Franken-Magazin Januar/Februar 2010
REPORTAGE
Nachbarstädte auf Adlerjagd
Partnerschaftlich und mit viel Unterstützung von nah und fern gestalten die Städte Nürnberg und Fürth die Veranstaltungen zum Eisenbahnjubiläum 2010.
Von Andrea Himmelstoß
7. Dezember 1835, sieben Uhr morgens. Die Menschen strömen zusammen, wollen ihn sehen, den Adler, der an diesem Tag das erste Mal von Nürnberg nach Fürth, von Fürth nach Nürnberg fährt. Aktionäre und Honoratioren nahmen in den neun Wagen Platz, die mit bayerischen Fahnen geschmückt waren. Dann ein Kanonenschuß – das Startsignal für die erste Fahrt, auf der die Lokomotive die jungfräuliche Eisenbahnstrecke zwischen dem Nürnberger Plärrer und Fürth erfolgreich überwand. Hälse wurden gereckt, um über die Zylinder der Herren und die Hüte der Damen hinwegsehen zu können. Nicht nur Stolz und Begeisterung verbindet die fränkischen Handelsstädte Nürnberg und Fürth an diesem Tag, sondern von nun an auch die erste Eisenbahnstrecke, auf der eine Dampflokomotive regelmäßig fährt.
Regelmäßig, aber nicht immer, denn die Steinkohle mußte mit Hilfe von Pferdefuhrwerken eingeführt werden. Das war teuer. Also fuhr der Adler nur in der Mittagszeit und ansonsten wurde der Zug mit Pferdekraft gezogen. Erst 1863 verzichtete man auf die Pferde, und die Eisenbahnstrecke wurde nur noch mit Dampfkraft befahren. Das war schick, ein Zeichen des Fortschritts - und wer genug Geld hatte, der baute sich herrliche Villen an der Eisenbahnlinie. Davon legen noch heute zwei Fürther Straßen Zeugnis ab: Die Hornschuchpromenade, die ursprünglich Obere Weinstraße hieß, und die Königswarterstraße, die damals den passenden Namen Bahnhofstraße trug. Zwischen diesen beiden, von repräsentativen Bauten gesäumten Straßen verliefen die Bahnschienen. Noch heute zählt dieser Straßenzug zu den schönsten der Stadt Fürth, so daß die Fürther die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und die Hornschuchpromenade zum 175-jährigen Jubiläum der ersten deutschen Eisenbahn festlich illuminieren.
Gefeiert wird überall
Doch gefeiert wird das Eisenbahnjubiläum überall. Die Eisenbahn, die einst Nürnberg und Fürth mit einem Schienenstrang verband, stellt auch nach 175 Jahren unter Beweis, daß sie die Menschen, ja ganze Städte, einander näherbringt. Die beiden Städte arbeiten Hand in Hand, um das Jubiläum gemeinsam und gebührend zu feiern. „Die Bürgerinnen und Bürger sind doch in erster Linie an den Veranstaltungen interessiert – egal in welcher Stadt sie stattfinden. Deshalb ist es entscheidend, Informationen aus einer Hand zu präsentieren. Mit Hilfe des Projekt-Logos, das beide Städte nutzen, wurde auch eine optisch verbindende Klammer geschaffen“, sagt Siegfried Zelnhefer, Leiter des Presse- und Informationsamts der Stadt Nürnberg, „wir wollen nicht in die Situation kommen, etwa durch Terminüberschneidungen unbeabsichtigt eine Konkurrenzsituation entstehen zu lassen.“
Geschichte und Geschichten rund um die Bahn haben viele Veranstalter animiert, kreative Events zu organisieren. Historie, Kunst, Kultur, Sport, Natur, Technik und Tradition - die Eisenbahn hat den Alltag so nachhaltig geprägt, daß 2010 spannende Projekte aus fast jedem Lebensbereich zu erleben sein werden, mit denen das Jubiläum auf ganz unterschiedliche Weise gewürdigt wird. Das kann durchaus überraschend sein. Etwa wenn Regina Pemsl und Wolfgang Weber das Kunstprojekt „Zugvögel“ an den Nürnberger U-Bahn-Stationen Muggenhof und Eberhardshof, aber auch auf Plakatwänden im Stadtviertel Muggenhof realisieren. Vom 6. Mai bis zum 20. Juni 2010 werden bunte Vögel sicht- und ihre Stimmen hörbar. Das ist ein Brückenschlag vom Klang der Freiheit, der im Namen der Lokomotive „Adler“ mitschwingt, hin zu den Reisen der Zugvögel, die wie der Schienenverkehr einem bestimmten zeitlichen Rhythmus gehorchen. Technik und Natur gehorchen ähnlichen Gesetzen und werden im Sinne der ewigen Sehnsucht des Menschen nach der Freiheit des Reisens interpretiert. Daß ganz nebenbei die Kunst in den Alltag Einzug hält, ist keineswegs ungewollt.
