Kultur und Kulturgut

Unsachliche Gedanken zur Kulturpolitik in mehreren Teilen - angefangen bei Adam und Eva.

Die Kultur ist im Suff entstanden. Man könnte dies charmant paraphrasieren, nur: Wozu? Es ist ja nicht in Franken passiert, unter komunalrechtlichen Aspekten längst verjährt, und es kann sich ohnehin kaum jemand daran erinnern. Damals, vor 9000 Jahren, haben gewiefte Steinzeitmenschen in Jiahu (heutiges China) eine Tinktur aus Früchten, Honig und vorher gut durchgekauten Wildreisklumpen (den leckeren Reisbällchen), die sie in die Maische spuckten, angerührt und gären lassen. Mit richtigen Strohhalmen züllten sie dann das köstliche Elexir mit seinem zehnprozentigen Alkoholgehalt aus dünnhalsigen Tongefäßen. Ernsthafte Trinker wissen, was dann passiert. Vielleicht hatten die Präsapiens in den Jahrtausenden vorher bisweilen matschige Feigen in den Mund gesteckt und torkelten als Homo heidelbeergensis oder Homo ergaster durch den Saisonwald, allerdings noch ohne rechten Sinn und Verstand. Doch um 10 000 vor unserer Zeitrechnung war plötzlich die neolithische Revolution angesagt, und die sollte alles verändern.

Am Anfang war der Sud

BalleisHerrmann97 Bierwoche28 Bierwoche0071 Bierwoche0089 Patrick McGovern, der amerikanische Archäologe und Molekularbiologe, der die Tonscherben aus Jiahu mittels „Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung“ (das stand so im Spiegel) des Rauschmittelmißbrauches – er fand in ihren Poren Reste von Weinsäure – überführt hat, ist als weltweit anerkannter Experte für Spuren von alkoholischen Getränken an prähistorischen Fundstücken schon anderorts auffällig geworden: In der neolithischen Ausgrabungsstätte Hadschdschi Firus Tepe im Zagros-Gebirge im Iran entdeckte er Weinregale, in denen luftdicht verschlossene Karaffen lagerten, und ebenfalls im heutigen Iran, in der prähistorischen Siedlung Godin Tepe fand er dickbauchige Gefäße, in deren Böden Kerben geritzt waren. Aus den Ablagerungen in den Ritzen isolierte der Nachfahre irischer Einwanderer im Labor Calciumoxalat, ein mißliebiges Nebenprodukt der Bierherstellung, das in modernen Brauereien einfach ausgefiltert wird. Patrick McGovern hatte die ersten Bierpullen der Menschheit entdeckt. Wo es heute auf jeden Rausch Peitschenhiebe von Religionswächtern setzt, hatten die apostatischen Urbauern Gerste mit Basaltsteinen zerstampft und sogar verschiedene Sorten Bier, vom „karamellsüßem Dunkelbier über bernsteinfarbenen Pils bis zum süffigen Export“ (das stand auch so im Spiegel), hergestellt und umtriebigst verkostet. Nun weiß man seit längerem, daß überall da auf der Welt, wo die Menschen anfingen Pflanzen zu kultivieren, nicht nur Brot gebacken, sondern auch Bier gebraut wurde. Die Sumerer z.B. huldigten, auch etwa 3 500 v. Chr., ihrer Fruchtbarkeitsgöttin Nin-Harra, die ihnen als Erfinderin des Bieres galt, und hielten die geoffenbarte Rezeptur vorsichtshalber auf Tontafeln fest. Allerdings ging man bisher davon aus, daß es wegen Nahrungsmangel, sei es aufgrund unkontrollierter „Sumpfzeugung“ (Bachofen) oder starken klimatischen Schwankungen nach der letzten Eiszeit zwischen 14 000 und 3 000 v. Chr., zu Ackerbau und in der Folge davon zu Seßhaftigkeit gekommen sei (Vgl. Klaus Eder, Die Entstehung staatlich organisierter Gesellschaften. Ffm. 1980). Auch Patrick McGovern beheuchelt noch den Mangel, wenn er sich zu der These gedrängt sieht, daß unsere Ahnen im Vorderen Orient, Ostasien und, wenn auch Jahrtausende später, in Mittel- und Südamerika (Formativum) Gerste, Emmer, Reis, Mais und ähnliches Krautzeug vor allem kultivierten, um alkoholische Getränke herzustellen, denn „energiereichen Zucker und Alkohol moderat in sich hineinlaufen zu lassen war eine fabelhafte Lösung, um in einer feindlichen und rohstoffarmen Umgebung zu überleben“ (zit. nach Frank Thadeusz, spiegel-online vom 19.Dez. 2009). Zum analogen Ergebnis kommt der Münchner Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf (Warum die Menschen seßhaft wurden. Ffm. 2008). Seßhaft, so stellt er fest, wurden die Menschen, (um es auf einen griffigen Nenner zu bringen:) wenn sie so besoffen waren, daß sie nicht mehr laufen konnten. Ausschlaggebend für diesen Entwicklungsschub ist ihm allerdings nicht etwa eine Situation des Mangels, wofür es eh keine Belege gibt, sondern, im Gegenteil, eine der Fülle. Anhand einer lückenlosen, wenn nicht redundanten, aber nie langweiligen Indizienkette belegt er dies. Selbst wenn sich aus den bezeichneten Regionen das Wild zurückgezogen hätte, wäre es für die Jäger und Sammler allemal effektiver gewesen, den Beutetieren zu folgen, statt dem behaupteten Selektionsdruck mittels zu aufwendigem und riskanten Ackerbau und viel zu komplizierten Brotbacken gerecht werden zu wollen. Um ihre Plausibilitätslücken zu schließen, müssen zur These vom prähistorischen Mangel die verschiedensten Hilfskonstrukte herhalten, die dann oft jedoch die Theorie an anderer Stelle untergraben; warum etwa haben sich weltweite Klimaschwankungen jeweils anders oder gar nicht ausgewirkt? So entwickelten sich beispielsweise weder in Australien noch in Schwarzafrika oder Südostasien auf dem Ackerbau basierende, frühe Hochkulturen. Hingegen ist die Koinzidenz von Ackerbau und beinahe schon organisiert zu nennenden Rauschmittelkonsum zumindest auffallend. Das Vorbild des heute so beliebten „Apéro géant“ (frz. für Massenbesäufnis, z.B. auf Facebook-Verabredung) findet sich bevorzugt dort, wo beizeiten – ab etwa 7 000 v. Chr. – Pflanzen kultiviert wurden. Und dies deckt sich wiederum, wie Reichholf feststellt, mit jenen Gebieten, in die im Zuge einer ordentlichen Völkerwanderung in der Zeit von etwa 12 000 bis 9 000 v. Chr. offensichtlich zahllose Stammesverbände aus dem Zentrum Asiens geradezu sternförmig (bis nach Amerika) vorgedrungen sind.

