Liebe Leserin, Lieber Leser

cover

seit dem 8. August leben wir über unsere Verhältnisse. Wirklich: Wir! Sie und ich. Seit dem 8. August kann das, was wir essen, verbrauchen, verschmutzen, verschwenden nicht mehr von unseren Ökosystemen, seien es Fischgründe, Wald-, Weide- und Ackerflächen in diesem Jahr generiert werden. Und dabei haben wir noch Glück, daß weltweit nicht alle Menschen so verschwenderisch sind wie wir. Allein wir Deutschen bräuchten drei Erden und hatten den Anteil am Kuchen, der uns rechtmäßig zustände, bereits am 29. April aufgebraucht. Der Erdüberlastungstag rückt übrigens seit Jahren kontinuierlich nach vorn.
2015 war es erst am 13. August soweit. Nun kann man freilich ganz optimistisch gegenhalten, daß sich mit einer geeigneten Politik etwas ändern ließe. Vernünftiger wirtschaften beispielsweise, den Kapitalismus abschaffen oder einfach den Wohlstand der breiten Masse beschneiden … gemach, gemach: Wir rufen nicht nach der Revolution, wir wissen eigentlich selbst nicht, was vernünftigerweise zu tun wäre.
Und dann gibt es obendrein Problembereiche, in denen es noch dunkler aussieht. Etwa das Artensterben oder … in den Augen so manchen Fachmannes, genauso tragisch: das Verschwinden von Sprachen. Etwa alle zwei Wochen verschwindet eine Sprache unwiederbringlich von unserem Planeten. Macht nichts, denken Sie, es wird ohnehin zuviel dummes Zeug geredet! Vorsicht: Nicht die Dummschwätzer sterben aus, sondern die Sprachen. Übrigens: Weltweit werden die meisten verschiedenen Sprachen in New York gesprochen. Das jedenfalls behauptet der Linguist Dan Kaufman von der dortigen City University (CUNY), weshalb er sich auch teuere, anstrengende und zeitraubende Expeditionen etwa ins Amazonas-Gebiet schenkt. Zudem weiß Kaufman von Kollegen, die mehrere Jahre immer wieder einen Stamm besuchten, mühsam die Sprache dokumentierten und sogar erlernten und bei ihrem nächsten Besuch desselben Stammes im Jahr darauf nichts, aber auch rein gar nichts mehr verstanden.
Die Eingeborenen hingegen amüsierten sich königlich. Für sie war die Sprache ein Spiel, bei dem es darum ging, möglichst oft einzelne Worte und Regeln durch gerade erfundene andere Worte oder Regeln zu ersetzen. Wir fänden das eigentlich ermutigend, müßten wir nicht im selben Atemzug an unsere IT-Experten denken, die eine ähnliche Methode als Machtinstrument gebrauchen.
Es ist Herbst, „weh dem, der (jetzt noch) keine Heimat hat“ und unsere neue Ausgabe nicht von der Post geliefert bekommt. Dabei ist die Sache mit dem Abo so einfach. Abonnent oder nicht – wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre.

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


Zur Übersicht der Artikel Sept / Okt 2016