Genau wie das Reisen, die Bewegung, ist auch das Verharren, das Warten, untrennbar mit dem Thema Eisenbahn verbunden. 175 Jahre Eisenbahn in Deutschland boten den Reisenden jede Menge Gelegenheit, auf Abfahrt und Ankunft, auf Abschied und Begrüßung zu warten. Im ersten Obergeschoß des Fürther Hauptbahnhofs werden Innenarchitektur-Studentinnen und -Studenten Warteräume gestalten. Auch in der Fürther Innenstadt sind unter dem Motto „Wart‘ Mal“ Wartezonen geplant, die das Augenmerk auf sich lenken. Zur Freude der Passanten und der kreativen Einzelhändlerinnen Fürths, deren Sprecherin Petra Büttner-Krauss sich auf die Jubiläumsaktionen freut: „Selbstverständlich möchten wir das Potential für unsere Läden nutzen und unser Angebot präsentieren. Für uns Einzelhändlerinnen ist das eine gute Gelegenheit, Präsenz zu zeigen. Nicht nur mit besonderen Angeboten, sondern am 14. März, dem ersten verkaufsoffenen Sonntag des Jahres, auch mit Aktionen wie den lebenden Schaufensterpuppen, die die 175-jährige Geschichte der Eisenbahn lebendig werden lassen, und dem Ladentheater unter der künstlerischen Leitung von Stephan Ignaz mit Fürth im Jahre 1835 in den Geschäften der Altstadt.
Der Dampflok-Hype
Doch nicht nur in der Stadt, auch auf dem Land wird das Jubiläum gefeiert. Am 10. und 11. Juli 2010 steigt ein großes Eisenbahnfest in Ebermannstadt: Die älteste betriebsfähige Dampflok „Füssen“, erbaut 1889, aus dem Bayerischen Eisenbahnmuseum Nördlingen, die bayerische Personenzug-Dampflok 70 083 aus dem Baujahr 1913 des Bayerischen Localbahn-Vereins und die badische Personenzug-Dampflok 75 1118 aus dem Jahr 1921 der Ulmer Eisenbahnfreunde werden die Besucher der Fränkischen Schweiz genau wie die Lokomotiven des Vereins Dampfbahn Fränkische Schweiz auf Sonderfahrten begeistern. Stephan Schäff vom Verein Dampfbahn Fränkische Schweiz: „Da die einzelnen Vereine viele fahrtüchtige Dampfloks besitzen, können sie die Vergangenheit der Bahn besonders eindrucksvoll widerspiegeln. In den Bahnen mitzufahren, ist ein viel intensiveres Erlebnis, als sie nur im Museum anzusehen. Das ist Eisenbahn zum Anfassen und zum Erleben.“ Es lohnt sich also, auf die Reise zu gehen. Und wer mit der Bahn auf die Reise geht, ist selten ohne Gepäck unterwegs. Doch ob Koffer oder Reisetasche: Viel Beachtung finden die Gepäckstücke selten. Dieser Mißachtung setzt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg die Ausstellung „Reisebegleiter – mehr als nur Gepäck“ entgegen: So wie sich in den vergangenen Jahrhunderten die Fahrzeuge wandelten, in denen man reiste, so paßte sich auch das Gepäck an. Wo früher die Gesindetruhe oder der Schrankkoffer eine Rolle spielten, sind heute Trolley und Beautycase gefragt. Aber die Sorge, unterwegs ein Gepäckstück zu verlieren, hat die Reisenden nie verlassen, wovon Reisegepäckversicherungen und Aufkleber, mit denen Verwechslungen verhindert werden sollen, zeugen. Gewürdigt wird aber auch die ganz persönliche Art und Weise, auf die unterschiedliche Menschen ihr Gepäck mehr oder weniger ordnungsliebend packen. Manch ein Besucher der Ausstellung mag sich angesichts dieses Aspekts ein wenig ertappt fühlen.
