Liebe Leserin, lieber Leser

Bildschirmfoto 2018-01-14 um 15.22.14Noch 2017, wenige Tage vor Weihnachten, berichtet die Süddeutsche Zeitung in einer Bildunterschrift: Auf einem Boot der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms, die afrikanische Flüchtlinge aus dem Mittelmeer fischt, hat ein Besatzungsmitglied ein gerettetes Baby im Arm. Auf dem Bild von Darrin Zammit Lupi hält eine junge Aktivistin das dick in Schwimmweste und warmer Kleidung eingehüllte Baby mit einem Gesichtsausdruck als hätte sie, als Engel der Geschichte, gerade ihr eigenes Kind gerettet. Alles wird gut!
Versprächen wir übrigens alle dasselbe, ginge das auch in Erfüllung. Das ist so mit Zaubersprüchen. Leider gehen die Vorstellungen vom Guten gegenwärtig weit auseinander. Es gibt zu viele, die arbeiten daraufhin, daß es wieder so wird, wie es angeblich einmal war und ihrer Vorstellung nach wieder sein sollte. Mit Erinnerungen ist das aber so eine Sache: Es war nämlich nie so, wie man denkt, daß es gewesen wäre. Auf alten analogen Fotografien kann man das an den Unebenheiten und Verunreinigungen übrigens deutlich erkennen. Das Zurück in eine vermeintlich heile Welt, wird stets zur Hölle. Wir Deutschen sollten das wissen. Der englisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman nutzt in diesem Zusammenhang den Ausdruck „Retrotopia“, also eine „ideale Welt in der Vergangenheit“, und er nimmt Bezug auf das 1920 entstandene Bild „Angelus Novus“ von Paul Klee, das einen anderen großen Denker fast sein Leben lang beschäftigte. Für Walter Benjamin ist der „Engel der Geschichte“ aber noch der Vergangenheit zugewendet, die – eine einzige Katastrophe – Trümmer auf Trümmer häuft. Der Fortschritt, ein starker Sturm vom Paradies her, hat sich in seinen Flügeln verfangen, so daß er nichts mehr ändern kann, sondern nur unaufhaltsam in die Zukunft getrieben wird. Heute, so Zygmunt Bauman, hat sich der Engel umgedreht. Er kehrt nun der Vergangenheit den Rücken und blickt entsetzt in die Zukunft. Seine Flügel werden ebenfalls vom Sturm nach hinten gedrückt, der einem vorauseilenden, höllischen Morgen entstammt und ihn unaufhaltsam auf ein nun paradiesisch gedachtes Gestern zutreibt. Die Frage ist jetzt, erliegen wir der trügerischen Nostalgie oder stellen wir uns verantwortungsbewußt einer möglicherweise auch gefährlichen Zukunft? Das setzt freilich voraus, daß wir unsere Zeit nicht mit TV-Serien, virtual-reality und anderen, uns alle verdummenden Unterhaltungsangeboten verplempern. Aus der oben erwähnten Meldung erfuhr man übrigens nicht, was mit der Mutter des Babies geschehen ist.
Wir wünschen Ihnen – uns natürlich auch – Mut und Glück für das Jahr 2018.

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


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