Iphigenien in Franken

Dreimal Iphigenie als Musikdrama an verschiedenen Orten der Region Nürnberg – welches wohl das beste der konzertant aufgeführten Werke war, darüber zu urteilen fiel den Besuchern der Gluck-Opernfestspiele 2016, die auch diesmal von der Nürnberger Versicherungsgruppe gesponsert wurden, in der Tat schwer. Alle drei begeisterten mit glänzender Musik, und unter den Raritäten waren zwei deutsche Erstaufführungen.

Die Gestalt der Iphigenie aus dem antiken Mythos um Troja, die „Ikone der Aufklärung“ war die Heldin aller drei Opern. Um 1780 stand der Iphigenien-Stoff hoch im Kurs, nicht nur bei Dichtern wie Goethe, sondern auch bei vielen Komponisten. Außerdem eignete er sich bestens, um bei den Intrigen in Paris zwischen den rivalisierenden Lagern der Anhänger Glucks und Piccinis sich gegenseitig auszustechen im Kampf um die kulturelle „Oberhoheit“. Argloses Opfer war Niccolo Piccini (1728 – 1800); seine „Iphigénie en Tauride“ unterlag bei den fie­sen Machenschaften. So verschwand sie in der Versenkung. Doch in seiner Oper kündigte sich schon Neues an. Das Publikum in der Nürnberger Meistersingerhalle genoß die Wiederentdeckung dieses Meisterwerks fast atemlos. Die bewegte, mit tragischen Momenten versetzte Ouvertüre bereitete auf das Geschehen vor, ließ die düstere Vorgeschichte klanglich erleben. Mit ihrem nuancierten, klug abgerundeten Spiel konnte die Came­rata Salzburg alles effektvoll und mitreißend gestalten. Wolfgang Katschner führte das Orchester präzis, mit Hingabe, formte auch die Naturereignisse illustrierend nach, zeigte auch Gewalttätiges an. Immer wieder mischte sich der Chor ein, das Berliner Vocalconsort mit seinen hervorragenden Einzelstimmen, mal im Gebet an die Götter, mal klagend oder mitleidig, mal jubelnd beim Dank an Dia­na, daß Iphigenie mit Orest und Pylades das schreckliche Land Tauris (die heutige Krim) endlich verlassen darf. Die Gesangssolisten gestalteten packend ihre Charaktere. Claudia Sorokina war eine stimmgewaltige, hochdramatische Iphigénie, Jean-Vincent Blot überzeugte mit schneidender Stimme als unnachgiebiger Herrscher Thoas, Frédéric Cornille gestaltete den von Furien gejagten und um seinen Freund Pylades besorgten Orest sehr einfühlsam. Dieser, der Tenor Benedikt Kristjansson, verkörperte die reinste Unschuld. Retterin aus all dem Unglück war Diana, Pauline Courtin, mit ihrem strahlenden Sopran.
War man von Piccinis Musik verzaubert, so gelang dies im Stadttheater Fürth bei der konzertanten Aufführung von Glucks „Iphigenie auf Tauris“ (1779) in der 1890 entstandenen Bearbeitung durch Richard Strauss nur teilweise. Dies betrifft nicht die musikalische Erfindung, sondern die Darbietung. Strauss arbeitete hierfür den ganzen 1. Akt komplett um und komponierte einen neuen Schluß. Doch das Werk etablierte sich nicht. In Fürth begann die oft etwas matt klingende Prague Philharmonia unter Leitung von Christoph Spering sanft-versöhnlich, bevor sich das Dramatische in heftigen Orchesterfiguren Bahn brach. Leider klang auch der Konzertchor Nürnberg-Fürth oft etwas flach, trotz großer Besetzung, und auch sonst gelangen im musikalischen Ganzen nur wenige packende, nachdrückliche Höhepunkte. Die männlichen Gesangssolisten wirkten insgesamt sehr ausgeglichen. Aris Argiris setzte seinen Tenor als Orest kraftvoll ein in Sorge um seinen Freund Pilades, den angenehm weich singenden Steven Ebel, und Daniel Szeili als König Thoas war mit seinem etwas fülligen Tenor kein allzu schrecklicher Herrscher. Alle aber überstrahlte Anna Dennis als Iphigenie mit ihrem klaren, hellen Sopran und dem Ausdruck von Verzweiflung und widerstrebenden Emotionen.
Eine Überraschung war Luigi Cherubinis „Ifigenia in Aulide“. Hier geht es um die Vorgeschichte der Handlung auf Tauris. Daß diese vielschichtige Oper von Cherubini, 1788 uraufgeführt in Turin, heute weitgehend vergessen ist, liegt ein wenig am Lebenslauf dieses für die französi­sche Opernentwicklung so wichtigen Komponisten. Nun aber konnte dieses „Juwel“ als deutsche Erstaufführung im Mainfranken Theater Würzburg einen großen Triumph feiern. Schon die Ouvertüre mit ihren heldischen Akzenten und effektvoll traurigen Tönen führte in die brodelnde Gefühlswelt ein, gespielt vom Philharmonischen Orchester Würzburg, engagiert geleitet von Enrico Calesso. Erstaunlich, mit welch ausdrucksvollen Partien Cherubini seine Sänger bedachte. Selbst die kleineren Rollen, der Oberpriester Calcante, Bariton Bryan Boyce, und der Vertraute Agamemnons Arcade, die höhensichere Anja Gutgesell, vermochten in kurzen Auftritten ihren Gestalten Profil zu geben. Der mächtige Heerführer Agamemnon wurde von dem angenehm elanvollen, hellen Tenor Joshua Whitener gestaltet. Als Ifigenia aber brillierte Roberta Invernizzi mit ihrem ausdrucksstarken, großen Sopran als echte Heroine. Ihr Held ist der geliebte Achille, gesungen von Countertenor Ray Chenez mit fein flexibler Stimme; die aussichtslos Liebende Erifile, war bei Silke Evers mit ihrem strahlenden Höhenglanz bestens aufgehoben. Eine echte Überraschung bot die russische Mezzosopranistin Polina Artsis als Ulisse mit ihrer wunderbar warmen, runden Stimme und höchster Ausdruckskraft. Begei­sterter Beifall!

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