Auch das dunkle Kapitel der Bahn wird nicht vergessen
Daß viele Menschen jüdischen Glaubens, aber auch Sinti, Roma und Angehörige anderer verfolgter Gruppen ihre Koffer packen mußten, um mit der Eisenbahn einem millionenfach tödlichen Schicksal entgegenzufahren, wird anläßlich des Jubiläums nicht vergessen. In einer Sonderausstellung stellt das Jüdische Museum Franken in Fürth das Thema der Eisenbahn in Nürnberg-Fürth und die Bedeutung des Transportmittels unter der nationalsozialistischen Diktatur aus dieser Perspektive in den Fokus. Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Panstwowe Muszeum Auschwitz-Birkenau eine moderne Gleis-Installation. „Das Gleis“ weist in perspektivischer Ausrichtung auf die gegenüberliegende Wand, auf die der Torbau von Auschwitz-Birkenau projiziert wird, der für viele Menschen zum endgültigen Ziel ihrer Verschleppung wurde.
Viele technische Entwicklungen waren nötig, bis das Eisenbahnwesen in dieser menschenverachtenden Form mißbraucht werden konnte. Entwicklungen, die zum Wehe und zum Wohl der Menschen genutzt werden können und von denen man sich im Jubiläumsjahr wünscht, daß sie in guter Absicht und mit Bedacht eingesetzt werden. Daß die Grenzen fließend sind und Technik immer auch von ethischen Werten getrieben wird - dieser Erkenntnis kann man sich im Jubiläumsjahr nicht entziehen. Auch dann nicht, wenn im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium die Show „Vom Adler zum Spaceshuttle“ alle Zuschauer mit auf eine Zeitreise nimmt, die in der Epoche der Postkutsche beginnt, die Eisenbahn als neue Dimension des Reisens vorstellt und bis zu den Weltraumtouristen reicht, die mit dem Spaceshuttle zur Raumstation ISS reisen.
Wer sich nicht in die Zukunft, sondern lieber in die Vergangenheit träumen will, der wird sich im August auf der Fürther Freiheit wohlfühlen. Denn dort wird der 1886 erbaute Ludwigsbahnhof im Originalmaßstab nachgebildet. Der Bahnhof wurde 1938 von den Nationalsozialisten abgerissen, denn schon zu diesem Zeitpunkt hatte man den Luftkrieg im Visier und wollte Platz für Flakgeschütze schaffen. 2010 geht es auf der Fürther Freiheit aber wieder lebhaft wie auf einem richtigen Bahnhof zu. Besonders am 28. und 29. August, wenn dort im Nachbau des historischen Bahnhofs das Fest der Eisenbahn „Nächster Halt: Fürth!“ gefeiert wird. Fotoplanen, die auf Stahlgerüste aufgezogen werden, erwekken die repräsentative Gründerzeit-Architektur vom 13. bis zum 29. August wieder zum Leben. Neben der Ausstellung „Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Eine Fürther Verkehrsgeschichte“ locken Führungen, Lesungen und Musikdarbietungen Neugierige ins Bahnhofsgetümmel.
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Erschienen in der Ausgabe Januar/Februar.
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© Stefan Kendl, Wolf-Dietrich Weissbach 2010





