Liebe Leserinnen, Liebe Leser

Unser Titelbild zeigt einen verschneiten Waldweg in Oberfranken

Unser Titelbild zeigt einen verschneiten Waldweg in Oberfranken

Diesmal ist es keine Seuche, kein gefährlicher Virus, der sich über Körperkontakt oder schlechte Luft verbreitet. Demenz ist irgendwie schlimmer. Offensichtlich nicht anstekend, aber doch weltweit zunehmend häufiger. Keiner weiß, wie sie entsteht. Man kann sich auf überhaupt keine Weise, nicht einmal auf einer einsamen Insel davor schützen. Da bleibt eigentlich nur Galgenhumor im Stile von „die Welt kann man ohnehin vergessen“. Trotz aller bahnbrechenden Erfindungen, Entdeckungen, Erforschungen kriegen wir (also so als Menschen) offensichtlich einfach nichts auf die Reihe.

Das Klima nicht, den Hunger nicht, mit Syrien nicht, werden mit brutalen und egoistischen Herrschern oder verantwortungslosen Wirtschaftsbossen so wenig fertig wie mit schwachsinnigen Bombenbauern und noch dümmeren Selbstmordattentätern. Kann man alles, wie der Franke sagt: Einfach vergeß‘. Und da hat doch Mitte Dezember unsere einstige First Lady in ihrer Zeugenaussage im Bestechungsprozeß gegen ihren Mann (der war mal – im Journalistenjargon – „Buprä“) nun ihre Gedächtnislücken mit einer „Ereignisund Erlebnisdichte“ erklärt. Sicherlich kann auf solche Einsicht keine empirisch belastbare Theorie aufbauen und schon gar keine Therapie, aber eine gewisse Deutungshoheit über den Stammtischen könnte einem gelingen. Also: Vielleicht ist es ja wirklich so, daß sich das menschliche Gehirn mit seinem Schwund gegen die zunehmende Beschleunigung, die immer schneller auf uns niederprasselnde Datenmenge, die immer unüberschaubarer werdenden Eindrücke, Informationen, Erlebnisse, die allesamt überhaupt nicht mehr verarbeitet werden können, wehrt. Vielleicht sitzen wir dem Irrtum auf, weil wir das Gehirn als ungeheuer komplexes und leistungsfähiges Organ ansehen, das wir obendrein noch immer nicht nachbauen können (was wir auch nie schaffen werden), es zwar im je einzelnen, aber eben nicht en gros, also: im allgemeinen, für überforderbar ansehen.

Wir sagen das mal einfach so und deuten damit an, daß wir es eben etwas langsamer angehen lassen. Ja, ja, wir kennen den Spruch auch: Wer bremst, verliert. Wir erwarten uns davon auch keine Rettung, oder vielleicht doch, auf ganz irrationale Weise. Auf jeden Fall ist unsere Zeitschrift auch im neuen Jahr ein Beitrag zur Entschleunigung. Dazu laden wir Sie ein. Auf diese Weise wünschen wir Ihnen auch mit all den folgenden Ausgaben ein glückliches neues Jahr!

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


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