Ausstellung werden durch die Ausstellung emporgeleitet und haben dann von einem großen Panoramafenster aus den Blick auf das Kastell und in die Landschaft", beschreibt Dr. Matthias Pausch, Leiter des Römerpark Ruffenhofen, das Konzept, das vor allem von museumspädagogischen Aspekten bestimmt ist. Auf rund 1000 qm Fläche wird es dort ab Herbst 2012 vielerlei spannend aufbereitete Informationen zum Reiterkastell und dem Limes geben – wie einen virtuellen Rundgang durch Kastell und "Vicus" (der zivilen Siedlung), in dem Schauspieler filmisch das Leben der Römer erzählen.
Antike Götter und ein Schatzfund im Garten
Wer wünscht sich das nicht: Beim Anlegen eines Spargelbeetes in seinem Garten stieß ein Weißenburger Bürger 1979 auf verrostete Eisenteile, die er zuerst für "altes Gerümpel" hielt. Beim Weitergraben stellte sich heraus, daß er auf einen der bedeutendsten Schatzfunde aus römischen Zeiten in Deutschland gestoßen war – und der Fund ihn unvermittelt zum Millionär gemacht hatte. Insgesamt 114 Objekte, darunter 18 Statuetten römischer Gottheiten, silberne Votive und Bronzegefäße wurden geborgen, die in ihrer Vielfalt und der erhaltenen Qualität als einzigartig gelten. Diese römischen Kunstgegenstände sind heute im Weißenburger RömerMuseum ausgestellt, wo auch eine Sammlung römischen Kunsthandwerks zu sehen ist (Im Erdgeschoß befindet sich das Limes-Informationszentrum, das vielfältige Informationen zum Limes kostenfrei zur Verfügung stellt). Bei Nachuntersuchungen stellte sich später heraus, daß es sich um ein Depot germanischer Plünderer handelte, die in den unsicheren Zeiten der Alemannenüberfälle ein Heiligtum und mehrere Haushalte ausgeraubt hatten. Das im Jahr 90 nach Christus gegründete Weißenburg spielte in der Antike als Standort römischer Limestruppen eine wichtige strategische Rolle. Zwischen dem großen Reiterlager in Aalen und dem Legionslager Regensburg lag damals das Weißenburger Kastell "Biriciana". Dort war eine 500 Mann starke Reitereinheit stationiert, die die weite Ebene des nördlichen Limes kontrollierte. Das Kastell "Biriciana" befand sich westlich der heutigen (mittelalterlichen) Stadt und wurde, wie Grabungen belegen, zunächst aus Holz errichtet, später mit Mauern und Gräben befestigt. Die Schaufeln eines Baggers brachten im Frühjahr 1977 einen weiteren sensationellen Befund zutage: Als unweit des Römerkastells der Aushub für eine Reihenhäuserzeile begonnen wurde, stieß man auf die massiven Grundmauern einer antiken Bäderanlage, deren Fundamente und Mauern bis zu einer Höhe von 2,50 m erhalten waren. Der Besucher kann heute von einem Führungssteg aus alle Räumlichkeiten überblicken. Teile des früheren Gymnastikhofes mit Säulengang sind ebenso erhalten wie die Reste einer Sporthalle und die Baderäume. Bei den Ausgrabungen gefundene Objekte sind im RömerMuseum ausgestellt. Weißenburg ist die einzige fränkische Stadt am Limes, die bereits eine internationale Evaluierung durchlief. Dabei berieten Experten von Hadrian's Wall Heritage Limited gemeinsam mit ihren fränkischen Kollegen, wie man die außerhalb des Zentrums liegenden Limes-Baudenkmäler noch attraktiver für Besucher machen könnte. Denn auch nach Weißenburg kommen Touristen oft mit einem fertigen Bild, wie sie sich "den Römer" vorstellen: in eine weiße Tunika gehüllt, mit Schwert und Rüstung bis an die Zähne bewaffnet und kriegslüstern. Der Limes erzählt eine andere Geschichte. Heute weiß man, daß auch dieser Wall keine ausschließlich militärische Sperranlage war, sondern gut kontrollierte Grenzübergänge besaß, wo Waren mit den Germanen getauscht und sogar Zölle erhoben wurden. Die Geschichte des Limes könnte noch viele Lügen strafen. ■
Erschienen in der Ausgabe Januar/Februar 2012.
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© Stefan Kendl, Wolf-Dietrich Weissbach 2012





