Franken-Magazin Juli/August 2010
REPORTAGE
Die wilden Jahre
US-Soldaten waren über 65 Jahre lang im unterfränkischen Kitzingen stationiert. Eine Ausstellung beschreibt eindrucksvoll, wie stark amerikanische Kultur und Musik das Leben in „Little Las Vegas am Main“ beeinflußten.
Von Maria Goblirsch
Sie trugen klingende Namen wie „Hill- Billy“, „Havanna“, „La Paloma“, „Bengasi“ oder „Hole in Wall“ und lockten GI’s mit „Fräuleins“, Alkohol und Livemusik, brandheißem Jazz, Swing und Rock ‚n‘ Roll. Bars und Clubs boomten in der Zeit zwischen 1950 und 1975 in der Garnisonstadt Kitzingen und zogen auch die einheimischen Jugendlichen magisch an. Die stahlen sich heimlich aus dem Elternhaus oder dem ländlichen Internat, um in den Etablissements die neuesten Songs aus der US-Musikszene zu hören und amerikanische Zigaretten oder Whiskey zum Schwarzmarktpreis zu ergattern. Oder in verruchter Bar-Atmosphäre wenigstens einen Blick auf die „Mädels“ zu werfen, die ihnen meist die zahlungskräftigeren „Zupfer“ wegschnappten – der Dollar stand damals immerhin bei bis zu 4 Mark und 20 Pfennigen.
Ein echter Umbruch
Jeder kannte Typen wie den „Cowboy“, „Zorro“ oder den „Zigaretten-Peter“, die sich über kleinbürgerliche Konventionen hinwegsetzten und außerhalb der Norm lebten. Und man wußte stets, in welchem Etablissement gerade die besten Live-Gruppen auftraten, wo die übelsten Pokerrunden ausgezockt wurden oder welche Bar als „the place with the ugliest women in town“ galt. Beinahe täglich gab es Randale zwischen weißen und farbigen Soldaten, die von der Militärpolizei oft brutal beendet wurden. Über diese „Zwischenwelt“ sprach man freilich offiziell nicht in der unterfränkischen Kleinstadt, man wahrte nach außen die Fassade, wie Renate Haaß und KD. Christof vom Kulturverein PAM („Projekt Bühne am Main“) wissen. Die Ausstellungsmacher setzten sich drei Jahre lang intensiv mit der deutsch-amerikanischen Vergangenheit Kitzingens auseinander, führten zahlreiche Interviews und suchten nach Fotos und Dokumenten aus der Zeit von 1950 bis 1975. Jetzt präsentieren sie in Kooperation mit der Stadt Kitzingen eine Zeitreise durch die wilden Jahre, wie der Titel der Ausstellung verspricht („Wild Times“ vom 31.7. bis 15.9.2010 im Rathaus).
Es war der locker anmutende „American Way of Life“, das „Take it easy“, das Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen faszinierte. Vor allem bei der nachwachsenden Generation waren die USA das kulturelle Idol, das seinen Ausdruck im Tragen der Blue Jeans fand. Der Armeesender AFN (American Forces Network) war in dieser Zeit die von Jugendlichen meistgehörte Radiostation in Bayern.
„Man kannte den harten Drill aus der Nazizeit und dann kommen da welche, die kauen Kaugummi, legen die Füße auf den Tisch und marschieren nicht mal richtig“, beschreibt Renate Haaß die damalige Stimmung. „Das waren schon krasse Gegensätze, ein echter Umbruch.“ Besonders in den Nachkriegsjahren und bis weit in die 1950er sei der kulturelle und soziale Einfluß der amerikanischen Besatzungstruppen immens gewesen, ergänzt KD Christof. Doch das gerate leider in Vergessenheit.
No fraternization
Das soll die Ausstellung ändern. Sie läßt den Besucher teilhaben an den „Wild Times in Kitzingen“ und bietet neben Bekanntem auch viel Neues: Originalfotos aus Privatbesitz, Interviews mit Zeitzeugen oder Original-Mitschnitte von Live-Auftritten amerikanischer und lokaler Bands. Neben Schautafeln geben zahlreiche audiovisuelle Installationen einen authentischen Einblick. Ein Begleitbuch dokumentiert mit Texten und ausführlichem Bildmaterial die 30 „wilden“ Jahre und beleuchtet sie kritisch.
