Liebe Leserin, Lieber Leser

titelNach siebzig Jahren, in denen die Briten auf jeden Fall als moralische Sieger des Zweiten Weltkrieges angesehen werden konnten, haben sie sich nun doch noch selbst unter die Verlierer begeben. Sieben Jahrzehnte glaubten wir sie immun gegen jene Gesinnung, die von ihren Vätern und Großvätern unter Einsatz des eigenen Lebens in den fürchterlichsten Kriegen der Weltgeschichte erfolgreich bekämpft worden ist; Jahrzehnte, in denen die Erfinder von Parlamentarismus und (politischen) Liberalismus uns als Garanten von Demokratie und Freiheit in Europa galten, erweisen sie sich plötzlich als doch von rechten Rattenfängern verführbar. Dabei sollte allein schon die Parade ihrer neuen Freunde, denen die Gehäßigkeit ja geradezu im Gesicht geschrieben steht, von Trump über Le Pen, zu Wilders bis Bettina von Storch (sie weinte vor Freude) den Brexiten, ach was: auch den jungen, inzwischen vielleicht aufgewachten Briten Anlaß sein, sich wie die Lemminge kollektiv von den Kreidefelsen bei Dover ins Meer zu stürzen. Ob ihnen schon bewußt ist, daß sie ihr Renommee (das sie besaßen trotz einstigem Empire) wohl für immer geschädigt haben – abgesehen von möglichen wirtschaftlichen Folgen?
By the way: Wir Deutschen haben die Briten vor allen in diesen letzten Jahrzehnten immer bewundert, um ihr Image sogar beneidet; zwar waren wir bisweilen auch auf den einen oder anderen unserer Präsidenten stolz, weil sie moralisch manchmal fast an den Papst reichten, aber insgeheim haben viele die Queen zumindest symbolisch als Oberhaupt der EU angesehen. Jetzt sind die Briten mitsamt ihrer Königin (vielleicht unfreiwillig) vom Sockel in den braunen Sumpf gesprungen. Gut, das wäre eine prima Gelegenheit für unsere Berufsdemokraten, endlich wieder vorrangig an ihren Wählerauftrag zu denken. Europa, die EU, macht nämlich wirklich nur Sinn, wenn neben allen durchaus nicht unwichtigen wirtschaftlichen Interessen, die Menschen das Gefühl vermittelt bekommen, daß man sich in diesem, auf eine gemeinsame Kultur beziehenden Staatenbund gegenseitig hilft, sich unterstützt, sich auch ab und an korrigiert. Ein Zerbrechen der EU hingegen, das muß allen klar sein, würde in Europa Kriege wieder möglich machen. Solidarität, Gerechtigkeit, eine gemeinsame Vision von Frieden und einer besseren Welt – so sozialromantisch sich das anhören mag – darum geht es. Wenn Europa das jetzt nicht vermitteln kann, sondern nur Gurken und Tomaten auf Linie bringt und heimlich an TTIP feilt, für arbeitslose Jugendlichen in Südeuropa oder Rentner in Griechenland (um zwei Beispiele zu nennen) aber nichts zu bieten hat, dann überlassen wir wohl eine der schönsten Ideen der Menschheitsgeschichte skrupellosen, rechtspopulistischen Hohlköpfen; die schaffen Europa bestimmt sehr schnell und nachhaltig ab – in jedem erdenklichen Sinne.

Wolf-Dietrich Weißbach & Stefan Kendl
Die Verleger


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