Der Festwirt als Schamane

Bierwoche0099 Laut Reichholf waren es diese Ural-Altaier (zu denen auch die Indo-Germanen zählen), die die Kenntnisse von den Rauschmitteln mitbrachten und die neolithische Revolution auslösten. Eine nicht unbedeutende Rolle scheint dabei der Umstand gespielt zu haben, daß es nicht die ganz harten Drogen mit starken halluzinogenen Wirkungen, wie Fliegenpilz oder gar Opium, waren, von denen sie Kenntnisse und Rezepte hatten, sondern eben vergleichsweise schwächere, wie Alkohol (Bier, Met, Fruchtwein) und Cannabis, mit eher enthemmender und vor allem die Geselligkeit fördernder Wirkung, und sich diese wohl auch in größerer Menge herstellen ließen. So wird auch ohne die Annahme eines Gottes-Gens (New York Times / SZ-Beilage vom 23. Nov. 2009 Seite 1 und 4) die Entstehung von Kultzentren plausibel, die als Keimzellen von Dörfern, Städten und schließlich staatlich-organisierten Gesellschaften gelten. Wer das Rezept eines berauschenden Gebräus kannte, auf das alle „wild“ waren, hatte vermutlich schnell eine herausgehobene Stellung in der Gemeinschaft; ihm wurden natürlich besondere Fähigkeiten zugeschrieben. Die Schamanen, aus denen sich später eine mächtige Priesterschaft entwickelte, wären zunächst nichts anderes als Festwirte gewesen. Sie mußten nur beständig für Nachschub des religiösen Schmierstoffes sorgen. Josef H. Reichholf belegt – wie gesagt – seine Theorie mit großer Sorgfalt, ganz neu ist sie aber nicht. Der französische Soziologe Michel Maffesoli kam in seiner „Soziologie des Orgiasmus“ (Im Schatten des Dionysos. Ffm. 1986) zu einem ähnlichen Ergebnis. Allerdings führte er die Beliebtheit solcher prähistorischen Events nicht allein auf die verabreichte Dröhnung zurück, sondern auf jedwede orgiastische Auswüchse (wozu natürlich auch der damalige Techno-Pop und mehr oder minder ruckartige Tanzbewegungen gehörten). Rauschende Feste ließen ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, waren gemeinschaftsbildend und gemeinschaftsstabilisierend und sorgten mittels der schon erwähnten Sumpfzeugung für eine brauchbare genetische Durchmischung. Sonderlich beliebt ist eine solche Sicht der Dinge nicht; nicht unter Paläoanthropologen, überhaupt unter Humanwissenschaftlern und schon gar nicht unter den ortsüblichen Schöngeistern. Man hat zwar keine Probleme, sich die Altvorderen als mordlustige Raubtiere vorzustellen, aber einen Cro Magnon, der in älteren Biologieschulbüchern als relativ hellhäutiger Prinz Eisenherz daherkam, der sich betrunken über eine Neandertalerin hermachte; so bitte auch nicht. Und doch könnte es so ähnlich gewesen sein. Zumindest wurde jüngst herausgefunden, daß Cro Magnon und Neandertaler tatsächlich etwas miteinander hatten.