Im Mittelpunkt der Schau stehen die vielfältigen Berührungspunkte und Wechselbeziehungen zwischen den US-Besatzungskräften und den Bürgern einer fränkischen Kleinstadt mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Die Zeitreise beginnt mit dem Einmarsch der Amerikaner am 5. April 1945. Die Zahl der US-Soldaten war in den Anfangsjahren fast so hoch wie die der Einwohner. Nach 61 Jahren ständiger US-Präsenz schlossen sich 2006 die Gates der beiden Kitzinger Kasernen und der Wohnanlagen unspektakulär. Die Amerikaner verschwanden nahezu über Nacht aus der Stadt. Und mit ihnen viele Erinnerungen.
In den ersten Monaten der Besatzungszeit waren alle US-Soldaten strikt angewiesen, mit den Deutschen in keinerlei Kontakt zu treten, es galt das Gebot des „Non-Fraternization-Act“. Doch das ließ sich nicht lange durchhalten. Die „Amis“ taten damals alles, um sich bei den Kitzingern beliebt zu machen und verteilten großzügig, was bei den Deutschen noch rar oder völlig unbekannt war: Zigaretten, Kaffee und Whisky, für die Kinder Hershey Schokolade und Kaugummi. Auch die deutschen Mädchen waren hingerissen von den gut aussehenden und nach „Old Spice“ riechenden US-Boys. 1947 wurde im Kitzinger Rathaus das erste deutsch-amerikanische Paar getraut, dem viele folgten. Von überall her reisten in den Anfangsjahren Frauen an, um sich ein Stück vom „American cake“ zu sichern. Dollars, Zigaretten, Lebensmittel, Whisky - alles, was die GI‘s bieten konnten, war von hohem Wert.
Verzweifelte junge Kriegswitwen standen in einer Reihe mit professionellen Straßenmädchen vor der Kaserne und wurden als „Amiliebchen“, „ Amischickse“ oder „Negerhure“ beschimpft. Die Armee startete bereits 1946 eine Kampagne, in der sie deutsche Frauen mit „Veronika Dankeschön“ tituliere und sie generell als geschlechtskrank diffamierte. Die GI’s wurden eindringlichst vor Kontakten mit den als berechnend dargestellten Fräuleins gewarnt. Mit wenig Erfolg.
Die oft sehr jungen US-Soldaten erlebten in den Kasernen hartes Training und lange Feldmanöver. In der Freizeit suchten sie Spaß und Ablenkung von ihrem ausgeprägten Heimweh. Obwohl in den Kasernen eigene Clubs existierten, zog es die Soldaten down town. War der Sold von rund 180 Dollar verbraucht, sorgten sie mit dem Verkauf von Alkohol und Zigaretten auf dem Schwarzmarkt (eine Zigarette kostete 5 Mark!) für Aufbesserung.
Urwaldmusik in little Las Vegas
Ende der 1950er-Jahre entwickelte sich in Kitzingen eine ausgeprägte Barszene. Den legendären Bars, ihren Besuchern und der besonderen Bar-Atmosphäre ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet. Diese Lokale waren musikalisch immer am Puls der Zeit und spielten täglich Livemusik. Der Funke der Begeisterung für die noch nie zuvor gehörten Songs und Musikstile sprang über. Jugendlichen war der Zutritt eigentlich untersagt, aber sie fanden Mittel und Wege, hinein zu kommen. Das Gros der erwachsenen Bevölkerung bezeichnete das, was an neuen Klängen aus den USA herüberkam, abwertend als „Urwald-“ oder „Negermusik“. Zu den Bars, die sich schnell durch ihre Livemusik einen überregionalen Ruf erwarben, zählte das „Hill-Billy“ in der Bismarckstraße. Es war das erste Lokal, das 1958 Bands engagierte, die täglich am Abend auftraten. Zunächst holländische Gruppen, die Indio-Rock spielten, später auch englische Beat-Bands. Weitere Bars wie das „La Paloma“ boten Livemusik. Anfang der 60er-Jahre existierten allein im Stadtkern 48 Gaststätten und Bars, die zum großen Teil von amerikanischen Soldaten besucht wurden.
Zu fortgeschrittener nächtlicher Stunde verwandelten sich zahlreiche Bars, Gaststätten oder schummrige Hinterzimmer in regelrechte Spielsalons, in denen bis in die frühen Morgenstunden gezockt wurde – was Kitzingen in den Gazetten den Beinamen „Little Las Vegas am Main“ einbrachte. Doch es waren nicht nur die in Kitzingen stationierten Amerikaner, die dort ihrer Spielsucht nachgingen. Aus ganz Deutschland reisten Zocker damals zum Poker und Glücksspiel nach Kitzingen. „Der Einfluß hochrangiger Armeeangehöriger auf die lokalen Ordnungskräfte war groß genug, daß sie ungestört ihrer Leidenschaft frönen konnten“, erfährt der Besucher.
