Im Netz verliert jeder Gedanke seine Bedeutung

Der amerikanische Autor Dave Eggers warnt mit seinem Roman „Der Circle“ vor einer völlig sinnentleerten Welt, die alle vernichtet, die sich ihr entziehen wollen. Nur, so leichtgängig das dystopische Werk auch scheint, leicht zu verstehen ist es nicht.

Eggers

Dave Eggers Foto: Michelle Quint

Um gute Literatur soll es sich ja bei Dave Eggers Dystopie „Der Circle“ nicht handeln; darin sind sich 2013 die Rezensenten und Kritiker von „New York Times“ und NZZ (Neue Züricher Zeitung) einig. …und weitgehend selbst die Literaturwärter der bundesdeutschen Leitmedien, die in mehrseitigem Für-und-Wider den über 550 Seiten geschmeidig konsumierbaren „Page-Turner“ im Sommerloch des vergangenen Jahres bargen – vom „Spiegel“ über die FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) bis zur „Zeit“. Ijoma Alexander Mangold, der Literaturchef des Holtzbrinck-Flaggschiffes, sah im „Circle“ „bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien für schlechte Romane“ erfüllt: „eine banale Sprache ohne ästhetischen Mehrwert, Vorhersehbarkeit der Handlung, klischeehafte Schwarz-Weiß-Kontraste von Gut und Böse, Dialoge, die didaktisch so aufgebaut sind wie ein Besinnungsaufsatz, und Figuren als Meinungsträger, reine Pappkameraden, die alles, was der Leser sich denken soll, für die Doofen noch mal extra sagen“. Mangold sprach dem fabulierenden Kliodynamiker überhaupt die Befähigung zu Lesbarem ab: „Eggers kann keine Figuren mit innerem Reichtum schaffen, der Holzschnitt ist das Maximum, das ihm an psychologischer Einfühlung zur Hand ist.“
Der NZZ genügte die geschnitzte Poeterey („Manchmal fallen auch unreife Gedanken vom Baum.“ Wittgenstein) immerhin noch, um von einer Satire zu sprechen. Die FAS-Autorin Katharina Laszlo hingegen entdeckte in der Gentrifizierung unserer(?) Ängste vor einer alles – sanft und empathisch – beherrschenden, alles wissenden, alles sehenden Klumpenbildung aus Google, Facebook, Twitter, Amazon, Apple bis zur NSA sogar gerade die literarische Finesse des Autors: „Wenn Eggers seine Figuren entmenschlicht, indem er sie entkörpert, greift er in seinem Roman genau jene Entkörperung auf, die des „Circles“ reale Vorbilder Google und Facebook längst begonnen haben.“ Der Verzicht auf herkömmliche Charakterisierung, das fehlende Menschliche, geschehe bei Eggers zugunsten seiner „thematischen Wucht“.

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