Liebe Leserin, Lieber Leser

cover112016zum Ende des Jahres erlauben wir uns noch eine kleine Gedankenspielerei. Richtige Gelehrte sprächen vielleicht etwas abschätzig von Feuilletonsoziologie – mag sein. Wichtig ist allein, daß kein allzu dummes Zeug dabei herauskommt. Also: Unstrittig ist, daß als Folge unserer modernen Medienwelt sich der Wortschatz der Menschen, der Bürger, und zwar aller (was ja auch gut ist) geradezu explosionsartig vergrößert hat. Billigte die Wissenschaft dem einfachen Mann früher vielleicht 500 Worte zu, hält man heute 20 000 oder gar mehr Worte für zutreffend. Die Crux ist nur, daß dieser Wortschatz in vielen Fällen nicht in einem aufeinander aufbauenden Bildungsprozeß erworben wird, sondern gewissermaßen „abgeguckt“ wird von beliebigen, zufälligen Sprechsituationen und eben kein solides, geistiges Fundament hat. Eine mögliche Folge kann das nach einem (gleichnamigen) Theaterstück des englischen Autors George Bernhard Shaw benannte „Pygmalion-Problem“ sein. In dem Stück hatten zwei Sprachwissenschaftler einem einfachen Blumenmädchen in einem Schnellkurs das „gehobene“ Sprechen beigebracht. Und dann? Eliza konnte jetzt sprechen wie ein Mitglied der besseren, gebildeten Gesellschaft, zu der sie natürlich trotzdem nicht gehörte, aber sie gebrauchte nun Worte, deren Bedeutung sie manchmal nicht gänzlich kannte oder gar verwechselte. Das ist, etwas verharmlost, die Situation in den sozialen Medien heute. Jeder redet überall mit und weiß im Extremfall oft nicht einmal, was er eigentlich sagt. Richtig ist es auf jeden Fall, wird es nur aggressiv genug vertreten. Tonfall und Wortwahl werden bis ins nur denkbare Extrem getrieben. Das haben wir aus den abendlichen Krimis im Fernsehen gelernt: Wenn es um Leben und Tod geht, wenn es um wirklich, wirklich Wichtiges im Leben geht, dann muß gebrüllt werden. Es gibt (vor allem deutsche) TV-Krimis, in denen wird unentwegt gebrüllt, und unflätig sowieso. Je ungebildeter jemand also ist, je weniger das, was er vorbringt, auf vernünftigen, nachvollziehbaren Gedanken beruht, desto lauter, radikaler, unanständiger brüllt er offensichtlich sein Gegenüber an. Eigentlich wissen wir dies längst, nur hat es sich früher nicht so verheerend ausgewirkt. Und ob Bildung noch hilft, dürfte auch fraglich sein. Oft sind es durchaus Gebildete, die Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und Haßreden für ihre Zwecke bewußt und im großen Stil einsetzen.
Allerdings, jetzt wenige Wochen vor Jahresende sollten wir alle uns vielleicht nicht aufregen, sondern lieber mal ein Gedicht lesen oder das Franken-Magazin. Einfach – wie das neudeutsch heißt – einen Gang runterschalten. Unser Titelbild entstand übrigens im Milzgrund.

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


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