Die Ausstellung „Wild Times – Kitzingen 1945-1975“ geht auch der Frage nach, wie damals die immensen Rassenkonflikte in der Armee ausgelebt wurden. „Der Drill in der Kaserne zwang tagsüber zur Zusammenarbeit zwischen schwarzen und weißen Soldaten, aber in der Freizeit trennten sie sich sofort“, erklärt Renate Haaß. „Kreuzten sich ihre Wege, ging es hoch her. Schlägereien und Messerstechereien waren in den Straßen Kitzingens an der Tagesordnung, es kam sogar zu regelrechten Straßenschlachten.“ Die Bars der Stadt waren strikt nach schwarz und weiß getrennt, die Rosenstraße „gehörte“ den schwarzen Soldaten, dort wurde ihre Musik gespielt. Verirrte sich ein Weißer hierher, war Zoff angesagt, den die Militärpolizei mit aller Härte beendete.
„Ausgerechnet in Deutschland, das bei den US-Soldaten der Nachkriegszeit als der Inbegriff von Rassismus galt, erfuhren viele schwarze Amerikaner zum ersten Mal eine Gleichbehandlung“, sagt Ausstellungsmacher KD. Christof. Die weißen deutschen Frauen scheuten sich nicht, mit ihnen zu tanzen und sich zu amüsieren. Und so manche Kitzinger Familie lud schwarze Soldaten zum Essen oder zu Festtagen wie Weihnachten ein („It did not matter to them that my skin colour was black“).
Lautes Geschrei an der richtigen Stelle
Die neue Musikkultur aus den USA durchdrang die deutsche Jugendszene – auch in der Provinz. Schüler oder Studenten wollten raus aus dem bürgerlichen Mief, anders sein und entwickelten ein neues Selbstbewußtsein – auch musikalisch. Nicht wenige fühlten sich in den 1960er-Jahren inspiriert, das Abenteuer einer Bandkarriere zu wagen oder sich durch das Spielen in einer amerikanischen Band ein paar Dollar dazu zu verdienen. In dieser Zeit formierten sich in Kitzingen etwa ein Dutzend lokaler Amateur-Bands, die mangelnde Musikalität mitunter durch Leidenschaft und „lautes Geschrei an der richtigen Stelle“ ersetzten. Der dritte Teil der Schau „Wild Times“ stellt diese Gruppen, ihre Mitglieder, Fans und ihre Musik vor. Sie trugen englische Namen wie „The Shambrues“, „The Rattle Five“ oder „The Trappers“, kleideten sich wie ihre Vorbilder aus der Beat- und Rockszene und rivalisierten untereinander, wer am coolsten drauf war. Zu den Spitzenbands zählten “The Shakers Five“, die 1965 die erste Beat-Party im „Colloseum“ steigen ließen, und die Band „The Shake before us“.
Musiker dieser früheren Kitzinger Szene greifen in alter oder neuer Formation am 14. August 2010 wieder zu den Instrumenten und spielen Beat- und Rock-Songs der 1960er- und 1970er-Jahre (Mainkai, hinter der Synagoge, ab 18 Uhr). Nostalgie pur.
Heute sind die legendären Bars aus den wilden Tagen längst geschlossen. Mit dem Abzug der US-Soldaten und ihren Familien gehen auch die letzten Erinnerungen an die wilden Tage in Kitzingen verloren, in denen hinter der spießbürgerlichen Fassade das Leben tobte. Die Ausstellung will mit ihren Bildern und Berichten dieser Zeit ein Denkmal setzen.
Weitere Informationen:
Die Ausstellung „WILD Times – Kitzingen 1945 – 1975“ in der historischen Rathaushalle Kitzingen ist vom 31. Juli bis 5. September 2010 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das Begleitbuch ist in der Ausstellungshalle erhältlich. Nähere Infos zur Ausstellung und zum Konzert „WILD TIMES“ am 14. August bei multiculture artsnetwork, 97318 Kitzingen, Telefon 09321/382794, E-Mail: info@multiculture-artsnetwork.de oder im Internet unter www.wildtimes-kitzingen.com. ■

Erschienen in der Ausgabe Juli/August.
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© Stefan Kendl, Wolf-Dietrich Weissbach 2010