Lieber eine matschige Feige, denn Streß

Bierwoche52 Bierwoche64 Noch beunruhigender für die moderne Gesellschaft ist allerdings, daß dem wilden Orgiasmus, dem triebhaften, hemmungslosen Ausleben aller Regungen auch heute noch eine gesellschaftsstabilisierende Funktion zugesprochen werden müßte. Das ist aber eine andere Geschichte. Klar ist, daß so wenig unsere Abstammung von den Affen wohl noch geleugnet werden kann, so deutlich sollen möglichst frühzeitig die Differenzen ausgemacht werden – am besten genetisch bedingt. Gottes-Gen, Spiegelneuronen, wie wäre es mit einem iPad-Gen? Derartige Forschungsergebnisse nähren zwar den Verdacht, daß gegenwärtig eine ganze Reihe von Wissenschaften degenerieren – etwa auf den Stand eines überwunden geglaubten Sozialdarwinismus; aber zumindest ist man sich über das Vorhandensein eines Sprachgens (FoxP2 – Forkhead box protein P2 – auf Chromosom Nr. 7) weitgehend einig. Einig übrigens auch insofern, daß dieses Gen uns beim Sprechen „sehr nützlich“ ist, aber noch keineswegs erklärt, wie es zu Sprache (und Bewußtsein) kam. Hier wäre es jetzt zwar eigentlich geboten auf Johann Gottfried Herders Ursprungsfiktion (J.G. Herder, Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Berlin 1772 / Stuttgart 1966), der ersten Begegnung eines Menschen mit einem Schaf, einzugehen, aber im Sinne einer ohnehin gewagten Heuristik ist es sinnvoller, Julian Jaynes (Der Ursprung des Bewußtseins. Hamburg 1993) und seine „Urknalltheorie des Bewußtseins“ heranzuziehen. Der amerikanische Psychologe geht davon aus, daß unsere Ahnen aufgrund der zwei Gehirnhälften zunächst über eine bikamerale Psyche verfügten, sodaß es in den Anfängen der Sprachentwicklung in jedem einzelnen zu einer Kommunikation zwischen Sprachzentrum und Hörzentrum kam. Man soll sich dies in etwa so vorstellen, daß der Rudelchef irgendeinen aus der Gruppe anbellte und mit Gesten klarmachte, er solle oben auf dem Baum aufpassen, daß kein Säbelzahntiger im Anmarsch ist. Mangels Bewußtsein (wie auch Mangels eines Instinktes) aber hätte der Auftragsnehmer seinen Job, sobald er sich nur umdrehte, nicht mehr gewußt. Aber, da es sich um eine Streßsituation handelte, hat der Wächter die Laute in seinem Hörzentrum halluziniert und blieb auf dem Posten. So plausibel diese Theorie klingt, die ohne gewisse Anleihen beim „symbolischen Interaktionismus“ eines George Herbert Mead nicht auskommt, bedeutete dies, daß der arme Tropf auf dem Baum womöglich über Stunden Streß und immer dieselbe Halluzination haben müßte. Die sprachlichen Strukturen, die so vorstellbar entstehen könnten, wären zudem recht eingeschränkt; der „Wachhund“ wüßte so auch noch nicht, worauf er achten sollte, auch könnte man ihm nicht die Fähigkeit der Antizipation zuschreiben, d.h. die Drohungen des Clanchefs müßten den Streß auslösen; und was ist, wenn der Wächter etwas ganz anderes halluzinierte? Jedenfalls scheinen im Modell von Jaynes eine ganze Vielzahl von stillschweigenden Voraussetzungen eingeflochten, bishin zu instinktiven Verhalten, das der gestellten Aufgabe viel besser gerecht geworden wäre. Im Lichte der Theorien von Maffesoli, Reichholf und McGovern könnte man an der bikameralen Psyche und auch an den Halluzinationen festhalten, müßte lediglich den Streß als Auslöser durch die matschigen Feigen ersetzen. Sprache und Bewußtsein hätten sich dann ab etwa 30 000 v. Chr. (zu der Zeit entstanden auch die Höhlenmalereien z.B. in Altamira) eher lustbetont und spielerisch entwickelt. Bei den orgiastischen Kultveranstaltungen wären einerseits die festen Clanordnungen aufgebrochen worden, hätten sich neue Verknüpfungen ergeben, was, wenn man so will, die von Noam Chomsky als Voraussetzung von Sprache behaupteten, grammatischen Strukturen sein könnten, und das entstandene, erweiterte, auf eine größere Anzahl bezogene Gemeinschaftsgefühl, ergäbe ein herrliches Modell für das, was wir bis heute (universale) Vernunft nennen. Nicht von der Hand zu weisen ist, daß die antiken Autoren Vernunft immer wieder mit Trunkenheit in Verbindung bringen. (aus: Nummer 56) Bierwoche82 (Wird fortgesetzt!!!)

anzeige

anzeige

Diesen Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>